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Europäische Aktien und Währungen Raus aus der EU, aber wie? Anleger stellen sich auf Brexit-bedingte Schwankungen ein

Es kann ungemütlich werden an den Börsen, wenn das britische Parlament in dieser Woche über den Brexit abstimmt. Die Investoren sorgen sich.
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Börsianer fürchten einen ungeordneten Brexit. Quelle: mauritius images
Graffiti in Dover

Börsianer fürchten einen ungeordneten Brexit.

(Foto: mauritius images)

FrankfurtNicht nur den Briten, auch europäischen Anlegern steht eine historische Woche bevor. Die Parlamentarier des Londoner Unterhauses sollen über den Weg aus der EU abstimmen.

Am Dienstag wird zunächst zum zweiten Mal über das Austrittsabkommen von Premierministerin Theresa May entschieden. Wird es erneut abgelehnt, befinden die Abgeordneten am Mittwoch darüber, ob Großbritannien am 29. März ohne Vertrag aus der EU austreten soll.

Weisen sie auch dies zurück, entscheiden sie am Donnerstag über eine mögliche Bitte an die EU, das Austrittsdatum zu verschieben – voraussichtlich bis Ende Juni. Weil diese Beschlüsse die Wirtschaftsbeziehungen zu den Briten auf ein neues Fundament stellen, dürften sie in jedem Fall die Aktien- und Devisenmärkte bewegen.

„Radikale Unsicherheit“ für Investoren bedeute der Brexit, sagt Ingo Mainert, Chefanlagestratege für Mischstrategien bei der Allianz-Tochter Allianz Global Investors. Es zeige sich ein Szenario größtmöglicher Unklarheit, bei dem weder Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen seien noch, was überhaupt passiere.

Eine Vereinbarung, die zu einem geordneten Brexit führte, würde daher sehr helfen, sagt Karen Ward, Chefanlagestrategin beim US-Haus J.P. Morgan Asset Management.

Allerdings sei Mays Deal schon einmal aus unterschiedlichen Gründen klar zurückgewiesen worden: 100 Abgeordneten war er nicht hart genug, 300 wollten etwas Weicheres. Und da es in der Frage der Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland keine Annäherung gebe, könnte es schwierig werden, fürchtet sie.

Der Brexit gehöre zu Europas Kernproblemen, sagt Ward. Der Ausstieg der Briten beeinflusse das Geschäftsklima quer durch den Kontinent. Die Wirtschaft ist sehr verflochten, wie sie erklärt: Im Konsum dürfte der Brexit vor allem Großbritannien treffen, etwa beim Import von Obst und Gemüse aus Südeuropa.

Investoren sind vorsichtig bei europäischen Aktien

In der Industrie gibt es starke Lieferketten durch ganz Europa, wie in der Auto- und Flugzeugindustrie, Chemie, Pharma und Landwirtschaft. Flugzeugbauer Airbus zufolge quert ein Flügel 17-mal den Ärmelkanal, bevor er montiert wird.

Kein Wunder, dass sich Strategen und Investoren auf kurzfristig heftige Schwankungen einstellen. Vor allem wenn es wider Erwarten zu einem Brexit ohne Abkommen käme, brächte das die europäischen Aktienmärkte ins Straucheln, warnt Benjardin Gärtner, Aktienchef beim Fondshaus Union Investment. Mainert fürchtet, dass Indizes in Europa wie der Euro-Zonen-Leitindex oder der Dax im Extremfall bis zu einem Viertel einbrechen.

Wenn sich die britischen Parlamentarier aber – wie überwiegend erwartet wird – auf eine Verschiebung des Austritts einigen, könnten „durchaus heftige Schwankungen“ im Zuge der Abstimmung in einem Nullsummenspiel enden, sagt Ward. Aktien national ausgerichteter britischer Firmen, deren Kurs im Zuge des Verhandlungsmarathons gelitten haben (Grafik), könnten sich sogar erholen, wenn es keinen harten Ausstieg gibt, meint sie.

Papiere exportstarker internationaler Firmen würden dagegen unter einer Erholung des Pfunds leiden, weil ihre Waren dann im Ausland teurer werden. Das Pfund spielt also eine Schlüsselrolle für die Aktien. Ökonomen der DZ-Bank erwarten, dass es im Falle eines harten Brexits um bis zu 20 Prozent abwerten könnte.

Auch grundsätzlich bleiben die Experten vorsichtig gegenüber europäischen Aktien. Weitere politische Probleme belasten: nationalistische Strömungen, die in der EU-Wahl ihren Niederschlag finden werden, das hochverschuldete Italien, das die Staatengemeinschaft herausfordert. Ein großes Thema könnte Gärtner zufolge sein, dass sich die Probleme italienischer Banken verschärfen, wenn die italienische Konjunktur weiter zurückfällt.

Dann dürfte dort das Volumen notleidender Kredite wieder steigen. Auch im Zollstreit zwischen den USA und China gibt es keine echte Lösung. Das färbt auf Europa ab. „Wir brauchen Antworten auf diese drängenden Fragen“, sagt Gärtner. Weil diese fehlten, blieben viele ausländische Investoren fern.

