Glosse Der Neuwagenkunde, das unbekannte Wesen

Deutschlands Autokäufer werden immer älter. Als Statussymbol ist das Auto bei der Jugend längst abgemeldet. Die Marketing-Abteilungen der Autobauer sollten dem Jugendwahn also endlich abschwören.
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Junge Tänzer präsentieren auf der IAA den neuen Polo Blue Motion von Volkswagen. Derweil sind Deutschlands Neuwagenkäufer durchschnittlich so alt wie nie zuvor. Quelle: ap

Junge Tänzer präsentieren auf der IAA den neuen Polo Blue Motion von Volkswagen. Derweil sind Deutschlands Neuwagenkäufer durchschnittlich so alt wie nie zuvor.

(Foto: ap)

DüsseldorfMit der Beharrlichkeit fundamentalistischer Theologen beschwören die Marketingabteilungen aller Automobilhersteller seit Jahren die reine unverfälschte Lehre vom jungen Neuwagenkäufer. Zumindest bei ihren jeweils fixierten Zielgruppen. In der Praxis waren Neuwagenkäufer noch nie so alt wie heute.
Der Autokäufer, den die Automobil-Vermarkter bei jeder Vorstellung eines Neufahrzeugs ins Auge nehmen, ist stets klar definiert: Jung (bitte nicht älter als 25), Akademiker (gerne promoviert), mit einem verfügbaren Netto-Einkommen von 5.000 bis 7.000 Euro pro Monat, urban situiert, Freizeit-orientiert, tierlieb, multikulturell, trisexuell, Beherrscher zahlreicher aktueller Hochsprachen sowie liebevoller Hüter und Bewahrer einer Fußballmannschafts-kompatiblen Kinderschar.

So in etwa jedenfalls erträumen sich Marketing-Abteilungen aller Autobauer anlässlich einer jeden Neuwagenpräsentation ihren künftigen Wunschkunden zusammen. Dabei spielt es keine Rolle, ob das neue Auto mit dem Aufkleber "Cuore" an der Heckklappe aus dem Hause Daihatsu heranrollt, oder als "Zeppelin" bei Maybach von Meistern unterschiedlichster Handwerkskünste aufs feinste händisch gefügt wird.

Es gibt wenige Beispiele im Alltagsleben, wo Wunsch und Wirklichkeit weiter auseinander klaffen als beim Auto-Marketing. Dabei zählte der Durchschnittskunde eines Neuwagens 2011 in Deutschland 51,3 Lenze. So viele wie nie zuvor. Tendenz steigend. Dies hat es zumindest die Universität Duisburg-Essen festgestellt.

Die Autobauer können es somit drehen und wenden wie sie wollen: Menschen, die tatsächlich neue Autos kaufen, sind praktisch durch die Bank alte Knacker beiderlei Geschlechts. Je verzweifelter Audi, Mercedes und Co. sich abmühen, und Unsummen an Werbegelder aus dem Fenster zu werfen, um Hochrisiko-Trendsportler, lustige Hip-Hop-Musikantenstadel oder die Fetzen-Tandler aller internationalen Fashion-Shows als Botschafter für die schöne junge Autowelt zu bemühen, desto strammer marschiert die Gruppe der Neuwagenkäufer in Richtung Grufti.

Das stellt die Autoindustrie vor Aufgaben, deren Lösung mittel- bis langfristig, zumindest in Mitteleuropa für ihr Überleben so wichtig wird, wie die Umweltverträglichkeit und die Entwicklung alternativer Antriebe. Die Autobauer müssen einen Zugang zur demografischen Mitte der Gesellschaft finden und dem Jugendkult abschwören.

Junge Leute, zumal in Großstädten, halten Autos mit wachsender Begeisterung längst für uncool. Und die älteren Kunden, die in Wirklichkeit mit gut gefüllten Börsen in die Verkaufspaläste strömen, könnte der virtuelle Jungendwahn irgendwann einmal ins Lager der Protestler leiten. Denn die Autoindustrie führt ihnen ja ständig vor Augen, dass sie als Kunden wegen ihres fortgeschrittenen Alters gar nicht willkommen sind.

  • Thomas Lang
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6 Kommentare zu "Glosse: Der Neuwagenkunde, das unbekannte Wesen"

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  • Wer sagt denn, dass man mit solcher Werbung nur die jungen Leute anspricht ?! Wer mit der älteren Generation für Technik wirbt, verliert. Sich jünger fühlen ist doch eine schöne Sache.
    Der Erfolg gibt den OEMs recht.
    Die Herausforderung besteht für Sie darin, das Bedürfnis nach einem Auto bei den Jüngeren zu erzeugen bei all den Alternativprodukten.

  • Wer von den "jungen" Menschen kann sich heute noch einen Neuwagen leisten ?

    Es geht denke ich darum ein Bedürfniss zu generieren - zb freiheit ,unabhängigkeit, status, sportlichkeit....

    Die die sich ein neues Auto leisten können kaufen es als eratzbefriedigung oder etwas zu kompensieren. Wer die woche nur "im Büro sitzt" hat keine Zeit sich selbst zu verwirklichen, bzw. hat es schon verlernt.

    Die "alten" kaufen sich die teuren Flitzer, weil sie ihrer Jugend hinterhertrauern, die sich nicht wiederholen lässt...sie haben bemerkt, dass sie etwas verpasst haben.
    In Vorleistung gehen zahlt sich nicht aus, die Jugend kommt nie wieder zurück, auch nicht mit einem Porsche...

    blablabla...

  • Ein Schelm wer sich böses dabei denkt: aber es könnte ja auch durchaus sein, dass die jugendliche Fassade des Automarketings nicht zuletzt bei den älteren Semestern verfängt, da die sich aufgrund des Marketings nach Kauf des erträumten Vehikels wieder jung und frisch fühlen dürfen.

  • Marketing für die alten Leute braucht man nicht. Die haben eine Markentreue - die ist unterirdisch. Die kaufen nur was ihnen gefällt - nicht was irgendeine Marketingabteilung als "tollen Vorteil" vorgibt zu haben.

    Insofern ist die Idee mit Marketing junge Leute zu beeinflussen schon richtig. Übrigens kaufe ich alle zwei Jahre ein neues Auto. Jüngst hatte ich eine bayrische Premiummarke, die ich denen wieder auf den auf den Hof gestellt habe und zu einem fernöstlichen Autobauer migriert bin. Wg der überaus miesen Qualität der heimischen Premiummarke.

  • Grundsätzlich richtig, aber eine kurze Anmerkung: es könnte ja durchaus das Ziel der Marketingbemühungen sein, potenzielle Käufer bereits in jüngeren Jahren von der eigenen Marke zu überzeugen und sie zu binden, damit eben diese Marke im Mind Set des Konsumenten verankert ist und die Kaufentscheidung in späteren Jahren entsprechend beeinflusst.

  • Ich glaube nicht, dass Autos für die jungen Leute "uncool" sind, denn die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge steigt immer noch. Aber Autos sind eben Gebrauchsartikel und keine Statussymbole, werden aber als solche beworben.
    Es gibt auch kaum ein Produkt bei dem die Werbung und die erlebte Wirklichkeit derart krass auseinanderklafft wie bei den Autos. In der Werbung fahren sie alleine durch atemberaubende Landschaften - im Alltag erleben wir endlosen Stau auf Autobahnen mit Lärmschutzwänden. Ausserdem sind Neuwagen einfach zu teuer für junge Leute, die kaufen gebrauchte Autos.

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