Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse

Die Skepsis bei den Anlegern überwiegt.

(Foto: Imago)

Aktienmärkte Profis und Kleinanleger blicken so düster wie noch nie auf das neue Börsenjahr

Profis und Kleinaktionäre haken selbst das Börsenjahr 2019 gedanklich schon ab. Viele Indizien sprechen dafür, dass sie damit recht behalten könnten.
4 Kommentare

Düsseldorf Neun Jahre lang stiegen die Aktienmärkte, immer wieder unterbrochen von Phasen mit sinkenden Kursen. Doch diesmal ist etwas anders. Seit Monaten nutzen Anleger steigende Kurse sofort wieder zum Verkaufen, sodass die Kurse auf neue Tiefstände zurückfallen.

Anlegern fehlt offenbar der Mut für Anschlusskäufe. Vorbei die Zeiten, in denen Rücksetzer eine willkommene Gelegenheit waren, um an der Börse vermeintlich günstig einzusteigen.

Wer sich auf Spurensuche begibt, um die Gründe für diesen Stimmungsumschwung zu finden, landet beim Börsenanalysehaus Sentix. Seit 2001 befragt der Finanzdatenspezialist private und professionelle Anleger Woche für Woche nach ihren kurz- und längerfristigen Präferenzen, einmal im Jahr auch nach den Erwartungen für das gesamte neue Jahr. Aus diesen Stimmungen und vielen gesammelten Daten ziehen die Experten Rückschlüsse für eigene Prognosen.

Diesmal blicken die Anleger so düster auf das neue Jahr wie noch nie – nicht einmal in der Immobilienkrise 2008 oder der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 war es so schlimm. Im Durchschnitt sehen alle knapp 1.000 befragten professionellen und privaten Anleger den Dax in einem Jahr knapp ein Prozent niedriger als derzeit. Auch für die europäische, amerikanische und japanische Börse rechnen sie mit fallenden Kursen – sogar noch etwas mehr als beim Dax.

In allen anderen Jahren sagten die Profis und Kleinanleger stets steigende Kurse voraus – in optimistischen Jahren etwas stärker, in schlechteren und von Skepsis geprägten Jahren auch schon mal etwas weniger. Erwartete Minuszeichen gab es aber noch nie. Einzig Gold, dessen Wertentwicklung seit Jahren enttäuscht, sehen die Befragten im Durchschnitt um immerhin viereinhalb Prozent steigen.

„Die längste Aktienhausse aller Zeiten geht zu Ende“, urteilt Sentix-Geschäftsführer und -gründer Patrick Hussy. „Nach einer stärkeren Verkaufswelle im ersten Quartal und einer raschen Erholung im zweiten und dritten Quartal wird es bis zur Jahreswende 2019 turbulent und in Moll weitergehen.“

Grafik

Das würde bedeuten: Die Tiefstände haben Anleger mit dem jüngst erreichten Dax-Niveau von gut 10.600 Punkten zum Wochenauftakt wohl noch längst nicht gesehen. Der erwarteten Zwischenerholung folgt kein neuer und stetiger Aufschwung, keine neue Hausse, sondern ein quälendes Auf und Ab mit hohen Schwankungen.

Investoren werden risikoscheuer

Viele Indizien sprechen für solch einen ernüchternden Ausblick. Ob Deutschland, wo sich das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,2 Prozent verringerte, Europa, die USA oder Asien: In allen großen Regionen schwächt sich die Wirtschaft seit Monaten ab. Zugleich sinken die Frühindikatoren.

Der Welthandel schwächelt, weil nach jahrelang hoher Nachfrage die Neuaufträge sinken und weil US-Präsident Donald Trump mit dem von ihm initiierten Handelskonflikt um neue Zölle für Verunsicherung und höhere Preise sorgt. Das schmälert die Umsätze und Gewinne vor allem der vielen exportstarken deutschen Unternehmen.

An den Finanzmärkten signalisieren die Zinskurven ein trübes Bild: Wer derzeit amerikanische Staatsanleihen für zwei, fünf oder zehn Jahre kauft, erhält dafür mit allen drei verschiedenen Laufzeiten einen jährlichen Zins von jeweils knapp drei Prozent. Auffällig: Die Zinsen für kurzfristig verliehenes Geld sind zuletzt ordentlich gestiegen, die für lange Laufzeiten aber gesunken. Die Kurven haben sich also angenähert.

