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Nachhaltige Geldanlage

CFA Institute zu nachhaltigen Investments: Weg von den Lippenbekenntnissen!

Der Präsident der Finanzanalysten-Vereinigung will einen radikalen Wandel. Paul Smith glaubt, dass die Kunden von morgen die Welt verbessern wollen.
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Trotz der wachsenden Bedeutung nachhaltiger Investments mangelt es noch an Transparenz und einheitlichen Maßstäben. Quelle: picture alliance / blickwinkel/H
Eisbär auf Scholle

Trotz der wachsenden Bedeutung nachhaltiger Investments mangelt es noch an Transparenz und einheitlichen Maßstäben.

(Foto: picture alliance / blickwinkel/H)

FrankfurtAuf dem Weltklimagipfel in dieser Woche fehlt es nicht an eindringlichen Appellen. Für viele Länder sei es „eine Frage von Leben und Tod“, ob die Klimaziele des Pariser Abkommens aus dem Jahr 2015 eingehalten werden, sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres.

In Paris war das Ziel verankert worden, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu halten. Tatsächlich hat aber der Treibhausgasausstoß 2017 erneut einen Rekord erreicht. Deshalb wächst die Ungeduld: „Wenn wir versagen, werden die Arktis schmelzen, die Korallen verschwinden und die Kosten für Naturkatastrophen explodieren“, warnte Guterres.

Auch in der Finanzbranche werden die Stimmen lauter, die statt Lippenbekenntnissen einen echten Sinneswandel und Neuanfang fordern. Paul Smith gehört dazu, der mächtige Chef des CFA Institute, fordert einen völlig neuen Umgang mit dem Thema ESG. Das Kürzel steht für Investments, die Umweltschutz (Environmental), Soziales (Social) und die gute Unternehmensführung (Corporate Governance) berücksichtigen.

„Die Asset-Manager schauen auf das Thema ESG nur unter Risikogesichtspunkten“, beklagt Smith, dessen Organisation ein Sprachrohr ist für rund 165.000 Portfoliomanager, Finanzberater und Analysten. Die Geld- und Vermögensverwalter fragten sich permanent, was sie beachten sollten, damit sie keiner angreifen kann.

„Das ist aber keine positive Einstellung, keine aktive Strategie. ESG zu berücksichtigen heißt für mich, dass man mit den Investments in den kommenden 30 Jahren etwas Positives bewirken will“, fügt Smith im Gespräch mit dem Handelsblatt hinzu. Die Manager bei den Anlagegesellschaften hätten aus den Augen verloren, worin eigentlich ihre Aufgabe bestehe, nämlich in der Finanzierung zukünftiger Chancen und Innovationen. Sie schauten nur zurück und analysierten historische Daten, anstatt Geld für die Aufgaben und Geschäftsmodelle von morgen zu verteilen.

„Ich bin dafür, dass man die ESG-Kriterien in ihre Bestandteile zerlegt, um Greenwashing zu vermeiden. Viele Anlageprodukte schauen nämlich nur auf das Governance-Thema, also die gute Unternehmensführung, weil das am offensichtlichsten zum wirtschaftlichen Erfolg beiträgt“, sagt der 59-jährige Manager des CFA Institute, das weltweit Finanzanalysten zu Chartered Financial Analysts (CFA) ausbildet und zertifiziert. Soziale Aspekte oder Umweltthemen würden oft nur als Lippenbekenntnisse erwähnt, ohne dass man wirklich etwas bewirken wolle. Besser wäre es aus seiner Sicht, wenn man die drei ESG-Komponenten separieren und auch die erzielten Fortschritte bei allen drei Themen dann separat dokumentieren müsste.

Wachsender Markt für Nachhaltigkeit

Da weltweit gültige und verbindliche Kriterien fehlen, gibt es nur relativ grobe Schätzungen für Anlageprodukte, die ESG-Kriterien berücksichtigen. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz wird das Marktvolumen vom Forum Nachhaltige Geldanlagen für das Thema „verantwortliches Investieren“ auf 2,7 Billionen Euro für das Jahr 2017 veranschlagt, 2014 waren es erst 875 Milliarden. In dieser Definition sind ESG-Kriterien für das gesamte Vermögen einer Anlagegesellschaft festgelegt.

Bei der nachhaltigen Geldanlage sind die ESG-Kriterien dagegen beispielsweise in den Produktdokumenten explizit für einzelne Fonds oder andere Finanzinstrumente festgelegt. In dieser engeren Definition betrug das Marktvolumen 2017 im deutschsprachigen Raum 281 Milliarden Euro.

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Die Nachfrage nach solchen Produkten nimmt auch deshalb zu, weil Renditevorteile winken. Insbesondere bei einem langen Anlagehorizont schnitten nachhaltige Strategien oftmals besser ab als konventionelle Ansätze, da Risiken vermieden würden, meint Michael Busack, geschäftsführender Gesellschafter bei Absolut Research.

