Aktie unter der Lupe Trotz Wachstumsversprechen – Analysten warten bei Sanofi auf die Wende

Nach Jahren der Stagnation will der französische Pharmakonzern Sanofi wieder stärker wachsen. Analysten bleiben skeptisch.
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Der Pharmakonzern hat in der Vergangenheit wichtige Entwicklungen verpasst. Quelle: AFP
Sanofi

Der Pharmakonzern hat in der Vergangenheit wichtige Entwicklungen verpasst.

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FrankfurtDer französische Pharmakonzern Sanofi machte seinen Aktionären in den vergangenen Jahren keine große Freude. Abgesehen von einer relativ ordentlichen Dividende hatten die Papiere des Unternehmens nicht allzu viel zu bieten.

Zwar hat sich der Kurs gegenüber seinem Tiefstand vom Februar inzwischen wieder knapp ein Fünftel auf rund 75 Euro erholt. Aber auch auf diesem Niveau notiert die Aktie noch um rund ein Viertel unter ihrem Allzeithoch vom Sommer 2015. Sowohl über einen Fünf- als auch über einen Zehnjahreszeitraum gehört die Sanofi-Aktie zu den schwächsten Titeln im Pharmasektor.

Die spannende Frage aus Anlegersicht lautet insofern: Ist die Kurserholung der vergangenen Monate Start eines längerfristigen Aufwärtstrends bei der aktuellen Nummer sechs der Branche oder nicht?

Die Halbjahreszahlen, die Firmenchef Olivier Brandicourt am Dienstag präsentierte, waren nicht geeignet, ein Zeichen des Aufbruchs zu erkennen. Zwar hob er die Gewinnprognose für 2018 leicht an. Die effektiven Zahlen dagegen wirkten eher bescheiden. Mit sieben Prozent Umsatzrückgang und 30 Prozent minus beim operativen Gewinn hat Sanofi die Markterwartungen leicht und die Vorjahreswerte deutlich verfehlt.

Klammert man Währungs- und Akquisitionseffekte aus, sind die Erlöse um gut zwei Prozent gesunken. Der bereinigte Betriebsgewinn ist um 13 Prozent geschrumpft.

Versäumnisse der Vergangenheit bremsen bis heute

Unter den Big-Pharma-Konzernen, die im ersten Halbjahr real um etwa vier Prozent gewachsen sind, gehören die Franzosen damit auch operativ zu den schwächeren Unternehmen. In den jüngsten Zahlen spiegeln sich letztlich die längerfristigen Schwächen des Pariser Pharmariesen.

Brandicourt, der seit drei Jahren Chef in Paris ist, hat inzwischen zwar den Umbau des Konzerns vorangetrieben und Sanofi mit dem Verkauf der Tierarznei-Tochter Merial und des Generikageschäft wieder stärker auf innovative sowie freiverkäufliche Medikamente fokussiert.

Mit den Übernahmen der Biotechfirmen Bioverativ und Ablynx für zusammen mehr als 12 Milliarden Euro verbreiterte er jüngst unter anderem zudem das Produktsortiment. Ob das ausreicht für einen größeren Wachstumsschub, bleibt indessen vorerst offen.

Denn nach wie vor wird der Konzern von Rückschlägen und Versäumnissen der Vergangenheit gebremst: Bei Krebsmitteln versäumte Sanofi sowohl den Schwenk in Richtung zielgerichteter Wirkstoffe als auch den Aufstieg der Krebsimmuntherapie. Im noch wichtigeren Diabetesgeschäft verpassten die Franzosen die Möglichkeiten einer Reihe neuer Wirkstoffklassen.

Gleichzeitig haben sie die Widerstandskraft ihres umfangreichen Insulin-Geschäfts überschätzt. Das Top-Produkt Lantus, ein verzögert wirkendes Insulin, ist ab 2014 zunächst in Europa und inzwischen auch in den USA unter starken Konkurrenzdruck durch sogenannte Biosimilars geraten. Der Umsatz ist in den vergangenen drei Jahren um fast 40 Prozent geschrumpft, und im ersten Halbjahr 2018 um weitere 25 Prozent gesunken.

