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Anlagerisiken Diese Gefahren könnten 2020 die Finanzmärkte erschüttern

Handelskonflikt, Brexit und US-Wahlen – in einer Studie zur Zukunft der weltweiten Finanzmärkte identifiziert die Deutsche Bank eine Menge Risiken.
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Für die Zukunft der Finanzmärkte spielt die Frage nach der Risikobereitschaft der Investoren eine entscheidende Rolle. Quelle: dpa
Börse Frankfurt Main

Für die Zukunft der Finanzmärkte spielt die Frage nach der Risikobereitschaft der Investoren eine entscheidende Rolle.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Märkte sind zuletzt auf einer Welle von Hoffnung geschwommen, die erst gegen Ende der vergangenen Woche wieder einen Dämpfer erhielt, als US-Präsident Donald Trump sich skeptisch zu einer schnellen Einigung mit China äußerte.

Politische Probleme wie der Handelskonflikt zwischen den USA und China und der Brexit scheinen aber jetzt lösbar oder treten zumindest etwas in den Hintergrund. Und mit ihren Zinssenkungen hat die US-Notenbank (Fed) de facto eine Art „Put“ – so nennt man Absicherungen am Terminmarkt – unter die Kurse gelegt und auf diese Weise Kursabstürze abgefedert. Mehr noch: Sie kauft wieder Anleihen zu und schießt damit Liquidität ins Finanzsystem – das treibt die Kurse hoch und beruhigt.

Kein Wunder, dass es an den US-Börsen zu neuen Rekordständen kam und die Zahl von Anleihen mit negativen Renditen weltweit abgenommen hat. Am Freitag legte der US-Aktienindex S&P 500, das wichtigste Börsenbarometer weltweit, noch einmal leicht zu auf 3093 Punkte.

Aber wie sieht es langfristig aus? Torsten Slok, Ökonom bei der Deutschen Bank in New York, hat eine Liste mit 20 Marktrisiken für das Jahr 2020 zusammengestellt. Slok ist kein Crash-Prophet. Er hat die Risiken auch nicht mit Wahrscheinlichkeiten gewichtet. Er zählt sie lediglich auf – aber schon das allein kann Investoren Denkanstöße geben. Das gilt vor allem für Anleger, die langfristig orientiert sind.

Auf der Liste finden sich eine Menge Risiken, die leider schon sattsam bekannt oder leicht vorhersehbar sind: der Handelskonflikt, der Brexit sowie Turbulenzen im Vorfeld der USA-Wahl im kommenden Jahr oder im Zusammenhang mit dem Versuch, Trump seines Amts zu entheben.

Es ist unklar, wie es im Brexit-Streit weitergeht. Quelle: MSUnger
Brexit oder doch kein Brexit

Es ist unklar, wie es im Brexit-Streit weitergeht.

(Foto: MSUnger)

Als eigenes Risiko sieht Slok auch an, dass eine „schrumpfende Autoindustrie“ die Weltkonjunktur in Gefahr bringen könnte – ein Thema, das Deutschland besonders betrifft. Einen Crash im Immobilienmarkt befürchtet er dagegen nicht hierzulande, aber möglicherweise in Australien, Kanada oder Schweden.

Ein besonders interessanter Anknüpfungspunkt ist dieses Risiko in seiner Liste: „Die Fed hält sich im Wahljahr mit Zinssenkungen zurück.“ Ob sie das tatsächlich tun wird, ist zwar völlig offen. Aber klar ist, dass die Notenbank, um ihre Unabhängigkeit zu wahren, jeden Anschein vermeiden will, dass sie auf Druck aus der Politik reagieren könnte.

Sollten im kommenden Jahr die Konjunktur und die Börse nicht so gut laufen wie erhofft, wird Trump erwartungsgemäß der Fed die Schuld in die Schuhe schieben: Er hat immer wieder niedrigere Zinsen von ihr verlangt. Eine Zwickmühle für die Notenbanker: Senken sie die Zinsen, sieht es nach Willfährigkeit gegenüber der Regierung aus. Tun sie es nicht, wird Trump ihnen vorwerfen, gegen Washington zu arbeiten.

