Wirtschaft, Handel & Finanzen Bundeskartellamt nimmt Online-Bewertungen unter die Lupe

Viele Verbraucher verlassen sich beim Einkauf im Internet, bei der Auswahl eines Restaurants oder sogar bei der Wahl des Arztes auf die Online-Bewertungen anderer Nutzer. Doch das ist nicht ohne Risiko.
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«Es gibt Hinweise, dass Nutzerbewertungen nicht selten gefälscht oder manipuliert sind», sagt Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Foto: Rolf Vennenbernd Quelle: dpa
Andreas Mundt

«Es gibt Hinweise, dass Nutzerbewertungen nicht selten gefälscht oder manipuliert sind», sagt Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Foto: Rolf Vennenbernd

(Foto: dpa)

„Es gibt Hinweise, dass Nutzerbewertungen nicht selten gefälscht oder manipuliert sind”, berichtete Kartellamtspräsident Andreas Mundt in Bonn. Die Aufsichtsbehörde hat deshalb eine Sektoruntersuchung eingeleitet und will dabei zahlreiche Betreiber von Internet-Portalen befragen.

„Nutzerbewertungen sind neben dem Preis das wichtigste Entscheidungskriterium für Verbraucher beim Online-Kauf. Auch bei der Wahl eines Arztes, Handwerkers oder Restaurants vertrauen viele Verbraucher auf Bewertungen anderer Nutzer im Internet”, betonte Mundt. Doch gebe es Hinweise, dass die Bewertungen in vielen Fällen nicht authentisch seien, etwa weil sie von einem Computer generiert wurden oder weil der Bewertende für seine lobenden Worte eine Gegenleistung erhielt, ohne dies offenzulegen.

„Wenn Verbraucher aufgrund nicht-authentischer Bewertungen zu falschen geschäftlichen Entscheidungen verleitet werden, kann dies einen Verbraucherrechtsverstoß darstellen”, betonte die Behörde.

Die deutschen Verbraucherzentralen hatten bei einer Untersuchung vor einem Jahr bereits erhebliche Unterschiede in der Qualität der Bewertungsportale festgestellt. „Die Intensität der Prüfung von Bewertungen variiert zwischen den Portalen stark”, betonten die Marktwächter damals. Nicht alle Portale legten den notwendigen Eifer beim Kampf gegen Manipulationen an den Tag. Dabei sei für die Verbraucher im Regelfall nicht erkennbar, wie gewissenhaft die Portale arbeiten.

„Kunden müssen sich bewusst sein, dass es keinen vollständigen Schutz vor Manipulationen von Bewertungen gibt und immer kritisch hinschauen”, riet damals die Verbraucherschützerin Susanne Baumer. Ausdrücklich verlangten die Marktwächter, dass gesponserte Bewertungen, die mit Geldzahlungen, Schenkungen zu Testzwecken oder Gutscheinen belohnt wurden, klar gekennzeichnet werden müssten und keinen Einfluss auf die Gesamtbewertung des Produkts haben dürften.

Vorrangiges Ziel des Bundeskartellamts bei der Sektoruntersuchung ist es herauszufinden, welche Bewertungssysteme besonders anfällig für Fälschungen und Manipulationen sind. Nach Abschluss der Ermittlungen sollen die Ergebnisse in einem Bericht der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Das Bundeskartellamt kann im Bereich Verbraucherschutz Untersuchungen durchführen und so etwaige Verstöße sowie mögliche Defizite in der Rechtsdurchsetzung identifizieren. Die Befugnis, aufgedeckte Rechtsverstöße auch per behördlicher Verfügung abzustellen, ist damit bislang hingegen nicht verbunden.

Die nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerin Ursula Heinen-Esser begrüßte den Vorstoß des Bundeskartellamts. Die CDU-Politikerin betonte, Manipulationen in den Portalen müssten verhindert werden. Denn Nutzerbewertungen böten vielen Konsumenten eine Orientierung für ihre Entscheidungen im Verbraucheralltag.

