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Anlegerverhalten Warum die Deutschen Angst vor Aktien haben

Die Deutschen sehen die Börse nur als Ort für kurzfristige Geldwetten. Damit sich diese Einschätzung ändert, fordert die Finanzbranche Geld vom Staat.
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Für viele Deutsche gleicht die Börse einem Spielcasino. Gerade die Generation der 51- bis 64-Jährigen fürchtet „unkontrollierbare Risiken“. Quelle: Imago
Bulle und Bär vor der Deutschen Börse

Für viele Deutsche gleicht die Börse einem Spielcasino. Gerade die Generation der 51- bis 64-Jährigen fürchtet „unkontrollierbare Risiken“.

(Foto: Imago)

Frankfurt Das Verhältnis der Deutschen zu Aktien bleibt schwierig: Die Börse erscheint ihnen als ein Ort, an dem es sich spekulieren und mit Glück kurzfristig Geld abzocken lässt.

Doch dass man mit Aktien langfristig ein Vermögen bilden kann und dabei auf Dauer die Verlustrisiken wenig ins Gewicht fallen, scheint den allermeisten nach wie vor unbekannt zu sein. Das ergibt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Versicherungskonzerns Axa unter 2.083 Erwachsenen im Land, die dem Handelsblatt vorliegt.

Das größte Misstrauen gegen die Börse hegt offenbar die wohlhabendste Altersgruppe, die Generation der 51- bis 64-Jährigen. Besonders viele von ihnen erkennen „unkontrollierbare Risiken“ an der Börse und finden, dass die Geldanlage dort nur etwas für Experten sei. So wird der Ruf nach mehr Engagement und Förderung des Staates lauter, zumal dies viele Deutsche offenbar umstimmen könnte, wie die Umfrage zeigt.

In der Bundesregierung scheint das angekommen zu sein, die Politiker befassen sich aktuell mit dem Thema.

Die Deutschen haben „ein gespaltenes Verhältnis zur Geldanlage am Kapitalmarkt“, interpretiert Thilo Schumacher, Vorstand bei der Axa in Deutschland für die Sparte Personenversicherung, die Umfrage.

Einerseits ist es für knapp die Hälfte „hochinteressant“, Geld an der Börse anzulegen. Andererseits halten mit 47 Prozent der Deutschen ebenso viele die Börse für so riskant wie ein Spielcasino. Eine Mehrheit von 56 Prozent fürchtet „unkontrollierbare Risiken“ und würde Geld nur mit Kapitalgarantie an der Börse anlegen.

Grafik

Extrem findet Axa-Vorstand Schumacher das geringe Interesse der 50- bis 64-Jährigen an der Börse: Diese Altersgruppe besitzt in Deutschland den weitaus größten Teil aller Spareinlagen, wie er betont. Ihr Desinteresse „kann daher auch erklären, warum es in Deutschland verglichen mit anderen Ländern so wenig Aktienbesitz gibt“.

Unter ihnen sehen sogar knapp zwei Drittel der Befragten unkontrollierbare Risiken an der Börse, fast 40 Prozent von ihnen lehnen Geldanlage an der Börse ab. „Die Babyboomer als nächste Rentnergeneration drohen zu einer verlorenen Börsengeneration zu werden“, meint Schumacher.

Das Wissen fehlt

Die Aktienphobie der Deutschen belegt auch eine Studie des Verbands der deutschen Aktiengesellschaften DAI und der Börse Stuttgart: Von gut 2 000 Befragten hatten 86 Prozent weder Aktien noch Aktienfonds. Und 88 Prozent der Nichtaktienbesitzer haben bisher keinen Gedanken daran verschwendet, es mit Aktien zu versuchen.

Ein Grund ist mangelndes Wissen. Einen Anlagezeitraum von nur zweieinviertel Jahren halten die Befragten im Schnitt für optimal. Gerade mal 18 Prozent geben an, dass Aktien länger als zehn Jahre ins Depot gehören.

Dabei hat das DAI gerade neue Berechnungen über die Rendite von Aktienanlage veröffentlicht und wieder herausgestellt, dass den typischen kurzfristigen Kursschwankungen langfristig sehr gute Gewinnchancen gegenüberstehen.