Das ist selten, denn in konjunkturell normalen Zeiten gibt es für langfristig verliehenes Geld höhere Zinsen. Doch in den vergangenen Wochen schichteten Investoren massiv ihr Geld von kurzfristigen in lang laufende Anleihen um – offenbar weil sie ihr Geld länger sicher parken wollen. Das ist ein Signal für schwächere Wirtschaftszeiten samt schlechteren Erwartungen für riskantere Anlagen wie die Aktie.

Schließlich geben auch die Aktienmärkte selbst wenig Anlass zur Hoffnung, dass der Abschwung rasch endet und 2019 von einer neuen Hausse abgelöst wird. Dafür fehlt das Geld. So haben in den USA die kreditfinanzierten Aktienkäufe in diesem Jahr mit über 600 Milliarden Dollar Rekordhöhe erreicht. Sinken nun die Kurse weiter, verlieren die bei den Banken als Sicherheit hinterlegten Aktien an Wert. Dies zwingt die Kreditnehmer zu Verkäufen – was die Kurse weiter nach unten treibt.

Solch ein Effekt ist bereits jetzt dramatisch sichtbar: Im November verzeichnete die amerikanische Wertpapieraufsichtsbehörde Finra den stärksten Rückgang an kreditfinanzierten Aktienkäufen. Was langfristig gut und gesund ist, belastet die Börsen, indem Aktionäre auf Druck ihrer Kreditgeber Aktien verkaufen. Dieser Dominoeffekt ließ schon die Kurse beim Platzen der Internetblase nach der Jahrtausendwende abstürzen, wie auch in der Finanzkrise 2008/09.

Das wohl prominenteste Negativbeispiel sind die kreditfinanzierten Käufe im Boom Ende der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, der in den Crash 1929 mündete, weil schon damals die Banken ihre Kreditlinien dem geringeren Aktienwert anpassten und immer weiter verringerten.

Nicht nur Aktionäre, auch die Unternehmen haben wenig getan, um sich auf schwierigere Zeiten vorzubereiten. Im Gegenteil: Für die Rekordsumme von rund einer Billion Dollar kaufen amerikanische Unternehmen in diesem Jahr eigene Aktien zurück. Zumeist vernichten sie diese und verringern so die Anzahl der ausgegebenen Anteilsscheine. Finanziert wird dies größtenteils mit billigen Krediten.

Weil die vielen Rückkäufe zudem das tägliche an den Börsen handelbare Angebot an Aktien verringern, sind die Kurse an der Wall Street lange Zeit kräftig gestiegen. Kaufen die Unternehmen künftig weniger eigene Aktien zurück, weil sich die Konjunktur abschwächt und das Geld dafür nicht mehr da ist, fehlt der Wall Street eine große Käufergruppe aus den vergangenen Jahren. „Die Liste der belastenden Argumente ist lang“, resümiert Hussy.

Weniger Aktienrückkäufe erwartet

Mit seiner kritischen Einschätzung, die sich aus dem Votum der Anleger speist, steht Sentix in der Öffentlichkeit in der Minderheit – zumindest im Vergleich mit den Bankhäusern. Hier überwiegt auch für 2019 Optimismus. So prognostizieren die Deutsche Bank und ihr Chefanlagestratege Ulrich Stephan für Ende 2019 ein Dax-Niveau von 12.300 Punkten – also einen Zugewinn von 15 Prozent.

Der Optimismus hat Tradition: Vor einem Jahr sagte die Deutsche Bank sogar einen Dax von 14.000 Punkten für das Jahresende 2018 voraus. Davon ist der Dax derzeit über 30 Prozent entfernt.

Zuversicht überwiegt auch bei den Genossenschaftsbanken. „Die Stimmung an der Börse ist derzeit zu pessimistisch“, meint der Chefanlagestratege der DZ Bank, Christian Kahler, angesichts der wiederholten und kräftigen Rückschläge. Seiner Meinung nach ist in den aktuellen Kursen bereits eine „Rezession eingepreist, die wir aber nicht sehen“.

Angesichts stärkerer Wachstumssorgen und 2019 wohl nur stagnierender Unternehmensgewinne hat Kahler seine Dax-Prognose von ursprünglich 13.300 auf 12.000 Punkte gesenkt. Das wäre ein Potenzial von zwölf Prozent.