Mitteilung

Untersuchung der Verbraucherzentralen

Marktwächter zu Online-Bewertungen

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  • Das Problem bei Portalen, die Bewertung mit Werbung kombinieren, sind nicht die gekauften Bewertungen. Jameda lebt von zahlenden Ärzten und Zahnärzten und nimmt für sich – unter dem Vorwand der Informationsfreiheit – in Anspruch, alle Ärzte im Portal aufführen zu dürfen, auch die, die das gar nicht wollen. Jetzt passiert, was passieren muss: zahlende Ärzte haben die besseren Bewertungsdurchschnitte, die sehr einfach zu manipulieren sind. Schlechte Bewertungen dürfen offiziell keine Schmähkritik und keine Tatsachenbehauptungen enthalten und was das jeweils ist, ist sehr interpretierbar.
    Schlechte Bewertungen bei zwangsrekrutierten Ärzten durchzuwinken, bei zahlenden Ärzten eher zu blockieren, führt schnell, unauffällig und für das Portal lukrativ zum erwünschten Ergebnis, setzt Nicht-Kunden unter Druck, Kunde zu werden. Aber selbst wenn es die schönen Profilfotos der Kunden sind, die zu diesem auffälligen Ergebnis führen – die ZEIT hat es am 18.1. recherchiert – wäre es immer noch inakzeptabel, dass bei einem Bewertungsportal zahlende Kunden besser abschneiden, als nicht zahlende.

    Der ehemalige Vorsitzende des Bundesgerichtshofes, Wolfgang Büscher, hat den Kern des Problems in seinem wegweisenden Artikel „Soziale Medien, Bewertungsplattformen und Co“ 2017 analysiert*. Sobald ein Bewertungsportal für zahlende Kunden Werbe- und Präsentationsmöglichkeiten anbietet, hat die informationelle Selbstbestimmung der Teilnehmer Vorrang vor der Informationsfreiheit des Portalbetreibers. Konkret heißt das, dass ein Kombinationsportal Werbung/Bewertung auf keinen Fall Teilnehmer zwangsrekrutieren darf, sondern alle Teilnehmer ihr ausdrückliches Einverständnis geben müssen. Andernfalls kommt das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb zur Anwendung. Das macht ja auch Sinn, denn wenn zahlende Ärzte bei Jameda besser abschneiden als nicht zahlende Kollegen, dann läuft das auf eine flächendeckende Korrumpierung im Gesundheitswesen hinaus.

  • Jameda geht gegen Ärzte vor, die Bewertungen gekauft haben. Aber das Geschäftsmodell des Portals ist selbst rechtswidrig. Die Kombination von Bewertung, Werbung und vollständiger Arztlistung ist nicht vereinbar mit dem Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb (UWG). Das hat Wolfgang Büscher, ehemals Bundesgerichtshof und Kommentator des Lauterkeitsrechts, klar und deutlich formuliert. Die oben genannte Kombination führt zwangsläufig zu einer Verzerrung des Wettbewerbs zugunsten zahlender Kunden, denn ein solches Portal ist nicht nur de jure parteilich, sondern, wie die ZEIT am 18.1.2018 gezeigt hat, auch de facto. Die Kammern müssen auf der Grundlage des UWG gegen Jameda vorgehen. Sie können sich auch auf die DSGVO berufen, die es verbietet, Ärzte ohne deren dezidierte Einwilligung im Portal aufzuführen, wenn es parteilich ist. Eine solche Parteilichkeit liegt vor, wenn das Portal selbst am Wettbewerb teilnimmt. Das tut Jameda: es optimiert die Präsentation zahlender Portalteilnehmer gegen Entgelt. Statt Bewertungen zu kaufen, um sich gegen Wettbewerbsverzerrung zu wehren, müssen die Kammern unter Druck gesetzt werden, um Jamedas Wettbewerbsverzerrung juristisch zu bekämpfen. Bewertungsdurchschnitte zugunsten der Portalkunden zu beeinflußen ist extrem einfach!

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