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Aufschwung mit Angst Die Märkte boomen, die Krise bleibt

Der Dax notiert so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr, Staatsanleihen boomen, die Rohstoffpreise steigen. Doch der Eindruck täuscht, die Krise ist noch nicht ausgestanden: Banken drohen weitere Milliardenlöcher, Staaten ächzen unter enormer Schuldenlast. Die Rechnung für Bürger und Anleger kommt erst noch.
  • Stefan Hajek
4 Kommentare
Beten für Besserung: Die Krise ist noch nicht vorbei. Quelle: dpa

Beten für Besserung: Die Krise ist noch nicht vorbei.

(Foto: dpa)

DÜSSELDORF. Die Schweizer Großbank UBS lässt es noch mal krachen. Am Rande der Tagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington hat sie zur Party geladen und dafür gleich ein ganzes Museum gemietet. An der Pforte des "Newseum" an der 555 Pennsylvania Avenue begrüßt UBS-Spitzenbanker Carsten Kengeter alle Gäste persönlich per Handschlag. Drinnen kümmert sich der Starkoch Wolfgang Puck - in den USA so bekannt wie bei uns Alfons Schuhbeck und Johann Lafer - ums leibliche Wohl. Von der Terrasse im fünften Stock blicken die Geladenen hinunter auf das amerikanische Regierungsviertel und die schneeweiße Kuppel des Capitols.

Die Banken oben, die Regierungen unten - wohl nur wenige Partygäste ahnen, welche Symbolkraft dieses Bild besitzt. Banker können sich solche opulenten Feiern wieder leisten. Kengeter selbst strich 2009 gut 13 Millionen Schweizer Franken Bonus ein. Gerade hat seine UBS einen Quartalsgewinn von 1,67 Milliarden Franken vermeldet; Goldman Sachs verfünffachte 2009 seinen Jahresgewinn gegenüber 2008 auf 13,4 Milliarden Dollar; die Aktie der Deutschen Bank hat ihren Wert seit Anfang 2009 mehr als verdoppelt.

Krise? Welche Krise?

Wie haben die Banker das geschafft? Genau wie vor der Krise: mit Investmentbanking. "Anfang 2009 ergab sich bei nachrangigen Bankanleihen und vielen Finanz-Aktien die Kaufgelegenheit des Jahrhunderts", erklärt Patrick Rudden, Chefstratege bei der Investmentbank Alliance-Bernstein in London, "fast alle diese Positionen konnten wir für 15 bis 30 Prozent ihres heutigen Wertes einsammeln." Bankanleihen und-aktien, deren heutiger Wert jedoch allein deswegen nicht null ist, weil der Staat, die Steuerzahler, das Finanzsystem und die Banken mehrfach gerettet haben. Allein die UBS bekam 2009 vom Schweizer Steuerzahler fast exakt so viele Staatshilfen, wie sie an Boni ausschüttete: 1,9 Milliarden Franken.

Weltweit haben Regierungen rund 30 000 Milliarden Dollar Steuergelder in die Bekämpfung der Finanzkrise und ihrer Folgen gepumpt. Doch die Probleme, die in die Krise geführt haben, wurden durch die Rettungsaktionen nicht gelöst.

Die Rechnung für Bürger und Anleger kommt noch. Auch wenn die Märkte boomen, als sei alles beim Alten: Weitsichtige Anleger erkennen, dass die Welt sich geändert hat. Lieb gewonnene Anlageregeln werden umgeschrieben: Aktien halten und schlafen geht nicht mehr; lang laufende europäische Staatsanleihen sind nicht unbedingt sicherer als Aktien; Gold kann durchaus Rendite bringen - in Form von Sicherheit plus Wertsteigerung.

"Man muss schon schwindelfrei sein für diesen Job", sagt Marco Heid und schiebt seinen weißen Kunststoffhelm ein wenig nach hinten, um sich am Kopf zu kratzen. Heid ist Kranführer im Duisburger Hafen. Von seinem Arbeitsplatz in 40 Meter Höhe sieht er den Aufschwung aus der Vogelperspektive. Vor wenigen Monaten war die betonierte Stellfläche unter ihm halb leer; nun stapeln sich dort die Behälter wieder haushoch. Häfen sind Barometer der Weltkonjunktur.

