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Aktienhandel Warum die Zahl der Börsenindizes so rasant wächst

Das Geschäft mit Börsenindizes ist lukrativ. Einige Firmen versuchen nun, dem Top-Trio MSCI, FTSE Russell und S&P Marktanteile abzujagen.
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Auf weltweit 50.000 Aktien kommen derzeit etwa 3,7 Millionen Indizes. Quelle: Getty Images
Aktienhändlerin an der New Yorker Börse

Auf weltweit 50.000 Aktien kommen derzeit etwa 3,7 Millionen Indizes.

(Foto: Getty Images)

FrankfurtCharles Dow war seiner Zeit weit voraus. Bereits am 3. Juli 1884 hat der Amerikaner zum ersten Mal den „Dow Jones Railroad Average“ veröffentlicht, den Vorgänger des heute bekannten Dow-Jones-Aktienindex für US-Werte. Dow war ein Pionier, doch die entscheidende Dynamik entwickelte seine Idee erst in den vergangenen Jahren. Das Geschäft mit Börsenindizes hat eine Entwicklung hinter sich, die in der Finanzbranche wahrscheinlich einzigartig ist. Fachleute sprechen von exponentiellem Wachstum.

Schätzungen zufolge wurde Anfang des Jahrtausends eine höchstens vierstellige Zahl von Indizes berechnet. Momentan zählt der Verband der Indexbranche IIA über 3,7 Millionen. Nach oben scheint es kein Limit zu geben. „Zehn Millionen wären für mich absolut plausibel“, schätzt Inigo Fraser-Jenkins, Analyst bei Bernstein Research in London.

Bei den Angeboten handelt sich meist um Aktien- und Anleiheindizes. Die aktuelle Zahl mag dem Laien absurd erscheinen, gibt es doch laut Schätzungen weltweit weniger als 50.000 Aktien. Der Fokus auf die wenigen gängigen Messlatten wie den S&P 500 an der Wall Street oder den deutschen Dax verdeckt den Blick auf die Ursachen des rasanten Wachstums.

Charles Dow suchte nur nach einem Weg, bei einer größeren Zahl von Einzelwerten die Kursrichtung des Gesamtmarkts zu beschreiben. Heute dagegen sind Indizes immer häufiger auch ein Anlagekonzept. Es werden Indexfonds aufgelegt. Anleger mögen sie wegen ihrer geringen Gebühren. Vor allem die börsengehandelten Varianten finden großen Zuspruch.

Die Zahl dieser unter dem Kürzel ETF bekannten Anlageprodukte ist in wenigen Jahren auf knapp 8000 mit einem Kapital von 5,3 Billionen Dollar gewachsen. Außerdem berechnen Investmentbanken eigene Messlatten für individuelle Geschäfte mit Großkunden. Häufig werden solche Benchmarks auch gleich in verschiedenen Varianten kalkuliert, etwa in verschiedenen Währungen oder mit unterschiedlichen Gewichtungen der Einzelwerte. Das bläht die Gesamtzahl der Indizes auf.

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Eine eigene Branche ist so entstanden, die der professionellen Indexberechner. Wer sich mit Börsen beschäftigt, der kennt die Firmen. „Drei bekannte Markennamen dominieren den Markt“, sagt David Tabaka, Analyst bei der Beratungsfirma Burton-Taylor International Consulting. Die drei Großen sind MSCI, S&P Dow Jones Global Indexes sowie FTSE Russell.

In Deutschland erfreuen sich noch die zur Deutschen Börse gehörenden Stoxx-Indizes und die von der Börse selber berechnete Dax-Familie großer Prominenz. Das künftige Wachstum scheint programmiert. „Die größte Dynamik sehen wir beim nachhaltigen Investieren und im Anleihebereich“, erklärt IIA-Chef Rick Redding.

Das Stichwort Nachhaltigkeit kennt auch Timo Pfeiffer, Leiter Geschäftsstrategie beim deutschen Indexberechner Solactive: „Das ist in jedem Kundengespräch ein Thema.“ Darüber hinaus sorge die technologische Revolution mit Anlagethemen wie Smart City, Cybersecurity oder Disruption für Nachfrage nach neuen Aktienindizes.

Das rasante Wachstum der Indizes führt zu Nebenwirkungen an den Märkten: „Es bedeutet eine Machtverschiebung hin zu den Indexanbietern“, urteilt Fraser-Jenkins. Dabei geht es um mehr als reine Arithmetik durch die Explosion der Indexzahl. Wenn Finanzprodukte an Messlatten gekoppelt sind, lenkt das auch Kapitalströme.

