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Delisting Wie sich der Rückzug von der Börse für Anleger auszahlt

Finanzinvestoren suchen nach unterbewerteten Unternehmen an der Börse, um sie vom Kurszettel zu nehmen. Privatanlegern winken dabei hohe Gewinne.
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Der Maschinenbauer zählt zu jenen deutschen Unternehmen, die womöglich von der Börse genommen werden. Quelle: dpa
Anlage von Gea

Der Maschinenbauer zählt zu jenen deutschen Unternehmen, die womöglich von der Börse genommen werden.

(Foto: dpa)

Frankfurt Die Bank of America ist ein großer Spieler im Kapitalmarkt, ihre Investmentbanker fühlen regelmäßig den Puls der Aktienbörsen. Dieses Jahr steht für sie ganz im Zeichen sogenannter Delistings, bei denen Unternehmen vom Kurszettel verschwinden und als privat geführte Gesellschaften in eine neue Zukunft gehen.

„Öffentliche Übernahmeangebote sind ein bedeutender Trend in den nächsten Monaten, Scout24 ist dafür ein gutes Beispiel. Die Finanzinvestoren haben hohe liquide Mittel, um Unternehmen von der Börse zu nehmen. In allen Indizes gibt es Kandidaten, die unterbewertet erscheinen“, sagt Armin von Falkenhayn, Deutschlandchef der US-Großbank.

Die Finanzinvestoren – im Fachjargon Private-Equity-Häuser genannt – sitzen auf rund 1,2 Billionen Dollar weltweit, die noch nicht investiert sind.

Weil zu wenig Familienunternehmen und Konzernteile zum Verkauf stehen, nehmen öffentliche Übernahmeangebote für börsennotierte Unternehmen zu.

Für die privaten Anleger ist das in der Regel ein Vorteil, denn oftmals werden im Zuge einer „Reprivatisierung“ erhebliche Prämien auf den aktuellen Aktienkurs geboten.

Ein Beispiel ist der Arzneimittelhersteller Stada, der nach einem heftigen Übernahmegerangel von den beiden Private-Equity-Gesellschaften Bain und Cinven übernommen wurde.

Nach einer Analyse der US-Investmentbank Goldman Sachs lag die Prämie hier bei knapp 44 Prozent auf den letzten Aktienkurs und damit deutlich über dem Durchschnitt.

Noch besser fuhren die Anleger beim Energiedienstleister Techem, dessen Aktienkurs im Zuge eines Übernahmekampfes um 62 Prozent gestiegen war (siehe Tabelle).

Zweite-Reihe-Werte betroffen

Mit Stada, Scout24, dem Lichtkonzern Osram und dem Logistikunternehmen VTG drehte sich das Delisting-Karussell zuletzt immer schneller. Hintergrund ist das hohe Volumen des anlagesuchenden Kapitals. „Einer der Hauptgründe dafür ist sicherlich, dass Finanzinvestoren derzeit im Geld schwimmen und auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten sind.

Die Konditionen für eine Kreditfinanzierung sind extrem vorteilhaft. In der Kombination mit ebenfalls reichlich vorhandenem Eigenkapital können hohe Transaktionsvolumina gestemmt werden“, sagt Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie der Deka-Bank.

Bisher konzentrierten sich die „Public to Private“-Transaktionen auf Werte aus dem MDax oder SDax. Aber auch die erste Börsenliga rückt in den Fokus. „Bei einem Zusammenschluss von verschiedenen Investorengruppen sind dann auch großvolumige Deals in der Dax-Kategorie denkbar“, so Schallmayer. Weltweit wurden 2018 insgesamt 64 Deals gezählt, das Volumen erreichte 125 Milliarden Dollar – bei steigender Tendenz. Zum Vergleich: Vor rund zehn Jahren waren es nur 39 Milliarden Dollar.

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Zu den deutschen Übernahmekandidaten, die insbesondere von Private Equity gekauft und von der Börse genommen werden könnten, zählen nach Informationen aus Finanzkreisen momentan der Industriedienstleister Bilfinger, der Maschinenbauer Gea und der Spezialverpackungshersteller Gerresheimer.