Der Stratege verweist darauf, dass die Börsen viel Skepsis und Abschwung vorwegnehmen. Diese Argumentation hat einiges für sich, denn Fakt ist: Nachdem der Dax seit Ende Januar 20 Prozent an Wert verloren hat, bezahlen Investoren die 30 Unternehmen und heruntergerechnet auch ihre Aktien nur noch mit dem elffachen Jahresnettogewinn. Das ist ungewöhnlich wenig. Viele Industriekonzerne, darunter die drei Autobauer, kosten sogar weniger als den achtfachen Jahresgewinn.

Außerordentlich preiswert wäre dies, wenn die Unternehmen künftig mindestens so viel verdienen wie in diesem Jahr. Doch genau damit rechnet die Mehrheit nicht. Deshalb fallen die Kurse. Müssen sie aber steigen, wenn die Rezession und der Gewinneinbruch bei den Unternehmen ausbleiben? Nicht unbedingt.

Kurse, das wusste schon Börsenaltmeister André Kostolany, steigen nur dann, wenn es mehr Käufer als Verkäufer gibt. Solange Anleger skeptisch bleiben, ihre Käufe aufschieben, weil sie noch niedrigere Preise erwarten, wird sich die Talfahrt fortsetzen. Daran ändern auch preiswerte Aktien nichts.

Ingo Narat – „Das Risiko einer Rezession wird 2019 steigen“

Startseite

Mehr zu: Aktienmärkte - Profis und Kleinanleger blicken so düster wie noch nie auf das neue Börsenjahr

4 Kommentare zu "Aktienmärkte: Profis und Kleinanleger blicken so düster wie noch nie auf das neue Börsenjahr"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • An den Autor
    Es wäre sehr schön, wenn Sie nicht nur den Durchschnitt aller Schätzungen, sondern etwas genauer auf die Spannbreite und ungefähre Verteilung eingehen würden. Ich vermute, die Tausche Glockenkurve wird wohl nicht so ganz hinkommen.
    Wenn der Durchschnitt ein sinken um 1% annimmt, ist der Titel wohl auch mehr als unzutreffend. Dies wäre schließlich eher ein Stagnieren der Kurse, inkl. Dividende würde sich sogar ein Plus ergeben

  • Frau Kah,
    Prognosen sind schon sehr nützlich. Wenn Sie selbst eine Aktie kaufen, ohne selbst die Prognose zu haben, dass sie steigt, wären sie nicht die Klügste. Prognosen und ihre Gründe von anderen zu kennen ist sehr hilfreich, sofern diese ehrlich sind. Die meisten Prognosen von Banken und teilweise auch von Vermögensverwaltern (vor allem von denen, die prozentual entlohnt werden, egal wie ihre Performance ist) sind allerdings nicht ehrlich sondern eher Marketinggegackere.

  • Es ist normal dass die Baisse nur noch weitere Baisse ernährt, so lange noch Aktien gehalten werden. Nur wenn es keine mehr zum Verkauf da sind, werden auch keine mehr verkauft. Das ist ganz unabhängig davon ob die Anleger Geld dafür haben, oder gar Kredit bekommen. Dann können auch keine gekauft werden.
    Die Stimmung kann nur nach dem Tief sich ändern, wenn die Hausse begonnen hat, aus welchem Grund auch immer. Dann kriechen die Lemminge wieder hervor...(ich auch, lach, die Erfahrung von 2008-2009 lauert noch immer bei den Verlusten, beim Finanzamt gemeldet...)

  • Sehr geehrter Herr Dr. Sommer,

    was macht eigentlich Ihr Gedächtnis? Fühlen Sie sich in der Lage, sich ein Jahr zurück zu erinnern? Erinnern Sie sich an den ganzen Stuß, den die ganz große Mehrheit der Banken und selbsternannter Experten vor einem Jahr zur diesjährigen DAX-Entwicklung von sich gegeben hat?

    Ich meine: Wenn man bei seinen Erwartungen meilenweit daneben liegt, wenn man sogat Plus und Minus verwechselt, sollte man sich schämen und die Klappe halten. Das mit der Klappe halten mache ich auch selbst. Weil ich der tiefen Überzeugung bin, dass niemand die DAX-Entwicklung vorhersehen kann. Auch nicht Dr. Ulf Sommer.

Serviceangebote