Dax-Ausblick: Auf die rätselhafte Rally an der Börse folgen nur noch kurze Rücksetzer
Seit Beginn der Coronakrise erleben Investoren an den Aktienmärkten eine Art Achterbahnfahrt.
Foto: ReutersFrankfurt. Es ist eine Zeit der Extreme. Fast elf Prozent hat der deutsche Leitindex Dax in der vergangenen Woche zugelegt. Seit März summiert sich der Anstieg auf über 50 Prozent. Und das inmitten der durch die Corona-Pandemie ausgelösten schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg – mit massiv steigenden Arbeitslosenzahlen und Unternehmen, denen die schlimmsten Gewinneinbrüche als Folge des wochenlangen Stillstands von Wirtschaft und Gesellschaft wohl noch bevorstehen.
Seit Beginn der Coronakrise erleben Investoren an den Aktienmärkten eine Art Achterbahnfahrt. Von Mitte Februar bis Mitte März ging es rasend schnell in die Tiefe, danach folgte der ebenso rasche Aufschwung. Inzwischen ist der Dax nur noch sieben Prozent von seinem vor dem Absturz erreichten Allzeithoch entfernt, beim breiter gefassten amerikanischen S&P-500-Index ist es ähnlich.
Anlagestrategen suchen nach Erklärungen für den jüngsten rasanten, nahezu ungebremsten Aufschwung, lassen sich vom Optimismus der Investoren offenbar inzwischen mitziehen: Während viele Beobachter zu Beginn der Erholung lediglich kurze Zwischenhochs erkannten, halten sie es inzwischen für unwahrscheinlich, dass die Börsen nochmals einbrechen werden.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es keine zweite Viruswelle gibt, die die Wirtschaft erneut mehr oder weniger komplett lahmlegt. So rechnen Aktienexperten zwar mit anhaltend starken Schwankungen, aber nur noch leichteren Rücksetzern. Am Jahresende sehen einige die führenden Indizes allenfalls etwas niedriger als heute. Das Handelsblatt hat vier namhafte Anlagestrategen und -analysten nach ihren Erwartungen befragt.
„Anleger erkennen Licht am Ende des Tunnels“, resümiert Michael Bissinger, Aktienanalyst bei der DZ Bank – und hält den Auslöser für die jüngste Börseneuphorie „für gerechtfertigt“. Schließlich habe sich einiges verbessert, sagt er: In Sachen Corona bewegten sich die Industrieländer wieder in Richtung Normalität, die unvergleichliche Stützung von Notenbanken und Staaten mildere die Belastung für die Wirtschaft ab.
Hilfspakete lindern die Folgen der Pandemie
Ein Indikator aus seinem Hause, der europäische Stimmungssignale zur Konjunktur bündelt, weise darauf hin, dass der Abwärtstrend der vergangenen Monate zum Stillstand komme, erzählt der Analyst – „allerdings auf sehr niedrigem Niveau“.
So zeigten Stimmungsindikatoren aus der Industrie im Mai eine leichte Gegenbewegung zum Vormonat: Die Produktionserwartungen im verarbeitenden Gewerbe etwa, die im April auf den tiefsten Stand seit Beginn der Umfrage im Jahr 1985 gefallen waren, sind im abgelaufenen Monat wieder merklich nach oben geklettert.
Als den wichtigsten Grund für den Optimismus sehen die Aktienexperten, dass die Notenbanken und Regierungen weltweit ohne historisches Vorbild gegen die Krise ansteuern. Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank, spricht von einer „nie da gewesenen konzertierten Aktion“.
In den USA wurden bereits Hilfspakete im Umfang von knapp drei Billionen Dollar geschnürt. Die US-Notenbank (Fed) hat den Leitzins auf null Prozent gesenkt und seit Anfang März bereits Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere für mehr als zwei Billionen Dollar gekauft.
Ökonomen rechnen damit, dass die Fed bei ihrer Sitzung am Mittwoch weitere Anleihekäufe in Aussicht stellt. Und in den USA verstärkte die überraschend wieder gesunkene Arbeitslosenquote Ende der Woche bei Anlegern die Hoffnung auf bessere Zeiten.
