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Finanzmarktforum Investment Live Brexit und Handelsstreit – Politische Störfaktoren belasten Anleger

Experten mahnen zur Vorsicht: Globale Handelshemmnisse verunsichern Investoren weiter und bremsen die Märkte. Doch es gibt auch Aktien mit Chancen.
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Auf der Veranstaltung  „Finanzmarktforum Investment Live“ vom Handelsblatt und der Deutschen Bank wurde debattiert, wohin die Aktienmärkte steuern. Quelle: Guenter Meier/Bildschön für Handelsblatt
Ulrich Stephan (Deutsche Bank), Sven Afhüppe (Handelsblatt), Oliver Plein (DWS) und Markus Koch

Auf der Veranstaltung „Finanzmarktforum Investment Live“ vom Handelsblatt und der Deutschen Bank wurde debattiert, wohin die Aktienmärkte steuern.

(Foto: Guenter Meier/Bildschön für Handelsblatt)

Nürnberg Vorerst ist nicht viel zu holen an den Aktienmärkten. Zu viele Faktoren belasten die Börsen, zu sehr werden Anleger verunsichert. Zu den seit Monaten diskutierten politischen Störfaktoren wie dem Brexit oder dem Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie der EU kommt nun der Abschwung der Konjunktur in Europa hinzu.

Deshalb raten die Experten auf der Veranstaltung „Finanzmarktforum Investment Live“ des Handelsblatts und der Deutschen Bank in der Meistersingerhalle in Nürnberg Anlegern, vorsichtig zu sein, aber nicht aufzustecken.

„Wohin steuern die Aktienmärkte?“, fragte Börsenexperte Markus Koch aus New York, der Moderator des Abends, stellvertretend für die knapp 600 Gäste im Saal. „Ich würde mich neutral aufstellen“, riet Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank. Bis zur Europawahl sollten einige kritische Punkte geklärt sein. Bis dahin belasteten diverse Probleme das Anlegerklima.

Aufreger unter Investoren ist das Abstimmungsdrama im britischen Parlament um den Austritt des Inselstaates aus der EU. Vor allem die Frage nach den Folgen eines ungeordneten Brexits beschäftigte die Teilnehmer des Finanzmarktforums: „Das Thema Brexit ist ökonomisch letztlich auch ein Handelsstreit – es bleibt spannend, was jetzt passiert“, erklärte Stephan.

Nicht die Zölle seien entscheidend auf einem Niveau von rund drei Prozent der EU gegenüber Drittländern, meinte er: „Das Problem sind die nicht-tarifären Handelshemmnisse.“ An der Grenze müsse nach einem Austritt der Briten ohne Vertrag etwa alles wieder deklariert werden – das könne sehr aufwendig werden.

Die Wahrscheinlichkeit für einen harten Brexit hält Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe mittlerweile für „extrem hoch“: „Die Irrationalität, die wir bei den letzten Entscheidungen gesehen haben, lässt nichts Gutes hoffen.“

Auch bei der anderen großen Belastung für die Börsen, dem Handelsstreit zwischen den USA und China, glaubt Stephan trotz Entspannungssignalen nicht an eine echte Lösung. „Im Handel wird man sich irgendwie einigen, die Zölle nicht so erheben wie zunächst befürchtet.“ Doch die Themen Technologietransfer und Eigentumsrechte blieben auf der Agenda. Auch die Androhung höherer US-Zölle auf deutsche Autos bestehe weiter.

Signale eines Konjunkturabschwungs bremsen ebenfalls die Börsen-Euphorie. „Die Wirtschaft kühlt sich ab“, konstatierte Stephan in Nürnberg. Die Stimmungsindikatoren waren zuletzt schwach in Europa, die deutsche Industrieproduktion verharrt demnach in der Rezession.

Aber es gibt Hoffnung, dass der Handelsstreit nicht eskaliert, und die Notenbanken scheinen entschlossen, die Finanzkonditionen zu lockern. Daher hofft der Stratege, dass sie die Lage beruhigen können. „Wir haben nach wie vor in vielen Ländern robuste Arbeitsmärkte und einen stabilen Konsum in den USA.“ Außerdem stützt China „sehr dosiert“ die Weltkonjunktur.

