Letzter Offroad-Ausflug im Land Rover Defender Ende Gelände

Defender heißt er, Verteidiger. Und zwar einer der letzten des ursprünglichen Autofahrens. Nach 68 Jahren hat Land Rover nun seine Produktion eingestellt. Viele finden: Das ist zu früh. Abschied von einer Offroad-Ikone.
Bald wird er gar nicht mehr mit seinen Kumpels zusammen raus dürfen, wo er sich immer so sauwohl gefühlt hat. Klar, auch die anderen können gut klettern. Aber die echte Land-Rover-DNA, die sieht man hier nur einem an. Quelle: Frank G. Heide
Er steht jetzt schon ein bisschen abseits, der Defender.

Bald wird er gar nicht mehr mit seinen Kumpels zusammen raus dürfen, wo er sich immer so sauwohl gefühlt hat. Klar, auch die anderen können gut klettern. Aber die echte Land-Rover-DNA, die sieht man hier nur einem an.

(Foto: Frank G. Heide)

Düsseldorf/WülfrathDer Hang ist so steil, dass wir vom Autositz aus nur den grauen Winterhimmel über uns sehen, dazu die kargen Spitzen einiger windschiefer Bäume. Dann reißt plötzlich die Traktion ab, eine Warnlampe im Cockpit des Defenders flackert hilflos, wir rutschen rückwärts, trotz Allradantrieb. Der energische Tritt aufs Bremspedal bringt nichts, der Extremanstieg ist teils vereist. Mit 2,3 Tonnen Kampfgewicht geht’s abwärts, Kontrolle wird zur Illusion. Jetzt stellt sich der Land Rover auch noch quer. Alex und ich fragen uns, wie sind wir überhaupt bis hierhin gekommen? Und wie kommen wir hier wieder weg?

Wir denken kurz zurück an die Offroad-Theorie Einweisung vorhin, als uns der Instruktor („Ich bin der Dieter“) sagte: „Auf einer engen, steilen Passage, da wollt ihr nur eines nicht: Unkontrolliert quer zum Hang rutschen. Immer schön gerade halten!“ Warum? Weil sonst schon ein kleines Lenkmanöver zum großen Überschlag führen kann. Salto Mortale im Stahlkasten, das wollen wir nicht.

Der Grund, warum wir an diesem Vormittag die uns inzwischen abstrus erscheinende Idee hatten, einen vereisten Hang mit rund 30 Prozent Steigung erklimmen zu wollen, ist Automobil-romantischer Natur. In der Wülfrather Kiesgrube der Land Rover Experience möchten wir gebührend Abschied vom Defender nehmen, dessen Produktionsende zu diesem Zeitpunkt unmittelbar bevorsteht. Am 29. Januar 2016 war offiziell Schluss, der letzte nach mehr als zwei Millionen allein im Traditionswerk Solihull und überwiegend von Hand gebauter Defender lief vom Band.

Letztes Tänzchen für die Gelände-Legende
Der Verteidiger des Ursprünglichen
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Mehr als zwei Millionen Defender hat Land Rover gebaut, doch Ende Januar ist Schluss. Am 29.01.2016 lief im britischen Werk Solihull der letzte der ikonischen Offroader vom Band, wo noch überwiegend von Hand montiert wurde. Während vom letzten Jahrgang in Deutschland so viele Defender verkauft wurden wie noch in keinem Jahr zuvor, muss das Modell doch den modernen Anforderungen an Umwelteigenschaften und Fußgängerschutz geopfert werden.

Wir nutzten die Gelegenheit, die Land Rover uns bot
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Eine letzte Ausfahrt mit einem Defender, hier der Station Wagon mit 110er Radstand, und zwar dort, wo er artgerecht gehalten wird, im richtigen Offroad-Parcours. Aber dafür war nicht nur das richtige Auto wichtig, sondern für uns Gelände-Greenhorns auch die richtige Anleitung durch einen erfahrenen Instruktor. Die automobile Legende Defender steckt ja schon einiges weg, aber schließlich wollten wir im vereisten Gelände nichts kaputt machen ...

Das Urgestein der Wülfrather Experience-Kiesgrube
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Bevor Instruktor Dieter Neldner uns Laien die Feinheiten des Offroad-Fahren näher brachte war er schon rund 40 Jahre bei Land Rover, und barg unter anderem Land Rover bei den ersten Camel Trophys.

Ein Auslaufmodell, leider.
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Wenn heute eine Automarke mit exotischen Abenteuern in Verbindung gebracht wird, dann ist es Land Rover. Früher stellte der britische Geländewagenhersteller die Fahrzeuge für die von Reynolds Tobacco erfundene „Camel Trophy“. Doch Machos, Matsch und Machete wurden irgendwann von Hipstern abgelöst, Zigarette und Lagerfeuer erloschen. Heute heißt die Veranstaltung „Land Rover Experience Tour“ und für sie trainieren die immer noch zahlreichen Bewerber unter anderem in dem Gelände in Wülfrath. Dort wird aber in absehbarer Zeit auch kein Defender mehr zum Fuhrpark gehören.

Wirklich schade, dass er nun davonfährt
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Doch die deutsche Fan-Gemeinde ist stark. Immerhin kam das automobile Relikt zuletzt noch auf eine Jahresproduktion von rund 16.000 Exemplaren. Kleiner Trost: Weltweit sollen noch zwischen 66 und 75 Prozent aller jemals gebauten Land Rover (Defender) im Einsatz sein.

