Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Geldpolitik Der Zinstrend geht weiter nach unten

Schwache Nachfrage, wenig Investitionen, geringes Wachstum: Das führt dazu, dass Zinsen niedrig bleiben. Kommen noch Rezessionssorgen dazu, sind Zinssenkungen zu erwarten.
Kommentieren
Aktien leiden aktuell unter Handelsstreit und Niedrigzinsen. Quelle: dpa
Börse Frankfurt

Aktien leiden aktuell unter Handelsstreit und Niedrigzinsen.

(Foto: dpa)

FrankfurtStatistiker sprechen gerne über den Unterschied zwischen „Lärm“ und „Signal“. Dabei ist die Kunst, aus dem „Lärm“ – einem Wust von zum Teil widersprüchlichen und schnell wechselnden Daten – das „Signal“ herauszufiltern, also eine Tendenz zu finden, die den Tag überdauert.

Die Politik produziert zurzeit eine Menge „Lärm“. In der vergangenen Woche steigerten sich die Märkte regelrecht in eine Angststimmung hinein, nachdem US-Präsident Donald Trump den Mexikanern mit hohen Zöllen gedroht hatte, um ihnen mehr Kooperation beim Kampf gegen illegale Einwanderung abzuringen.

Als am Freitag schwache Daten vom US-Arbeitsmarkt hinzukamen, flüchteten immer mehr Anleger in Staatsanleihen, was deren Kurse hochtrieb. Im Gegenzug sanken die Renditen auf immer neue Tiefstände. Zehnjährige Papiere aus den USA warfen nur noch knapp über zwei Prozent Rendite ab.

Bei Bundesanleihen waren es minus 0,26 Prozent – ein neues Allzeittief. Damit schien klar: Eine Rezession rückt näher oder deutliche Maßnahmen der Notenbanken, um eine Rezession zu verhindern – oder vielleicht sogar beides. Am Wochenende einigte Trump sich mit der mexikanischen Regierung, und am Montag war wieder Entspannung an den Kapitalmärkten angesagt. Aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Renditen der Staatsanleihen schon längere Zeit abrutschen.

Und es ändert nichts daran, dass der Handelskrieg trotz zwischenzeitlicher Entspannungsphasen allmählich die wirtschaftlichen Fundamente angreift. „Das Vertrauen wird noch tiefer erschüttert, weil die Unternehmen an der Stabilität der auf Regeln basierenden weltweiten Handelsmärkte zweifeln“, sagte Bruce Kasman, der Chefökonom von JP Morgan am Freitag. Sorgen bereitet ihm vor allem die Industrie.

„Die Hersteller machen sich nicht nur immer mehr Sorgen wegen des ausufernden Handelskriegs“, sagt er. „Auch Anzeichen eines tiefen Wachstumseinbruchs der weltweiten Investitionen im April lassen darauf schließen, dass die Nachfrage schon nachgelassen hat, bevor der Handelskrieg intensiver wurde.“

Schwache Nachfragen, relativ wenig Investitionen, geringeres Wachstum: Das alles führt dazu, dass die Zinsen niedrig bleiben oder sogar noch weiter sinken. Kommen noch Rezessionssorgen und eine schwache Inflation hinzu, dann sind auch wieder Zinssenkungen der Notenbanken zu erwarten oder zumindest irgendeine Form von geldpolitischer Lockerung.

Grafik

Kasman hält, wie andere Ökonomen auch, eine Zinssenkung der US-Notenbank (Fed) schon im Juli oder September für möglich: „Wenn man Sorgen hat und keine Inflation droht, warum soll man dann warten?“ J.P. Morgan rechnet mit einer Wahrscheinlichkeit von 35 bis 40 Prozent mit einer Rezession in den USA. „Die Fed wird reagieren“, sagte Kasman.

Alles in allem geht der Zinstrend also weiter nach unten. Christoph Rieger von der Commerzbank beobachtet eine „neue Großwetterlage“ bei der Geldpolitik der Notenbanken. „Der Handelsstreit hat eine neue Dimension erreicht, die Fed ist offen für eine präventive aggressive Lockerung“, schreibt er in einer aktuellen Analyse. Er rechnet daher damit, dass die US-Notenbank bis Mitte 2020 die Zinsen dreimal um jeweils 0,25 Prozentpunkte senkt.

Die Rally bei US-Anleihen dürfte daher weitergehen. Rieger glaubt, dass die Rendite für zehnjährige US-Anleihen bis Jahresende auf ein Rekordtief von 1,25 Prozent sinkt. Das entspricht einem Kursanstieg der Papiere um rund acht Prozent. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen dürfte seiner Einschätzung nach bis zum Jahresende auf minus 0,40 Prozent sinken.

Entscheidende Unterschiede zwischen Aktien- und Anleihemärkten

Auch in Europa ist eine weitere Lockerung der Geldpolitik in Aussicht. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Zinserhöhungen bis Mitte 2020 am Donnerstag eine Absage erteilt. Noch wichtiger: EZB-Präsident Mario Draghi hat die Frage, ob als nächster Schritt eine Zinserhöhung wahrscheinlicher sei als eine Absenkung, verneint. Damit hat er ein Szenario verabschiedet, das bis dahin noch viele im Hinterkopf hatten: dass die EZB langfristig auf Kurs ist, ihre Geldpolitik zu normalisieren, also die Zügel wieder anzuziehen.

Zu dem Thema „Lärm“ und „Signal“ gehört auch die Tatsache, dass die Aktienmärkte zum Teil anders reagieren als die Anleihemärkte. Obwohl zum Beispiel die EZB am Donnerstag weiterhin niedrige Zinsen in Aussicht gestellt hat, sind die Aktienkurse zunächst deutlich gefallen. Möglicherweise hatten die Aktionäre noch mehr von der EZB erwartet.

Oder, weniger wahrscheinlich, sie deuteten die Äußerungen von Draghi als Zeichen von Pessimismus, obwohl er ausdrücklich das Risiko einer Rezession als gering bezeichnet hatte. Am Dienstag zuvor hatten die Aktienmärkte sehr dezente Hinweis von Fed-Chef Jerome Powell als Hinweise auf Zinssenkungen gefeiert. Am Freitag wiederum erholten sich die Aktienmärkte, während Anleihe- und Goldhandel nach Krise aussahen. Daher stellt sich die Frage: Wer hat recht, die Aktionäre oder die Anleiheinvestoren?

David Lafferty, Chefanlagestratege beim Vermögensverwalter Nataxis, warnt: „Zinssenkungen werden die Aktienmärkte nicht retten, weil am Ende die Rezessionsängste überwiegen.“ Auf der anderen Seite glaubt er: „Wenn sich herausstellt, dass die Konjunktur doch stabiler ist, kann die Rendite für US-Staatsanleihen schnell wieder auf 2,6 Prozent steigen.“ Auch wer auf Nummer sicher gehen will, kann damit also falsch liegen.

Mehr: Neue Konjunktursorgen lassen den Goldpreis auf mehr als 1350 Dollar pro Unze steigen. Nun könnte das Edelmetall aus einem jahrelangen Trend ausbrechen.

Startseite

Mehr zu: Geldpolitik - Der Zinstrend geht weiter nach unten

0 Kommentare zu "Geldpolitik: Der Zinstrend geht weiter nach unten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote