Dax-Sentiment: Dax steckt in Phase eins der Erleichterungsrally – doch Anleger misstrauen dieser Entwicklung
Es ist eine von hoher Unsicherheit geprägte Marktphase.
Foto: dpaDüsseldorf. Am deutschen Aktienmarkt läuft die übliche erste Phase einer Erholungsrally. Und die aktuellen Daten der Handelsblattumfrage Dax-Sentiment und weiterer Indikatoren signalisieren: Die kommenden Handelstage bleiben spannend.
Um drei Prozent ist der Dax in der vergangenen Woche nach oben geschnellt, weil wieder Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 nach Europa strömt. Es war die beste Handelswoche seit Mitte März. Die schlimmsten Befürchtungen einer starken Rezession sind nun der Hoffnung auf eine milde Rezession gewichen.
Doch die neuen Sentimentdaten zeigen, dass Anleger dieser Entwicklung nicht trauen. Sie begrüßen zwar die Kursgewinne, doch kaum jemand ist überzeugt davon, dass die Aktienmärkte ihre Tiefs gesehen haben.
So hat sich die kurzfristige Stimmung zwar verbessert, verharrt insgesamt aber tief negativ. Die hohe Verunsicherung bleibt ebenso bestehen, was den Schluss zulässt, dass die steigenden Notierungen viele Anleger überrascht haben. Zudem ist die Zukunftserwartung gefallen.
Gleichwohl sprechen diese Daten dem Sentimentexperten Stephan Heibel zufolge dafür, dass die Erholungsrally noch ein wenig weiter laufen kann. Denn für eine nachhaltige Bewegung nach oben sind solche Zweifel erforderlich. Kurse steigen an einer Wand voller Zweifel – an der „Wall of Worry“ –, so lautet das passende Börsen-Schlagwort.
In der Vergangenheit wurde in der ersten Phase einer Erholungsrally sehr oft ein Boden durch Spekulanten gebildet. Langfristanleger oder Investoren aus Überzeugung hingegen zweifeln zunächst an der Nachhaltigkeit und kehren häufig erst später zurück, wenn die größten Gewinne bereits gemacht wurden.
Ein anderer Aspekt hingegen spricht gegen weiter steigende Kurse. Laut der umfangreicheren Sentimenterhebung Animusx ist die Cashquote innerhalb weniger Tage von extrem hoch auf extrem niedrig gefallen. Das bedeutet: Viele Anleger haben sich in die steigenden Kurse der vergangenen Woche long positioniert, um von der Rally zu profitieren. Sie haben folglich auf weiter steigende Kurse gesetzt. Im Gegensatz dazu ist die Shortquote weiterhin niedrig.
Für Heibel ist das „eine sehr fragile Ausgangslage, denn es gibt noch keine Überzeugungsanleger“. Eine Hiobsbotschaft könnte erneut zu Panik am Aktienmarkt führen. Dann würden die Long-Spekulationen schnell aufgelöst und der Dax könnte wieder auf Tauchstation gehen.
Aus den Animusx-Daten lässt sich ableiten, dass aus dem Inland kaum mehr neue Impulse für weitere Gewinne kommen, weil die meisten heimischen Anleger bereits hoch investiert sind. Für eine Fortsetzung der Erholungsrally müssten folglich ausländische Anleger den deutschen Aktienmarkt wiederentdecken.
Die Chancen dafür stehen nach Meinung des Sentimentexperten nicht schlecht. Nachdem deutsche Papiere vor dem Hintergrund des drohenden Gasstopps aus Russland zuletzt gemieden wurden, könnte die Abwendung des schlimmsten Szenarios – nämlich ein sofortiger Lieferstopp – dazu führen, dass internationale Anleger sich nach günstigen Aktien umschauen, die nicht vom Gas abhängig sind. Dann könnten sie wieder in den deutschen Markt investieren.