Den erkennt jedes Kind schon von weitem
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Die kastige Schnauze mit genau dieser Anordnung von Scheinwerfern und Blinkern gibt es beim Defender schon seit 1971, als sein direkter Vorgänger Series III erschien. Und schon der hatte sich vom seit 1948 gebauten Ursprungsmodell Series I optisch nur wenig entfernt. Zu den auffälligsten Extras unseres Gelände-Testwagens zählen der Dachgepäckträger, der Schnorchel für tiefere Flussdurchquerungen, und die gewaltige Seilwinde samt Unterfahrschutz.

Der Zündschlüssel steckt links und ist etwas schwer zu erreichen
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Das riesige und schlichte Lenkrad (ohne Airbag!) löst sofort den Impuls aus, dass der Fahrer mit dem Sitz weit zurückfahren möchte. Mehr als ein paar Zentimeter sind aber nicht drin. Das Vollplastik-Armaturenbrett wurde übrigens 1971 mit der Series III eingeführt, davor war alles aus Metall.

Der Kontinente-Eroberer, der Freund des britischen Farmers und Teilnehmer an unzähligen Militäraktionen, den im wahrsten Wortsinn jedes Kind seit 68 Jahren an der kastigen Form erkennt, er kommt einfach mit den modernen Abgasnormen nicht mehr klar. Und auch der strenger gewordene Fußgängerschutz verbaut ihm die Zukunft.

Sein gewaltiger Kühlergrill, der direkt aufs Fußgänger-Brustbein zielt, die Kotflügel, die aussehen wie Kastenbrot-Backformen, die Airbag-Abwesenheit, die Diesel-Abgaswolken und die Crashtest-Vorgaben, all das können Brüsseler Bürokraten, die nachts von Verbraucherschutz träumen, nicht mehr ertragen.

Dieter, unser Intruktor, Mechanikermeister und seit Jahrzehnten für Land Rover unterwegs, bringt das Problem auf den Punkt: „Im Defender ist das subjektive Sicherheitsempfinden des Fahrers sehr hoch, für alle anderen sieht das anders aus.“

In „Hatari“ fingen sie mit ihm Nashörner ein, in „Die Götter müssen verrückt sein“, zog er sich an der Seilwinde selber aus dem Fluss, zu „Daktari“ gehörte er wie Clarence, der schielende Löwe, selbst Lara Croft grabräuberte sich mit ihm durch die Wildnis. Damit diese Ikone bleiben kann, was sie immer war, muss sie sterben.

Apropos Ableben. Am vereisten Steilhang ist es Dieters Ruhe und Erfahrung, die uns wieder in die Spur bringt. Mit der Gelassenheit eines irischen Bierkutschers dreht er die Vorderreifen ein, hangabwärts. Irgendwann greifen die Bremsen, danach ist es der permanente Allradantrieb des weißen 110er Defenders, seine 350 Newtonmeter Drehmoment bei 2.000 Touren, die uns doch noch über die Kuppe wuchten. Geschafft, durchatmen, analysieren! Was war der Fehler? Wir hätten mehr Schwung mit in den Hang nehmen müssen, dritter Gang statt zweiter, damit die Räder nicht so früh durchdrehen.

Aber wir sind Anfänger, müssen das erst lernen. Unser Geländefahrlehrer ist längst mit dem Defender verschmolzen. Mehr als 40 Jahre war Dieter Neldner bei Land Rover. Er kannte den Defender schon in und auswendig, als er noch Series II und III hieß, als Reynolds Tobacco Anfang der 80er Jahre auf die Idee kam, eine Camel Trophy zu veranstalten. Die ersten Dschungelabenteuer hat er nicht nur am Rande erlebt. Er war Lumpensammler und Bergemeister, dafür zuständig, die Autos zu retten und zu flicken, die kaputt gingen oder feststeckten. Was öfter an deren Fahrern, seltener am praktisch unzerstörbaren Defender.

Heute ist Dieter Instruktor bei Land Rover Experience Drives in Wülfrath, und das eigentliche Urgestein in der Kiesgrube, randvoll mit Anekdoten der Art „Du hast immer genau das Ersatzteil dabei, das Du garantiert nicht brauchst.“

Viel Übersicht, noch mehr innere Ruhe, voll konzentriert: Wenn Dieter Neldner das Gelände vorliest, dann ist Zuhören angesagt. Unbeherrschtheit und zu hohes Tempo gehen nur aufs Material. Quelle: Frank G. Heide
„Glaub mir, im Steilhang willst Du nicht querkommen.“

Viel Übersicht, noch mehr innere Ruhe, voll konzentriert: Wenn Dieter Neldner das Gelände vorliest, dann ist Zuhören angesagt. Unbeherrschtheit und zu hohes Tempo gehen nur aufs Material.

(Foto: Frank G. Heide)

In seinem Heimatrevier, dem mehrere Quadratkilometer großen Kiesgruben-Männerspielplatz kann man richtig offroad fahren. Gefälle bis 110% sind drin, schmale, felsige Windungen, Wippen, Extremverschränkungen, gewaltige Querfugen, Holzbrücken, Wasserdurchfahrten, meterhohe Betontreppen, Sand, Matsch, Felsen, Geröll. Hier finden nicht nur die Kandidaten-Vorausscheidungen zur den jährlichen Land Rover Experience-Touren statt, den Nachfolgern der Camel Trophy. Hier kann auch der Evoque-Besitzer erfahren, was sein SUV im Grenzbereich tatsächlich leistet.

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