So sind kurzfristig mit Aktien massive Verluste möglich, wie das Minus von gut 18 Prozent des deutschen Leitindexes Dax im gerade abgelaufenen Jahr 2018 zeigt. Aber nach zwölf Jahren hat ein Anleger in den vergangenen 50 Jahren jeweils kein Minus mehr verbucht, wie das DAI errechnet. Und im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre machte ein Anleger mit Dax-Titeln im Schnitt knapp neun Prozent Rendite.

Andere geläufige Anlageklassen bieten diese Renditechancen nicht. Anleihen sind im anhaltenden Zinstief als Alternative weggebrochen. Über mögliche Renditen von Geldanlagen haben die meisten aber keine Vorstellung, wie sie in der Axa-Umfrage äußern. Kein Wunder, dass für die meisten Deutschen die Börse nur etwas für „Experten auf diesem Gebiet“ ist.

Interessant ist, dass der DAI-Studie zufolge mehr staatliche Förderung offenbar viele umstimmen könnte: Demnach meint fast jeder dritte Nichtaktionär, dass eine bessere staatliche Förderung sein Interesse an einer Aktienanlage erhöhen könnte. Mehr Engagement der Politik, eine intensivere Diskussion über Renditechancen von Aktien und eine breitere Förderung mahnt Schumacher von Axa an.

Mehr Qualitätskontrollen gefordert

Wichtiger als staatliche Förderung ist nach Ansicht von DAI-Vorstand Christine Bortenlänger aber, dass Aktien bei Reformen des staatlichen Altersvorsorgesystems stärker berücksichtigt werden.

Für ein „einfaches, transparentes, kostengünstiges staatlich organisiertes Standardprodukt“ machen sich dagegen Verbraucherschützer seit Längerem stark. Subventioniertes Aktiensparen hält Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, dagegen für wenig sinnvoll: Das würde vor allem dazu führen, dass die Finanzbranche aktienlastige, teure Produkte bewerbe, aber nicht zu besserer, bedarfsgerechter Beratung.

Schumacher von Axa fordert in der Finanzbranche mehr Schulungen und Qualitätskontrollen der Beratung und einfachere Produkte ohne übermäßige Kosten.

In der Bundesregierung hält man indes die Frage, wie man die Anlage in Aktien als eine mögliche Anlageform voranbringen kann, für ein „wichtiges Thema“ zur Stärkung der kapitalgedeckten Altersvorsorge, wie es im Bundesfinanzministerium heißt. Aktuell befasst sich die Bundesregierung Kreisen zufolge dazu mit einer Anfrage aus dem Bundestag.

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3 Kommentare zu "Anlegerverhalten: Warum die Deutschen Angst vor Aktien haben"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die geschätzte Autorin Anke Rezmer irrt: Die Deutschen haben keine "Angst vor Aktien", sie rechnen!

    Wo und wie würden Durchschnittssparer – ohne Angst vor Aktien – Geld anlegen? Bei einer Filialbank und – mangels eigener Expertise und im Vertrauen auf die Beratung der Hausbank – in aktiven Fonds!

    Theoretisch sind Aktien wirklich eine extrem gute Geldanlage: Nach einer gelegentlich zitierten Studie von London Business School und Credit Suisse hat ein Weltaktienportfolio im Zeitraum 1900 bis 2017 eine durchschnittliche reale Jahresrendite von 5,2 Prozent pro Jahr generiert – leider aber: vor Kosten!

    Diese gute Rendite ist natürlich auch auf die Risikoprämie zurückzuführen, mit der ein Investor für die (eher kurzfristigen) Verlustrisiken, die etwa im Unterschied zu Tagesgeld bestehen, entschädigt wird.

    Kommt diese Risikoprämie in Deutschland beim Anleger, der das Verlustrisiko allein trägt, an? Wohl kaum, denn den Großteil der theoretischen 5,2% p.a. Aktienrealrendite teilen Fondsindustrie, Banken und Staat untereinander auf, während etwaige Verluste einzig der Aktienanleger trägt – daran liegt es!

    Wenn man davon ausgeht, dass aktive Fondsmanager keine Übermenschen sind und den Markt nicht auf Dauer schlagen können, so bleiben von diesen oben genannten fünf Prozent jährlicher Realrendite auf der Fondsebene bis zu 2,5% (TER, Handelskosten, Erfolgsprämien, Steuern), auf Hausbankebene mindestens 1% (Depotgebühr, Handelskosten, Provisionen) und auf der staatlichen Ebene etwa 0,5% (Steuer) – und so erfreuen deutsche Aktienfondssparer nur noch rund ein Prozent reale Jahresrendite.

