Anlagestrategie Plötzlich reich – worauf neue Vermögensbesitzer achten sollten

Ein plötzlicher Geldzufluss kann ein Segen sein, ist aber auch eine Herausforderung. Welche Fehler man beim Anlegen unbedingt vermeiden sollte.
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Wer sein Vermögen in ein Aktiendepot anlegen will, sollte dieses auch länger halten, um ein geringes Verlustrisiko zu haben. Quelle: dpa
Geldscheine

Wer sein Vermögen in ein Aktiendepot anlegen will, sollte dieses auch länger halten, um ein geringes Verlustrisiko zu haben.

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FrankfurtIn den „Sternthalern“ der Gebrüder Grimm heißt es über das arme Kind, die Hauptfigur des Märchens: „Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter harte blanke Thaler.“

So einfach ist es im richtigen Leben meist nicht. Aber Erbschaft, Immobilienverkauf, eine fällige Lebensversicherung, Bonus, Abfindung, sogar Scheidung oder Lotteriegewinn können schon dazu führen, dass man auf einmal über ein großes Barvermögen verfügt. Dann stellt sich die Frage: Was tun? Wie lässt sich das Geld so anlegen, dass man möglichst lange möglichst viel Freude daran hat?

„Als erster Schritt ist wichtig, sich über ein paar grundsätzliche Dinge klar zu werden, um Fehler zu vermeiden“, sagt Tom Friess, Honorarberater, Vermögensverwalter und Chef des VZ Vermögenszentrums in München. Entscheidend ist aus seiner Sicht, angeblich heißen Tipps zu widerstehen: Rohstoffe, Silber, Sonnenenergie, Bitcoin zählt er als einige in der Vergangenheit heiß gelaufene Anlagen auf, die rasch wieder an Wert verloren.

Auch Niels Nauhauser, Experte für Finanzthemen bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, die ebenfalls Beratung gegen Honorar anbietet, warnt davor, den Versprechen vermeintlicher Heilsbringer zu erliegen, dass es „hochrentable und zugleich sichere Geldanlage gibt“: Hohe Renditen bergen immer auch hohe Risiken. Daher ruft auch Achim Lange, Leiter Portfoliomanagement bei der Hamburger Sparkasse (Haspa), zu „Renditebescheidenheit“ auf.

Eine passende Strategie zu finden, bezeichnet Berater Friess als einen „Prozess“, an dessen Ende eine Anlagestruktur steht. Nauhauser rät, noch einen Schritt zurückzugehen: Als Erstes sollten Schulden beglichen werden, wenn jemand zu Vermögen gekommen ist – weil Kreditzinsen in der Regel höher als Renditen sind. Bestimmte Schulden sollte man immer loswerden, andere nicht unbedingt.

Jüngere Menschen, die aus dem Studium noch Bafög-Schulden vor sich herschieben, könnten diese mit einem ordentlichen Abschlag auf einmal begleichen. Einen Immobilienkredit zu tilgen ist sinnvoll, wenn die Zinsfestschreibung abgelaufen ist. Ansonsten fällt eine recht hohe Gebühr, die Vorfälligkeitsentschädigung, an. Autofinanzierer verlangen dagegen oft kaum oder sogar keinen Zins, weil sie den Kauf der Wagen subventionieren. Da lohnt sich mehr, den Kredit laufen zu lassen.

Die nächste Frage lautet: Wird das Geld oder ein Teil davon zu einer bestimmten Zeit oder für einen bestimmten Zweck gebraucht – etwa für ein neues Auto, den Kauf oder die Renovierung einer Wohnung? Wer in zwei bis drei Jahren etwas Größeres anschaffen will, sollte das Geld sicher und ohne Wertschwankungen anlegen, zum Beispiel auf einem Tagesgeldkonto, sagt Achim Lange, Leiter Portfoliomanagement bei der Hamburger Sparkasse (Haspa). Das kostet bei einer Inflationsrate von aktuell rund zwei Prozent allerdings real Geld. Denn im Durchschnitt gibt es meist nur homöopathische Zinsen, etwa 0,1 Prozent für Tagesgeld oder knapp 0,2 Prozent für Festgeld über ein Jahr.

Wer in absehbarer Zeit in Ruhestand geht, sollte seine Situation genau analysieren. Reichen gesetzliche Rente plus eventueller Bezüge aus betrieblicher Vorsorge, Riesterrente oder privater Rentenversicherung aus? Wenn ja, darf das Vermögen mehr oder minder wie bisher angelegt bleiben. Allerdings unterschätzt man leicht den monatlichen Geldbedarf. Anders sieht es aus, wenn aus dem neuen Vermögen regelmäßige Erträge fließen sollen, um die Pension aufzustocken.

Im Prinzip bietet sich dann an, bei einer Versicherung eine Sofortrente zu kaufen, die lebenslang zahlt. Allerdings ist das teuer: In der Regel bekommt man bis zu einem Alter von 90 Jahren nur sein eigenes Geld zurück, rechnet Nauhauser vor. Eine Alternative ist, das Geld in Fonds zu packen und eine regelmäßige Auszahlung zu vereinbaren. Die Fonds kosten zum Teil allerdings auch hohe Gebühren – hier lohnt sich zu vergleichen. Außerdem endet so ein Plan, wenn das Geld verbraucht ist – nicht erst mit dem Tod.

