DWS-Vermögensverwalter im Interview „Die Lage ist explosiv“ – Was dem Fonds-Experten Kaldemorgen Sorgen bereitet

Der bekannte Vermögensverwalter spricht über die hohen Geldabflüsse aus seinem Fonds, das große Problem Italien und Alternativanlagen in Russland.
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Der DWS-Anlageexperte spricht über die neuen Risiken im Euro-Raum. Quelle: DWS
Klaus Kaldemorgen

Der DWS-Anlageexperte spricht über die neuen Risiken im Euro-Raum.

(Foto: DWS)

FrankfurtEr ist ein Urgestein der deutschen Fondsbranche: Klaus Kaldemorgen. Seit 35 Jahren arbeitet der Anlageexperte für die DWS. Die Erfahrung strahlt er auch im Gespräch aus. Relativ gelassen kommentiert er den Geldabfluss aus dem Fonds, den er steuert und der sogar seinen Namen trägt: „Deutsche Concept Kaldemorgen“.

Trotz der Börsenturbulenzen will er aus Aktien nicht aussteigen. Im Vergleich zu Anleihen hält er sie für die bessere Wahl. Und sein Jahresziel von drei bis fünf Prozent Fondsertrag möchte er noch erreichen.

Herr Kaldemorgen, Anleger haben ungefähr eine Milliarde Euro aus Ihrem Fonds abgezogen. Haben Sie damit gerechnet?
Ein wenig schon. Viele Anleger investieren vermeintlich langfristig, doch wenn dann einmal der Ertrag schwächelt, handeln sie anders. Der Fonds ist jetzt 6,4 Milliarden Euro groß.

Aber die Enttäuschung über einen weniger guten Ertrag war doch verständlich, oder?
Die Wertentwicklung im letzten Jahr und auch Anfang dieses Jahres war sicher nicht so gut, wie ich mir das gewünscht habe. Viele meiner Konkurrenten haben mehr geliefert. Ich war sehr vorsichtig an den Märkten, und das hat Geld gekostet.

Wer hat verkauft?
Unter anderem haben dabei einige größere und eher kurzfristig orientierte Investoren eine Rolle gespielt.

Sie haben eine Zielrendite von jährlich drei bis fünf Prozent vor Augen. Werden Sie die noch schaffen?
Das glaube ich schon. Seit Jahresbeginn liegt der Fonds wieder im Plus, nachdem er zeitweise fast vier Prozent im Minus gewesen ist.

Wie gehen Sie mit dem jüngsten Problemthema um: Italien?
Ungefähr ein Zehntel der Fondsmittel waren in italienischen Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit geparkt, als Bargeldersatz mit Minizins. Glücklicherweise habe ich ziemlich genau beim Start der Italien-Krise verkauft. Das ersparte mir die Kursverluste.

Aber das ist ja noch lange nicht das Ende der Geschichte …
Auf keinen Fall. Die Lage ist explosiv. Italien hat eine hohe Verschuldung, die Wirtschaft wächst so schwach wie nirgendwo in der Euro-Zone, der gesamte Euro-Raum kühlt sich konjunkturell ab, und die EZB steigt aus dem Anleihekaufprogramm aus. Das ist ein giftiger Cocktail. Und dann stehen dem Land in diesem Jahr auch noch Neuwahlen ins Haus.

Ist Italien jetzt Griechenland 2.0, mit den gleichen Stichworten wie Euro-Skepsis und nötigen Rettungsschirmen?
Es ist viel schlimmer als in Griechenland, weil die Beträge, die hier im Feuer stehen, um ein Vielfaches höher sind. Griechenland konnte gerettet werden. Die italienischen Schulden dagegen kann Europa nicht stemmen. Und ein Entgegenkommen mit Hilfsprogrammen wäre Wählern kaum zu verkaufen.

Spanien und Portugal werden von den Anlegern in Sippenhaft genommen. Die Renditen der Staatsanleihen sind auch dort stärker gestiegen.
Weder Spanien noch Portugal sind so auf der schiefen Bahn wie Italien. Die Verschuldung ist niedriger, das Wachstum höher. Im Fonds habe ich trotzdem keine Positionen aus den Peripherieländern – mit einer Ausnahme: Das ist die Aktie der spanischen Banco Santander.

