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Geldanlage Klare Regeln sollen den Markt für grüne Finanzanlagen voranbringen

Die Bundesbank moniert: Schwammige Vorgaben bremsen den Markt für nachhaltige Finanzprodukte. Nicht nur sie fordert mehr Verbindlichkeit und Transparenz.
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Der Bedarf an Investitionen in nachhaltige Projekte ist enorm. Quelle: Unsplash
Windparkanlage

Der Bedarf an Investitionen in nachhaltige Projekte ist enorm.

(Foto: Unsplash)

Frankfurt, Brüssel, Berlin Die Wirtschaft wird immer grüner: Die Nachfrage privater und institutioneller Investoren nach Geldanlagen, die ökologischen und sozialen Kriterien folgen, kenne nur eine Richtung, sagt Asoka Wöhrmann, Chef des Vermögensverwalters DWS, dem Handelsblatt: nach oben.

Das zeigen auch die Zahlen: Allein der Marktwert grüner Anleihen in der Europäischen Union, der 2013 gerade mal 0,7 Milliarden Euro betrug, schnellte bis Ende 2018 bereits auf 72,9 Milliarden Euro nach oben.

Die Bundesregierung unterstützt die Entwicklung. „Im Bundesfinanzministerium finden wir es gut, dass der Markt für grüne Finanzanlagen in Fahrt kommt“, man wolle „diese Entwicklung unterstützen, indem wir als Bund aktiver werden“, so Finanzstaatssekretär Jörg Kukies (SPD) gegenüber dem Handelsblatt.

Doch aus Sicht der Bundesbank braucht es mehr für eine nachhaltige Ausrichtung des Finanzsystems als den Renditehunger der Anleger. Zwar sei der Bedarf an Investitionen in nachhaltige Projekte enorm, doch allgemein verbindliche Definitionen, was als „grün“ und „nachhaltig“ gilt, gebe es nicht.

Kukies hat schon im Sommer angekündigt, dass der Bund die Ausgabe „grüner Staatsanleihen“ plane. Es wird erwartet, dass Finanzminister Olaf Scholz das Projekt nächste Woche bei der Bundesbank-Konferenz „Nachhaltige Finanzen“ in Frankfurt konkretisieren wird.

Die mit der Schwedin Greta Thunberg verbundene Klimadebatte in den vergangenen Monate hat ein Thema in den Fokus der Öffentlichkeit gebracht, das lange ein Nischendasein führte: die Nachhaltigkeit. Sogar den Friedensnobelpreis haben Thunbergs Anhänger für sie gefordert. Mittlerweile werden aber auch die Forderungen nach klareren Regeln für einen nachhaltigen Finanzmarkt immer lauter.

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Im am Montag veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank kritisiert die Zentralbank schwammige Vorgaben und fehlende Transparenz bei grünen Anlagen und mahnt klare Vorgaben an. Zwar arbeite die EU an einem Klassifizierungssystem für nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten. „Derzeit aber gibt es weder auf globaler oder europäischer noch auf nationaler Ebene ein Rahmenwerk, welches es erlauben würde, nachhaltig angelegtes Kapital einheitlich und eindeutig zu kategorisieren“, so die Notenbank.

Der Bedarf an Investitionen in nachhaltige Projekte sei enorm, schreibt die Notenbank. Verlässliche Kennzahlen seien jedoch „unabdingbar“, um Finanzmarktakteure zu befähigen, Chancen und Risiken verschiedener Investments angemessen abzuschätzen.

Aus Sicht der Notenbank könnten „verbesserte Rahmenbedingungen“ dabei helfen, „dass eine ursprünglich teils marketinggetriebene Nischenentwicklung zu einem etablierten Bestandteil des Angebots auf den Kapitalmarkten reifen dürfte“. – „Das Thema nachhaltige Geldanlage nimmt unter Zentralbanken Fahrt auf“, sagte Bundesbank-Vorständin Sabine Mauderer dem Handelsblatt.

