Rennen in New York Motorsport statt Testlabor – Die Formel E wird zum Prüfstand der Elektromobilität

Immer mehr Autohersteller setzen auf die Formel E. Sie wollen Elektroautos sexy machen und ein cooles Image wie Pionier Tesla aufbauen.
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Das vorletzte Rennen der vierten Saison ging am Sonntag in New York zu Ende. Quelle: USA TODAY Sports
Formel E

Das vorletzte Rennen der vierten Saison ging am Sonntag in New York zu Ende.

(Foto: USA TODAY Sports)

New YorkDie Sonne kämpft sich durch die Wolkendecke, trocknet die Fahrbahn. Runde um Runde jagen Rennwagen über die Strecke. Es ist keine Szene aus Silverstone oder dem Nürburgring: Der 2,4 Kilometer lange Kurs liegt mitten in New York, im Stadtteil Brooklyn, direkt am East River. Im Hintergrund glitzert die Skyline von Manhattan.

Es wirkt wie ein klassisches Formel-1-Rennen. Boxenstopps, Zuschauertribünen und die ikonischen Boliden. Doch etwas ist anders: Keine Motoren kreischen, kein Benzingeruch in der Luft. Hier fährt die Formel E. Das vorletzte Rennen der vierten Saison ging am Sonntag in New York zu Ende. Und auch wenn es noch Jahre dauern wird, bis die Elektro-Liga – wenn überhaupt - zur Formel-1 aufschließt, für Autokonzerne wie Audi und BMW ist sie wichtig fürs Image. Und zum Experimentieren.

Ulrich Spiesshofer etwa, Chef des Schweizer Industriekonzerns ABB, ist begeistert. Er glaubt an das Potenzial der Formel E. Bis 2025 ist sein Konzern Hauptsponsor der Rennserie, und Spiesshofer weiß um den Vorteil der Rennserie, dort fahren zu können, wo sich das Publikum bereits befindet – in Städten. „Die Formel E ist eine ganz phantastische Plattform, um umweltfreundliche Technologien den Menschen näher zu bringen“, schwärmt der gebürtige Deutsche. Zudem sei  es ein rennendes Labor für Elektromotoren.

Seit 2014 wird die Formel E ausgetragen. Ins Leben gerufen wurde sie vom Präsidenten des Automobilverbands FIA, dem Ex-Ferrari-Teamchef Jean Todt.  Das in London sitzende Unternehmen „Formula E Holdings“ organisiert die Rennen, die in Metropolen wie Hongkong, Mexiko-Stadt und Berlin ausgetragen werden. Das schafft Aufmerksamkeit. Insgesamt 300 Millionen Menschen haben laut Veranstalter aktuelle Saison; knapp 340.000 Zuschauer waren insgesamt live vor Ort.

Auch die Gästeliste kann sich sehen lassen. Alejandro Agag, Chef der Formel E Holdings und Schwiegersohn des ehemaligen spanischen Ministerpräsidenten José María Aznar, ist gut vernetzt. In der Vergangenheit saßen schon Prominente wie Leonardo DiCaprio, Orlando Bloom oder Steven Spielberg auf der Zuschauertribüne. Den Glanz wollen viele Autohersteller für sich nutzen. Renault, Audi und Jaguar gingen unlängst mit eigenen Rennwagen an den Start. Sie erhoffen sich durch die Teilnahme ein besseres Image für ihre Elektro-Sparte.

Schon immer haben Automobilhersteller Technik, Leistung und Design im Motorsport präsentiert. Dass es auch ohne geht, zeigt in der E-Mobility die Erfolgsgeschichte Teslas. Seit der US-Autokonzern mit seinen strombetriebenen Sportwagen die Kunden begeistert, wollen und können europäische Anbieter den Anschluss nicht verlieren. Tesla-Chef Elon Musk veränderte die Branche wie kein anderer. Oft schien der Vorsprung des Autovisionärs uneinholbar. Doch die Branche lernt schnell. Teslas Zahlenwerk ist durchwachsen, die Modelle müssen Kritik einstecken. Die Autos sind schnell, reichweitenstark und unverkennbar im Design; Kritiker bemängeln aber immer wieder Grundlegendes wie die Lenkung.

Die Formel E bringt Motorsport in die Städte. Quelle: AP
Rennen in New York

Die Formel E bringt Motorsport in die Städte.

(Foto: AP)

Das könnte einer der Gründe sein, weshalb die Kalifornier nicht an der Formel E teilnehmen. Das Image passt, aber die Technik muss besser werden. „Bei Tesla geht alles darum, sich von anderen Herstellern zu unterscheiden. Es ist also keine Überraschung, dass sie nicht dabei sind“, erläutert Alistair Weaver,  Chefredakteur des amerikanischen Automobilportals „Edmunds“. Wenn man an die Produktionsprobleme denke und daran, wie schnell Tesla die Cash-Reserven aufbrauche „sollten sie sich eh lieber auf die Fertigung konzentrieren“, so Weaver. Die Rennen würden Kosten und Anstrengungen verursachen, die sich Tesla zurzeit nicht leisten könne.

Muss das Unternehmen aber auch nicht. Elon Musk bereitete das sprichwörtliche Feld, jetzt wollen die Chefs von Daimler und Co. mitgestalten. An ihnen könnte es liegen, dass die zweite Phase gelingt: die Serienfertigung. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wer langfristig den Markt anführt.

