Finanzexperte Wolfgang Gerke „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“

Der Finanzprofessor verzichtet im Interview mal auf sein Markenzeichen: die Fliege. Er erklärt, wie Anleger den Niedrigzinsen trotzen, wann Kunst-Investments lohnen und warum Griechenland die Euro-Zone verlassen sollte.
37 Kommentare

„Die Sparer werden weiter gequält“

„Die Sparer werden weiter gequält“

Wer die Alpen mag, wird den Ausblick von Wolfgang Gerkes Terrasse lieben. Der emeritierte Finanzprofessor und Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums hat sein Haus in einem idyllischen Alpendörfchen selbst entworfen. Die große Fensterfront, die Terrasse und der Balkon sind zu den schneebedeckten Bergen hin ausgerichtet. Während das Haus durch klare, schnörkellose Linien besticht, stehen im Garten ungewöhnliche und teils rostig anmutende Skulpturen.

Herr Gerke, wenn man sich in Ihrem Vorgarten umschaut, entdeckt man ungewöhnliche Figuren. Sind Sie unter die Schrottsammler gegangen?
Schrott ist ein echter Wertstoff und man kann aus Schrott ganz tolle Kunst machen. Diese Skulptur (siehe Foto) hat der Italiener Angelo Monitillo gemacht. Er sammelt und verarbeitet die originellsten Dinge, etwa einen Hercules-Tank aus einem Moped. Dadurch gibt es überraschende Effekte und es kommt etwas ganz anderes heraus, als wenn ich eine Figur selber gieße.

Ist das für Sie nur schön anzusehen oder auch eine Art der Geldanlage?
Das ist für mich Liebhaberei. Dabei denke ich nicht ans Geld, sondern folge meinem Bauchgefühl. Spricht mich das an? Will ich das um mich herum haben? Ich denke nicht daran, das wieder zu verkaufen. Wenn es wertbeständig ist oder sogar an Wert gewinnt, ist das aber ein schöner Nebeneffekt – besonders für die Kinder, die die Kunstwerke einmal erben werden.

Aktuell sind die Zinsen niedrig und die Aktienmärkte erreichen immer neue Rekorde. Sind alternative Sachwerte da nicht eine gute Idee?
Allerdings und viele Großanleger wie Family Offices pflegen diese Idee, holen sich Expertise und investieren in Kunst. Aber: Wenn man es wirklich macht, um damit Geld zu verdienen, ist es wichtig, nicht alles auf ein Pferd zu setzen – wie bei Aktien. Und man darf nicht alles auf einmal kaufen.

Wie lange sammeln Sie schon Kunst?
Das hat mich immer schon interessiert, ich wäre auch gerne Architekt geworden. Aber ich bin auch heute kein Kunstsammler im eigentlichen Sinne.

Wie gehen Sie vor? Schauen Sie, wo noch ein bisschen weiße Wand frei ist?
Nein, ich bin irgendwo, sehe etwas und sage „Mei, das gefällt mir!“ Dann versuche ich mich heranzupirschen und es zu bekommen. Neulich habe ich in Nizza eine Skulptur gesehen, die mir ausgesprochen gut gefallen hat, aber die sollte 60.000 Euro kosten. Und dann habe ich mir überlegt, wie viele andere Skulpturen ich für dieses Geld bekommen könnte – da kommt eben doch der Ökonom durch.

Der Finanzexperte mit der Skulptur „Der Denker“ von Angelo Monitillo. Quelle: Katharina Schneider
Wolfgang Gerke

Der Finanzexperte mit der Skulptur „Der Denker“ von Angelo Monitillo.