Schwindelerregend ist das Tempo, mit dem sich die Wirtschaft vom schlimmsten Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg erholt. Die deutsche Wirtschaft wird 2010 um bis zu 3,6 Prozent wachsen, schneller, als vor der Krise. "Deutschland, die Menschen in unserem Land, wir können wieder zuversichtlich in die Zukunft schauen", hat Kanzlerin Angela Merkel gerade in einer ihrer Sonntagsreden gesagt.

Zu denen, die das nicht so ganz glauben, gehört Eberhard Unger. Der promovierte Volkswirt, ein gutmütig dreinblickender älterer Herr mit grauem Scheitel, schlichter Brille und Fliege zum karierten Jackett, war jahrelang Chefanalyst der SEB Bank in Frankfurt. Er ist etwas erkältet an diesem Oktobermorgen, seine Stimme versagt immer wieder mal, aber die Botschaft ist klar: "Der aktuelle Aufschwung läuft auf Pump", schimpft Unger, "er wurde erkauft durch die höchste Staatsverschuldung in der aktiven Erinnerung der Menschheit."

Da stimmt was nicht

Indizien dafür, dass etwas nicht ganz stimmen kann am schönen Bild des Börsen- und Wirtschaftsbooms, finden sich genug. Zum Beispiel die Kredit-Ausfallversicherungen, kurz CDS: Mit ihnen versichern sich Gläubiger gegen eine mögliche Pleite ihrer Schuldner. Je teurer die CDS gehandelt werden, desto schlechter schätzen Investoren auf dem Kapitalmarkt den Zustand von Banken, Firmen und Staaten ein, deren Kredite versichert sind. Die CDS, mit denen sich Investoren vor Bankpleiten schützen, notieren im Schnitt schon wieder so hoch wie auf dem bisherigen Höhepunkt der Staatsschuldenkrise, als im April und Mai Griechenland in die Pleite zu schlittern begann.

Auch die Banken selbst sind, trotz Billionen-Finanzspritzen, satter Milliardengewinne und Boni-Ausschüttungen, noch lange nicht über den Berg. "Das Finanzsystem ist nach wie vor die Achillesferse der Weltwirtschaft; die Probleme sind trotz aller Anstrengungen nicht gelöst", warnt der IWF. Nach seinen Berechnungen haben die Banken weltweit seit Ende 2007 1 550 Milliarden Dollar abschreiben müssen. Weitere Milliardenlöcher drohen, wie aktuell vom US-Immobilienmarkt: allein durch die Rückabwicklung von Millionen ungerechtfertigter Zwangsräumungen drohen den Banken neue Kosten von bis zu 120 Milliarden Dollar.

Insgesamt werden Banken bis 2012 noch einmal 750 Milliarden Dollar Vermögen abschreiben müssen, schätzt der IWF. 4 000 Milliarden Dollar frisches Kapital benötigen sie bis 2012, um die neuen und alten Löcher zu stopfen. Allein britischen Banken fehlen 25 Milliarden Pfund - pro Monat, errechnete die unabhängige New Economics Foundation.

Und vor zwei Wochen meldeten die US-Immobilienbanken Fannie Mae und Freddie Mac, dass sie bis 2013 erneut bis zu 363 Milliarden Dollar vom Staat brauchen. "Erstaunlich, wie gelassen die Kapitalmärkte das inzwischen nehmen", sagt Unger, " wir haben uns wohl an die Minuszahlen mit immer mehr Nullen gewöhnt."

"Angesichts der nach wie vor extremen Risiken auf den Bankbilanzen kommen potenziell weitere, immense Kosten auf die Steuerzahler zu", sagt Jochen Felsenheimer, einer der renommiertesten Kreditexperten Deutschlands.

Dabei haben die Steuermittel, die weltweit zur Krisenbekämpfung ausgegeben wurden, den Staatshaushalten vieler Staaten schon jetzt einen schweren Schlag versetzt: Die Haushaltsdefizite der G20-Staaten sind im Schnitt von moderaten 1,2 Prozent der Gesamtwirtschaftsleistung 2007 auf 8,9 Prozent 2009 geschnellt.

Was aber schlimmer ist: Die Schulden wachsen in vielen Ländern schneller als die Wirtschaftsleistung. Die Staatsverschuldung wird in den G20-Ländern von 78 Prozent des BIPs 2007 bis Ende 2010 auf 107 Prozent und bis 2014 auf 118 Prozent des BIPs zunehmen.