Gergely Majoros von der Fondsgesellschaft Carmignac erwartet, dass die Fed 2020 „noch einmal handelt, um die US-Wirtschaft zu stützen“. Er sagt: „Wir rechnen mit einer weiteren Abschwächung der US-Wirtschaft im kommenden Jahr, aber nicht mit einer Rezession.“ Solange der Konsum stabil bleibe, sei ein Einbruch nicht zu befürchten. „Es gibt ein paar Warnsignale wie steigende Zinsen für Konsumentenkredite, aber bisher ist keine deutliche Abschwächung absehbar“, setzt er hinzu.

Bruce Kasman, Chefökonom von JP Morgan, zeigt ebenfalls vorsichtigen Optimismus. „Die Zuversicht ist gewachsen, dass 2020 die Konjunktur wieder anzieht“, schreibt er.

Noch ist im Handelsstreit keine Einigung erreicht. Quelle: Bloomberg
Handelsstreit

Noch ist im Handelsstreit keine Einigung erreicht.

(Foto: Bloomberg)

Er glaubt, dass jetzt die „dritte Welle“ in der langjährigen Expansion der Weltwirtschaft anbricht: Die erste dauerte nach seiner Lesart von 2011 bis 2014, die zweite von 2014 bis 2018. Er mahnt allerdings auch zu Vorsicht und Geduld: „Der bereits vorweggenommene Waffenstillstand im Handelskrieg zwischen den USA und China muss erst noch geschlossen werden.“

Tatsächlich hat die Fed mit bisher drei Zinssenkungen im laufenden Jahr die Märkte schon beflügelt. Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Sie kauft wieder Zinspapiere zu, und zwar für monatlich 60 Milliarden Dollar bis mindestens zum zweiten Quartal 2020.

Anders als bei früheren Käufen dieser Art, die als „Quantitative Easing (QE)“ bekannt waren, geht es diesmal gar nicht um Geldpolitik im engeren Sinne oder um die US-Konjunktur: Die Fed hat einfach bloß festgestellt, dass das amerikanische Finanzsystem über zu wenig Liquidität verfügt.

Süchtig nach Liquidität

Sie hatte zuvor Anleihen in ihrem Bestand auslaufen lassen, ohne sie durch Neukäufe zu ersetzen. Auf diese Weise entzog sie dem System Geld. Zugleich haben die US-Banken nach der Finanzkrise, auch auf Druck der Finanzaufsicht, große Liquiditätsreserven angelegt.

Dadurch ist der Geldmarkt ausgetrocknet, und die Fed muss in New York zurzeit immer wieder Geld zuschießen, damit es keine Engpässe gibt. Die neuen Käufe sollen dieses Problem beheben. Anders als früher kauft die Fed diesmal kurz laufende Papiere, versucht also nicht, die Langfristzinsen zu senken.

Aber letztlich wirken die Käufe trotzdem so ähnlich wie früher: Sie blasen die Bilanz der Fed auf, und sie stützen die Kurse. Der bekannte US-Ökonom Mohamed El-Erian twitterte: „Ob nun formal QE oder nicht: Es ist wieder passiert.“ Er spricht von einer „Parallele zwischen der jüngsten Bilanzerweiterung der Fed und dem Anstieg der Aktienkurse“. Seiner Meinung nach sind die Investoren „stark darauf konditioniert“, auf die Veränderungen der Liquidität zu reagieren.

Majoros von Carmignac stimmt zu. „Die Fed führt dem Markt zusätzliche Dollar-Liquidität zu“, sagt er. Dieser Effekt sollte im Prinzip bis ins nächste Jahr hinein anhalten, denn so lange dauern die Fed-Käufe an. Auf der anderen Seite kann es sein, dass der größte Teil der Kursreaktionen schon unmittelbar nach der Ankündigung stattgefunden hat und danach die Wirkung deutlich nachlässt.

Risikobereitschaft steht im Fokus

Von den Käufen der Fed profitieren nach Meinung von Majoros vor allem die Schwellenländer: „Deren Finanzierungsbedingungen hängen stark vom Dollar ab.“ Eine ähnliche These vertritt Nikolaos Panigirtzoglou von JP Morgan. Der Analyst, der Kapitalflüsse unter einem kurzfristigen Aspekt beleuchtet, liest aus den Daten ab, dass der Einbruch der weltweiten Industrieproduktion „seinen Boden findet“.

