Anlegerskandal P&R-Insolvenzverwalter sichert Vermögen in der Schweiz

Im Milliarden-Skandal des Containeranbieters P&R haben die Insolvenzverwalter Vermögenswerte gesichert. Das Verfahren könnte bald eröffnet werden.
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P&R-Insolvenzverwalter sichert Vermögen in der Schweiz Quelle: picture alliance/dpa
Containerschiff in Seenot

Die P-&-R-Gruppe war Marktführer für Direktinvestitionen in Seecontainer.

(Foto: picture alliance/dpa)

BerlinEs ist ein Funken Hoffnung für die Anleger des zahlungsunfähigen Containeranbieters P&R: Dem vorläufigen Insolvenzverwalter Michael Jaffé aus München ist nach eigenen Angaben gelungen, Vermögenswerte beim schweizerischen Ableger der Gruppe zu sichern, der das operative Geschäft gesteuert hat und noch immer aktiv ist.

Die P&R Equipment & Finance Corp. in Zug kaufte und verkaufte, mietete und vermietete die Container. Anders als die deutschen Vertriebsgesellschaften ist die Firma bislang nicht zahlungsunfähig. Im Gegenteil: Sie erwirtschaftet weiterhin frisches Geld im Containergeschäft.

Den Zugriff auf diese Einnahmen garantiere nun ein Pfandrecht auf die Anteile der schweizerischen Gesellschaft, teilte Jaffé am Montag mit. „Damit ist sichergestellt, dass das dort vorhandene Vermögen im Ergebnis den Anlegern zu Gute kommen wird.“ Eine konkrete Größenordnung nannte er nicht.

Die P&R-Gruppe hatte 40 Jahre lang Container als Direktinvestments an Privatanleger verkauft, sie zurückgeleast und feste Mieten dafür gezahlt. Nach fünf Jahren erfolgte ein Rückkaufangebot. Die Anleger erzielten unter dem Strich Renditen zwischen drei und fünf Prozent. Während der Finanz- und Schifffahrtskrise kippte das System, was jedoch lange nicht auffiel. Im März 2018 meldete P&R für die Anleger überraschend Insolvenz an.

Seitdem haben die Insolvenzverwalter festgestellt, dass rund eine Million von 1,6 Millionen Containern fehlen. Es besteht der Verdacht, dass P&R Investorengeld von Neukunden an Altkunden weitergereicht hat. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen ehemalige Führungskräfte. Im größten Kapitalanlageskandal der deutschen Geschichte stehen 3,5 Milliarden Euro von 54.000 Anlegern im Feuer.

Zentrale Figur im P&R-Reich war Firmengründer Heinz Roth. Der 75-Jährige hat sich inzwischen offenbar weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen. So wurde für die P&R Equipment & Finance Corp. kürzlich ein Schweizer Wirtschaftsprüfer als Verwaltungsratspräsident bestellt, der die Geschäftsführung kontrolliert. „Heinz Roth hat dort keine Vertretungsbefugnisse mehr“, teilte Jaffé mit. Auch bei einem Partnerunternehmen, der Blue Sky Intermodal Ltd. in Großbritannien, ziehe sich Roth vom Posten eines „Directors“ zurück.

Die schweizerische P&R und Blue Sky in der englischen Kleinstadt Marlow sind eng verbunden. Laut Insolvenzverwalter stamme rund ein Drittel der Leasingeinnahmen von der Blue Sky. Die P&R Equipment & Finance Corp. hält außerdem einen Anteil von 41,67 Prozent an ihrem Geschäftspartner. Heinz Roth war seit 2004 Mitglied im „Board of Directors“ bei den Briten. Fünf Jahre lang stellte P&R zudem einen zweiten Direktor: Es war ein Prokurist der schweizerischen Gesellschaft.

Diese enge Verflechtung ist heikel, denn Anleger erfuhren von ihr nichts. In den P&R-Prospekten ist sie nicht vermerkt. Dabei dürften sich Interessenkonflikte bei Roth und dem Prokuristen nur schwer haben vermeiden lassen. Immerhin waren sie zugleich für den Finanzierer und den Containermanager tätig.

Aufgrund der vertraglichen und historisch gewachsenen Strukturen werden die Einnahmen aus der Containervermietung an Leasing- und Transportgesellschaften wie Blue Sky zunächst in der Schweizer Gesellschaft erzielt, schreibt Jaffé. „Sie reichen jedoch bei weitem nicht aus, um die gegen die deutschen Gesellschaften gerichteten Ansprüche der Anleger zu decken.“

Die Bestandsaufnahme und Auswertung der vorhandenen Zahlen, Verträge und Unterlagen sei mittlerweile weit fortgeschritten, so dass die vorläufigen Insolvenzverwalter in Kürze ihre Gutachten zu den Insolvenzgründen an das Amtsgericht München übermitteln wollen. „Aller Voraussicht können dann gegen Ende Juli die Insolvenzverfahren für die vier Container-Verwaltungsgesellschaften eröffnet werden“, teilten Jaffé und sein Kanzleipartner Philip Heinke mit. Dann könnten Anleger über einen längeren Zeitraum ihre Forderungen anmelden.

Eine Befriedigung der Anlegeransprüche außerhalb des Insolvenzverfahrens sei rechtlich wie faktisch ausgeschlossen, sagten die Insolvenzverwalter. Selbst in den wenigen Fällen, in denen ein Eigentumszertifikat übersandt wurde, sei die Übereignung von Containern aus einer Vielzahl rechtlicher Gründe fraglich. „Wir gehen davon aus, dass die Anleger mit einer koordinierten Verwertung im Insolvenzverfahren einverstanden sind, da dies die einzige Möglichkeit ist, ihren Schaden so gering wie möglich zu halten“, sagte Jaffé.

Anleger sollten nicht versuchen, selbst Zugriff auf Container zu erlangen, warnte der Insolvenzverwalter erneut. „Wenn die Reedereien das Vertrauen verlieren und P&R-Container außer Dienst stellen, würden diese weltweit zur Abdeckung der enorm hohen Standkosten durch Dritte zwangsverwertet.“ Für die Anleger würde in diesem Szenario nichts mehr übrigbleiben.

Die Aufarbeitung der P&R-Katastrophe wird erschwert, weil zwei Geschäftsführer inzwischen verstorben sind, die in der fraglichen Zeit die Geschäfte geführt haben. Der letzte Geschäftsführer Martin Ebben war vor der Insolvenz nur wenige Monate im Amt.

Die Insolvenzverwalter wollen Haftungsansprüche gegen verantwortliche Personen prüfen und gegebenenfalls durchsetzen. Auch wenn das angesichts des Milliardenschadens vergleichsweise wenig einspielen dürfte. Die erste Gläubigerversammlung erwartet Jaffé im Oktober.

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