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Aktienanalysen Das Aktienresearch-Angebot schrumpft wegen EU-Vorgaben

Das Angebot an Aktienresearch für kleinere Unternehmen schrumpft infolge neuer EU-Regeln zur Bezahlung zusammen. Die Bundesregierung ist alarmiert.
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Gerade für kleine Unternehmen gibt es immer weniger Analysen. Quelle: imago/Ikon Images
Aktienanalysen

Gerade für kleine Unternehmen gibt es immer weniger Analysen.

(Foto: imago/Ikon Images)

Frankfurt, LondonPierre Drach sah sich als Gewinner der Finanzkrise. Die großen Banken mussten sparen und lagerten daher gern Aktienanalysen an seine Firma Independent Research aus, die sie dann weiter unter eigenem Namen herausgaben. Zudem erstellte Drach Analysen im Auftrag kleiner Aktiengesellschaften.

So stieß er in eine Lücke, die ab 2008 vor allem beim Research für kleinere Firmen entstanden war. Und Drach war nicht der einzige Aktienanalyst, der die Gunst der Stunde nutzte.

Doch jetzt geraten solche Geschäftsmodelle unter Druck. Neue Vorschriften, der Trend zu passiver Anlage und der Aufbau eigener Datenanalysen bei großen Investoren führen dazu, dass der Bedarf an Aktienanalysen sinkt. Mit bedenklichen Folgen: Finanzexperten fürchten, dass vor allem kleine Firmen am Kapitalmarkt links liegen gelassen werden, sodass gute Informationen über sie fehlen. Damit könnten die Firmen Gefahr laufen, sich schwerer über den Markt refinanzieren zu können.

„Die Regeln nach Mifid II haben zu schmerzhaften Veränderungen im Markt geführt, die auch Geschäftsmodelle infrage stellen“, sagt Hans-Walter Peters, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken.

Die neuen europäischen Regeln, die mehr Transparenz schaffen sollen, führten in eine Richtung, „die am Ende auf Kosten der Anleger geht“, befürchtet Ebrahim Attarzadeh, Vorstand bei der Mainfirst Bank.

Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken kritisiert die Folgen der EU-Richtlinie Mifid II. Quelle: dpa
Hans-Walter Peters

Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken kritisiert die Folgen der EU-Richtlinie Mifid II.

(Foto: dpa)

Seit Anfang 2018 schreibt die EU in der Richtlinie Mifid II vor, dass Investoren direkt für Aktienresearch bezahlen müssen, während das Geld früher indirekt über Handelsaufträge floss. Das hat dazu geführt, dass Investoren genau überlegen, bei welchem Aktienbroker sie Research kaufen, sich von Analysten beraten und Kontakt zu Firmenmanagern organisieren lassen.

„Viele Investoren lesen nun erst einmal die Analysen, bevor sie weitere Leistungen dazukaufen“, sagt David Enticknap, Leiter der Firma Extel, die über die wichtigste internationale Umfrage unter Brokern, Fondsmanagern und Finanzexperten in Firmen die Qualität von Wertpapierhäusern und Fondsanbietern misst.

Die Branche wird durchgeschüttelt

Transparenz ist offenbar schlecht fürs Geschäft: Die Ausgaben für Aktienresearch gehen seither deutlich zurück. Große Vermögensverwalter haben ihre Brokerlisten von ursprünglich 30 Anbietern um 50 bis 70 Prozent zusammengestrichen, wie Ralf Frank, Geschäftsführer der deutschen Analystenvereinigung DVFA, erzählt.

Größere Häuser mit mehr als 250 Milliarden Euro Kundenvermögen haben ihre Budgets laut der Finanzexpertenvereinigung CFA Institute um rund ein Zehntel gekürzt. Und dies, nachdem bereits seit der Finanzkrise die Ausgaben für Aktienresearch weltweit knapp 60 Prozent geschrumpft sind, weil der Aktienhandel 2008 massiv eingebrochen war, wie die Beratungsfirma Frost und das Fondshaus Fidelity feststellen.

Drach stoppt jetzt nach eigener Aussage das Research für kleine Firmen und will sich auf die Analyse großer Firmen konzentrieren. Und er ist nicht der Einzige. Es kommt zu Zusammenschlüssen von Anbietern, aber vor allem zu weniger Analysen über kleine Unternehmen.

Am deutschen Markt ist die Zahl der Finanzanalysten seit der Jahrtausendwende bereits um gut ein Drittel geschrumpft, Aktienanalysten gibt es noch knapp 260, wie die DVFA feststellt. „Die Konsolidierung wird in ganz Europa weitergehen“, sagt Enticknap von Extel. Von 2018 an könnte die Zahl der Analysten binnen fünf Jahren in Deutschland um weitere 30 Prozent zurückgehen, meint Frank von der DVFA.