Risiken auf Staaten abgewälzt

Der Staat als Kreditgeber letzter Instanz braucht selbst immer mehr Kredit: Allein die Euro-Länder geben dieses Jahr neue Staatspapiere über 1 000 Milliarden Euro heraus - 15 Prozent mehr als noch 2008.

 

Immerhin: Solange Anleger die Staatsanleihen trotz deren Mickerzinsen weiter kaufen, kann das Gewürge weitergehen: Der Staat leiht sich immer mehr Geld, "und die Anleger geben es ihm, weil er ihnen scheinbar genau das dafür bietet, was alle derzeit am dringlichsten suchen: Sicherheit", sagt der Kölner Vermögensverwalter Bert Flossbach.

Klar: "Der Staat kann sich natürlich immer irgendwie Geld holen", sagt Martin Hüfner, Ex-Chefvolkswirt der HypoVereineinsbank. "Einen Teil wird er sich kurzfristig durch Steuererhöhungen wiederholen, einen anderen durch Leistungskürzungen". Trotzdem ist abzusehen, "dass die heutigen Schulden nicht mit heutigem Geld zurückgezahlt werden können", sagt Joachim Schäfer vom Vermögensverwalter PSM. "Es gibt nur zwei Möglichkeiten: die Schulden teilweise streichen oder sie mit inflationiertem Geld zurückzahlen."

Historische Beispiele gibt es: Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die USA ihre Schuldenquote von 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf 30 Prozent glatt vierteln. Wie die Analysten von Morgan Stanley nachwiesen, half ihnen dabei eine stetig steigende Inflation mit in der Spitze sechs Prozent Teuerung: Inflation bläht die Wirtschaftsleistung auf und bringt nominal höhere Steuereinnahmen.

Gleichzeitig bliebe die Zinslast für die Altschulden gleich, denn sie ist ja festgeschrieben. Real sinkt der Wert der alten Schulden. Vereinfacht: Wenn alles doppelt so teuer ist wie gestern, aber auch alle doppelt so viel verdienen, sind die Schulden von gestern nur noch halb so schlimm. In der Praxis aber gibt es Fallstricke. So müssen die Staaten ständig neue Staatsanleihen zur Refinanzierung ihrer Defizite ausgeben. Diese kämen bei steigender Inflation bald zu höheren Zinsen an den Markt.

Wichtig ist daher die durchschnittliche Restlaufzeit aller bereits ausgegebenen Staatsanleihen: je länger diese Frist, desto größer der Anreiz, sich der Altschulden über Inflation zu entledigen. Bei im Schnitt rund fünf Jahren Restlaufzeit, wie in den USA und in den meisten EU-Ländern, würden bei steigender Inflation höhere Zinsen für neue Schulden bald die reale Entwertung der alten zunichte machen. Doch auch dieses Problem können die Notenbanken lindern, indem sie Staatsanleihen aufkaufen, so deren Kurse stützen und damit deren Renditen und letztlich die Zinslasten der Staaten drücken. Genau diese Absicht müsse man "zumindest der US-Notenbank Fed aktuell unterstellen", sagt Felsenheimer. Bereits Ende 2008 hat die US-Notenbank Anleihen im Gegenwert von 1 750 Milliarden Dollar gekauft.

Vergangene Woche hat die Fed bekannt geben, dass sie bis Mitte 2011 für weitere 600 Milliarden Dollar Anleihen aufkaufen wird.

"Gelddrucken alleine löst die Probleme nicht"

Offiziell sollen die Anleihekäufe die Zinsen unten halten, um Investitionen anzukurbeln und damit Konjunktur und Arbeitsmarkt. Doch an der ultralockeren Geldpolitik gibt es immer mehr Kritik: "Das viele billige Geld sorgt für erhebliche Verwerfungen an den Kapitalmärkten", kritisiert Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Zwar führt es bisher nicht, wie viele befürchten, zu steigenden Güterpreisen. Wohl aber zu teilweise schnell steigenden Vermögenspreisen, etwa auf dem chinesischen Immobilienmarkt.

