Anlegen 2018 - Teil 11 Der beste Markt der Welt

Venezuelas Fake-Börse

Die Bevölkerung hungert, Firmen gehen pleite, die Inflation liegt über 2000 Prozent. Dennoch hat Venezuelas Börsenindex dieses Jahr um 3882 Prozent zugelegt. Wie ist das möglich?
Kommentieren
Bolivarscheine hängen in venezolanischen Maracaibo in der Luft: Das Land steckt bereits im vierten Jahr in der Rezession. Quelle: Reuters
Bolivar in der Luft

Bolivarscheine hängen in venezolanischen Maracaibo in der Luft: Das Land steckt bereits im vierten Jahr in der Rezession.

(Foto: Reuters)

SalvadorHinter der abgedunkelten Glasfront des modernen Backsteinbaus in Caracas geht es ruhig zu: Lediglich 43 Käufe und Verkäufe meldete die Börse Caracas am vorletzten Handelstag des Jahres. Aktien im Wert von 27 Millionen Dollar wechselten über das elektronische Handelssystem ihre Besitzer. Eine überschaubare Bilanz.

Umso erstaunlicher, dass gerade am Aktienmarkt im Geschäftsviertel der Hauptstadt Venezuelas dieses Jahr ein Weltrekord aufgestellt wurde: Um 3882 Prozent hat der Index im Jahr 2017 zugelegt. Weil die Börse im Dezember leicht nachgab, ist der Indexgewinn über zwölf Monate noch beeindruckender: Um 4053 Prozent stieg der IBVC seit Ende Dezember 2016. Buenos Aires, die zweitbeste Börse in 2017, hat dagegen „nur“ 77 Prozent gewonnen.

Das ist erstaunlich: Venezuela steckt in der schwersten Krise seiner Geschichte. Im November hat das Land seine Anleiheschulden nicht bezahlt. Seitdem haben alle Rating-Agenturen Venezuela-Bonds auf Default, also „zahlungssäumig“, eingestuft. Die Wirtschaft steckt im vierten Jahr tief in der Rezession und ist seitdem um mehr als ein Drittel geschrumpft. Im Land mit den größten Ölreserven herrscht Hungersnot, weil der Regierung die Devisen fehlen, um Lebensmittel zu importieren.

Umso grotesker erscheinen daher die Wertzuwächse an der Börse. So ist der Banco Mercantil Servicios Financieros, ein Finanzdienstleister, derzeit 4,3 Billionen Dollar wert – also knapp fünf Mal so viel wie Apple, das teuerste Unternehmen an der Wall Street.

Das kann einfach nicht sein. Beim zweiten Blick auf die Notierungen in Caracas wird klar, dass es sich um eine Phantasie-Hausse handelt. Caracas ist eine Fake-Börse. Denn die Indexgewinne wie die Zuwächse der Unternehmenswerte sind nur nominal so beeindruckend – gemessen in Bolivar Fuerte, also der angeblich so starken Währung des Landes.

Die ist in der Realität jedoch so schwach wie keine andere Währung weltweit: Seit Anfang August hat der Bolivar auf dem Schwarzmarkt in Caracas von 10.000 auf jetzt 107.000 Bolivar abgewertet. Ein Euro wird schwarz sogar für 127.000 Bolivar getauscht, das ist ein daumendickes Geldbündel. Der Unterschied zum offiziellen Wechselkurs ist gewaltig: Offiziell ist der Dollar immer noch zehn Bolivar wert. Doch niemand kann in einer Staatsbank für zehn Bolivar einen Dollar tauschen. Die Regierung hält den offiziellen Tauschkurs künstlich hoch, um den Anschein einer starken Währung zu erhalten.

Tatsächlich hat sie mit dem Wechselkursregime Türen und Tor für Korruption geöffnet: Wer gute Kontakte zur Regierung hat, oder selbst Regierungsmitglied oder Militär ist, kann immer wieder Dollar zum offiziellen Wechselkurs erhalten, tauscht ihn dann schwarz gegen Bolivar, um dann erneut „offizielle“ Dollar zu kaufen – so dreht sich seit vielen Jahren die Korruptionsspirale. Inzwischen sind die Dollar jedoch so knapp geworden, dass dieses Korruptionsschema wohl nicht mehr im großen Stil stattfindet.

Die Gewinne schmelzen
Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Anlegen 2018 - Teil 11 Der beste Markt der Welt - Venezuelas Fake-Börse

0 Kommentare zu "Anlegen 2018 - Teil 11 Der beste Markt der Welt : Venezuelas Fake-Börse"

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%