Enttäuschende Neuentwicklungen

In der Forschung verbuchte Sanofi in den vergangenen Jahren zwar auch Erfolge, aber mehrere dieser Neuentwicklungen enttäuschten kommerziell. Dazu zählt etwa der neuartige Cholesterinsenker Praluent und auch das als Lantus-Nachfolger gedachte Diabetesmittel Toujeo. Der mit einigen Hoffnungen befrachtete Dengue-Impfstoff Dengvaxia erwies sich sogar als kompletter Fehlschlag, nachdem sich herausstellte, dass er bei einem Teil der Geimpften mehr Schaden als Nutzen anrichtete.

Immerhin zeichnet sich inzwischen ab, dass das Schlimmste im Diabetesgeschäft überstanden ist und die Umsatzverluste bei Altprodukten nachlassen. Der Konzern hat insofern gute Chancen, im zweiten Halbjahr 2018 – wie von Brandicourt angekündigt – wieder auf einen Wachstumskurs zurückzukehren.

Allein zwei bis drei Prozentpunkte mehr Umsatz dürfte das Geschäft mit Bluter-Medikamenten bringen, das man zusammen mit der US-Biotechfirma Bioverativ erworben hat. Die Firma wird seit März in die Zahlen einbezogen.

Wichtigster Hoffnungsträger ist das Neurodermitis-Medikament Dupixent, dessen Umsatz sich im ersten Halbjahr auf knapp 300 Millionen Euro verzehnfachte. Geplant ist, das Mittel auch für die Behandlung weiterer Autoimmun-Krankheiten durch die Zulassung zu bringen. Die Perspektiven für Praluent sollen ebenso durch neue Studiendaten verbessert werden. Das Sortiment bei seltenen Krankheiten wird wohl durch die erste Zulassung für ein Mittel aus der Forschung von Ablynx erweitert werden.

Zudem dürften im Geschäft mit frei verkäuflichen Arzneien die Synergien aus der Integration der 2017 erworbenen Selbstmedikationssparte von Boehringer Ingelheim stärker durchschlagen. Ob das alles ausreicht, dem französischen Pharmakonzern dauerhaft mehr Schwung zu verleihen, bleibt aber unsicher. Die Wachstumsstrategie ist mit einigen Risiken behaftet.

Konkurrenz steht bereit

Die Preisdebatte in den USA etwa könnte das Diabetesgeschäft weiter unter Druck setzen. Die neuen Bluter-Medikamente dürften unter Konkurrenzdruck durch die Neuentwicklung Hemlibra von Roche geraten. Der Hoffnungsträger Dupixent hat aktuell zwar eine Alleinstellung. Aber auch hier lauert die Konkurrenz.

Das Zutrauen der meisten Bankanalysten zur Sanofi-Aktie hält sich vor diesem Hintergrund bisher noch in Grenzen. Seit Mitte 2017 mussten sie ihre Gewinnschätzungen schrittweise nach unten korrigieren, von gut sechs Euro je Aktie auf knapp 5,50 Euro. Dieser Abwärtstrend bei den Schätzungen ist inzwischen gestoppt. Aber es fehlt bisher offenbar an Mut, die Prognosen nun wieder nach oben zu schieben.

„Abgesehen vom Akquisitionseffekt ist letztlich wenig Wachstum bei Sanofi zu finden“, argumentiert etwa Julie Mead von HSBC, die eher zu den Skeptikern zählt und eine Halte-Empfehlung auf der Aktie hat. Etwas positiver äußern sich Peter Verdult und Andrew Baum von Citi Research. Auf Basis des verbesserten Ausblicks für das zweite Halbjahr könne der Kurs weiter steigen.

Insgesamt 14 von 27 Analysten, die Bloomberg erfasst, haben derzeit ein Kaufempfehlung, nur einer empfiehlt den Verkauf. Der durchschnittliche Zielkurs der Analysten hat sich seit Vorlage der Halbjahreszahlen indessen nur leicht auf 80,60 Euro erhöht. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass die Bewertung inzwischen nicht mehr ganz so niedrig ist wie noch zu Jahresbeginn.

Die Sanofi-Aktie wird aktuell mit knapp dem 14-Fachen des erwarteten bereinigten Gewinns bewertet, und damit auf ähnlichem Niveau wie etwa Pfizer oder Roche. Um deutlich darüber hinaus zu gelangen, muss der Konzern wieder Vertrauen zurückgewinnen. Dazu wird Brandicourt erst einmal zeigen müssen, dass die neuen Produkte aus der Forschung und die jüngsten Zukäufe ihr Potenzial wirklich zeigen.

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