Muss man jetzt nicht wieder die Systemfrage stellen, ob der Euro hält – und auf welche Turbulenzen an den Märkten man reagieren sollte?
Bei allen Problemen kann ich mir derzeit nicht vorstellen, dass Italien den Euro in den Abgrund zieht.

Wo sehen Sie denn Ihre Chance bei den Anleihen?
An Zinspapieren haben wir vor allem US-Staatsanleihen. Vor ein paar Wochen haben wir außerdem russische Bonds gekauft. Die Wirtschaft dort zeigt gute Fundamentaldaten, ich setze auf die sehr geringe Verschuldung und die niedrige Inflation. Der Rubel ist nach den Verlusten jetzt eher günstig. Und nicht zuletzt: Es gibt sieben Prozent Zins.

Die Börsen haben mit sehr vielen Krisen zu kämpfen, neben Handelsstreits und der Lage im Mittleren Osten jetzt auch die Zuspitzung in Europa. Bringt das mehr Gefahr an den Märkten?
Am Jahresanfang war ich ganz optimistisch. Ich habe mit Blick auf die steigenden US-Zinsen und das gute Wachstum in den USA die Dollar-Positionen auf fast ein Drittel des Fondsvermögens aufgestockt. Aus einer Dollar-Stärke wird momentan eine Euro-Schwäche. Durch diesen nicht unbedeutenden Unterschied leiden jetzt europäische Aktien.

Die Dollar-Positionen waren sicher von Vorteil. Aber was erwarten Sie von einem Land, dessen Twitter liebender Präsident keinen Handelsstreit zu scheuen scheint?
Es bleibt die Hoffnung, dass Donald Trump an vielen Stellen einen großen Druck aufbaut, sich die Parteien dann einigen und er einen guten Deal für sich reklamieren kann. Viel mehr ängstigt mich ‧seine Embargopolitik. Wenn er auch deutschen Firmen Geschäfte mit dem Iran verbietet, dann können die nichts dagegen tun.

Auch in einigen Schwellenländern geht es turbulent zu.
Das hängt mit dem starken Dollar zusammen. Viele Länder sind in Dollar verschuldet, sodass sie die Aufwertung belastet. Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus China allerdings waren solide. Man kann vielleicht Technologieaktien kaufen, die vom wachsenden Inlandskonsum profitieren.

Aber was ist mit Ländern wie der Türkei, Argentinien, Brasilien und natürlich Venezuela mit teilweise dramatischen Kursverlusten und Währungseinbrüchen?
Gerade Lateinamerika ist mir zu unkalkulierbar, auch bei den Marktbewegungen. Da hat der Fonds keine Positionen.

Wäre es angesichts der vielen Risiken nicht Zeit für eine wirklich defensive Anlagestrategie?
Prinzipiell möchte ich mit einem „Ja“ antworten. Doch was ist „defensiv“? Früher hätte man eine Nestlé-Aktie so eingestuft. Aber kann sich der Nahrungsmittelkonzern auf die neuen Konsumgewohnheiten einstellen? Ist eine BASF aus der Chemiebranche defensiv – oder eine Google als Suchmaschine? Ich habe alle drei Aktien im Fonds. Die gesamte Mischung halte ich für defensiv. Ich würde dagegen ungern Industrieaktien oder Rohstoffe im Depot halten. Ein wenig hilft eine sechsprozentige Goldbeimischung.

Und die Idee, die Aktienquote generell zu senken?
Mit dem Aktienverkauf wird man die beschriebenen Probleme ja nicht los. Im Fonds sind jetzt etwa 40 Prozent Aktien. Das ist besser, als Experimente mit Anleihen zu machen. Man muss einfach die günstigen Gelegenheiten suchen. Die finde ich beispielsweise bei bekannten russischen Aktien mit Dividendenrenditen von fünf Prozent.

Herr Kaldemorgen, vielen Dank für das Interview.

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