Außer um den Zeithorizont geht es auch um das Bauchgefühl: Welche Schwankungen im Depot kann ein Anleger ertragen, ohne schlecht zu schlafen? „Mitunter gilt es auch, sich umzustellen“, erklärt Berater Friess: Wer zuvor eine Immobilie besaß, unterlag dort sehr wohl Wertschwankungen, war sich deren aber nicht bewusst, weil es dafür keinen Börsenkurs gab. Bei Wertpapieren kann man die Schwankungen dagegen sofort sehen.

Was heißt das unterm Strich? Wer noch mindestens zehn Jahre Zeit fürs Geldanlegen hat, sollte einen gewichtigen Aktienanteil ins Depot nehmen, wenn er grundsätzlich Kursschwankungen verträgt. Denn das verspricht die höchste Rendite. Ein breites Depot mit internationalen Aktien lieferte in den vergangenen 15 Jahren jeweils durchschnittlich rund acht Prozent ab. Für die kommenden Jahre erwarten manche Experten allerdings nur rund fünf Prozent jährlich.

Dabei gilt: je länger die Anlage, desto geringer das Risiko, am Ende auf einem Verlust sitzen zu bleiben. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren geht dieses Risiko gegen null, wie das bankennahe Deutsche Aktieninstitut berechnet hat. Historisch gesehen haben sich Aktien auch bei Hyperinflationen und Währungsreformen bewahrt, weil es sich um Sachvermögen handelt. In Deutschland liegen aber 40 Prozent oder 2,3 Billionen Euro des Finanzvermögens privater Haushalte auf Bankkonten und sind damit nicht gegen Inflation gesichert, warnt Friess.

40 Prozent Aktien sinnvoll

Ein klassischer Depotmix für einen Anleger, der mindestens zehn Jahre investieren möchte, könnte aus zwei Dritteln Aktien sowie einem Drittel Anleihen und Liquidität bestehen. Mindestens 40 Prozent Aktien halten die Experten für sinnvoll, um ausreichend Sachwerte im Depot zu haben. Anleihen, also Zinspapiere, sind zurzeit heikel. Nach der Finanzkrise und der anschließend lockeren Geldpolitik sind die Renditen stark gesunken. Bald dürften sie wieder steigen – das führt aber als Gegenbewegung zu Kursverlusten, weil die Investoren dann lieber neue, besser verzinsliche Papiere kaufen.

Damit das Depot in der Balance bleibt, empfiehlt es sich, regelmäßig die Quoten zu überprüfen und wiederherzustellen. Sind zum Beispiel die Aktienbestände durch Kursgewinne gestiegen, sollten sie vorsichtig abgebaut werden – und umgekehrt bei Verlusten wieder aufgestockt werden.

Wichtig ist nach Ansicht der Experten, die Emotionen im Griff zu behalten: Ein typischer Reflex sei, Wertpapiere mit Gewinn zu verkaufen und auf Titeln mit Verlust sitzen zu bleiben, erklärt Friess. Dahinter stecke die Neigung des Menschen, sich über Positives weniger zu freuen, als sich über Negatives zu ärgern. Daher werde das Negative eher ignoriert nach dem Motto: „Das wird schon noch.“ Wer das aber konsequent betreibe, bleibe nur noch auf Verlustbringern hocken, mahnt der Berater.

Vorrangig wollten die meisten Vermögenden ihr Kapital erhalten, erklärt Lange von der Haspa – und zwar nach Abzug von Inflation und Kosten. Dafür braucht man eine durchschnittliche Rendite von fast vier Prozent im Jahr, wenn man eine Inflation von gut zwei Prozent und Kosten von gut einem Prozent ansetzt. Für ein Mischdepot aus je zur Hälfte Aktien und Anleihen kalkuliert er eine Rendite von 4,5 Prozent pro Jahr. Dabei rechnet er mit satten acht Prozent für Aktien und einem Prozent für Anleihen.

Ganz wichtig ist immer ein Blick auf die Kosten, wo es ja nach Bank oder Produkt große Unterschiede gibt. Depot- und Kontogebühren liegen oft bei rund einem Prozent, Kaufgebühren können bis zu sechs Prozent bei Fonds und einem Prozent bei Wertpapieren betragen. Bei aktiv gemanagten Fonds kommen laufende Kosten von bis zu gut zwei Prozent hinzu. Viel billiger sind passive, börsengehandelte Fonds (ETF). Sie werden gekauft wie ein Wertpapier und kosten pro Jahr nur 0,1 bis 0,4 Prozent.

Wer sich einer Vermögensverwaltung anvertraut, zahlt zusätzliche Gebühren, häufig ist es ein Prozent des Vermögens. Honorarberater nehmen eine bis zu vierstellige Gebühr – ja nach Arbeitsaufwand. Dafür bekommt der Anleger aber auch keine hauseigenen Produkte ins Depot. Wenn er sein Depot nicht selber verwaltet, zahlt er aber für diese Verwaltung noch einmal zusätzlich.

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