Emerging Marktes Skeptiker warnt vor großer Krise an den Schwellenländerbörsen

Entgegen der Mehrheitsmeinung warnt Stratege Peter Berezin vor einer Krise an den Schwellenländerbörsen. Anleger müssten mit großen Verlusten rechnen.
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„Anleger unterschätzen den Willen der US-Notenbank, die überhitzende Wirtschaft in Amerika zu bremsen“, denkt Peter Berezin. Doch die Maßnahme werde den Schwellenländern große Probleme bereiten. Quelle: dpa
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„Anleger unterschätzen den Willen der US-Notenbank, die überhitzende Wirtschaft in Amerika zu bremsen“, denkt Peter Berezin. Doch die Maßnahme werde den Schwellenländern große Probleme bereiten.

(Foto: dpa)

FrankfurtAuf den ersten Blick scheint die Botschaft an die Anleger klar zu sein: keine Panik! Aktionäre haben an den Schwellenländerbörsen seit Jahresbeginn zwar ein Fünftel ihres Geldes verloren. Aber es soll alles gut werden. Das erwarten viele Analysten.

Zu der großen Gruppe der Optimisten zählt Projit Chatterjee, Emerging-Markets-Experte bei UBS Asset Management. „Wir glauben nicht, dass der 2016 gestartete Aufwärtstrend an den Emerging Markets schon wieder vorbei ist“, urteilt er. Der Stratege vertraut auf weiter erfreuliche Nachrichten aus den Unternehmen in den aufstrebenden Ländern.

Ein angesehenes Analysehaus in Übersee allerdings schert aus der Riege der Hoffnungsfrohen aus. „Wir werden eine große Emerging-Markets-Krise erleben, mit Verlusten von noch einem weiteren Fünftel – damit sind wir weit weg von der Mehrheitsmeinung“, sagt Peter Berezin dem Handelsblatt.

Der Chefstratege des renommierten kanadischen Analysehauses BCA Research ist nicht bekannt für marktschreierische Thesen. Sein einfaches Argument für den negativen Ausblick: „Anleger unterschätzen den Willen der US-Notenbank, die überhitzende Wirtschaft in Amerika zu bremsen.“

In diesem Szenario wird Fed-Chef Jerome Powell die Zinsen weiter nach oben setzen. Solche Perioden haben den Schwellenländern laut Berezin immer Probleme bereitet. „Viele Investoren denken, die Turbulenzen in der Türkei oder Argentinien mit einem Verfall der Währungen und Kurse seien isolierte Ereignisse“, sagt er. Die Wahrheit sei jedoch eine andere. „Ich habe in meiner Zeit beim Internationalen Währungsfonds gelernt: Wenn ein Emerging-Markets-Dominostein fällt, fallen auch andere“, erinnert sich der Stratege. Die Krise werde sich ausbreiten.

Noch deutlicher als andere Analysten unterstreicht Berezin die Anfälligkeit vieler Länder mit hoher Verschuldung durch steigende US-Zinsen, fallende eigene Währungen und dadurch anziehende Belastungen. Zum Ausblick auf steigende Zinsen gehöre auch ein weiter kletternder Dollar. Unter den Schwellenländern seien durch eine noch stärkere US-Währung weitere Länder neben den beiden im Rampenlicht stehenden anfällig: Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Chile, Kolumbien, Südafrika, Indonesien.

Diese Perspektive hätte auch Folgen für die Alte Welt. „Aus Euro-Sicht kann das einen Wechselkurs von 1,10 Dollar bedeuten, eventuell sogar die Parität, falls die Emerging-Markets-Krise die Euro-Zonen-Banken belastet“, ergänzt der BCA-Mann.

Als künftigen Krisenherd identifiziert er Italien. Das Land bekomme Probleme, wenn es den Sparwünschen der Europäischen Union folge. Dann steige der deflationäre Druck. Die Zinsen und Renditen würden steigen. „Die Zentralbank greift dann vielleicht erst ein, wenn die zehnjährigen italienischen Staatsanleihen bei sechs Prozent rentieren“, sinniert Berezin. Momentan liegt die Rendite nur halb so hoch.

Überhaupt hat er keine gute Meinung zu Europa. Gerade die Banken seien stark in den Emerging Markets engagiert, seien deshalb anfällig und außerdem schlechter kapitalisiert als die Konkurrenten in USA. Berezin spielt auf die LTCM-Schieflage an, den schlingernden US-Hedgefonds, der 1998 das Finanzsystem gefährdete und gerettet werden musste. Er glaubt an eine Neuauflage des Bebens: „Die nächste LTCM-Krise werden wir in Europa erleben.“

Größer als aktuell könnte die Stimmungskluft unter den Analysten kaum sein. Auf der einen Seite stehen gelassene Experten wie Chatterjee von UBS, der beruhigt: „Wir überreagieren nicht bei kurzfristigen Marktveränderungen.“ Auf der anderen Seite warnt der BCA-Fachmann vor unangebrachter Gelassenheit.

Am Ende des Gesprächs geht er sogar einen Schritt weiter. Die bremsende US-Notenbank und weltweit schwächeres Wachstum könnten seiner Meinung nach in nächster Zukunft noch ganz anders ausstrahlen: „Ich erwarte dann einen üblen Abverkauf auch an den Börsen der Industrieländer.“

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