    Plötzlich erkennt man, warum bei normalem Zinsumfeld in Deutschland Aktienfondssparen fast irrational wirkt und dass kapitalbildende Lebensversicherungen ohne nominales Verlustrisiko sogar real meist besser performen als ein weltweit investierender aktiver Aktienfonds; ETFs mögen besser sein, aber sowohl Aktienkursgewinne wie auch Lebensversicherungen sollten wie einst wieder steuerfrei sein!

  • Sehr geehrte Frau Rezmer,

    mehr finanzielles Wissen ist natürlich bei jeder Form der Geldanlage hilfreich. Aber das wirkliche Problem wird in Ihrem Artikel nicht einmal genannt. Die Fachleute nennen es "Volatilität". Gemeint damit ist, dass eine Aktienanlage riesigen Wertschwankungen ausgesetzt ist, die ein Normalbürger ohne Depressionen kaum aushält.

    Natürlich sind unsere Mitbürger Preisschwankungen gewohnt. Sie wissen beispielsweise, dass an der Tankstelle der Benzinpreis vielleicht um 10 Cent je Liter schwanken kann. Bezogen auf eine Tankfüllung mag das vielleicht einen Rechnungsunterschied von 5 EURO ausmachen. Das mag mißlich sein, bringt aber keinen um.

    Aber wenn Sie die Ersparnisse Ihres Arbeitslebens, Ihres Lebenspartners und Ihrer Vorfahren im DAX angelegt haben, geht es um ganz andere Dimensionen. Dann erleben Sie, wie Ihr in vielen Jahrzehnten zusammengespartes Vermögen in nur wenigen Monaten auf einen unansehnlichen Rest zusammenschmilzt.
    Vom Jahresanfang 2000 bis zum März 2003 verlor der DAX-Anleger beispielsweise rund 75 %. Und von Anfang 2008 bis März 2009 waren es 55 %.

    Und was ist mit den langfristigen "Verheißungen"? Sie sind kein Naturgesetz. Das japanische Beispiel zeigt, dass man an der Börse auch langfristig sehr viel Geld verlieren kann. Abgesehen davon sind wir langfristig alle tot und keiner weiß, ob seineVerluste noch zu seinen Lebzeiten ausgeglichen werden.

    Mit ins Bild gehört auch das Renditedreieck der Banken. Dass bei einer Aktienanlage nach 12 Jahren Haltedauer in der Vergangenheit "keine Verluste mehr" angefallen sind, ist ein schwacher Trost. 12 Jahre ohne jegliche Rendite, möchte ich wirklich nicht auf mich nehmen. Gibt es wirklich keine besseren Geldanlagen?

    Und ist es mit den Geldanlagen nicht ähnlich wie beim Kuchen backen? Mit nur einer Zutat kann man keinen Kuchen backen. Vielleicht lesen Sie auch einmal einige Rezepte. Sie beinhalten ausnahmslos auch Mengenangaben. Das gilt auch für die "asset allocation".

  • "Demnach meint fast jeder dritte Nichtaktionär, dass eine bessere staatliche Förderung sein Interesse an einer Aktienanlage erhöhen könnte. "
    Wenn Immobiliengewinne nach 10 Jahren und Gold- oder Währungsgewinne nach 1 Jahr steuerfrei sind, Aktiengewinne aber nie, dann eignet sich auch die Investition in Aktien kaum zur Altersvorsorge. Die Gewinne nach z.B. 10 Jahren kann man nicht als Spekulationsgewinne bezeichnen, da Spekulation kurzfristig ist, sie sind eher als Inflationsausgleich zu sehen, damit die Kaufkraft auch im Alter erhalten bleibt.

    Schulungen: EXTREM wichtig. Es ist ähnlich wie Autofahren, ohne Schulung hat man unendlich viel Angst. Hat man erstmal gelernt damit umzugehen, ist es recht einfach und macht manchen sogar Spaß. Ähnlich ist es bei Aktien, wobei der Spaß sich über viele Jahre steigert - mit zusätzlichem Wissen und Erkenntnissen wird man auch erfolgreicher.

    Ja. Friedrich Merz und Joe Kaeser haben recht, wenn sie den Deutschen Aktien zur Altersvorsorge empfehlen: Man sehe sich nur die Dividendenrenditen von über 5% von manchen DAX - Aktien an - da kann man von einem Inflationsausgleich sprechen!

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