Wirtschaft, Handel & Finanzen Verärgerung über Brandbrief des Bahnchefs - GDL: Selbstkritik positiv

Bahnchef Richard Lutz hat mit seinem Brandbrief zur schlechten Lage des Staatsunternehmens für Verärgerung im Aufsichtsrat und beim Bund als Eigentümer gesorgt. "Ich halte nichts davon, solche Briefe zu schreiben", sagte der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Verkehr-Staatssekretär Enak Ferlemann (CDU), der "Welt". "Richard Lutz muss sich darüber im Klaren sein, dass er damit das Unternehmen in der Öffentlichkeit beschädigt hat."
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  • dpa

Das Blatt zitierte ein nicht genanntes Aufsichtsratsmitglied mit den Worten: "Es überrascht uns, von einem solchen Brief aus der Presse zu erfahren. Ich hätte erwartet, über das Ausmaß der Probleme vorab informiert zu werden." Der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, sieht das Schreiben dagegen zumindest in Teilen positiv.

Die Bahn macht immer mehr Schulden, hat ein Dauerproblem im Schienengüterverkehr und im ersten Halbjahr im Regional- und Fernverkehr einen Gewinnrückgang zu verzeichnen. Lutz hatte in einem Brief an seine Top-Manager zahlreiche Schwächen benannt und einen Kurswechsel angekündigt. Ferlemann stellte das Rabattsystem der Bahn infrage: "Es ist nicht nur für die Kunden schwer, da den Überblick zu behalten, sondern die Bilanz zeigt auch, dass sich mit diesem Preismodell die Kosten nicht decken lassen."

Die GDL begrüßte den Brandbrief am Sonntag. "Es ist das erste Mal, dass ein Bahnchef zugibt, in welchem Zustand wir in diesem Unternehmen sind", sagte ihr Chef Claus Weselsky dem Berliner Radiosender 105'5 Spreeradio. Das nütze allerdings nichts, wenn man sich nicht aufs Wesentliche konzentriere und mehr Eisenbahn-Sachverstand entwickle.

Lutz' Vorgänger bei der Bahn hätten diesen Sachverstand aus seiner Sicht nicht gehabt, ergänzte Weselsky. "Mehdorn hatte nur den Börsengang im Kopf und hat die Bahn kaputtgespart. Und Grube hat zwar vom Brot-und-Butter-Geschäft gesprochen, sich dann aber im Ausland verlaufen."

Die Lokführergewerkschaft warnte den aktuellen Bahnchef allerdings, die bevorstehenden Tarifverhandlungen zu belasten. "Ich will nicht hoffen, dass das der Versuch ist, den Tarifvertragsparteien zu sagen: Wir stehen hier mit Haushaltssperre vor Einsparungen und Einbußen, deshalb sollen Zugbegleiter und Lokführer am besten noch Geld mitbringen." Die Gewerkschaft verlangt eine "Bahnreform 2". Deren Ziel müsse vor allem die Neuordnung der Infrastruktur sein.

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