Die Branche wird durchgeschüttelt: Equinet wurde von der norwegischen Investmentbank Pareto Securities übernommen, die in Deutschland ein Drittel der Analysten streicht. Berenberg hat 2018 18 Prozent der Analysten abgebaut, die Baader Bank seit 2017 gut ein Fünftel.

Mainfirst wurde von der US-Bank Stifel übernommen, hat seinerseits das europäische Aktiengeschäft von Raymond James gekauft und Analysten hinzugewonnen. Oddo BHF arbeitet mit Natixis zusammen. Einige Banken wie die Commerzbank beteuern immerhin, ihre Analyseabteilung stabil zu halten. Große Broker und Länderspezialisten dürften weiter punkten, meint Enticknap (siehe nebenstehender Artikel).

Finanzexperten schlagen Alarm. Sie warnen: Die Vielfalt und Qualität des Aktienresearchs in Europa leidet, Anleger werden am Ende zu wenig Informationen bekommen. Mittelständischen Unternehmen drohen daher Probleme bei der Refinanzierung über den Kapitalmarkt. „Kunden beziehen heute von weniger Anbietern als früher Finanzanalysen“, sagt Peters.

Und das kann nach Ansicht von Steven Fine, Chef des Londoner Brokers Peel Hunt, dazu führen, dass „Spezialisten Generalisten werden und Generalisten zu viele Unternehmen abdecken“. Ihr Wissen über die einzelnen Firmen werde zurückgehen, die Qualität des Researchs werde schlechter, warnt er.

Viele Analysten konzentrierten sich zunehmend auf große Firmen, moniert Peters – mit der Folge, dass über kleinere und mittelgroße Unternehmen nun weniger berichtet und bestimmte kleine Firmen gar nicht mehr analysiert würden.

„Vermögensverwaltern fehlen so wichtige Informationsquellen, um Anlageentscheidungen treffen zu können“, befürchtet er. Gerade bei kleinen bis mittelgroßen Firmen könnten auf Dauer Informationen für Anleger fehlen, wenn zu viele Researchhäuser aus dem Markt ausscheiden oder ihr Analysespektrum stark reduzieren, meint auch Attarzadeh von Mainfirst. Damit besteht die Gefahr, dass es zu verzerrten Preisen kommt, da die neutrale Beurteilung der Qualität einer Aktie fehlt und Investoren lieber die Finger von den Dividendentiteln lassen. Das geht am Ende auf Kosten der Anleger und der Unternehmen selbst.

Die Branche zeigt sich alarmiert: Investoren könnten von verzerrten Kursen abgeschreckt werden und kleinere Firmen Schwierigkeiten bekommen, Investoren für Kapitalmaßnahmen zu finden, heißt es. Das hätte Folgen für die Volkswirtschaft, wie Thorsten Müller, Vorstand beim DVFA betont: Die Kapitalallokation ginge vorbei an kleineren und mittelgroßen Firmen. Peters fordert: „Dem Mittelstand darf nicht die Kapitalbasis entzogen werden.“

Für diese gefährliche Schrumpfkur sind die neuen EU-Regeln aber nur ein Grund unter mehreren. Investoren kaufen auch deshalb weniger Aktienresearch, weil sie immer mehr Geld in passive Fonds stecken, für die sie keine Entscheidung über einzelne Aktien treffen, daher keine Analysen brauchen. Außerdem nutzen sie zunehmend datenbezogenes eigenes Research.

Ruf nach dem Gesetzgeber

Die Finanzexperten rufen jetzt nach dem Gesetzgeber. Dieser „muss dringend eine Auswirkungsanalyse durchführen und wenn nötig nachsteuern“, mahnt Peters. Attarzadeh von Mainfirst fordert, Mifid II nachzubessern. Der Preis für Research müsse reguliert werden, glaubt er, „damit er nicht ins Bodenlose fällt. Nur so lässt sich auf Dauer gerade bei kleinen Firmen gute Analyse gewährleisten.“

Beim Bundesfinanzministerium (BMF) nimmt man diese Sorgen offenbar sehr ernst. „Aus BMF-Sicht besteht die Notwendigkeit, die neuen EU-Bezahlregeln zu überprüfen und nach Möglichkeiten zu suchen, unerwünschte Auswirkungen auf den Abdeckungsgrad von Aktienresearch zu vermeiden“, heißt es dort.

Die Regierung will das Anliegen bei der Europäischen Kommission vorbringen. Diese erforscht bereits mithilfe einer Umfrage die Folgen der Regeln für kleinere Firmen.

Mehr: Unter Aktienresearch-Anbietern hat sich die Konkurrenz vergrößert. Wer die wichtige Rangliste für deutsche Aktienanalysten und -broker in diesem Jahr anführt.

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