Der Anlagestratege Interessiert euch endlich für Aktien!

Weder Kirchen noch Gewerkschaften, noch Schulen und Universitäten haben etwas für Aktien übrig. Die Folgen dieses Starrsinns sind für die deutsche Gesellschaft dramatisch.
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Anlagestratege-Kolumne von Christoph Bruns
Der Anlagestratege

Christoph Bruns ist Fondsmanager, Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG und Kolumnist für Handelsblatt Online.

Als ich vor einigen Jahren meine erste Kolumne für Handelsblatt Online schrieb, ging es um das Thema Altersarmut, die ich als vor der Tür stehendes Gespenst in Anlehnung an den berühmten Satz von Karl Marx aus dem kommunistischen Manifest personifizierte. Seinerzeit hatte ich gemeint, eine Renaissance der Beteiligung der Bevölkerung an der Wirtschaft als Miteigentümer könnte zur Abwendung oder zumindest Linderung des Problems führen.

Heute bin ich skeptischer denn je, ob dieser Weg in Deutschland begangen werden kann. Zwar erscheint es mittlerweile dringlicher als jemals zuvor, ein Umsteuern von der Fremdkapitalwirtschaft hin zu einer breit gestreuten Eigenkapitalwirtschaft einzuleiten, allein fehlen in Deutschland die intellektuellen und kulturellen Voraussetzungen beziehungsweise Traditionen.

Oft schießt mir diesbezüglich die Parallele zur Weimarer Republik durch den Kopf. Diese erste Demokratie auf deutschem Boden ist, wie Historiker festhalten, nicht an der Übermacht ihrer Feinde sondern am Mangel an Freunden untergegangen. Dabei ist nicht so sehr Freundschaft sondern Vernunft der Weg zu Demokratie und Wirtschaftsbeteiligung.

Das wurde 2015 aus 100.000 Euro
Platz 25: Ukrainische Aktien
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Der Konflikt mit den pro-russischen Separatisten im Osten des Landes, aber auch Misswirtschaft hat die Ukraine an den Rand des Staatsbankrotts getrieben. Der Internationale Währungsfonds hält Kiew mit Hilfskrediten über Wasser und fordert im Gegenzug Wirtschafts- und Sozialreformen. Der Leitindex PFTS verlor 2015 mehr als 35 Prozent, gleichzeitig brach die ukrainische Währung Hrywnja ein. Wer Anfang des Jahres 100.000 Euro in die Aktien des Leitindex investierte, hat jetzt nur noch 44.950 Euro - also mehr als die Hälfte seines Geldes verloren, so viel wie mit keiner anderen Anlage.

Stand: 30.12.2015, 11.30 Uhr. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Platz 24: Brasilianische Aktien
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Das südamerikanische Land durchlebt eine der schwersten Wirtschaftskrisen seiner Geschichte. Die Inflation ist bereits zweistellig und Volkswirte fürchten, dass Brasiliens Wirtschaft bis 2017 um acht Prozent schrumpfen wird. Die Politik ist durch einen Korruptionsskandal gelähmt. Das belastete auch die Börse deutlich. Der Index Ibovespa verlor zwölf Prozent. Da gleichzeitig der Real gegenüber dem Dollar und dem Euro einbrach, vergrößert sich der Verlust für Euro-Anleger: Von 100.000 Euro bleiben nur 66.200 Euro übrig.

Stand: 29.12.2015, Schlusstand. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Platz 23: Brentöl
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Der Verfall der Ölpreise – bedingt durch die Wachstumssorgen in den Schwellenländern und die unverändert hohen Fördermengen der Opec – hielt das ganze Jahr an. Kurz vor Weihnachten fiel der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Januar auf das Elf-Jahrestief von 35,98 Dollar und ist seither nur leicht gestiegen. In Dollar gerechnet liegt der Jahresverlust bei gut 35 Prozent, in Euro sind es 28,16 Prozent. Das heißt: Aus 100.000 Euro wurden 71.850 Euro.

