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Interview mit Bernd Vorbeck „Depotbanken könnten überflüssig werden“

Das Aufsichtsratsmitglied des Fondsverwahrers Universal Investment spricht im Interview über die Überlebenschancen der Branche, den Einsatz von Robotern und den Einfluss der Blockchain.
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Das 57-Jährige Aufsichtsratsmitglied von Universal Investment erklärt, wie die Blockchain-Technologie die Fondsbranche verändern könnte. Quelle: Universal Investment
Bernd Vorbeck

Das 57-Jährige Aufsichtsratsmitglied von Universal Investment erklärt, wie die Blockchain-Technologie die Fondsbranche verändern könnte.

(Foto: Universal Investment)

Frankfurt Der größte deutsche bankunabhängige Fondsverwahrer Universal Investment sieht schwere Zeiten auf die Branche zukommen. Wachsender Kostendruck, immer mehr Vorschriften und schwindende Margen in Zeiten von Minizinsen prägen das Geschäft.

Bernd Vorbeck, 30 Jahre lang Chef von Universal Investment, der heute im Aufsichtsrat sitzt, sieht auf Dauer nur Fondsservice-Plattformen überleben, „die ein Wertpapiervolumen von mindestens 200 Milliarden Euro verarbeiten“, sagte er dem Handelsblatt.

Sein Haus ist heute schon mehr als doppelt so groß und strebt ein Volumen von 500 Milliarden Euro spätestens im Jahr 2023 an. Aus der Sicht des 57-Jährigen werden sich die heute bis zu acht Großanbieter, die für Investoren Fondsprodukte auflegen, Risikomanagement und Reporting erledigen, langfristig halbieren.

Um den Kostendruck zumindest teilweise aufzufangen, nimmt auch in der Branche des Fondsverwahrers die Industrialisierung zu. Bei Universal Investment arbeiten inzwischen 22 Software-Roboter, die Personal etwa bei der Überprüfung von Buchungen ersetzen.

Außerdem spielt Künstliche Intelligenz (KI) eine wachsende Rolle. Mit Hilfe von KI wird beispielsweise versucht, lange Texte wie Immobilienverträge vor der rechtlichen Bewertung zu überprüfen und zu beurteilen. Ein Einsatz von KI ist für Vorbeck aber auch bei komplexen Verträgen und Transaktionen denkbar.

Auf Dauer wird nach Einschätzung des Aufsichtsratsmitglieds auch die Blockchain etwa beim Vertrieb und der Verwaltung eingesetzt werden, sobald es allgemeine Standards für die Nutzung gibt. Das würde allerdings gleichzeitig „das Geschäftsmodell der Depotbanken, der Wertpapier-Verwahrstellen, unter Umständen in ihrer bisherigen Funktion überflüssig machen“. Kapitalverwaltungsgesellschaften würden aber weiterhin gebraucht, schon allein wegen des Zugangs zu den Anlegern.

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Vorbeck, Sie leben als Verwahrer von Fonds von Größe und Unabhängigkeit. Was sind Ihre stärksten Herausforderungen?
Wie die gesamte Fondsbranche erleben auch wir einen wachsenden Kostendruck – durch immer mehr Vorschriften und durch schwindende Margen.

Wo drückt es am meisten?
Beim Niedrigzins. Der erschwert institutionellen Anlegern wie Pensionskassen, ihre Renditezusagen zu erfüllen. Gleichzeitig lässt der enorme Aufwand durch die Investmentsteuerreform – die übrigens teurer ist als die Euro-Einführung – und die Finanzrichtlinie Mifid II deren Gewinne schrumpfen. Diesen Margendruck geben die Großanleger weiter an uns. Auf Dauer werden nur Fonds-Service-Plattformen überleben, die ein Wertpapiervolumen von mindestens 200 Milliarden Euro verarbeiten.

Es gibt am deutschen Markt acht Großanbieter wie Ihr Haus, die für Investoren alle Fondsprodukte auflegen, Risikomanagement und Reporting erledigen. Wie viele Anbieter werden überleben?
Schwer zu sagen, die Zahl könnte sich langfristig halbieren. In den nächsten fünf Jahren wird etwas passieren. 

Welche Innovationen helfen Ihnen dabei, Kosten zu senken?
Die Industrialisierung nimmt auch in unserem Bereich Fahrt auf. Inzwischen arbeiten 22 Software-Roboter bei uns, die etwa bei Kontrollarbeiten wie der Überprüfung von Buchungen Personal ersetzen. Beim Listenhaken entgeht denen so schnell kein Fehler.

Ist das alles?
Nein. In unserem neuen Standort im polnischen Krakau setzen wir Datenanalysten ein. Und mithilfe von Künstlicher Intelligenz (Ki) versuchen wir zum Beispiel, lange Texte wie Immobilienkaufverträge vor der rechtlichen Bewertung zu überprüfen und zu beurteilen. Ein Einsatz von KI wäre auch bei komplexen Verträgen und Transaktionen vorstellbar. Anpassungen, etwa durch Steueränderungen, in unseren mehr als 14 000 Verträgen rund um Fonds könnten damit deutlich beschleunigt werden.

Setzen Sie Blockchain-Software ein?
Der Vertrieb und die Verwaltung von Fonds über die Blockchain werden kommen. Erste Krypto-Börsengänge gab es bereits bei Anleihen. Viele Regulierer arbeiten daran, dass Wertpapiere für Fonds nicht mehr verbrieft werden müssen, sondern als ein „Token“ über die Blockchain gekauft werden können. Doch für eine Nutzung in der Breite brauchen wir allgemeine Standards.

