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Nachhaltige Geldanlage

Amundi-Co-Chef Frederic Samama im Interview „Millenials haben mehr Angst vor Klimawandel als vor Krieg“

Der Co-Chef des Fondshauses Amundi glaubt, dass nachhaltiges Investment bald zum Normalfall wird. Schon jetzt dächten viele Anleger ökologisch um.
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Frederic Samama ist von nachhaltigem Investieren überzeugt. Quelle: Bloomberg
Frederic Samama

Frederic Samama ist von nachhaltigem Investieren überzeugt.

(Foto: Bloomberg)

FrankfurtFrédéric Samama ist ein Überzeugungstäter. Bei einer internationalen Konferenz liest der Franzose, der unter den Kapitalmarktprofis zu den Kämpfern der ersten Stunde gegen den Klimawandel zählt, den Deutschen die Leviten: Zögerlich seien die Nachbarn beim nachhaltigen Investieren, während seine Landsleute zu den Vorreitern gehörten. Doch bald werde es sich kaum einer mehr erlauben können, darüber hinwegzugehen, mahnt der Experte des Fondsriesen Amundi.

Herr Samama, wird über den Klimawandel vor allem geredet, aber letztlich doch wenig getan?
Nein, in den vergangenen Jahren ist sehr viel passiert. Auch weil die Politik darauf drängt, die CO2-Emissionen zu reduzieren. Dass China dieses Thema anpackt, ist der Schlüssel für erhebliche Verbesserungen. Es macht deutlich, dass die Welt heute Nachhaltigkeit ernst nimmt, und das gilt auch für die Investoren. Umfragen unter der sogenannten Millennium-Generation zeigten, dass sich junge Menschen mehr vor dem Klimawandel fürchten als vor Krieg.

Und warum nehmen sich die Anleger nun des Themas an?
Die Investoren haben verstanden, dass der Klimawandel den Wert ihrer Anlagen bedroht. Sie müssen dieses Risiko einkalkulieren. Außerdem gibt es vermehrt Finanzprodukte, die den Klimawandel berücksichtigen.

Zum Beispiel?
Einmal sind da die Green Bonds. Sie sammeln Kapital zur Finanzierung von nachhaltigen Projekten im Umwelt- und Klimaschutz ein. Ein weiteres Beispiel sind sogenannte Low-Carbon-Indizes. Sie reduzieren Klimarisiken, ohne dass Anleger maßgeblich von den herkömmlichen Indizes abweichen müssten. In einigen Ländern wie Frankreich, Japan und den USA ziehen die Politik und die Großanleger hierbei an einem Strang.

Was passiert dort konkret?
Die Politiker haben erkannt, dass sie mehr bewegen können, wenn sie die Investoren von Nachhaltigkeit überzeugen. In einigen Ländern wurden konkrete Regeln dafür aufgestellt. In Frankreich etwa müssen Investoren wie Pensionsfonds und Stiftungen per Gesetz auflisten, wie der Klimawandel ihre Geldanlage beeinflusst. Das zwingt zum Umdenken.

Benötigt die Welt in allen Staaten Gesetze, um die Nachhaltigkeit voranzutreiben?
Vor drei Jahren hätte ich dem noch voll zugestimmt. Heute bin ich vorsichtig. Kapitalverwalter wie der weltgrößte Pensionsfonds aus Japan, GPIF, oder der kalifornische Lehrerpensionsfonds Calstrs haben den Klimawandel in ihren Anlagerichtlinien aufgenommen, ohne dass ein Gesetz dies erzwungen hätte. Aus ihrer Sicht haben die Märkte die Risiken nicht richtig in die Wertpapierkurse eingerechnet.

Aber das sind doch nur einzelne Beispiele.
Sie können sicher sein, dass der Markt hinterherläuft, wenn GPIF oder Calstrs sich bewegen.

Wenn Sie in Sachen Nachhaltigkeit eine Bestandsaufnahme machen müssten: Wo stehen wir derzeit?
Wir befinden uns auf dem Weg in Richtung nachhaltiger Regeln, die gültig für die Allgemeinheit sind. Aber wir könnten noch deutlich schneller vorankommen.

Was ist dazu notwendig?
Wir brauchen Gesetze, Verordnungen oder Empfehlungen. Der Gesetzgeber könnte beispielsweise die Großanleger fragen, wie sie mit den Klimarisiken in ihrer Investmentpolitik umgehen. Das war vor drei Jahren der französische Weg, der sich als sehr effektiv erwiesen hat. Dank des Gesetzes, das der damalige Staatspräsident François Hollande direkt im Anschluss an die Pariser Klimakonferenz ins Leben gerufen hat, waren die Franzosen hier Vorreiter.

Schnelle Fortschritte wird es beim Klimawandel also doch nur mithilfe des Gesetzgebers geben?
Er kann Veränderungen beschleunigen, aber nicht erzwingen.

Warum nicht?
Sie können von den Anlegern fordern, dass sie klimafreundlich investieren müssen, um unseren Planeten zu retten. Doch wirklich revolutioniert wurde die Investmentpolitik erst durch die Diskussion über die Risiken des Klimawandels für die Unternehmen. Viele Anleger erwarten in fünf bis zehn Jahren eine veränderte Welt, was sich noch nicht in den Marktpreisen widerspiegelt.