Die Branche steht vor großen Herausforderungen. Quelle: imago images / Rupert Oberhäuser
Autoindustrie

Die Branche steht vor großen Herausforderungen.

(Foto: imago images / Rupert Oberhäuser)

Daher empfiehlt er Aktien und Währungen von Schwellenländern, weil deren Kurse erfahrungsgemäß stärker als in den entwickelten Ländern in Abhängigkeit von der Industriekonjunktur schwanken. Weil die Investoren relativ wenig in Schwellenländerwährungen investiert seien, hält er einen deutlichen Schub in diesem Sektor für möglich, wenn sich die Einstellung der Investoren ändert.

Außerdem weist er darauf hin, dass sich die Schwellenländer bei der Marktschwäche vor einem Jahr relativ gut gehalten hätten. Ein stärkeres Engagement dort sei daher nicht unbedingt deckungsgleich mit einem „Risk-on-Modus“, also einem Hochfahren von Risiken.

In den kommenden Wochen und Monaten wird die Frage, wie risikobereit die Investoren sind, eine entscheidende Rolle spielen. Und so paradox es zunächst klingt: Mehr Risikobereitschaft kann in einigen Marktbereichen auch gefährlich für die Kurse werden. Laut Majoros sind „viele Anleger derzeit extrem in Richtung ‚Qualität‘“ investiert. „Sie bevorzugen Anleihen gegenüber Aktien, fokussieren sich auf die besten Emittenten bei Anleihen und auf defensives Wachstum bei Aktien.“

Defensives Wachstum bezieht sich meist auf Aktien von Unternehmen, deren Geschäfte bei jeder Konjunktur laufen. Ein bekanntes Beispiel ist die Lebensmittelbranche, ein häufig genannter Wert die Aktie des Schweizer Nestlé-Konzerns.

Majoros warnt: Sollte die Unsicherheit nachlassen und sich die Wirtschaft etwas erholen, könnte es zu massiven Umschichtungen aus defensiven in risikoreichere Werte kommen. Obwohl die Daten vereinzelt schon etwas besser aussehen, erwartet er aber nicht, dass Anleger sehr kurzfristig ihre Portfolios neu ausrichten werden.

Schaut man noch einmal weiter nach vorn und auf Sloks Liste, dann fallen gleich mehrere Risiken auf, die nicht mit der Geldpolitik, sondern mit der US-Finanzpolitik zu tun haben. Gefährlich wäre zum Beispiel, wenn die „Anleger nach der US-Wahl den Appetit auf Kreditrisiken in den USA und US-Staatsanleihen verlieren“. Getrennt davon führt der Ökonom noch einmal das Risiko auf: „Das Schuldenniveau der US-Regierung beginnt, sich auf die langfristigen Zinsen auszuwirken.“

Wer wird nächster US-Präsident? Das entscheidet sich im Herbst 2020 – das Ergebnis wird die Finanzmärkte beeinflussen. Quelle: The Washington Post/Getty Images
Wahl als Risikofakto

Wer wird nächster US-Präsident? Das entscheidet sich im Herbst 2020 – das Ergebnis wird die Finanzmärkte beeinflussen.

(Foto: The Washington Post/Getty Images)

Es geht also in beiden Fällen um die Gefahr, dass sich die jetzt schon sehr expansive Ausgabenpolitik der Regierung fortsetzt und die Anleger allmählich kalte Füße bekommen und fürchten, dass diese Entwicklung nicht mehr lange tragbar ist.

Wenn es um US-Kreditrisiken in Zusammenhang mit der Wahl geht, kommt aber noch eine andere Möglichkeit ins Spiel, die Slok allerdings nicht direkt anspricht: ein möglicher Wahlsieg der demokratischen Politikerin Elizabeth Warren.

Die streitbare Senatorin hat hohe Steuern und ausgabenintensive Pläne etwa für den Gesundheitssektor in ihr Programm geschrieben. Die Folge könnte sein, dass die Unternehmen stark belastet werden oder Investoren sich noch mehr zurückhalten als bisher. An der Wall Street geht dabei eine gewisse Angst vor Warren um – auch bei Leuten, die Donald Trump überhaupt nicht mögen.

Mehr: Welche Risiken mit Brexit, Trump oder Rezession auch immer drohen: Anleger spekulieren darauf, dass die großen Krisen ausfallen und liegen damit bisher richtig.

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