Anlagestrategie Experten raten zum Verkauf – warum Bundesanleihen jetzt zum Anlagerisiko werden

Wer in deutsche Staatsanleihen investiert, ist immer auf der sicheren Seite, heißt es. Aktuell allerdings gibt es daran berechtigte Zweifel.
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Die neue Regierung belastet die Kurse der Staatsanleihen. Quelle: Getty Images
Straßenszene in Italien

Die neue Regierung belastet die Kurse der Staatsanleihen.

(Foto: Getty Images)

FrankfurtBundesanleihen gelten als die sicherste Anlage im Euro-Raum, das zeigt sich bei jeder Krisensituation. Wenn die Anleger nervös werden wie nach der Wahl in Italien, bringen sie ihr Geld nach Deutschland. „Mit diesem vermeintlich sicheren Hafen kann man eine böse Überraschung erleben“, warnt jedoch Eric Brard, der Chefinvestor für Zinsanlagen bei der französischen Fondsgesellschaft Amundi.

Denn wenn die Lage sich entspannt, fallen die Kurse, und die Minirendite von zurzeit 0,3 Prozent ist sofort weg oder rutscht sogar ins Minus.

Brard bevorzugt darum Staatsanleihen mit mittlerem Risikoprofil und nennt als Beispielländer Frankreich, die Niederlande und Spanien. Italien könnte seiner Meinung wieder interessant werden, wenn sich die Lage dort beruhigt. Aber noch sei es zu früh einzusteigen, sagt er.

Für Anleiheinvestoren wird es damit nicht einfacher. Die Anleihen bleiben zwar ein wichtiger Pfeiler des Depots für die meisten Anleger, denn ihre Kurse schwanken in viel engerem Rahmen als die der Aktien. Wer zu viel Unruhe nicht verträgt, größere wirtschaftliche Einbrüche fürchtet oder kurz- bis mittelfristig sein Geld ausgeben will, kommt nicht daran vorbei. Doch Anleger müssen mehr als in den letzten Jahren auf der Hut sein.

Denn Anleiheinvestoren haben es nicht nur wegen der allgemein niedrigen Zinsen schwer. Sie schwimmen nunmehr gegen den Strom, nachdem sie zuvor jahrzehntelang die Strömung im Rücken hatten.

Flache Zinskurve macht Anlegern Sorgen

Nach einem langen Abwärtstrend der Renditen hat die US-Notenbank (Fed) schon 2013, wenn auch mit Unterbrechungen und Verzögerungen, die Wende nach oben eingeleitet. Und die Europäische Zentralbank (EZB) vollzieht den Schwenk gerade nach. Wenn die Renditen steigen, sinken aber im Gegenzug die Kurse, und das gilt besonders für Papiere mit langen Laufzeiten.

Für Unruhe sorgt außerdem, dass die Zinskurve in den USA und in Europa immer flacher wird. Das heißt, die Sätze für lang- und kurzfristige Papiere nähern sich einander immer weiter an, in Europa zuletzt durch Gerüchte verstärkt, die EZB wolle im kommenden Jahr, wenn sie nur noch auslaufende Anleihen in ihrem Bestand ersetzt, die Langläufer bevorzugen.

„Anleger sollten jetzt auf keinen Fall leichtsinnig werden“

„Die flache Zinskurve gibt den Anlegern das Gefühl, dass etwas nicht stimmt“, sagt Ken Taubes, Chefinvestor USA von Amundi Pioneer. Er fürchtet zudem: „Manche Investoren unterschätzen, wie stark die Fed die Zinsen erhöhen muss, um das heutige Wachstum von fast drei Prozent auf das Potenzialwachstum von rund 1,75 Prozent abzubremsen.“

Das Potenzialwachstum ist der langfristig mögliche Wert; wird er überschritten, drohen Überhitzung der Wirtschaft und Inflation. Flache Zinskurven gelten gemeinhin als Anzeichen für eine kommende Rezession.

Noch sehen die meisten Strategen diese Gefahr allerdings nicht. Brard sagt: „Dafür gibt es bisher keine Anzeichen.“ Auch JP Morgan gibt sich im strategischen Ausblick für das zweite Halbjahr relativ optimistisch, obwohl Chefökonom Bruce Kasman zusätzlich den schwelenden Handelskrieg mit Sorgen beobachtet.