Das lassen sich die Deutschen einiges kosten. So kündigte Daimler an, bis 2022 zehn Milliarden Euro in den Ausbau der eigenen Elektroflotte zu stecken. BMW gab vor einigen Tagen bekannt, in den kommenden Jahren für vier Milliarden Euro Batteriezellen beim chinesischen Batteriehersteller CATL zu kaufen. Bis 2025 sollen insgesamt zwölf vollelektrische Modelle auf dem Markt sein.

Die Ingolstädter Konkurrenten von Audi konnte in diesem Jahr schon einmal im Bereich E-Mobilität punkten – buchstäblich. Das Rennen in New York gewann zwar der Franzose Jean-Eric Vergne vom chinesischen Motorsport-Team Techeetah. Die Werksmeisterschaft geht jedoch an die Volkswagen-Tochter. Ein Spielfeld für Innovationen.

BMW, Mercedes und Porsche schicken kommende Saison ebenfalls Fahrzeuge ins Rennen. Daimler teilte auf Anfrage mit, dass es Tradition des Konzerns sei, den Motorsport als Entwicklungslabor für die Serienproduktion zu nutzen. Nun also auch im Elektro-Bereich. Dafür steigen sie sogar Ende der Saison 2018 aus der Deutschen Tourenwagenmeisterschaft (DTM) aus.

Auch BMW ist sich der umweltfreundlichen Aufmerksamkeit bewusst. Die Formel E habe sich in den letzten Jahren fantastisch entwickelt und passe als Projekt für neue Technologien perfekt zum Konzern, teilte Motorsport-Direktor Jens Marquardt mit. Das Ergebnis der Zusammenarbeit führe zu neuen Wegen, die BMW in die Arbeit an der Elektromobilität miteinfließen lässt. Alistair Weaver ist nicht ganz so optimistisch, auch wenn er das Potential der Rennserie sieht: „Die Formel E hat noch einen langen Weg vor sich, um Motorsportfans auf der ganzen Welt zu begeistern. Vor allem muss die Qualität der Rennen verbessert werden.“

Den Beigeschmack einer abgespeckten Version der Formel 1 hat auch das Wochenende in New York. Da die Stadtbahn sehr eng ist, können die Rennfahrer kaum überholen. Der aggressive Motorensound ist Teil des Erlebnisses Rennsport – und er fehlt. Ein Funke, der weder zündet, noch überspringt. 

Frank Mühlon, globaler Leiter für Elektroauto-Ladesysteme bei ABB, wiegelt ab: „Bei elektrischen Antrieben stehen wir am Anfang der Technik. Die Formel E ist dabei zukunftsweisend. Aus gutem Grund beteiligen sich immer mehr Automobilhersteller.“ Zudem könne man sie nicht direkt mit der Formel 1 vergleichen, da beide ganz unterschiedlich sind. „Natürlich fahren die Fahrzeuge langsamer und das Grummeln im Bauch fehlt; es ist aber auch eine ganz andere Serie“, gibt er zu bedenken. 

Publikum findet sich dennoch ein, wenn auch unter dem Niveau anderer Rennserien. In Berlin kamen vor wenigen Wochen etwa 20.000 Zuschauer an die Strecke. Bei der Fernsehübertragung schalteten immerhin rund 1,5 Millionen Menschen ein. Jan Koelble sitzt in New York auf der Besuchertribüne. Die Rennwagen sausen an ihm vorbei. Der gebürtige Schweizer lebt seit sechs Jahren in der Metropole. Das Finale in Brooklyn ist sein zweites Formel-E-Rennen. Vorher war er auch schon mal bei der Formel-1. Ihm gefällt die elektrische Version. Es passe zum Image – umweltfreundlich, trotzdem sportlich und progressiv.

Selbstverständlich sei hier alles eine Nummer kleiner. Die Strecke und das Event an sich. „Die Serie ist ja noch am Anfang; schauen wir mal, wie sie sich entwickelt“, sagt der 37-Jährige, während die Fahrzeuge beinahe lautlos an ihm vorbei rasen. „Generell geht es gerade mehr darum, die Autos und deren Geschwindigkeiten zu sehen.“ Als nächste Stufe kann er sich größere Rundstrecken, wo man das Geschehen besser beobachten kann, und mehr Spektakel für die Zuschauer vorstellen.  

Die Geschwindigkeiten der Wagen müssen sich nicht verstecken. Zurzeit kommen die Elektromaschinen auf eine maximale Geschwindigkeit von 225 Kilometer pro Stunde. In drei Sekunden sind sie von 0 auf 100 Kilometer pro Stunde. In der nächsten Saison soll es noch besser werden. Die neue Rennwagen-Generation „Gen2“ wird an den Start gehen. Die Wagen, die optisch ein wenig an das Batmobil erinnern, sind dann rund 280 Kilometer pro Stunden schnell und kommen in 2,8 Sekunden von 0 auf 100. Damit liegen sie nur knapp unter den Durchschnittswerten der Formel-1.

Anfang des Jahres reagierte der Veranstalter mit einer weiteren Änderung, um das Rennen spannender zu machen. Die bisherigen Rennwagenwechsel in den Boxenstopps fallen zur nächsten Saison weg. Bislang mussten die Fahrer nach einigen Runden auf der Strecke in ein frisch aufgeladenes zweites Auto springen. Das sah mitunter etwas merkwürdig aus. Damit ist jetzt Schluss. Eine weitere Annäherung an die große Formel-1-Schwester und ein möglicher Schritt hin zum ersehnten sexy Image der deutschen Elektroautos. 

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