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Istanbul

Investoren wenden sich wieder der Türkei zu – obwohl die Risiken bleiben.

(Foto: Imago/Westend61)

Bond-Markt Anleger gehen bei Staats- und Firmenanleihen wieder voll ins Risiko

Investoren greifen verstärkt zu riskanteren Bonds. Viele Experten sehen das gelassen. Dabei sind die Gefahren an den Märkten nicht kleiner geworden.
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Frankfurt Auf dem Höhepunkt der Krise musste die Türkei im vergangenen Jahr für ihre zehnjährige Staatsanleihe in Dollar eine Rendite von 9,5 Prozent zahlen. Noch im Dezember lag sie bei über acht Prozent – aktuell sind es weniger als sieben.

Dabei hat sich die Situation im Vergleich zur Krise im August nur wenig verbessert. Die Inflation liegt bei 24 Prozent und konnte von der Zentralbank nur durch eine drastische Anhebung der Leitzinsen stabilisiert werden. Das hohe Zinsniveau droht jedoch das Wirtschaftswachstum abzuschnüren.

Andere Anleihe, ähnliches Bild: Noch Anfang Januar blickten die Anleger besorgt auf den Chemieriesen Bayer: Die hohen Schulden durch die Monsanto-Übernahme sowie die schwierige Integration des Konkurrenten und die Prozessrisiken in den USA ließen die Rendite für eine zehnjährige Anleihe des Dax-Konzerns auf über 2,5 Prozent steigen – den höchsten Wert seit über einem Jahr.

Drei Wochen später sehen die Investoren die Situation entspannter. Sie verlangen nur noch eine Rendite von 2,33 Prozent – das entspricht einem Rückgang von sieben Prozentpunkten.

Die Beispiele zeigen: Anleihe-Investoren setzen wieder voll auf Risiko. So hat der wichtigste Index für europäische Unternehmensanleihen mit guter Bonität innerhalb von drei Wochen um rund 1,5 Prozent zugelegt – eine deutliche Kursbewegung für dieses Marksegment.

Europäische Hochzinsanleihen haben sogar um 2,6 Prozent zugelegt, und einer der wichtigsten Indizes für Schwellenland-Bonds notiert seit einem Zwischentief Mitte November knapp fünf Prozent im Plus. „Seit Jahresanfang findet eine spürbare Erholung an den Märkten statt, vor allem bei risikoreichen Anlageklassen wie Hochzinsanleihen“, sagt Michael Hünseler, Portfoliomanager und Experte für Unternehmensanleihen beim Vermögensverwalter Assenagon.

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Marco Stoeckle, Analyst bei der Commerzbank, warnt Anleger jedoch davor, sich von der Markteuphorie mitreißen zu lassen. „Die Versuchung, auf den Zug aufzuspringen und das Risiko zu erhöhen, ist zweifellos in den letzten Wochen gestiegen“, schreibt er in einer aktuellen Studie. Doch bestehe die Gefahr, Opfer eines klassischen Anlegerfehlers zu werden – der Angst, eine Rally zu verpassen.

Stoeckle rät daher: „Es wäre verfrüht, aggressiv in den Markt zu gehen.“ Anleger sollten das Risiko nur graduell hochfahren. Denn die Krisen – vom Brexit über Italien bis hin zum Handelskonflikt zwischen den USA und China – sind noch längst nicht gelöst.

Überfällige Korrektur

Aus Sicht von Assenagon-Manager Hünseler haben vor allem zwei Faktoren zum neuen Risikohunger beigetragen: Zum einen erwarten nur noch wenige Anleger, dass die EZB ihre Zinsen bereits 2019 anhebt. Die Mehrheit der Investoren geht vielmehr davon aus, dass der erste Zinsschritt erst 2020 ansteht. „Das Zinsniveau ist zuletzt merklich gesunken. Das hat die Anleihekurse gestützt“, sagt Hünseler.

Gleichzeitig sind mit dem Ausverkauf an den Aktienmärkten im November und Dezember auch die Kurse für spekulative Bonds eingebrochen, die Renditen im Gegenzug in die Höhe geschnellt. „Das signalisiert einen Konjunkturpessimismus, den ich nicht teile“, sagt Hünseler. Nun seien Unternehmensanleihen insbesondere im Vergleich zu Aktien wieder günstig bewertet. „Daher glaube ich, dass Firmenbonds noch weiteres Aufholpotenzial haben“, sagt Hünseler.