Aber die Strategen setzen weitgehend darauf, dass die weltweite Konjunktur den politischen Problemen trotzt. Deswegen empfiehlt Amundi insgesamt eher Aktien als Anleihen, vor allem in den USA.

Aktien zeigen nach wie vor Gewinnwachstum

Denn in Amerika zeigen die Aktien noch gutes Gewinnwachstum. So empfiehlt auch JP Morgan: „Bevorzuge Aktien wegen der Wachstums- und Gewinnerwartungen.“ Sollte eine Rezession schneller als gedacht kommen, dürfte sich allerdings das Szenario ändern und eine Flucht in Anleihepapiere einsetzen. Joachim Fels, Chefökonom von Pimco, hält immerhin eine Rezession in den USA in zwei bis drei Jahren für wahrscheinlich.

Brard und seine Kollegen empfehlen im Anleihebereich einen vorsichtigen Kurs: eher kürzere Laufzeiten, eher bessere Kreditqualität suchen. Weil die Zinsen in Europa noch Nachholbedarf nach oben haben, bevorzugt er wie auch JP Morgan tendenziell die USA. Dabei spielt aus europäischer Sicht natürlich der Dollar eine Rolle. Mit einem Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro sieht JP Morgan ihn am Jahresende etwas schwächer als zurzeit.

Obwohl Unternehmensanleihen zum Teil schon als überbewertet gelten, rät Brard von dem Sektor nicht ab, hat aber in seinen Portfolios den Bestand an nachrangigen, also im Insolvenzfall schlechtergestellten Papieren abgebaut. Um eine kleine Extrarendite zu bekommen, kauft er Bankdarlehen. Sie bieten mehr Ertrag, weil sie weniger liquide, also schwer verkäuflich sind.

Für Privatanleger sind diese Papiere nicht geeignet, weil schwer zu erwerben und zu bewerten. Nach einer Studie von BNY Mellon haben sich Europas Firmen relativ langfristig verschuldet, was sie zwar selbst absichert, aber ihre Anleihen bei steigenden Zinsen anfällig für Verluste macht. In den USA geht der Trend dagegen zu kürzeren Fristen. Daher empfiehlt die Bank bei Unternehmensanleihen ebenfalls eher US-Papiere.

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5 Kommentare zu "Anlagestrategie: Experten raten zum Verkauf – warum Bundesanleihen jetzt zum Anlagerisiko werden"

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  • Ach, haben die mal nachgerechnet, dass man 200 Jahre braucht, bis man aus dem Gewinn der 10 jährigen Bundesanleihe den Einsatz herausgeholt hat (nach Steuern sind es 300 Jahre).
    Bei vielen Aktien im Dax geht das deutlich schneller!

  • Ach, haben die mal nachgerechnet, dass man 200 Jahre braucht, bis man aus dem Gewinn der 10 jährigen Bundesanleihe den Einsatz herausgeholt hat (nach Steuern sind es 300 Jahre).
    Bei vielen Aktien im Dax geht das deutlich schneller!

  • Ach, haben die mal nachgerechnet, dass man 200 Jahre braucht, bis man aus dem Gewinn der 10 jährigen Bundesanleihe den Einsatz herausgeholt hat (nach Steuern sind es 300 Jahre).
    Bei vielen Aktien im Dax geht das deutlich schneller!

  • Ach, haben die mal nachgerechnet, dass man 200 Jahre braucht, bis man aus dem Gewinn der 10 jährigen Bundesanleihe den Einsatz herausgeholt hat (nach Steuern sind es 300 Jahre).
    Bei vielen Aktien im Dax geht das deutlich schneller!

  • Nichts Genaues weiß man nicht. Kommt es vielleicht zu einer Rezession? Die flache Zinsstrukturkurve und der sich ausweitende Handelskrieg würden dafür sprechen. Auf der anderen Seite steht die Trumpsche Steuerreform, die wie ein gigantisches Konjunkturprogramm wirkt.

    Aufgrund dieser zwiespältigen Einflußfaktoren können wir den künftigen Kurs der Geldpolitik überhaupt nicht mehr einschätzen. Einen Ausweg aus dieser Orientierungslosigkeit weiß ich auch nicht. Und was die "Experten" so alles "meinen", hilft auch nicht weiter. Sie wissen doch: "Zwei Experten, drei Meinungen".

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