Wirtschaft, Handel & Finanzen ROUNDUP 2: SAP-Chef Bill McDermott tritt zurück - Zahlen geben Aktie Schub

(neu: Aussagen Management, Marktreaktion, Analystenstimmen)
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  • dpa

WALLDORF Paukenschlag in Walldorf: Der seit 2010 amtierende SAP -Vorstandschef Bill McDermott tritt überraschend zurück. Die Vorstandsmitglieder Jennifer Morgan und Christian Klein treten als Führungsduo mit sofortiger Wirkung seine Nachfolge an und führen Europas größten Softwarehersteller, wie der Dax -Konzern am frühen Freitagmorgen überraschend in Walldorf mitteilte. An der Börse feierten Anleger die vorläufigen Quartalszahlen, die das Unternehmen ebenfalls vorlegte.

Seit 2014 lenkte der heute 58-jährige McDermott die Geschicke des wertvollsten deutschen börsennotierten Konzerns an der Vorstandsspitze allein. Der US-Amerikaner hat den Konzern stark in Richtung Cloudsoftware zur Miete aus dem Internet umgebaut. "Von dieser Weichenstellung wird das Wachstum von SAP noch viele Jahre profitieren", sagte Aufsichtsratschef und SAP-Mitgründer Hasso Plattner. Mit dem Führungswechsel greife die langfristige Nachfolgeplanung des Kontrollgremiums, hieß es.

Das neue Führungsduo will den Kurs des Vorgängers fortsetzen. Man dürfe erwarten, dass Klein und sie sich auf eine entscheidende Botschaft konzentrierten - und die laute: Kontinuität, sagte Morgan am Freitag in einer Telefonkonferenz. Sie ist die erste Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns.

Die SAP-Aktie schnellte nach dem Handelsbeginn zeitweise um mehr als 8 Prozent in die Höhe. In diesem Jahr hat das Papier rund 30 Prozent gewonnen. Mit aktuell rund 138 Milliarden Euro Börsenwert ist SAP in McDermotts Ägide zum wertvollsten deutschen börsennotierten Konzern geworden - kein anderer Konzern hierzulande bringt mehr als 100 Milliarden Euro auf die Börsenwaage. Mit über 112 Euro liegt der SAP-Aktienkurs heute deutlich höher als zu McDermotts Amtsbeginn 2010, als er unter 40 Euro lag.

Grund für den Kurssprung vor dem Wochenende waren die Quartalszahlen. Umsatz und Gewinn kletterten überraschend kräftig, nachdem SAP im Vorquartal noch den Handelsstreit zwischen den USA und China zu spüren bekommen hatte. Den Erlös steigerte der Konzern im Jahresvergleich um 13 Prozent auf knapp 6,8 Milliarden Euro, unter dem Strich blieben mit 1,26 Milliarden Euro 30 Prozent mehr Gewinn übrig.

Im Tagesgeschäft steuerte auch das Cloudgeschäft spürbar mehr Gewinn bei. Der um Sondereffekte bereinigte Gewinn vor Zinsen und Steuern stieg insgesamt um 20 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Das war deutlich mehr als Analysten erwartet hatten, die operative Marge lag mit 30,6 Prozent überraschend hoch. Finanzchef Luka Mucic führte das unter anderem auf Kostensenkungen und andere Effizienzmaßnahmen zurück. Die Finanzprognosen für das laufende und die kommenden Jahre bestätigte das Management.

Die Zahlen zeigten, dass das Unternehmen sowohl das Wachstum als auch die Gewinnmargen vorantreiben könne, erklärte Analyst Mark Moerdler von Bernstein Research. Positiv wertete er auch, dass SAP zum erfolgreichen Modell einer Doppelspitze zurückkehre. Die beiden neuen Chefs hätten unterschiedliche Hintergründe und würden sich gut ergänzen. Das dritte Quartal des Softwarekonzerns sei angesichts des wirtschaftlichen Umfelds solide ausgefallen, schrieb Knut Woller von der Baader Bank. JPMorgan-Analystin Stacy Pollard sprach von "starken" Zahlen.

Einen konkreten Grund für den Rücktritt McDermotts nannten er und das Unternehmen nicht. "Jetzt ist der Moment gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen", sagte McDermott. Er werde sich künftig anderen Aufgaben zuwenden. Welche das sind, ließ er offen. McDermotts Vertrag lief eigentlich noch bis 2021, er ist seit 2002 im Unternehmen. Bis Ende des Jahres will der Manager in einer beratenden Rolle im Unternehmen bleiben und den Wechsel unterstützen.

Er hatte zuletzt noch einen Plan zur längerfristigen Effizienzsteigerung für Mitte November angekündigt. Investoren hatten die seit langem unter dem starken Ausbau des Cloudgeschäfts leidende Marge immer wieder bemängelt, McDermott hingegen setzte voll auf das Wachstum in der Cloud.

Die Maßnahmen, wie der Konzern in den kommenden fünf Jahren seine Marge im Schnitt um einen Prozentpunkt jährlich steigern will, müssen nun Jennifer Morgan und Christian Klein den Investoren präsentieren. Die Erwartungen sind groß: Im April gab der aktivistische und in vielen Chefetagen wenig willkommene US-Investor Paul Singer an, sich mit seinem Hedgefonds Elliott im großen Stil bei SAP eingekauft zu haben und Anteile im Wert von 1,2 Milliarden Euro zu halten. Singer mischt sich oft und gerne in strategische Belange ein, um die Dinge nach seinem Willen zu formen - insbesondere bei Unternehmen im Umbruch.

McDermott gilt als begnadeter Verkäufer, Zaudern und Zweifeln ist seine Sache nicht. Für das Wachstum in der Cloud steckte SAP in seiner Zeit viele Milliarden in teure Zukäufe. Das stellte auch die Organisation des Unternehmens auf eine harte Probe, neue Unternehmensteile und teilweise auch eine andere Kultur mussten in das Unternehmen integriert werden.

Noch im Januar hatte McDermott einen weiteren großen Konzernumbau angestoßen. Das Unternehmen streicht bis zu 4400 Stellen in Bereichen, die laut dem Management keine große Zukunft haben. Allerdings wollen die Walldorfer in vielversprechenden Bereichen wie Künstlicher Intelligenz Stellen schaffen. Im ersten Halbjahr hatte der Umbau unter anderem wegen Abfindungen gut eine Milliarde Euro gekostet. SAP beschäftigte Ende September 99 710 Vollzeitmitarbeiter - knapp 5000 mehr als ein Jahr zuvor.

Morgan ist 48 Jahre alt, stammt ebenfalls aus den USA und bringt vor allem Vertriebserfahrung vom weltweit führenden Cloudmarkt mit. Sie wird im Unternehmen auch weiter das Cloudgeschäft führen. Morgan ist seit 2004 im Unternehmen, seit 2017 im Vorstand. Klein ist 1980 geboren und bleibt auch weiter für die Produktentwicklung im Vorstand verantwortlich. Er ist seit 1999 im Unternehmen und seit vergangenem Jahr im Vorstand.

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