Dax-Umfrage Anleger bereiten sich auf Börsenturbulenzen vor

Nachdem der Dax die Marke von 13.000 Punkten zurückerobert hat, schwindet die Zuversicht der Anleger. Sie sichern nun ihr Depot ab. Das könnte ein Fehler sein.
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Gier und Panik? Wann Emotionen die Kurse bewegen

FrankfurtDerzeit herrschen in Europa und den USA zwei verschiedene Börsenwelten. „Selten war die Stimmungslage in Deutschland so unterschiedlich zu der in den USA“, meint Stephan Heibel nach Auswertung der aktuellen Handelsblatt-Umfrage Dax-Sentiment und weiteren Indikatoren. Bei der Handelsblatt-Erhebung werden mehr als 3.000 Anleger befragt, wie sie die Lage an den Aktienmärkten einschätzen. Mithilfe der Daten leitet der Inhaber des Analysehauses Animusx Prognosen zur Dax-Entwicklung ab und bietet damit Anleger Orientierung für ihre Geldanlage.

Bei genauer Betrachtung der Daten gibt es eine wichtige Diskrepanz zwischen beiden Börsen. Während in Deutschland erzielte Gewinne abgesichert werden und Anleger ihre Positionen eher verkleinern möchten, steht man in den USA in den Startlöchern für den nächsten Rally-Schub. „Es müssen also internationale Anleger sein, die derzeit in Deutschland investieren, denn die heimischen Anleger treiben die Kurse nicht mehr nach oben“, schlussfolgert der Sentiment-Experte.

Zu diesem Szenario passt, dass der größte US-Hedgefonds Bridgewater inzwischen seine Leerpositionen auf bis zu 13 Dax-Aktien vollständig zurückgefahren hat. Mit solchen Leerverkäufen spekulieren Investoren auf fallende Kurse.

Mittlerweile herrscht gute Stimmung an den europäischen Aktienmärkten, der Dax legte in der vergangenen Woche 0,6 Prozent zu und stieg über die Marke von 13.100 Punkten. „Auslöser könnten die Regierungsverhandlungen in Italien sein“, meint Hebel. Dort habe sich eine Koalition gebildet, die ohne Berlusconi auskommt und das Referendum zum Verbleib in der EU erst einmal nicht weiterverfolgen möchte. Auch die Forderung nach einem Schuldenerlass für italienische Banken ist derzeit erst einmal aus den Schlagzeilen verschwunden. Stattdessen möchte man ein „Bürgergeld“ in Höhe von 780 Euro einführen.

„Da zeigt sich das EU-skeptische Mitte-links-Bündnis doch wesentlich gemäßigter als in den vergangenen Monaten befürchtet, der Zerfall der EU ist erst einmal kein Thema mehr“, meint der Animusx-Inhaber. Entsprechend habe Bridgewater auch seine Spekulationen auf fallende Kurse beendet.

Mit den vielen Absicherungskäufen haben sich deutsche Anleger auf Börsenturbulenzen vorbereitet, nachdem der Dax in den vergangenen Wochen eine deutliche bessere Performance zeigte als sein „US-Kollege“ Dow Jones. „Es könnte sich um eine Ausnahmesituation gehandelt haben, die internationale Anleger zu Käufen bewegt hat“, mutmaßt Heibel. Daraus nun einen Konsolidierungsbedarf am deutschen Aktienmarkt abzuleiten, sei zwar möglich, aber auch gefährlich.

In welcher Zyklusphase befinden sich die Märkte Ihrer Meinung nach aktuell?
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Denn nach wie vor sei die US-Börse die Leitbörse der Welt und dort steht die Erholungs-Rally nach den deutlichen Kursverlusten im Monat Februar noch aus. „Sollte in den kommenden Tagen oder Wochen eine US-Rally starten, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Dax seinem Leithammel Dow Jones folgt“, prophezeit der Börsenexperte. Viele heimische Anleger wären dann falsch positioniert, sie würden den steigenden Kursen dann hinterherlaufen und durch späte Käufe eine Rally weiter anheizen.

Bereits am vergangenen Wochenende waren zuversichtliche Töne aus Washington zu hören, China und die USA sind im Handelsstreit einen Schritt aufeinander zugegangen. Möglichweise könnte das für eine Rally in den USA sorgen – mit positiven Auswirkungen für den deutschen Leitindex.

Das Umfrageergebnis für die aktuelle Woche zeigt: 41 Prozent (minus zwei Prozentpunkte gegenüber der Vorwoche) der Teilnehmer sehen in der aktuellen Dax-Entwicklung einen Aufwärtsimpuls, fast jeder Vierte (24 Prozent, minus ein Prozentpunkt, geht von einer Topbildung aus, also keine weiteren Kurssteigerungen. „Damit hat die überwältigende Mehrheit die Rally registriert“, fasst Heibel die beiden Daten zusammen. Nur 29 Prozent (plus ein Prozentpunkt) betrachten die jüngste Entwicklung als Seitwärtsbewegung. Die Stimmung pendelt somit nah an Euphorie.