Die Nachfrage von privaten wie institutionellen Investoren nach Anlageprodukten, die Umwelt- und soziale Aspekte sowie gute Unternehmensführung berücksichtigen, „explodiert“ nach Worten Asoka Wöhrmanns derzeit. „Der Paradigmenwechsel ist im Markt im vollen Gange. Wer sich diesem nicht stellt, würde schon in wenigen Jahren seine Daseinsberechtigung im Markt aufs Spiel setzen“, sagte Wöhrmann dem Handelsblatt.

Grüne fordern Kennzeichnungspflicht

Entsprechend genau blickt die Branche auf die Debatte über erste Gesetzesvorhaben der EU. Auf europäischer Ebene sind vor allem die Pläne für ein EU-Klassifizierungssystem für nachhaltige Finanzprodukte weit fortgeschritten. Die EU-Kommission hat dazu im Frühsommer die sogenannte EU-Taxonomie vorgeschlagen. Es handelt sich um eine Liste aller ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten. Die Taxonomie gilt als Herzstück der EU-Pläne für Nachhaltigkeit im Finanzsektor.

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Andere europäische Gesetzespläne zur Nachhaltigkeit sollen künftig darauf aufbauen. Der dafür zuständige EU-Kommissionsvize Valdis Dombrovskis hat einen neuen Aktionsplan dazu angekündigt. Zum Beispiel könnten Unternehmen dazu gezwungen werden, Umwelt- und Klimarisiken ihrer Aktivitäten im Geschäftsbericht auszuweisen. Geplant ist außerdem ein Verbraucherlabel für nachhaltige Finanzprodukte nach dem Vorbild des Blauen Engels. Dombrovskis will zudem einen EU-Standard für Green Bonds vorschlagen.

„Der vorliegende Entwurf einer einheitlichen Taxonomie auf EU-Ebene ist ein guter und sinnvoller Schritt. Wir brauchen hier klare und eindeutige Standards“, sagt Bundesbank-Vorständin Mauderer. Einige große Investoren sehen die bisherigen EU-Pläne weniger optimistisch, das gilt insbesondere für die Taxonomie.

„Die derzeitigen Pläne auf EU-Ebene zur Entwicklung eines solchen Standards sehen wir kritisch, denn sie konzentrieren sich fast ausschließlich auf Umweltaspekte. Nachhaltigkeit umfasst aber die drei Dimensionen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung“, moniert Matthias Stapelfeldt, Leiter Nachhaltigkeitsmanagement der Fondsgesellschaft Union Investment.

Diese Kritik teilt auch die Bundestagsfraktion der Grünen. Sie hat zum Thema Nachhaltigkeit am Finanzmarkt konkrete Positionen erarbeitet, die über die EU-Pläne teils klar hinausgehen. So fordern sie, dass neben ökologischen auch Aspekte wie Soziales oder gute Unternehmensführung integriert werden sollen.

Außerdem soll sich die Bundesregierung bei der Erarbeitung des geplanten EU-Klassifizierungssystems (Taxonomie) für Nachhaltigkeit für strenge Maßstäbe einsetzen. Ein Beispiel ist eine Negativliste mit Ausschlusskriterien, die festlegen, „was unter keinen Umständen als nachhaltig gewertet werden kann – beispielsweise Atomkraft und fossile Energien“. Das ist unter EU-Ländern umstritten. So setzte Frankreich durch, dass Atomenergie in die Taxonomie-Liste nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten aufgenommen werden soll.

Kritiker monieren, dass die Taxonomie damit bei deutschen Anlegern unglaubwürdig wird, weil Atomenergie in Deutschland auf Ablehnung stößt. „Auf EU-Ebene besteht bei der Definition, was eine grüne Finanzanlage sein kann, ein großer Dissens über die Atomkraft. Das Bundesfinanzministerium ist vehement dagegen, Kernenergie als nachhaltig einzustufen. Andere EU-Staaten, nicht nur Frankreich, sehen das leider anders“, sagte Finanzstaatssekretär Jörg Kukies (SPD) dem Handelsblatt.

Kukies betont, dass der Bund in seiner eigenen Anlagepolitik, etwa bei Pensionsfonds, bereits erste Schritte in Richtung nachhaltiger Investments gehe. Für drei Sondervermögen des Bundes, die zusammen rund 38 Milliarden Euro verwalten, hat die Große Koalition Investments in Atomkraftwerke im Ausland ausgeschlossen und führt derzeit ein Nachhaltigkeitskonzept ein.