Umfragedaten Dax-Sentiment im Detail
Das Anlegersentiment ist kräftig angesprungen, von minus 6,2 auf 2,5. Damit hat das Barometer den Bereich extremer Niedergeschlagenheit verlassen. Freude ist aber noch nicht aufgekommen. So bleibt auch die Verunsicherung mit einem Wert von minus 3,5 nach minus 5,7 in der Vorwoche weiterhin groß.
Die Zukunftserwartung ist auf minus 1,0 gefallen. Es scheint jedem Anleger klar zu sein, dass die aktuelle Erholungsrally nur vorübergehend ist.
Immerhin steigt die Investitionsbereitschaft auf plus 2,0. Gleichzeitig ist die Shortquote sehr niedrig. Die Umfrageteilnehmer wollen von der Erholungsrally profitieren und sind bereit, auf steigende Kurse zu setzen.
Das Euwax-Sentiment der Börse Stuttgart, an der Privatanleger handeln, ist auf den Nullpunkt gefallen. Damit herrscht in den Depots ein ausgeglichenes Verhältnis von Call- und Put-Hebelprodukten auf den Dax, mit denen sich auf steigende beziehungsweise fallende Kurse spekulieren lässt.
Das Put-Call-Verhältnis an der Frankfurter Terminbörse Eurex zeigt eine verstärkte Risikofreude der institutionellen Anleger. Mit einem Wert von 1,0 werden derzeit mehr Call-Optionen gehandelt als im Durchschnitt der vergangenen Monate mit 1,6.
Auch in den USA werden die Put-Absicherungen aufgelöst, stattdessen dominieren Call-Spekulationen. Das Put-Call-Verhältnis der Chicagoer Terminbörse CBOE notiert wieder unter dem Durchschnitt der vergangenen Monate.
US-Fondsanleger haben zuletzt ihre Investitionsquote von 27 Prozent in der Vorwoche auf nun 44 Prozent hochgefahren. Die historisch niedrige Investitionsquote der vergangenen Wochen hat sich im Nachhinein insbesondere in den USA als falsch herausgestellt. Dort hat das weltweit wichtigste Börsenbarometer S&P bereits Mitte Juni das bisherige Tief erreicht. Beim Dax geschah das erst drei Wochen später.
Unter den US-Privatanlegern verlassen die Bären fluchtartig das Lager. Noch vor zwei Wochen erwarteten 53 Prozent der US-Privatanleger fallende Kurse, inzwischen sind es nur noch 42 Prozent. Das Lager der Bullen hat im gleichen Umfang gewonnen.
Der anhand technischer Marktdaten berechnete „Angst-und-Gier-Indikator“ der US-Märkte zeigt mit einem Wert von 40 Prozent nur noch moderate Angst an.
Ölpreis steht vor einer Bodenbildung
Die Stimmung am Ölmarkt ist in den vergangenen Wochen extrem stark eingebrochen. Auch die Zukunftserwartung ist extrem negativ. Beides Werte, die eher ein Preisniveau von 40 bis 50 Dollar pro Barrel (159 Liter) erwarten lassen.
Dabei ist der Ölpreis lediglich von 120 auf 100 Dollar pro Barrel gefallen. Dieser Stimmungseinbruch ist laut Sentimentanalyse ein Kontraindikator und dürfte nach Meinung von Heibel „weitere Preisrückgänge begrenzen“.
Hinter Erhebungen wie dem Dax-Sentiment mit mehr als 7000 Teilnehmern stehen zwei Annahmen: Wenn viele Anlegerinnen und Anleger optimistisch sind, haben sie bereits investiert. Dann bleiben nur wenige übrig, die noch kaufen und damit die Kurse in die Höhe treiben könnten. Umgekehrt gilt: Wenn die Anlegerinnen und Anleger pessimistisch sind, haben sie mehrheitlich nicht investiert. Dann können nur noch wenige verkaufen und damit die Kurse drücken.
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