Lob erhielten die Notenbanken: Die Fed fahre auf Sicht, was verständlich sei, meinte Afhüppe. Denn der US-Arbeitsmarkt wirke angespannter, der Handelskonflikt mit China verunsichere. „Mario Draghi kann man wenig vorwerfen. Er wird zwar vermutlich der erste EZB-Präsident, der in seiner Amtszeit nicht den Leitzins erhöht hat, aber die meisten Euro-Staaten haben die Niedrigzinsphase nicht für notwendige Reformen genutzt.“

Ob es eine Chance für eine Zinserhöhung gegeben habe, wollten die Gäste wissen: „Nein“, antwortete Afhüppe – auch wenn sie gut gewesen wäre. Draghi habe mal gesagt, er sei nur der Puppenspieler in einem Theaterstück, das andere geschrieben hätten, erzählte der Chefredakteur.

„Draghi fiele es leichter, seine Geldpolitik umzusetzen, wenn das politische Umfeld in Europa anders wäre“, sagte er: „weniger Gelbwesten-Proteste in Frankreich, eine weniger populistische Regierung in Italien und eine Große Koalition, die nicht nur Funklöcher vermisst, sondern den Breitbandausbau vorantreibt.“

Um das Wachstum in Europa zu stärken, müsse es einen Anschub für Investitionen in die Digitalisierung geben, waren sich die Experten einig. „Die Konjunktur wurde stimuliert, aber das langfristige Wachstumspotenzial vernachlässigt“, sagte Stephan. Das niedrigere Potenzialwachstum sei problematisch, weil ein niedriger Trend die Wahrscheinlichkeit erhöhe, dass der Konjunkturzyklus in den negativen Bereich falle wie in Italien.

Und auch wegen der demografischen Entwicklung sei der technische Fortschritt, die Produktivität, der wichtigste Wachstumstreiber. Afhüppe ergänzte: Gäbe es einen Index für den Innovationsgrad von Unternehmen, lägen einige deutsche Firmen wahrscheinlich hinter der chinesischen Konkurrenz. Wie stimmen Anleger darauf ihre Depotstrategie ab? Oliver Plein, Leiter Produktstrategie Aktien bei der DWS, rät zur sogenannten Hantel-Strategie: „Der Schwerpunkt sollte auf der Stabilität im Depot liegen“, erklärt er.

Größere Stabilität als Aktien könnten europäische und asiatische Unternehmensanleihen sowie europäische Immobilien liefern. Auch Gold könne man beimischen, ergänzte Stephan. Auch bei Aktien empfahl Plein, das Anlagerisiko mithilfe globaler Titel breit über Regionen und Sektoren zu verteilen.

Stephan empfahl, nach Aktien zu schauen, die noch nicht so stark gestiegen sind. In einigen Sektoren in Europa ließen sich günstige Titel finden: Öl und Gas habe einen hohen Cashflow und stabile Dividenden, weil die Firmen nicht zu viel investierten. Bau und Baumaterialien sollten weiter boomen, wenn die Zinsen niedrig bleiben. Autoaktien hält Stephan für „ausgesprochen preiswert“.

Digitalisierung und KI erst in den USA richtig stark

Die Autowerte aus dem Dax weisen mit sechs ein halb so hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis aus wie der Index im Durchschnitt. Plein fürchtet dagegen in der Branche notwendige hohe Investitionen in Digitalisierung und die E-Mobilität. Er bevorzugt Zulieferer dieser Industrien, die teilweise noch günstiger bewertet seien, aber von den Problemfeldern wenig belastet.

Skeptisch gegenüber Autoherstellern zeigte sich auch Afhüppe: „Die künftigen Möglichkeiten von Wachstum, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit werden in der aktuellen Transformation nicht mehr allein durch Unternehmen bestimmt.“

Die Autoindustrie sei davon abhängig, dass sie eine Vereinbarung mit der Politik hinbekomme für den Übergang vom Verbrennungsmotor hin zur E-Mobilität. „Viele Firmen schaffen den Sprung zu einem Geschäftsmodell, das die neuen digitalen Herausforderungen besteht, nur durch andere Rahmenbedingungen.“

Für Anleger sind diese Trends spannend: „Wer in Digitalisierung, Künstliche Intelligenz investieren will, sollte heute allerdings zu 70 Prozent auf Unternehmen in den USA setzen. Europa spielt dabei eine zu geringe Rolle“, meinte Plein. Unter US-Tech-Aktien fand Stephan Hardware-Anbieter billig.

Und Mutige könnten europäische Autobauer oder US-Banken kaufen, die von den dort höheren Zinsen profitierten. Unterm Strich „gibt es also Chancen an den Märkten“. Diese zu ergreifen hält Stephan für das Gebot der Stunde – auch wenn 2019 wohl kein einfaches Jahr mehr wird.

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