Welche Regeln sind nötig?
Regulatorische Klarheit ist gefordert, etwa für die Legitimationsprüfung. So passen Anwendungen über Blockchain-Technologie und die europäische Datenschutzverordnung noch nicht zusammen, wenn es beispielsweise um den internationalen Transfer von Daten geht.

Wie bereitet die Branche sich vor?
Fonds gehören zu den am stärksten regulierten Finanzprodukten. Entsprechend bedarf es in dem Bereich einer Einigung auf bestimmte Methoden bei der Abwicklung von Wertpapiertransaktionen. So wurde im April die International Association for Trusted Blockchain Applications (Inatba) gegründet, der über 100 Mitglieder wie auch die Börse in Frankfurt angehören.

Was erhoffen Sie sich vom Blockchain-Verband?
Wir setzen darauf, dass durch Transaktionsbeispiele Klarheit geschaffen und Standards mit breiter Gültigkeit gesetzt werden. Damit soll ein Flickenteppich von Regelungen verhindert werden.

Was heißt das für Depotbanken?
Das würde das Geschäftsmodell der Depotbanken, der Wertpapier-Verwahrstellen, unter Umständen in ihrer bisherigen Funktion überflüssig machen. Es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis wir hier die erste Verwaltungsplattform auf der Basis der Blockchain-Technologie sehen werden.

Und wie steht es dann mit Ihnen, den Fondsverwahrern?
Wir als Kapitalverwaltungsgesellschaft werden weiter gebraucht, sei es wegen der rechtlichen Hüllen oder des Anlegerzugangs. Diese Arbeiten erledigt die Blockchain nicht. 

Apropos Überleben: Steht die Unabhängigkeit Ihres Hauses infrage, wenn Ihr Finanzinvestor Montagu sich 2021 nach fünf Jahren Investment wieder verabschieden sollte, wie das bei Private Equity üblich ist?
Wir haben noch viel vor mithilfe von Montagu und investieren stark in Technik und Mitarbeiter. Es herrscht eine andere Dynamik als früher, die uns sicherlich stärker als jemals zuvor machen wird.

Welche Wachstumsziele haben Sie?
Wir bieten Fondsdienstleistungen für Vermögen im Volumen von 432 Milliarden Euro an, sind Plattform für institutionelle Produkte und Privatanleger-Fonds und arbeiten weltweit mit über 400 Asset-Managern zusammen. In den nächsten Jahren wollen wir weiter zweistellig wachsen mit unserem Angebot an Fondsverwaltung, Risikomanagement und weiteren Dienstleistungen. Unser Ziel sind über 500 Milliarden Euro Kundenvermögen spätestens im Jahr 2023. Dann wären wir der größte Spieler im deutschsprachigen Raum.

Und international?
In fünf Jahren wollen wir die führende Fonds-Service-Plattform in ganz Europa sein. Dann sollen 20 bis 25 Prozent des Umsatzes mit ausländischen Kunden gemacht werden. Es geht vor allem darum, Wertpapier-Fonds in Luxemburg aufzulegen und weltweit vertriebsfähig zu machen. Teilweise werden die Fonds bis nach Südamerika verkauft.

Warum glauben Sie trotz der Konsolidierung in der Fondsbranche, weiter so stark wachsen zu können?
Privatanleger investieren immer mehr in Fonds unabhängiger Vermögensverwalter, die auf Plattformen wie unsere setzen. Zudem wächst der Markt für Spezialfonds für Großinvestoren weiter. In den vergangenen Jahren sind in deutsche Spezialfonds jährlich rund 100 Milliarden Euro neues Kapital geflossen. Dieses Geld konzentriert sich immer stärker bei großen Fondsadministratoren, mittelgroße Anbieter verlieren.

Was treibt die Konzentration an?
Das Geschäft wird immer aufwendiger. Ein Beispiel ist der Trend hin zu mehr alternativen Anlagen. Eine Immobilientransaktion hat gern 800 Seiten Dokumentation. Auch die Bewertung von Infrastrukturanlagen, Solarparks, Private-Equity-Investments und Kreditfonds sind recht aufwendig. Da müssen die Regulierung der Fondshülle, des Anlageobjekts und des Investors passend zusammengebracht werden. Auch dort setzen wir verstärkt digitale Techniken ein.

Was bringt Ihnen das ein?
Eine etwas höhere Marge, aber keine Vervielfachung.

Wie legen Ihre Kunden zurzeit an?
Wir haben insgesamt 306 Milliarden Euro an Investments von Großanlegern in Deutschland analysiert. Dabei fällt auf, dass Immobilien und andere reale Assets deutlich gewachsen sind. Seit Anfang 2012 hat sich deren Anteil von ursprünglich einem Prozent versechzehnfacht. Aktien kommen auf knapp ein Drittel, ein Plus von rund der Hälfte gegenüber Anfang 2012. Anleihen erreichen immer noch 44,2 Prozent, auch wenn der Anteil um ein Fünftel gefallen ist.

Wie verhalten sich die Großanleger bei alternativen Investments?
Innerhalb von acht Jahren hat sich das Volumen von rund drei auf heute über 36 Milliarden Euro verzwölffacht. Dominierten anfangs noch Immobilien die Anlageklasse, so herrscht heute vor allem Private Equity mit einem Anteil von 44 Prozent vor, gefolgt von Private Debt.
Herr Vorbeck, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Sinkende Gebühren und schwache Erträge belasten die Vermögensverwalter. Um gegen Indexfonds an der Börse bestehen zu können, bleibt nur ein Ausweg.

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