Am Ende kann es so weit gehen, dass Fondsmanager mit Klagen überzogen werden, wenn sie nicht frühzeitig reagieren. Davor hat Mark Carney, der Gouverneur der britischen Notenbank, bereits gewarnt.

Wann haben Investmentmanager erstmals ihre Haltung geändert?
Der staatliche schwedische Pensionsfonds AP4 hat uns 2011 beauftragt, Klimaaspekte bei der Anlagepolitik zu berücksichtigen. In der Folge haben wir für einen weiteren französischen Pensionsfonds den ersten Standardindex entwickelt, der Klimarisiken berücksichtigt.

Gleichzeitig wurde mit der Portfolio Decarbonization Coalition eine Koalition der Willigen unter dem Dach der Vereinten Nationen gestartet. Diese Gruppe umfasst heute 32 Mitglieder, die für ein Vermögen von 3,6 Billionen Dollar stehen.

Wer gehört zu den Mitgliedern dieser Initiative?
Öffentliche und private Pensionsfonds sowie Versicherungen. Dabei sind beispielsweise der Pensionsfonds des US-Bundesstaates New York, der Pensionsfonds von Unilever und die deutsche Allianz.

Wie nachhaltig ist denn die Anlagepolitik von Amundi?
Regeln für nachhaltiges Investieren sind für uns Teil unserer Anlage-DNA. Erst kürzlich haben wir im Auftrag der Weltbank-Tochter IFC über zwei Milliarden Dollar in Green Bonds von Finanzinstituten aus Schwellenländern angelegt. Das ist rund das Sechsfache des bisher größten Fonds für grüne Anleihen.

Trügt der Eindruck, dass es bei grünen Anleihen deutlich mehr Nachfrage als Angebot gibt?
Nein, das ist richtig.

Warum kommt dieses große Engagement so plötzlich?
Die Meinungsführer aus Politik und Wirtschaft sehen Klimarisiken heute als die größte Gefahr. Wenn wir nichts tun, wird die Temperatur auf Dauer um über vier Grad Celsius ansteigen. Die ersten Auswirkungen haben wir gerade mit der Sommer-Hitzewelle in Europa gespürt. Deswegen muss der Ausstoß von Kohlendioxid bis 2050 auf nahezu null gebracht werden. Eine große Aufgabe, die China mit seinen Projekten für niedrigere CO2-Emissionen einschließt. Das betrifft auch die Verbraucher, denken Sie an Autos.

Spiegelt sich diese Gefahr bereits in den Aktienkursen wider?
Heute investieren immer mehr Anleger in börsennotierte Indexfonds, die CO2-Risiken deutlich reduzieren. Wir durchsuchen beispielsweise gängige Indizes wie die von MSCI oder Standard & Poor’s, um dort Unternehmen herauszunehmen, die für die höchsten Emissionen stehen. Diese werden ersetzt durch andere Firmen der Branche, seien es Versorger oder Ölkonzerne, die sich besser auf eine CO2-arme Wirtschaftsweise einrichten. Dadurch bleibt die Branchenzusammensetzung in den Indizes am Ende gleich.

Und was hat der Anleger davon?
Anleger können sogar eine bessere Wertentwicklung durch den Austausch der größten Umweltverschmutzer unter den Konzernen erwarten, wenn deren Kurse unter Druck geraten. Und das kann schnell gehen.

Gibt es Zahlen dazu?
Ja. Allein im Jahr 2014 haben wir etwa 1,2 Milliarden Euro nach diesen Anlagemaßstäben investiert und dabei eine Überrendite von 0,5 Prozentpunkten gegenüber Indizes mit herkömmlicher Zusammensetzung erzielt, etwa gegenüber dem MSCI Europe‧. Das heißt, indem wir künftige Risiken berücksichtigen, erzielen Anleger bereits heute eine höhere Rendite.

Sind die Investoren international umweltbewusster als in Deutschland?
Die Bewegung startete vor rund fünf Jahren in Europa und hat sich von hier über den gesamten Planeten verbreitet.

Aber was ist mit Deutschland?
Es geht auch dort los.

Wie lautet die weniger diplomatische Antwort?
Deutsche Investoren verhalten sich noch ein wenig zögerlich. Warum, das ist schwer zu sagen.

Wie lange wird es dauern, bis sich die Investments in grüne Anlagen verdoppeln?
Es braucht lange, bis sich ein Trend durchsetzt. Danach geht es schnell. Eine Verdoppelung der Investitionen innerhalb von zwei Jahren erscheint mir realistisch.

Wer führt die Veränderungen beim Klimawandel an?
Eindeutig China. Der Klimawandel ist ein Topthema von Staatspräsident Xi Jinping. Zudem hat China den weltweit größten Mechanismus zur CO2-Reduktion implementiert – in Form eines Emissionshandelssystems.

Wie lange wird es dauern, bis der größte Teil des Kapitals weltweit nachhaltig angelegt wird?
Das wird schneller gehen, als wir uns alle vorstellen. Ich rechne mit höchstens zehn Jahren, dann ist es so weit.

Herr Samama, vielen Dank für das Interview.

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