Andre Voinea vom ETF-Anbieter HanETF nennt ein aktuelles Beispiel. Es geht um die Einbeziehung der Aktien Kuwaits in die Schwellenländerindizes von MSCI, FTSE Russell und S&P. Kuwait ist kein besonders großer Markt. „Doch schon hier könnten allein an Indexgeldern etwa 2,5 Milliarden Dollar in den Markt fließen, inklusive der aktiven Fonds sogar zehn Milliarden“, sagt Voinea. Aktionen der Indexanbieter haben also großen Einfluss auf die Finanzströme von Investoren.

Mächtiges Oligopol

Es ist kein Wunder, dass die Geschäfte der Indexanbieter hervorragend laufen. Tabaka von Burton-Taylor hat die Einnahmen der Indexsparten bei den einzelnen Unternehmen für das vergangene Jahr ausgerechnet. „Es war eine Rekordsumme von über 3,5 Milliarden Dollar“, sagt der Experte. Vier Jahre zuvor waren es erst 2,3 Milliarden Dollar gewesen. Über zwei Drittel der Einnahmen entfallen auf die drei genannten Anbieter.

Investoren und Banken zahlen für die Verwendung der Indizes beispielsweise beim Einsatz in Finanzprodukten oder in Derivategeschäften und auch für die Lieferung anderer Daten. Bei diesem Geschäft können die Indexanbieter mit Markennamen ihren Bekanntheits- und Vertrauensvorteil ausspielen. „Es ist ein ziemlich geschützter Markt mit hohen Eintrittshürden“, sagt Tim Dunbar, Geschäftsführer des US-Vermögensverwalters Principal Global Asset Management.

„Im Indexgeschäft liegen die operativen Margen bei 50 bis über 70 Prozent“, meint Tabaka. Für die Gesellschaften insgesamt, die auch noch andere Geschäfte betreiben, liegen die Margen etwas niedriger. MSCI, FTSE Russell und Stoxx wollten sich nicht zu den extrem hohen Margen äußern.

Die gut laufenden Geschäfte sind der Grund für die extremen Kurssteigerungen der Aktie der börsennotierten MSCI. Der Wertgewinn ist weit höher als der durchschnittliche Börsenanstieg, gemessen an dem ebenfalls von MSCI berechneten Welt-Aktienindex. „Das ist eine Oase, in der noch richtig Geld verdient wird“, sagt Pfeiffer von Solactive.

Nach Ansicht einiger Experten könnten die goldenen Tage jedoch zu Ende gehen. Pfeiffer analysiert: „In der Finanzbranche stehen alle massiv unter Druck, jeder leidet unter sinkenden Margen.“ Pfeiffer erwartet eine Art Kettenreaktion. Preissensible Kunden zwingen die Anbieter von Indexfonds, die Gebühren zu senken, und die müssten diesen Druck irgendwann an die Indexanbieter weitergeben.

Amundi reagiert mit Gebühren

Ein Beispiel ist MSCI. Die durchschnittliche dem Vermögensverwalter in Rechnung gestellte jährliche Gebühr für einen Indexfonds liegt laut Geschäftsangaben bei rund 0,03 Prozent des Fondsvermögens. Das sieht im ersten Moment vernachlässigbar aus. Aber wenn der entsprechende Fonds nur 0,05 Prozent Verwaltungsgebühr von seinen Käufern verlangt, ist klar, dass der Vermögensverwalter im Moment einen Großteil seiner Einnahmen von den Investoren an den Indexanbieter weiterreichen muss.

Einige Asset-Manager reagierten bereits. Im Frühjahr lancierte Europas größter Vermögensverwalter Amundi einige Indexfonds mit den im Beispiel erwähnten Gebühren von 0,05 Prozent. Chef Yves Perrier schimpfte: „Indexgebühren sind ein echtes Problem, die Anbieter bilden ein Oligopol, und ihre Preise haben nichts mit dem Wert dessen zu tun, was sie liefern.“

Amundi wählte als Messlatte für seine neuen Fonds keinen der drei großen Anbieter. Stattdessen entschied sich Perrier für Indizes von Solactive, die ihre Lizenzgebühren nicht an das eingesammelte Fondskapital koppeln, sondern den Markt mit Fixgebühren aufrollen wollen. Der allgemeine Gebührendruck könnte das Geschäft der großen Indexanbieter erschweren.

Außerdem werden neben Häusern wie Solactive Adressen wie der Finanzdienst Bloomberg oder die als Fondsratingagentur bekannte Firma Morningstar im Index-Geschäft aktiver. Es kommt hinzu, dass immer mehr Vermögensverwalter Indizes selber berechnen. Deshalb glaubt Bernstein-Analyst Fraser-Jenkins: „Der Machtgewinn der klassischen Indexanbieter ist nur ein vorübergehendes Phänomen, am Ende werden sie verlieren.“

Mehr: Der Analyst der Fondsratingagentur Morningstar Colin Plunkett spricht im Interview über den börsennotierten Indexanbieter MSCI, seine Konkurrenten und Chancen für Neueinsteiger.

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