Auch Ralf Borgsmüller, Partner bei PSM, meint: "Gelddrucken allein löst die Konjunkturprobleme nicht, weil das viele neue Geld nicht dort ankommt, wo es gebraucht würde: bei den Beziehern niedriger Einkommen, die es in den Konsum stecken würden." In den USA besitzt 1 Prozent der Bevölkerung inzwischen über 50 Prozent der Vermögenswerte. "Indem man die Notenpresse anwirft, bläht man deren Vermögen auf dem Papier immer weiter auf; mehr konsumieren werden diese Leute aber nicht, im Gegenteil: sie sparen, die Blasen werden weiter aufgepumpt", so Borgsmüller. Auch die Staatsanleihen-Blase.

Noch hebt die Flut des billigen Gelds wieder alle Boote. "Es wird immer mehr Geld gedruckt; das pumpt Vermögensblasen auf, und nach jedem Crash müssen die Rettungspakete größer werden als beim Crash davor. Die Abstände zwischen den Einbrüchen werden zudem immer kürzer", fasst Felsenheimer zusammen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass der nächste schon 2011 erfolgt, ist nicht vernachlässigbar klein."

Ganz von den Märkten fernbleiben müssen Anleger deshalb nicht. Mit ausgewählten Aktien, darunter globale Spieler, Papiere mit Schwellenländer-Fantasie und Rohstoffaktien sowie mit kurzlaufenden Anleihen und Gold können Anleger von einer andauernden Aufwärtsphase profitieren. Sie sollten aber auch jederzeit bereit sein umzuschalten.

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4 Kommentare zu "Aufschwung mit Angst: Die Märkte boomen, die Krise bleibt"

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  • @welche krise was krise.Herr Steinbrück Dr,Jörg Assmussen gehört der Finanzpreis Nr.1.ja der Aufschwung wo immer er auch stattfindet,ist nicht greifbar statistisch gesehen.die lügen das sich die balken biegen.Koch sagt sich mir gehts gut,warum weil ich vorher menschen beleidigt habe sie nieder gemacht,habe die harz 4 ler,geht kalt duschen Sarrazin,wo ist der eigentlich ich bereite euer Mahl zu ihr sollt satt werden.Deutschland ist im Aufschwung ohne Ende,oder das ende ist nahe die mehrheit der bundesbürger ist runtergehungert worden,verschuldet privat wie durch die Gesellschaft,ergo nichts zu holen,normal war so gewollt,nun kommen noch die Schrottderivate die nicht auftauchen real aber bezahlt werden müssen.Also reichtum findet bei einigen ganz wenigen statt.dafür das es so weit kommen konnte sind grosse teile der bevölkerung mitverantwortlich.übrigens kein problem 1,8 billionen staatsschulden sind 800 jahre abzahlen oder betrug am kleinen sparer der alles verlieren wird.übrigens gewisse sachen macht man nicht so verroht ist die gesellschaft also schon,sollte man Kündigen,tritt eine sperrklausel in kraft,ausser mann wechselt von einer festanstellung zur zeitarbeitsfirma x,y,z,und bleibt gleich am selben arbeitsplatz geht nur bis max. 43 jahre dann wars das,und denkt dran die Nonnenmacher sind nur vorgeschoben,es ist das system

  • naja nun, da hängt man an die Geldmenge und Preise eine Null hintenan und schon sind alle Schulden nur noch 1/10 wert. Und wenn alles ausgestanden ist, dann wird die Null wieder gestrichen.

  • interessant an der derzeitigen Lage ist, dass die Menschen sich durch den "außerordentlichen" Aufschwung in Deutschland und die steigenden Aktienkurse kurzfristig täuschen lassen und in den Glauben verfallen, alles wäre in bester Ordnung. ich möchte niemanden zu Pessimissmus und strikter Sparsamkeit aufrufen, denn dies würde uns dem Abgrund wohl eher näher bringen, aber man muss sich auf ein endgültiges Platzen der Schuldenblase gefasst machen und Vorkehrungen treffen.

  • Aktien - NO more, ist eh nur ein alter Kredit mit wahlfreiem Zins, der Dividende heisst, aber ohne Rückzahlung des Kredits an sich. Daher sind alle Papiere Käse, genauso wie die Devisen. Nur die Materie ist Materie und bleibt Materie. Der Rest ist Software und harrt dem Delete durch Verschieben in den Papierkorb - Spielgeld eben...

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