Stand: 30.12.2015, 11.30 Uhr. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Platz 22: Aktien Griechenland
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Anders als für die nur noch wenigen Besitzer griechischer Anleihen war für die Besitzer griechischer Aktien ein schlechtes Jahr: Fünf Wochen lang war im Sommer die griechische Börse wegen des drohenden Ausscheidens Griechenlands aus dem Euro-Raum geschlossen. Als die Börsen im August wieder öffneten, ging es weiter bergab: Der Leitindex ASE brach in diesem Jahr um 25,37 Prozent ein – von 100.000 Euro blieben Anlegern nur 74.630 Euro übrig.

Stand: 30.12.2015, 11.30 Uhr. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Platz 21: Magere Schweine
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Nicht nur Öl, Industrierohstoffe und Metalle sind 2015 unter die Räder gekommen, sondern auch die Preise für landwirtschaftliche Produkte. Dazu gehören auch an der Chicago Mercantile Exchange gehandelte Terminkontrakte auf Nutztiere: Der Preis für magere Schweine zum Beispiel fiel hier um 27 Prozent. In Euro gerechnet liegt der Verlust bei 19,34 Prozent. Somit bleiben von 100.000 investierten Euro noch 80.660 Euro übrig.

Stand: 29.12.2015, Schlussstand. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Platz 20: Kaffee
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Auf dem Preis für die schwarzen Bohnen lastet unter anderem der heftige Verlust des brasilianischen Real zum Dollar, da Brasilien das mit Abstand wichtigste Kaffee produzierende und exportierende Land ist. Gleichzeitig sind die Ernteaussichten gut, das erwartete hohe Angebot drückt zusätzlich auf den Preis. In Euro gerechnet fiel der Terminkontrakt für am Chicago Board of Trade gehandelten Kaffee um 19,28 Prozent. Das entspricht bei einer Anlage von 100.000 Euro einem Verlust von 19.280 Euro.

Stand: 29.12.2015, Schlusstand. Quelle: Bloomberg, Angaben ohne Transaktionskosten

Platz 19: US-Junk-Bonds der Energiebranche
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Der Verfall der Öl- und Gaspreise ließ die Ausfälle bei amerikanischen Energieunternehmen mit schwacher Bonität nach oben schnellen. Die Folge: Die Kurse der Junk-Bonds (Schrottanleihen) dieser Unternehmen fielen rasant. In Dollar gerechnet ist ein Verlust von 23,9 Prozent aufgelaufen, in Euro sind es mehr als 15 Prozent. Aus 100.000 Euro sind so bei dieser Anlage nur noch 84.440 Euro geworden.

Stand: 29.12.2015, Schlussstand. Quelle: Bloomberg. Angaben ohne Transaktionskosten.

Ganz ähnlich scheint es mit der Aktienkultur in Deutschland bestellt zu sein. Obwohl die ökonomische Argumentationslage völlig zweifelsfrei für die Aktienanlage spricht, interessieren sich die wesentlichen Gruppen der Gesellschaft nicht für das Thema.

Weder Kirchen noch Gewerkschaften, noch Schulen und Universitäten und schon gar nicht die gewählten Volksvertreter wollen sich die langfristigen Vorteile einer breit in der Bevölkerung verankerten Aktienkultur auf ihre Fahnen schreiben. Machen wir uns nichts vor: So wenig Deutschland aus eigener Kraft den Weg zur Demokratie finden konnte, ist es in der Lage, eine Beteiligungskultur an der Wirtschaft zu etablieren.

Dabei müsste doch die faktische Abschaffung des Zinses durch die Europäische Zentralbank allen Menschen die Augen für den Irrweg öffnen, den die Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten durch ihre steuerliche und regulatorische Bevorzugung von Zinsanlagen praktiziert. Es soll übrigens nicht verschwiegen werden, dass die fatale Abhängigkeit des Staates von den großen Finanzinstitutionen und umgekehrt ebenfalls eine Folge der deutschen Fremdkapitalbesessenheit ist.

Der Staat wird zum Umverteiler
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1 Kommentar zu "Der Anlagestratege: Interessiert euch endlich für Aktien!"

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  • "No brain - no headache".

    Lieber immer schön der Herde nach und erstmal gucken, was die anderen machen.
    Ist ja auch irgendwie gemütlicher.

    Hoffentlich bleibt uns dieser "Gemeinsinn" auch erhalten, wenn angesichts von soviel Obrigkeitsvertrauen irgendwann unweigerlich härtere Zeiten anbrechen sollten.

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