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Die Kursmacher Jim O’Neill

Er nimmt selbst kein Anlegergeld in die Hand. Aber in nur drei Jahren hat er mehr Geld bewegt, als die meisten Fondsmanager es in ihrem ganzen Leben tun.
Jim O’Neill. Foto: Wirtschaftswoche/Visum

Jim O’Neill. Foto: Wirtschaftswoche/Visum

Einen knappen Kilometer westlich von Hambros Büro, in der Fleet Street, sitzt Jim O’Neill. Er ist eigentlich Volkswirt, er leitet die makroökonomische Abteilung der US-Investmentbank Goldman Sachs. Als solcher nimmt er selbst kein Anlegergeld in die Hand, "ich schreibe nur darüber", wie er sagt. Trotzdem hat eine Idee O’Neills in nur drei Jahren mehr Geld bewegt, als die meisten Fondsmanager es in ihrem ganzen Leben tun. 2001 berichtete O’Neill in seinem "Global Economics Paper Nr. 66" über den schnellen Aufstieg einiger Schwellenländer. 2045, so seine These, werde China mit seiner Wirtschaftsleistung Europa und die USA überholt haben. Auch Indien, Brasilien und Russland wären bis dahin an Großbritannien, Frankreich und vermutlich Deutschland vorbeigezogen. "Ohne groß nachzudenken", sagt O’Neill, hat er damals die Anfangsbuchstaben der wichtigsten vier Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China in aussprechbarer Reihenfolge zu dem Kürzel Bric zusammengestellt. Seither verzaubert das Kunstwort dieAnlegerwelt.

Die Studie hätte wohl das Schicksal der meisten makroökonomischen Betrachtungen geteilt, sie wäre auf nimmer Wiedersehen in den Ablagen der Analysten verschwunden, hätte nicht eine kleine dänische Bank das Konzept zwei Jahre später aufgegriffen. Manager von Sydinvest kamen auf die Idee, aus der trockenen, akademischen Vorlage ein Marketingkonzept abzuleiten. Sie brachten einen Fonds mit Aktien nur aus den vier Ländern auf den Markt, den ISI Bric Equities. "Wenn diese Länder ein solches Wachstum aufweisen, dann müssen auch die Unternehmen an ihren Börsen wachsen", so das Kalkül von Fondsmanager Anders Damgaard.

Der Fonds wurde ein Erfolg. Er sammelte fast aus dem Stand 70 Millionen Euro ein. Schnell erkannte die Finanzindustrie die Marketingzündkraft von Bric, die Maschinerie kam in Gang. Rasch griffen die Großen der Branche die Idee auf. Die britische HSBC und die DWS, Fondstochter der Deutschen Bank, zählten zu den ersten Nachahmern und sind bis heute ganz vorn dabei im Vermarkten von O’Neills Idee. Klaus Martini, Chefinvestor der Deutschen Bank, jubelte Anfang 2006: "Ganze Märkte, ganze Kontinente hat O’Neill in eine griffige Formel gepackt. Das Konzept ist so einleuchtend, das versteht draußen der Vertrieb, das verstehen die Kunden, das kann man mit Zertifikaten abbilden."

Marktkapitalisierung der Aktienmärkte. Grafik: Wirtschaftswoche

Marktkapitalisierung der Aktienmärkte. Grafik: Wirtschaftswoche

Inzwischen hat sich die Idee verselbstständigt, neben Dutzenden Fonds mit Bric-Etikett gibt es mindestens noch einmal so viele Derivate, die das Thema spielen. HSBC musste den Fonds Bric-Freestyle sogar für neue Anleger schließen – mit einem Volumen von 2,5 Milliarden Euro wäre er zu unbeweglich geworden. Der DWS Invest Bric ist mit 4,1 Milliarden Euro Anlegergeldern ausgestattet. Allein deutsche Privatanleger haben elf Milliarden Euro in Fonds dieser Machart gesteckt.

Aber "auch die Schwellenländer verfügen, wie die Rohstoffmärkte, nur über eine begrenzte Zahl liquider Aktien, in die Bric-Fonds investieren können", warnt Keppler, "an der indischen Börse haben die enormen Mittelzuflüsse schon zu teilweise haarsträubenden Bewertungen geführt." Kritiker werfen O’Neill vor, seine Idee sei gar kein Anlagekonzept, bestenfalls ein volkswirtschaftliches. Da nutzt es dem treuen Fan von Manchester United mittlerweile wenig, dass er genau das selbst immer betont hat.

Zum Schaden der Anleger war O’Neills Idee nicht: Viele der Fonds haben sich seit ihrem Start vervierfacht. Im Schnitt legten sie 2006 40 Prozent zu, mehr als der breiter angelegte Schwellenländerindex MSCI Emerging Markts. Bric-Erfinder O’Neill selbst ist der Erfolg seiner Idee nicht mehr geheuer. Er rät Anlegern, auch auf andere Länder zu setzen. Und er wäre nicht Jim O’Neill, hätte er nicht auch dafür ein griffiges Kürzel erfunden, das die Industrie bereits begeistert vermarktet: Die elf nach seiner Meinung wichtigen Länder, darunter zum Beispiel die Türkei, Bangladesch und Vietnam, haben zwar außer ihrem starken Bevölkerungswachstum nichts gemeinsam. Aber seit ein paar Monaten hören sie in der Finanzbranche gemeinsam auf den Namen "Next Eleven".

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