(Foto: Katharina Schneider)

Wie würden Sie Ihren Kunstgeschmack beschreiben?
Ein Kunstwerk muss mir etwas geben. Das schaffen eher moderne Werke. Die Botschaft ist mir wichtiger als die Ästhetik. Außerdem habe ich es gerne, wenn ich die Künstler persönlich ein bisschen kenne. Der Name interessiert mich gar nicht. Wobei manche große Namen wirklich toll sind, ein Richter etwa. Bei einem Richter würde ich liebend gerne sofort zuschlagen. Sehr fasziniert hat mich auch Alfred Kubin, seine Zeichnungen sind einfach genial.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
„Ich handle nicht immer rational als Ökonom“
Seite 12345Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Finanzexperte Wolfgang Gerke - „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“

37 Kommentare zu "Finanzexperte Wolfgang Gerke: „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Was Sie beschreiben Herr Schmidt ist sicherlich richtig, jedoch gibt es auch andere Gruppen die durchaus über Kapital verfügen und Spielräume haben.

    Die von Ihnen angesprochene Gruppe hat sicherlich nicht die Mittel dazu und sollte sich auch nicht verschulden, dem kann man wohl nur zustimmen.Es gibt aber auch die Nesthocker die schon Jahre als Facharbeiter arbeiten, einen unbefristeten Arbeitsvertrag haben, keine Miete zahlen bei Mammi und die Kohle 10Jahre lang für Töpfe und Möbel aufs Sparbuch legen.

    Die Überschrift ist bewusst journalistisch, provokativ gehalten um Interesse zu wecken, was ja auch wohl gelungen scheint.

  • Jetzt mal Butter bei die Fische, hier geht es um junge Leute.

    Junge Leute haben heutzutage kein Eigenkapital angespart wegen ihrer hohen Konsumausgaben.

    Ebenfalls haben viele nicht mal einen sicherer Job weil sie in Dauerpraktikas oder Zeitarbeitsfirmen beschäftigt sind.

    Sollen diese Leute sich verschulden (kräftig verschulden steht bereits im Titel fett geschrieben) um derzeit überteuerte Immobilien und Aktien zu kaufen ?

    Was an sich stört ist die fette Überschrift: „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“. Wenn das eine Provokation sein soll dann ist es gelungen. Die Empfehlung an sich ist bezahler Lobbyismus für die Banken.

  • Wie da. Herr Gerke.
    "Wenn die Zinsen wieder anziehen, wird die Inflationsrate mit anziehen, sie müssen also weniger zurückzahlen".

  • Scheint ja in richtige polarisierendes Thema zu sein. Also erst mal ,das Handelsblatt wegen des Artikels so anzufeinden ist irgendwie peinlich. Der Artikel stellt die Meinung eines einzelnen dar und als solche ist diese auch zu bewerten.Schulden machen ist in Deutschland nicht beliebt, das ist bekannt.Das bedeutet jedoch nicht dass es per se Unsinn ist! Außerdem hat der befragte auch nicht behauptet, dass man jetzt einem Konsumrausch erliegen sollte, sondern dass sinnvolle Investments auch mit Verschuldung aktuell sinnvoll sein können. Anstatt hier zu fabulieren wie man angeblich die Jugend verführt, sollte man sich lieber damit beschäftigen selbst die eigene Bekanntschaft oder Familie aufzuklären wie Finanzen und Märkte funktionieren. Es ist völlig korrekt das Sparen aktuell kaum sinnvoll ist, das anschaffen materieller Werte die man greifen kann ist im Moment das beste was man machen kann. Das bedeutet jedoch nicht dass man sich über beide Ohren verschulden sollte, sondern dass man geschickt investiert in materielle Güter von denen man etwas hat anstatt sein Geld auf dem Konto entwerten zulassen.

    Die Einwände hier bzgl. des Geldsystems sind sicherlich nicht unangebracht, das ändert jedoch nichts an der Realität in der man sich bewegt und mit der man umgehen könne muss!