Mit 58 Prozent (plus fünf Prozentpunkte gegenüber Vorwoche) haben die meisten Anleger steigende Kurse „zum größten Teil“ erwartet, weitere 16 Prozent haben sogar darauf spekuliert. Nur noch fünf Prozent (minus drei Prozentpunkte) wurden auf dem falschen Fuß erwischt und für weitere 22 Prozent (plus ein Prozentpunkt) haben sich die Erwartungen an die vergangene Handelswoche „kaum erfüllt“. Diese Werte zeigen: Wie immer bei steigenden Kursen ist die Selbstzufriedenheit der Anleger groß.

Welche Zyklusphase erwarten Sie in drei Monaten??
Angaben in Prozent

Die Skepsis gegenüber der künftigen Entwicklung am Aktienmarkt bleibt ebenfalls groß: Nur 17 Prozent (unverändert) gehen für den Dax in drei Monaten von weiter steigenden Kursen aus, hingegen fürchtet jeder Dritte weiterhin fallende Kurse. Mit 36 Prozent (plus drei Prozentpunkte) gehen jedoch die meisten von einer Seitwärtsbewegung aus. Die Bären dominieren offenbar die Erwartungshaltung, seit dem vergangenen Herbst war diese Stimmung nicht mehr so negativ.

Entsprechend verändert sich auch das Kaufverhalten. Nur noch jeder fünfte Anleger (minus vier Prozentpunkte) will in den kommenden zwei Wochen Aktien zukaufen, hingegen beabsichtigt fast der Vierte (24 Prozent, plus fünf Prozentpunkte) seine Positionen zu verkleinern. Mit 56 Prozent (minus ein Prozentpunkt) bleiben die meisten beim Investitionsverhalten weiterhin unentschlossen.

„Es ist das erste Mal seit ziemlich genau einem Jahr, dass das Verkaufs- größter das Kaufinteresse ist“, erinnert sich der Sentiment-Experte. „Damals folgten einige schwache Börsenmonate.“

Das Sentiment der Stuttgarter Börse Euwax, an der in erster Linie Privatanleger handeln, bleibt mit einem Wert von minus 6,8 deutlich im negativen Bereich. Diese Zahl sagt aus: Privatanleger haben nach der Rally der vergangenen Tage überwiegend Short-Produkte gekauft, die bei fallenden Kursen an Wert gewinnen. Es sind also Absicherungspositionen, um sich vor Verlusten bei sinkenden Notierungen zu schützen. Das Euwax-Sentiment wird anhand realer Trades mit Hebelprodukten auf den Dax berechnet.

Werden Sie in den nächsten beiden Wochen handeln?
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Ganz ähnlich sieht es bei den Profis aus: Institutionelle Anleger sichern sich über die Frankfurter Terminbörse Eurex mithilfe von Optionen ab. Das Put/Call-Verhältnis ist vergangene Woche auf 2,6 in die Höhe geschnellt und zeigt ein extrem aktives Absicherungsverhalten der professionellen Investoren an.

In den USA sieht es anders aus, dort war das Put/Call-Verhältnis an der Chicagoer Terminbörse CBOE in den vergangenen Wochen extrem hoch und kommt derzeit langsam zurück. Das Verhalten der Profis hierzulande und jenseits des Atlantiks passt zur unterschiedlichen Börsenentwicklung: Während der Dax seit April seine Kursverluste im Monat Februar inzwischen wieder ausgleichen konnte, hinkt der Dow-Jones-Index noch hinterher. In Deutschland sichern Anleger ihre Gewinne ab, während es an den US-Märkten eine längere Durststrecke gab und erst jetzt langsam Zuversicht aufkommt.

Entsprechend stocken institutionelle Anleger in den USA nun langsam ihre Investitionsquote auf, sie stieg in der abgelaufenen Woche von 69 Prozent auf nunmehr 85 Prozent. Damit notiert dieser Indikator wieder am unteren Rand dessen, was als „normal“ bezeichnet werden kann. In die fallenden US-Kurse haben die Profis also ihre Engagements vorsichtig erhöht.

Entsprechend notiert der auf technischen Marktdaten basierende „Angst-und-Gier-Index“ der US-Märkte mit 55 Prozent weiterhin im neutralen Bereich. US-Privatanleger werden langsam ebenfalls wieder zuversichtlicher, der entsprechende Bulle/Bär-Index ist auf 16 Prozent gestiegen und notiert damit im moderat positiven Bereich.

Die Handelsblatt-Umfrage startet jeden Freitag und endet am Sonntag. Die Auswertung lesen Sie tags darauf auf Handelsblatt Online. Einfacher haben es Leser, die sich für eine kostenlose Erinnerungsmail eintragen. Sie erhalten automatisch eine Mail mit der Bitte, an der Umfrage teilzunehmen, und eine, wenn die Experten-Auswertung auf Handelsblatt Online zu lesen ist.

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1 Kommentar zu "Dax-Umfrage: Anleger bereiten sich auf Börsenturbulenzen vor"

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  • Ja, ja. 0,7% heute!

    Dafür brauchen die Sparer teils Jahre.

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