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Hedgefonds-Managerin Leda Braga im Interview „Von 10.000 Hedgefonds bleiben ein paar Hundert übrig“

Die einflussreichste Frau in der Hedgefondsszene spricht über den Siegeszug der Algorithmen und warum so wenige Frauen in ihrer Branche arbeiten.
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„News bestimmen die Märkte und machen es schwieriger, eindeutige Trends und Signale zu finden.“ Quelle: Reuters
Systematica-CEO Braga

„News bestimmen die Märkte und machen es schwieriger, eindeutige Trends und Signale zu finden.“

(Foto: Reuters)

Sie gilt als die mächtigste Hedgefonds-Chefin der Welt und befürchtet schwere Zeiten anbrechen. Für die Brasilianerin Leda Braga stehen Hedgefonds vor einer beispiellosen Konsolidierungswelle.

Die Herrin über neun Milliarden US-Dollar, die sie bei Systematica Investments in Genf verwaltet, sieht Parallelen zum Investmentbanking. In den 90er-Jahren gab es noch viele Investmentbanken. Ein Teil von ihnen ging wie Lehman Brothers pleite. Andere wie Merrill Lynch oder Bear Stearns wurden in letzter Minute von anderen Instituten wie der Bank of America aufgefangen oder aber verloren stark an Gewicht wie die Deutsche Bank. Heute gebe es nur noch acht von Format, stellt die Expertin fest.

Ähnlich entwickele sich die Lage bei Hedgefonds. Bislang entzogen vor allem Großinvestoren wie Pensionsfonds den Spezialvehikeln Milliarden an Geldern, um sie anders anzulegen. Doch das sei nur der Beginn, sagt Braga: „Von den 10.000 Hedgefonds werden nur ein paar Hundert übrig bleiben“, sagt Braga vor.

Sie wird in der Branche auch „Queen of Quants“ genannt, da die Ingenieurin bei Systematica den quantitativen Ansatz mit ihren über 110 Mitarbeitern lebt. Sie sieht auf Algorithmen basierende Hedgefonds auf dem Vormarsch. Das liegt nicht nur daran, dass Menschen in Zeiten von künstlicher Intelligenz (KI) Technik immer häufiger positiv erleben etwa beim eigenen Handy oder dem Fahrdienst Uber.

Für sie, die eigentlich Leda Maria Passos Faria Braga heißt, gibt es einen entscheidenden Vorteil der quantitativen Hedgefonds: „Wir berechnen viel geringere Gebühren als die aktiv von Managern betreuten Hedgefonds, wo Experten ermessensabhängige Entscheidungen treffen.“ Bei einer rein quantitativen, computergesteuerten Anlagestrategie zahlen Investoren nach ihren Worten eine Managementgebühr von 0,7 oder einem Prozent. Bei aktiven Hedgefonds betragen die Gebühren durchaus zwei Prozent Provision für das Management. Dazu kommt eine Erfolgsprovision von 20 Prozent.

Dass aber auch für quantitative Hedgefonds die Zeiten schwer sind, in denen die Notenbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik die Anlagewelt bestimmen, zeigen die Ergebnisse von Systematica. Zwei ihrer Fonds befinden sich im Plus, zwei im Minus.

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Braga, Sie beschäftigen immer mehr Mathematiker und Informatiker. Sind Hedgefonds im Wettbewerb mit großen Technologiekonzernen überhaupt attraktiv genug beim Wettbewerb um die besten Talente?
Ja, die „Cool Kids“, die Absolventen aus den Naturwissenschaften, wollen heute zu uns kommen, weil Algorithmen auf einmal eine hippe Sache sind. Wir haben beispielsweise einen Hackathon in London veranstaltet, und es kamen Bewerber aus der ganzen Welt.

Wie viele schaffen es am Ende?
Der Hackathon ist nur dazu da, mit jungen Talenten in Kontakt zu kommen. Aufgrund von klassischen Bewerbungen bieten wir vielleicht einem von 50 Interessenten eine Stelle an.

Und wie schaffen Sie es, dass die Mitarbeiter zu Ihnen kommen und nicht bei den großen Tech-Konzernen wie Amazon oder aber den Banken anheuern?
Indem wir damit werben, dass wir quasi familiäre Strukturen haben und man bei uns relativ rasch aufsteigen kann. Bei den Großen aus dem Silicon Valley sind die Digi-Kids dagegen nur ein Tropfen im Ozean.

Bewerben sich auch mehr Frauen als früher? Weltweit gibt es nur 50 weibliche Topmanager bei Hedgefonds, das ist sehr wenig angesichts von rund 10.000 solcher Fonds.
Leider nein, da hat sich nichts geändert. Und fragen Sie mich nicht, warum. Ich weiß es einfach nicht. Es bleibt mir ein Rätsel. Dabei ist erwiesen, dass Frauen oftmals die besseren Vermögensverwalter sind. Ich versuche ab und zu, Frauen für diese Aufgaben zu begeistern, aber es bleibt schwierig.

Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und der darauf folgenden Finanzkrise ist auch das Hedgefonds-Geschäft insgesamt schwieriger geworden. Was hat sich für Ihre Branche verändert?
Der regulatorische Aufwand hat unglaublich zugenommen. Das gilt vor allem für die Ausgaben für Rechtsanwälte.