Außerdem schwächelt das weltweite Wachstum: „Wir sind global im Abschwung“, sagt Mainert von AllianzGI mit Blick auf eine zu 40 Prozent wahrscheinliche Rezession 2019 in der weltgrößten Volkswirtschaft USA. Wichtige Stimmungsindikatoren hätten sich verschlechtert: Die Einkaufsmanagerindizes seien in großen europäischen Ländern wie Deutschland und Italien „rezessiv“.

Auch die Gewinnschätzungen für 2019 wurden zuletzt gegenüber dem Vorjahresquartal teilweise deutlich gekürzt: für Firmen des Euro Stoxx 50 um gut sieben Prozent, für den Dax um gut zwölf Prozent. Auch fehle für die schwergewichtige Finanzbranche bisher ein Signal, dass die Europäische Zentralbank den Strafzins abschaffe, sagt Ward.

Viel ist in diesem Jahr also nicht zu holen am europäischen Aktienmarkt, wie die Strategen meinen. Mainert rechnet vom heutigen Niveau aus eher damit, dass Euro Stoxx 50 und Dax auf 3.000 und 11.000 Punkte und damit vier bis knapp zehn Prozent sinken. Kein Wunder, dass seine Fondsmanager Aktienrisiken abbauen.

Ward hofft darauf, dass im zweiten Halbjahr die Hoffnung auf eine wieder anziehende Nachfrage aus China das Weltwachstum und die Aktienmärkte stabilisiert. Gärtner rechnet mit einstelligen Renditen in Europa.

No-Deal-Brexit wäre schlecht für das Pfund

Deutliche Folgen erwarten Währungsexperten auch für den Kurs des Pfunds – vor allem im Falle eines harten Brexits. Holger Achnitz, Leiter des Devisenhandels der Citigroup in Deutschland, hält diesen Ausgang aber für unwahrscheinlich. Er glaubt, dass der Termin für den Austritt der Briten verschoben wird.

Sollte das Parlament doch für den Vorschlag von May stimmen, wäre das aus seiner Sicht eine positive Überraschung. „Das Pfund könnte dann um etwa drei bis fünf Prozent gegenüber dem Dollar aufwerten.“ Achnitz glaubt, dass sich eine Verschiebung des Austrittstermins ähnlich positiv im Pfund-Kurs niederschlüge.

Denn dadurch wachsen die Chancen für eine Einigung auf ein Austrittsabkommen, aber auch für ein zweites Brexit-Referendum, bei dem die Briten dann vielleicht gegen den EU-Austritt stimmen könnten.

Ein harter Brexit dagegen wäre das ungünstigste Szenario. „Das Pfund könnte dann um etwa zehn Prozent gegenüber dem Dollar abwerten“, meint Achnitz. Noch pessimistischer sind die Experten der DZ-Bank. Sie fürchten, dass das Pfund im Falle eines EU-Abschieds ohne Vertrag in der ersten Reaktion gegenüber dem Dollar zehn bis 20 Prozent an Wert verlieren würde.

Auch langfristig gehen sie von einem schwächeren Pfund aus, da ein solcher Brexit die britische Wirtschaft über Jahre belasten dürfte. Die DZ-Bank rechnet für diesen Fall mit einer Rezession in Großbritannien, einem Anstieg der Inflation auf fünf Prozent binnen Jahresfrist und mit einem Rückgang der Immobilienpreise um 20 Prozent bis 2020.

Auch der Euro dürfte auf den Brexit reagieren

Die Entscheidung über die Brexit-Modalitäten ist nicht nur für das Pfund, sondern auch für den Wechselkurs des Euros wichtig. Citigroup-Devisenexperte Achnitz verweist darauf, dass der Euro beim Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 ebenfalls reagiert hat und damals etwa halb so stark zum Dollar abwertete wie das Pfund. „Einen ähnlichen Zusammenhang erwarten wir auch jetzt,“ sagt er. Die Frage ist nur, ob das Pfund auf- oder abwertet.

Wie stark die Effekte für das Pfund mittelfristig sind, hängt letztlich von der Dynamik ab, die nach dem Votum des Parlaments entsteht. Im Falle eines harten Brexits wären weitere Zinserhöhungen in Großbritannien sehr unwahrscheinlich, was das Pfund belasten würde.

Zudem könnten sich andere strukturelle Schwächen Großbritanniens stärker bemerkbar machen, wie etwa das hohe Leistungsbilanzdefizit, also der negative Saldo im Handel von Waren und Dienstleistungen mit dem Ausland. Ein weiteres Risiko für das Pfund sind mögliche Neuwahlen, die dann wohl wahrscheinlicher würden.

Kommt das Brexit-Abkommen hingegen durch das Parlament, stabilisiert dies die politische Situation möglicherweise und macht auch eine Zinserhöhung wahrscheinlicher.

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1 Kommentar zu "Europäische Aktien und Währungen: Raus aus der EU, aber wie? Anleger stellen sich auf Brexit-bedingte Schwankungen ein"

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  • Nun geben Sie es endlich einmal zu: Die Börse ist eine Schwatzbude. Und Ihre Gesprächspartner lassen sich auch nicht lumpen, sondern schwatzen dem Teufel beide Ohren ab.