Die Staaten der EU haben erstmals ein riesiges gemeinsames Paket angekündigt, das sich zusammen mit den nationalen Hilfen zu mehreren Billionen Euro aufaddiert. Die deutsche Regierung verkündete in der Nacht zum vergangenen Donnerstag ein Konjunkturpaket im Umfang von 130 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) stockte am Donnerstag ihr erst im März aufgelegtes zusätzliches Anleihekaufprogramm („Pepp“) um 600 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro auf.
Trotzdem werden die Hilfen die Folgen der Pandemie nur lindern, eine weltweite Rezession verhindern können sie nicht. Daher finden Aktienexperten wie Bissinger von der DZ Bank denn auch, dass „die Aktienrally zu schnell läuft“.
Vorsicht oder Euphorie?
Von der Realwirtschaft werde es noch schlechte Nachrichten geben, mahnt er. Nach Gewinnrevisionen für Firmen aus wichtigen Indizes wie dem breiten europäischen Stoxx 600 von 37 Prozent im ersten Quartal dürften Revisionen im zweiten und dritten Quartal von gut 50 und knapp 40 Prozent folgen. Bei den Dax-Unternehmen sehe es ähnlich aus. 2020 hätten alle abgehakt, sagt Bissinger.
Doch bereits für 2021 rechnen Investoren wie Analysten mit einer schnellen Erholung. An den Börsen spiegeln die Aktienkurse heute schon, dass sich die Wirtschaft schnell in Richtung einer V-förmigen Entwicklung erholt.
Carsten Roemheld, Kapitalmarktstratege beim Fondshaus Fidelity International, sagt: „Der Markt nimmt vorweg, dass es nach der Krise mit der Wirtschaft wieder aufwärtsgeht.“ Das sieht auch Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank, so. Er erwartet indes nur auf Quartalssicht eine V-förmige Erholung der Wirtschaft. Konkret heißt das: Vom zweiten auf das dritte und vom dritten auf das vierte Quartal sollte sich die Wirtschaftslage bessern. Im Vergleich zu den Vorjahresquartalen aber würden die Wachstumsraten sinken.
Schickentanz von der Commerzbank ergänzt: Nach einem „heftigen zweiten Quartal“ dürfte ab dem zweiten Halbjahr die konjunkturelle Erholung einsetzen, meint er. Mitte 2022 sollte die Wirtschaft auf dem Vorkrisenniveau liegen. Damit stimmt er überein mit den meisten Analysten, die für 2022 wieder mit Gewinnniveaus der Unternehmen nahe den Allzeithochs erwarten.
Diese Euphorie aber finden andere zweifelhaft: „Keiner weiß, ob die Konjunkturerholung so glatt läuft“, meint DZ-Banker Bissinger. Auch weil andere Risiken wie geopolitische Spannungen im Mittleren Osten oder der Handelskonflikt zwischen den USA und China von Investoren weitgehend ausgeblendet würden. Auch Stephan von der Deutschen Bank ist vorsichtiger: Es werde dauern, bis die Einbrüche aufgeholt sind. „Ende 2021 werden die Unternehmen noch nicht wieder so viel verdienen wie 2019“, sagt er.
Trennung zwischen „Main Street“ und „Wall Street“
Aktien aber sind bereits wieder so teuer wie im Jahr 2002, wie die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) internationaler Indizes wie MSCI World, S&P 500 und Dax zeigen. Das aber beunruhigt Strategen nicht sonderlich.
Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens dürfen die KGVs in lang anhaltendenden Zeiten mit sehr niedrigen Zinsen höher sein, betont Roemheld. Denn die klassische Anlagealternative Anleihen bietet kaum noch Rendite, sodass Anleger auch höhere Preise für Aktien zahlen.
Zweitens habe sich die Zusammensetzung der Aktienindizes in den vergangenen Jahren verändert, erklärt Schickentanz weiter. Inzwischen hätten Branchen mit einem niedrigen KGV in den Indizes an Bedeutung verloren. Deshalb könne man zum Beispiel das KGV des S&P 500 von heute nicht unmittelbar mit dem von vor zehn oder 15 Jahren vergleichen.
Stephan beobachtet zudem eine generelle Trennung zwischen „Main Street“ und „Wall Street“. Das heißt: Die Volkswirtschaften entwickeln sich anders als die Aktienmärkte. Das liege vor allem in den USA an der Zusammensetzung der großen Indizes. Tatsächlich dominieren Unternehmen aus der Technologiebranche und Pharmawerte, die von der Coronakrise profitiert haben, den S&P 500.