  • Selten so viel Belangloses aber auch Unsinniges von Gerke gelesen. Die meisten Kommentatoren haben hier auch wissentlich oder intuitiv die passenden Kommentare geliefert. Es gibt in einer gesunden Volkswirtschaft immer nur zwei Sektoren, die sich verschulden sollten: Der Unternehmenssektor und der Staat. Und der Staat auch nur für Nettoinvestitionen.

    Und wie sieht die Realität in Deutschland aus? Die Unternehmen sind aufgrund des parasitären internationalen Steuersenkungswettbewerbs (race to the bottom) schon seit einiger Zeit Nettosparer, Herr Schäuble beharrt als schwäbischer Geisterfahrer einsichtsresistent auf seiner schwarzen Null und der Rest Europas soll seine Schulden abbauen. Da Geldschulden und Geldvermögen aber zwei Seiten einer Medaille sind, können auch beide nur symmetrisch auf- oder abgebaut werden. Gerke fordert nun den Schuldenaufbau bei der Jugend, damit die Unternehmen weitere Geldvermögen anhäufen können und/oder der Staat sich nicht weiter verschulden muss, damit die Aktienkurse den parasitären Finanzmärkten noch eine Weile Freude bereiten, bevor die dann noch größere Schuldenlawine über uns rollt und alle mit in den Abgrund reißt.

    Ein finanzielles Gleichgewicht stellt man nicht dadurch her, das man eine weitere Verschuldungsillusion aufbaut. Hat der Mann überhaupt unser Geldsystem verstanden? https://zinsfehler.wordpress.com/2014/10/27/schuldmythen-und-das-dilemma-der-schwarzen-null/

  • Solar Millennium:

    Warum stellt man nur nette Fragen an Prof. Gehrke und spricht nicht seine höchst fragwürdige Rolle bei Solar Millennium an?

    Das wäre für die Leser zur Einschätzung seiner Anlegertipps eine ganz wichtige Information gewesen! Auch hätte man im erwähnen können, dass Prof. Gehrke die Anleger dort eine Menge Geld gekostet hat, denn er verlieh dem Unternehmen das Mäntelchen der Seriosität, das es aber nicht verdient hätte.
    Warum der Professor ignorierte, dass die Vorstände und das Umfeld zum Teil aus dem Graumarkt-Sektor kam und in Skandale wie "Leipzig-West" oder "DM Betgeiligungen" verwickelt waren, bleibt solange sein Geheimnis!

  • Ehrlich gesagt, Handelsblatt, ich würde den Artikel entfernen. Es ist doch zu grob unsinnig und gefährlich, was der Herr den jungen Leuten empfiehlt. Wenn das ein Bankangestellter irgendwo verzapft, weiß man ja noch, was davon zu halten ist. Aber wenn ein seriöses Blatt wie das Ihrige das groß publiziert, verkündet durch einen Herrn mit Fliege und Professorentitel (wobei die Fliege hat er ja wenigstens abgelegt), besteht ja doch ein erhöhtes Risiko, dass es bei bestimmten Leuten den letzten Motivationsasulöser gibt, sich jetzt doch über beide Ohren zu verschulden, und das wird dann sehr leicht existenzvernichtend, mit allen trageischen Konsequenzen was das bedeuten kann. Das wünscht man doch niemandem!

  • „Junge Leute sollten sich kräftig verschulden“

    Und bis ans Ende ihrer Tage der Bank und dem Staat dienen.

  • Ich habe jetzt Haus & Hof beliehen, wie der Finanzprofessor es empfiehlt, dazu noch einen Lombardkredit und alles gleich in den Dax, denn laut Handelsblatt sind Aktien ja alternativlos und Dividenden die neuen Zinsen.

    Wenn es wider Erwarten doch schiefgehen sollte, kann man die "Experten" doch bestimmt dafür haftbar machen.


  • Der IWF stellt fest, dass die Banken der Eurozone auf faulen Krediten (Non Performing Loans, NPL) in Höhe von 900 Milliarden Euro sitzen.

Alle Kommentare lesen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%