Auch aus Sicht von David Zahn, Chefstratege für europäische Anleihen beim Vermögensverwalter Franklin Templeton, war eine Korrektur an den Anleihemärkten überfällig. „Lange Zeit waren die Renditen einfach zu niedrig.“ Nun erhielten Anleger bei Unternehmensanleihen wieder eine angemessene Entschädigung für das Risiko, das sie tragen.

„Zum ersten Mal seit drei Jahren sind auch Hochzinsanleihen wieder attraktiv“, sagt Zahn. Die Ausschläge an den Märkten seien kein Grund zur Sorge: „Sobald sich die Investoren an die Rückkehr der Volatilität gewöhnt haben, sollten sich die Risikoaufschläge stabilisieren.“

Das Ausmaß des Ausverkaufs an den Märkten Ende 2018 hält Zahn für übertrieben: „Viele Anleger sind zu pessimistisch gewesen.“ Der Binnenkonsum in Europa sei weiterhin stark. Auch die Arbeitslosigkeit gehe zurück. Zwar kühle sich die Konjunktur ab. „Aber ich glaube nicht an ein Desaster“, so Zahn. Auch der Brexit dürfte aus seiner Sicht keinen großen Druck auf die Kurse von Unternehmensanleihen ausüben.

Zudem dürfen die Investoren weiter auf die Unterstützung der EZB hoffen. Mit einer Inflationsrate von durchschnittlich 1,6 Prozent im Euro-Raum ist die Notenbank noch weit weg von ihrer Zielmarke von um die zwei Prozent. „Die Inflationsrate gibt der Zentralbank noch keinen Anlass, von ihrer Nullzinspolitik abzuweichen“, sagt Zahn.

Steigende Renditen

Auch bei der Anleiheklasse, die im vergangenen Jahr besonders gelitten hat, schöpfen Anleger wieder Hoffnung, sagt Eric Wiegand vom Fondshaus DWS. Insbesondere zwischen August und November 2018 hatten der starke Dollar und die striktere Geldpolitik der US-Notenbank Fed für Mittelabflüsse bei den Schwellenländern gesorgt. „Aus dieser Angst heraus war die Abstrafung der Schwellenland-Anleihen relativ zu den Fundamentaldaten sehr stark“, sagt Wiegand. Viele Exportländer profitierten sogar von einem starken Dollar.

Die durchschnittliche Rendite der wichtigsten Schwellenland-Indizes sei zuletzt um 50 Prozent gestiegen. „Beispielsweise für ETF-Anleger, die jetzt einsteigen, bedeutet das nichts anderes, als dass sie für ihr Risiko eine höhere Rendite erhalten“, sagt Wiegand.

Besonders im Vergleich zu europäischen Hochzinsanleihen seien Bonds aus Schwellenländern attraktiv: Denn beide Anlageklassen werfen eine vergleichbare Rendite ab, doch im Durchschnitt sei die Kreditqualität in den Schwellenländer-Indizes deutlich besser.

Selbst am als besonders riskant verschrienen Markt für US-Hochzinsanleihen herrscht aktuell Rally-Stimmung: Seit Mitte Dezember hat der entsprechende Index um rund fünf Prozent zugelegt. Dabei hatte Jeffrey Gundlach, Chef des Hedgefonds Double Line Capital, kürzlich vor einem „Ozean von Schulden“ gewarnt, der in diesem Jahr über den Markt für US-Unternehmensanleihen hereinbreche.

Clinton Comeaux, Experte für Hochzinsbonds beim Vermögensverwalter Muzinich, hält solche Warnungen jedoch für übertrieben. „Wir sehen nicht, dass sich die Unternehmen aggressiv verschulden.“ Auch sei der Anteil der Firmen mit der schlechtesten Bonität vergleichsweise klein. „Die sonst üblichen Exzesse am Markt gibt es derzeit nicht.“

Außerdem lägen die Ausfallraten unterhalb des langfristigen Durchschnitts. „Ein paar Unternehmen kurz vor der Pleite sind nicht das größte Risiko“, sagt Comeaux. „Viel wichtiger ist die Unsicherheit auf der Makroebene, beispielsweise der Handelskonflikt.“

Ob der Aufwärtstrend an den Bond-Märkten anhält, hänge maßgeblich vom Erfolg der Handelsgespräche zwischen den USA und China ab, bestätigt Commerzbank-Analyst Stoeckle. Die Verhandlungen gehen noch bis Anfang März. Bis dahin, rät er, sollten Anleger Vorsicht walten lassen und lieber auf etwas Rendite verzichten.

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