US-Aktien mit ihrem Tech-Schwerpunkt halten sich sehr stabil, da sie von der Beschleunigung zur Digitalisierung durch die Coronakrise profitierten. „Vor diesem Hintergrund muss man sich nicht allzu sehr wundern, dass die Märkte gut gelaufen sind“, sagt der Stratege.
Roemheld von Fidelity sieht das ähnlich. Die Aktien vieler konjunktursensibler, zyklischer Unternehmen zum Beispiel aus den Bereichen Industrie und Energie seien noch weit von ihren Allzeithochs entfernt, auch wenn sie zuletzt aufholten. Für Roemheld unterstreicht dies indes, dass inzwischen auch der breite Markt von einer Erholung der Wirtschaft nach der Krise ausgeht. Das komme gerade auch den europäischen Aktienmärkten zugute, bei denen die Indizes von zyklischeren Unternehmen dominiert werden.
Rückschläge geringeren Ausmaßes
Das alles bedeutet nicht, dass es an den Börsen keine Rückschläge mehr geben wird. „Die Rally dürfte an Schwung verlieren, und die Kursschwankungen dürften zunehmen“, erwartet Bissinger von der DZ Bank. In den nächsten Monaten können die Aktienkurse in Europa und in den USA durchaus noch um mehr als zehn Prozent absacken, das Jahr um rund zehn Prozent niedriger beenden als heute.
Auch Stephan von der Deutschen Bank rechnet mit zwischenzeitlichen Rückschlägen von um die zehn Prozent. Allerdings sollten die Kurse seiner Ansicht nach nicht mehr so heftig einbrechen wie im Spätwinter, jedenfalls wenn sich Verlauf der Corona-Pandemie nicht schlechter als erwartet entwickelt. Denn „wenn es an den Börsen wieder etwas heruntergeht, wird es auch schnell wieder Käufer geben“, sagt der Stratege.
Das liegt auch daran, dass viele institutionelle Investoren den jüngsten Kursaufschwung nicht mitgemacht haben, wie alle Strategen betonen. Tatsächlich waren die Umsätze an den Aktienmärkten im Aufschwung geringer als während des Crashs. Aus Angst, noch mehr zu verpassen, steigen diese Investoren jetzt noch an den Börsen ein – oder werden Rückschläge nutzen, um Aktien zuzukaufen. Für diesen Treiber der Aktienmärkte hat sich in der Börsensprache der Begriff „Fear of missing out“ oder kurz „Fomo“ etabliert. Auch er wird die Börsen wohl noch länger stützen.
Fed und Konjunkturdaten im Blick der Anleger
In der kommenden Woche dürften Investoren vor allem auf die Ergebnisse der geldpolitischen Beratungen der US-Notenbank am Mittwoch warten. Eine Zinssenkung unter null Prozent komme für die Fed nicht infrage, sagt Commerzbank-Volkswirt Bernd Weidensteiner. Allerdings könnte die Fed ihren geldpolitischen Ausblick präzisieren und beispielsweise Details zu Dauer und Umfang ihrer Wertpapierkäufe liefern.
Wenige Stunden vor dem Fed-Entscheid stehen die US-Inflationsdaten auf dem Terminplan. Nach einem Rückgang um 0,8 Prozent im April wegen des Ölpreisverfalls und der Coronakrise sagen Experten für Mai eine Stabilisierung der Verbraucherpreise voraus.
In Deutschland richtet sich die Aufmerksamkeit auf Daten zur Industrieproduktion am Montag. Analysten rechnen für April mit einem Rückgang um 15,5 Prozent. Ähnlich wie beim fast 26-prozentigen Einbruch der Auftragseingänge halten sie damit den Tiefpunkt aber für erreicht.
Fazit: Jetzt massiv in Aktien einsteigen sollten Anleger nicht, raten Strategen, denn dafür sei es schon wieder zu spät. Es lohne sich aber, auf Kursrücksetzer zu warten. Doch wer regelmäßig in Aktien spart, sollte dies weiter tun. Langfristig betrachtet dürften die Aktienkurse weiter steigen. Denn in der anhaltenden Welt ohne Zinsen gibt es kaum attraktive Alternativen zu Aktien.