Drei Jahre Verspätung

Doch auch Deutschland ist nicht nur Vorbild. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) etwa setzte Ende September im EU-Finanzministerrat durch, dass die Taxonomie-Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften erst ab Ende 2022 verbindlich werden sollen – also drei Jahre später als von der EU-Kommission vorgeschlagen. „Eine unverbindliche EU-Taxonomie wird kaum ein globales Regelbuch werden können“, kritisiert der grüne EU-Parlamentarier Sven Giegold.

Für die Bundes-Grünen ist die Taxonomie aber nur ein Baustein. Die Fraktion setzt sich für ein EU-Nachhaltigkeitslabel für Finanzprodukte ein, das privaten Anlegern Orientierung bieten soll. Den Grünen schwebt dabei ein Label vor, das unterschiedliche Abstufungen von Nachhaltigkeit abbildet, „vergleichbar mit dem EU-Energielabel bei Elektrogeräten“, wie es in einer Erläuterung zum Antrag heißt.

Die Grünen fordern außerdem, dass das EU-Label auf alle Finanzprodukte angewandt wird, nicht nur auf nachhaltige Geldanlagen. Damit geht der Antrag über den Stand der Debatte in der EU hinaus. Dort ist bislang nur ein Label ähnlich dem Umweltsiegel „Blauer Engel“ im Gespräch. Außerdem wollen die Regierungen der EU-Mitgliedsländer bislang so ein Label nur auf nachhaltige Finanzprodukte angewendet wissen.

Nach Einschätzung der Bundesbank würden neue Transparenzpflichten und ein einheitliches Klassifizierungssystem Chancen und Risiken nachhaltiger Geldanlagen „nachvollziehbar und somit auch für den Privatanleger nutzbar“ machen. Genau darauf setzen auch die Grünen. Sie wollen, dass Banken und Versicherer ihre Kunden bei Finanzberatungen künftig nicht mehr nur nach ihrer Risikobereitschaft abfragen, sondern auch danach, ob ihnen Aspekte wie Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung wichtig sind. „Diese sind dann entsprechend in der Produktauswahl zu berücksichtigen“, heißt es in dem Antrag.

Kristina Jeromin, Head of Group Sustainability bei der Deutschen Börse, warnt davor, allein über „grüne“ Geldanlagen zu debattieren. „Wir sollten aufhören, Nachhaltigkeit als Nischenthema zu diskutieren und einzelne Finanzprodukte mit Labels zu versehen“, sagte sie dem Handelsblatt. Extra-Labels könnten schnell wieder abgeschafft werden. „Es sollte daher das Ziel sein, Kriterien für langfristige Zukunftsfähigkeit in das Risikomanagement einzubauen“, sagte sie.

Zentralbanken würden Nachhaltigkeitskriterien bereits nutzen, betont Bundesbankerin Mauderer. Nicht nur, weil sie Reputationsrisiken meiden und mit gutem Beispiel vorangehen wollen, sondern auch, weil sie sich damit gegen Nachhaltigkeitsrisiken absichern. Das gelte auch für Banken: „Klar ist, dass im Risikomanagement der Finanzinstitute Klimarisiken adressiert werden müssen“, sagte sie.

Erste Schritte dazu hat vor Kurzem die Finanzaufsicht Bafin durch die Publikation eines Merkblatts unternommen. Es drängt Banken, Versicherer und Investmentfonds dazu, Nachhaltigkeitsrisiken stärker als bisher in ihrem Alltagsgeschäft zu berücksichtigen.

Nach Meinung des Bankenverbandes ein unnötiger Schritt. Banken müssten solche Risiken bereits heute berücksichtigen, sagt BdB-Hauptgeschäftsführer Christian Ossig. „Klar ist, dass wir eine einheitliche europäische Lösung brauchen. Dem sollte die deutsche Aufsicht nicht vorgreifen“, moniert Ossig.

Mehr: Der Leiter der Nachhaltigkeit und Corporate Governance der Sparkassen-Fonds-Tochter Deka spricht mit dem Handelsblatt über einen nötigen, aber nicht zu engen Rahmen für Investoren.

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