Sie alle litten lange unter schwierigen Zeiten und werden teilweise von neuen Vorständen geprägt. „Zunächst einmal werden Unternehmen durch eine schwache Performance angreifbar für Übernahmen beziehungsweise Delistings“, betont Christoph Ohme, Fondsmanager für deutsche Aktien bei der DWS. Daneben spielten auch weitere Faktoren wie der Anteil des Streubesitzes oder die Unterstützung der Übernahme durch das Management eine Rolle.

Beispielsweise waren die Ergebniszahlen des Industriedienstleisters Bilfinger im vierten Quartal nach Meinung von Sven Diermeier, einem Analysten von Independent Research, eine Enttäuschung. Er senkte das Kursziel von 35 auf 33 Euro. Unter dem Strich stand 2018 ein Verlust von 24 Millionen Euro für das im SDax notierte Unternehmen.

Im Jahr zuvor war das Minus sogar noch höher. Rechnet man die Sondereffekte und die verkauften Unternehmenstöchter heraus, dann schaffte der Konzern aber zum ersten Mal seit 2014 wieder einen Gewinn. Laut Finanzdatenanbieter Bloomberg empfehlen von insgesamt 13 Analysten sechs, die Aktie zu halten, zwei Experten raten zum Verkauf. Das Kurspotenzial wird mit 22,5 Prozent errechnet.

Schwache Aktienkurse laden ein

Bei Gerresheimer war den Aktionären zuletzt Erleichterung anzumerken, nachdem zuvor die Nervosität der Anleger den Kursverlauf der Aktie geprägt hatte. Zahlreiche Managementwechsel und der Verlust eines Großauftrags hatten für Unruhe gesorgt. Bei der Vorlage des Jahresergebnisses Mitte März kam es zu einem Aufatmen unter den Aktionären. Vor allem im letzten Quartal hatte der Pharma- und Kosmetikzulieferer stärker zugelegt, als von vielen erwartet worden war.

Analyst Scott Bardo von der Berenberg Bank wertete die Jahreszahlen von Gerresheimer als ermutigend und stuft den Ausblick als solide ein. David Adlington von der US-Bank JP Morgan rät allerdings zur Vorsicht. Er rechnet damit, dass der Konzern im Laufe des Jahres unter Margendruck gerät. Von 15 Analysten raten vier zum Verkauf der Aktie, weitere fünf empfehlen, das Wertpapier zu halten. Das Kurspotenzial wird laut Bloomberg mit 4,7 Prozent im Schnitt errechnet.

Der unter Druck geratene Anlagenbauer Gea hat mit Stefan Klebert seit gut einem Monat einen neuen Chef. Seine Mission: das Unternehmen umzustrukturieren und in verschiedene Teilbereiche aufzusplitten. Das soll Transparenz und unternehmerische Verantwortung fördern.

Mit seinen Plänen hat der gelernte Mechaniker Klebert Hoffnungen geschürt. Er sieht bei Gea kein Nachfrage-, sondern ein Ergebnisproblem. Nach sieben Gewinnwarnungen in Folge versucht der neue Chef, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Sebastian Growe von der Commerzbank erwartet, dass der Umbau des Anlagenbauers in drei bis fünf Jahren Früchte tragen wird.

Seine Einstufung für Gea bleibt: „reduce“. Sven Diermeier von Independent Research sieht bei der Aktie „nach wie vor Rückschlagpotenzial“. Insgesamt raten die von Bloomberg erfassten 31 Analysten in neun Fällen zum Verkauf der Aktie. 18 Analysten empfehlen, den Titel zu halten. Die Experten erwarten im Schnitt einen Rückgang des Kurses um 7,7 Prozent.

Nach der deutlichen Korrektur des Aktienmarktes Ende letzten Jahres will DWS-Manager Ohme selbst im Dax neue Delistings nicht ausschließen. Bei Nebenwerten schätzt er die Wahrscheinlichkeit aber höher ein. In der Regel profitieren die Kurse von Aktien bei Übernahmeangeboten selbst dann, wenn der Rückzug von der Börse nicht von Erfolg gekrönt ist.

Denn ein solches Manöver signalisiere, „dass ganz offensichtlich eine Diskrepanz zwischen dem an der Börse gehandelten Wert und den in dem Unternehmen steckenden Möglichkeiten besteht“, meint Deka-Stratege Schallmayer.

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