Trotz der wachsenden Bedeutung mangelt es noch an Transparenz und einheitlichen Maßstäben. „Die Herausforderungen liegen natürlich auch im Mangel an klaren Definitionen, welche Ziele die ESG-Kriterien erreichen sollen“, gibt Smith zu. Er glaubt aber auch, dass viele Marktteilnehmer das als Entschuldigung nutzten, um sich mit dem Thema nur oberflächlich zu beschäftigen. Außerdem kann noch viel Zeit ins Land gehen, bis international gültige Maßstäbe vorliegen.

„Es gibt zwar eine Tendenz zur Festlegung von Normen durch das Sustainability Accounting Standards Board (SASB) und die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs), es wird aber wahrscheinlich noch Jahre dauern, bis diese vollständig entwickelt sind“, sagt Anthony Eames, Vice President und Director of Responsible Investment Strategy bei Eaton Vance Management.

Besonders stark in den Fokus rückt immer mehr die Wirkung – englisch „impact“ – von Kapitalanlagen. Diese kann auf unterschiedliche Art und Weise gemessen werden. Heute gängig seien die Messung der CO2-Bilanz, des Wasserverbrauchs und sozialer Faktoren wie der Anzahl der Menschen, die durch die Unternehmensaktivität Zugang zu Finanz- oder Gesundheitsdienstleistungen erhalten, heißt es in einer Analyse von N.N. Investment Partners.

Relativ neu sind die Bemühungen, private und staatliche Finanzmittel zu bündeln, um mit ihnen ESG-Ziele zu erreichen. „Unter dem Begriff ‚Blended Finance‘ geht es um Fonds, in die staatliche Stellen und private Geldgeber investieren, mit dem Ziel, eine soziale und beziehungsweise oder ökonomische Wirkung zu erzielen. Dahinter steckt die Idee, dass man mit Geldern aus staatlichen Töpfen zusätzliche private Mittel mobilisieren kann“, sagt Maria Teresa Zappia, CIO beim Vermögensverwalter Blue Orchard.

Die Investments könnten beispielsweise Frauen- oder Klimaprojekte in Afrika oder Mikrofinanzdarlehen in Asien sein. Bisher hätten Blended-Finance-Instrumente mehr als 100 Milliarden US-Dollar mobilisieren können. Die Investoren schätzten die weitgehend stabilen Erträge und die vergleichsweise geringe Korrelation der Anlagen mit den öffentlichen Kapitalmärkten, ergänzt Zappia.

Die Warnungen von CFA-Chef Smith bezüglich der geringen Fortschritte bei ESG-Investments muss man auch vor dem Hintergrund wachsender Ängste vor verbindlichen Vorgaben sehen. Ähnlich wie die Autobranche hat die Finanzindustrie Bedenken, es könne hier zu mehr Vorschriften kommen. Eine regulatorische Vorgabe, dass institutionelle Investoren ESG-Faktoren bei der Anlageauswahl berücksichtigen müssen, lehnen 66 Prozent der befragten CFA-Mitglieder ab.

Smith glaubt aber trotzdem, dass die Finanzbranche eine gesunde Mischung aus Regulierung und Markt braucht, um beim ESG-Thema weiterzukommen. Ganz ohne staatliche oder supranationale Vorschriften werde man nicht auskommen. In den CFA-Programmen ist das Thema ESG seit 2017 Bestandteil des Lehrstoffs und der Prüfungen.

Nachfrage verändert sich

In Europa treibt die EU-Kommission mit ihrer Expertengruppe für nachhaltige Finanzen das Thema voran. Kernstück ist ein EU-weites Klassifizierungssystem – die sogenannte Taxonomie – zur Feststellung, ob eine wirtschaftliche Aktivität auch ökologisch nachhaltig ist. Außerdem geht es auch um Richtwerte für klimafreundliche (low carbon) Anlagestrategien.

Die Expertengruppe plant für 2019 mehrere Konsultationen, unter anderem einen Test, wie die Taxonomie in der Praxis funktionieren kann. Laut einer CFA-Umfrage vom Oktober dieses Jahres halten es 85 Prozent der Investment-Profis für angebracht, dass ESG-Faktoren bei der Anlageauswahl berücksichtig werden, aber viel weniger sind für verpflichtende Regelungen seitens der EU.

Die EU-Kommission wird beim ESG-Thema zukünftig mehr Druck machen, weil beispielsweise die Klimaschäden unübersehbar geworden sind. Allerdings setzt CFA-Chef Smith stark auf den Markt als Regulierer. Er glaubt, dass die wesentlichen Anstöße für ethisches und soziales Investieren in Zukunft von der Kundenseite kommen werden. Die Investmentbranche werde dabei zukünftig vollkommen neu geordnet werden.

Gewinner seien diejenigen Geldmanager, die sich auf die Bedürfnisse der Millennials und einen höheren Frauenanteil unter den Investoren einstellen könnten. „Diese Kunden hinterfragen verstärkt die Sinnhaftigkeit und die Werte beim Anlegen. Die Frage ‚An was glauben Sie bei Ihren Investments?‘ wird man beantworten müssen“, ist sich der Lobbyist sicher.

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