Können sich dann kleinere Hedgefonds das überhaupt noch leisten?
Nein, das ist genau der Punkt. Wir managen neun Milliarden Dollar, da kann man den zusätzlichen Aufwand schultern. Wenn wir doppelt so viel verwalten würden, wäre das noch besser. Aber beispielsweise bei einer Milliarde Dollar geht das heute nicht mehr.

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Was ist die Konsequenz aus dieser Entwicklung?
Wir werden fraglos eine Konsolidierungswelle erleben. Ich sehe Parallelen zum Investmentbanking. In den 90er-Jahren gab es noch viele Investmentbanken, heute gibt es vielleicht noch acht von Format. Übertragen heißt das: Von den 10.000 Hedgefonds werden am Ende nur ein paar Hundert übrig bleiben.

Dazu werden Sie vermutlich auch Ihren eigenen zählen. Warum geben die Anleger überhaupt ihr Geld einem Hedgefonds wie Systematica, der sich an mathematischen Modellen, an Algorithmen orientiert?
Weil die Menschen heute Technik positiv erleben. Denken Sie nur an das Handy oder den Fahrdienst Uber. Aber was vielleicht am Wichtigsten ist: Wir berechnen viel geringere Gebühren als die aktiv von menschlichen Managern betreuten Hedgefonds, wo Experten ermessensabhängige Entscheidungen treffen.

Wo liegen die Gebühren heute?
Das kommt sehr auf den Anlagestil an. Es gibt eine Polarisierung im Markt. Die Kunden wollen entweder eine rein quantitative, computergesteuerte Anlagestrategie, dann zahlen sie nur noch eine Managementgebühr von vielleicht 0,7 oder einem Prozent. Oder aber sie wollen maßgeschneiderte Produkte, dann sind sie willens, 1,5 oder zwei Prozent Managementgebühr und 20 Prozent Erfolgsbeteiligung zu akzeptieren. Alles, was dazwischen liegt, stirbt aus.

Während der Finanzkrise, im Jahr 2008, haben Sie – damals noch bei Michael Platts Hedgefonds Blue Crest – eine Rendite von gut 40 Prozent erzielt. Welche Rendite erreichen Sie heute?
Das Jahr 2008 war ein Sonderfall. Da haben uns die Signale aus den Märkten schon 2007 klar gezeigt, dass es zu einem Crash kommen wird. Deshalb konnten sich die Profis mit Leerverkäufen gegen den Niedergang absichern. Das hat viel mit Psychologie zu tun.

Wie meinen Sie das?
Eigentlich sind die Menschen Optimisten, sie wollen sich in ihrem Unterbewusstsein nicht vorstellen, dass etwas schiefgehen könnte. Deshalb befinden sie sich eher auf der Käuferseite. Wir aber klammern mit unserem quantitativen Ansatz diese Emotionen aus – 2008 profitierten wir deshalb von den Leerverkäufen. Um ein Bild zu bemühen: Es regnete in Strömen, die Sicht war schlecht, aber unser computergesteuertes GPS war intakt und zeigte uns den Weg, deshalb konnten wir weiterfahren.

Was sagt Ihr Navigationssystem zur aktuellen Situation an den Märkten?
Heute ist alles viel schwieriger geworden, weil die Märkte kurzatmig reagieren. Auf jeden Tweet von US-Präsident Donald Trump folgt eine Reaktion. Das ist ungewöhnlich. News bestimmen die Märkte und machen es schwieriger, eindeutige Trends und Signale zu finden.

Also wird 2018 erneut kein gutes Jahr für Hedgefonds?
Es ist ein sehr hartes Jahr für uns. Und es gab Sonderbewegungen – etwa beim Volatilitätsindex für Aktien, Vix genannt, der Kursschwankungen anzeigt, oder der türkischen Lira – was ungewöhnlich und nicht sehr hilfreich war.

Wie sieht es bei Ihren Fonds bisher in diesem Jahr aus?
Zwei Fonds sind im Plus mit sechs und 2,5 Prozent und zwei sind im Minus. Im Mittel erwarten die Investoren heute eine Rendite von fünf bis sechs Prozent.

Alles redet von künstlicher Intelligenz. Wie wird KI Ihre Branche verändern?
Sie verändert sie bereits. Es werden neue Techniken entwickelt, um riesige Datenmengen besser analysieren zu können. NLP, Natural Language Processing, ist ein gutes Beispiel dafür. Wir untersuchen heute schon Publikationen und Geschäftsberichte von Unternehmen mithilfe von NLP nach Schlagwörtern wie Ertrag, die dann noch gewichtet werden. Wenn sie das ohne Computer machen wollten, wäre das ein aussichtsloses Unterfangen. Die Informationsmenge ist einfach zu groß.

Also gewinnen die computergesteuerten, quantitativen und systematischen Hedgefonds an Bedeutung?
Absolut, heute liegt ihr Anteil vielleicht bei 20 Prozent, in zehn Jahren werden es 100 Prozent sein. Die qualitativen Fondsmanager werden integriert, sie werden Teil unserer Strategien.

Sind Kryptowährungen für Sie interessant? Einige Hedgefonds handeln diese virtuellen Währungen wie Bitcoin bereits.
Ja, das tun einige Hedgefonds, aber wir nicht. Wir haben da aufsichtsrechtliche Bedenken, und unsere Kunden wollen das auch nicht sehen.

Frau Braga, vielen Dank für das Interview.

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