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Bundeskriminalamt in Wien

Die österreichische Behörde leitet die Ermittlungen.

(Foto: Bundeskriminalamt )

Geldwäsche-Netzwerk Cybermafia erbeutet auf Trading-Seiten mehr als 100 Millionen Euro

Tausende Europäer haben Geld auf Trading-Plattformen verloren. Die Betrügerbande operierte aus Osteuropa – und ist jetzt aufgeflogen.
3 Kommentare

Frankfurt„Hörst du das? Hörst du das?!“ Sean, der Anlageberater am Telefon, ist aus dem Häuschen. Im Hintergrund klatschen und jubeln Menschen. „Da macht jemand einen schönen Profit. Und du bist nicht dabei, Peter!“ Der Kunde am anderen Ende der Leitung weiß noch genau, was das in ihm auslöste: „Ich hatte das Gefühl, wenn ich nicht zuschlage, verpasse ich die große Chance“, erinnert sich Peter Armin.

80.000 Euro, seine gesamten Ersparnisse, hatte er bei der Onlineplattform „Prestige FM“ investiert, außerdem einen Kredit über 30.000 Euro aufgenommen. Erst als die Anlageberater weitere 90.000 Euro von ihm forderten, wurde er misstrauisch. Doch da war es schon zu spät: Das Geld war weg.

Der 61-jährige Berliner, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Opfer einer internationalen Bande geworden, neben wohl mehr als 100.000 anderen Europäern. Ihre Spezialität: Betrug per Telefon und Internet, ihr Mittel: sogenannte binäre Optionen und andere Finanzprodukte.

Am Dienstag informierte das österreichische Innenministerium über das Ausmaß: Der Schaden beläuft sich demnach auf mindestens 100 Millionen Euro – pro Jahr. Wie das Handelsblatt erfuhr, gehen die Ermittler von noch höheren Summen aus. Österreichs Innenminister Herbert Kickl lobte prompt die Arbeit seiner Beamten. „Diese erfolgreiche Aktion ist ein wichtiger Schlag gegen die Cyberkriminalität.“ Die Ermittler hätten „konzernähnliche kriminelle Strukturen zerschlagen“.

Auf Trading-Plattformen mit Namen wie „XTraderFX“, „Optionstars“ oder „SafeMarkets“ schlugen die Täter zu, mindestens seit 2015. Beteiligt waren Hunderte Hintermänner, 21 Firmen und vier Privatadressen wurden durchsucht, 14 Konten sichergestellt. Mindestens elf Millionen Euro haben allein Deutsche und Österreicher einbezahlt. Weitere Geschädigte kommen aus Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Die beiden Köpfe des Netzwerks, ein Deutscher und ein Israeli, sitzen in Wien und Sofia in Untersuchungshaft.

Ihre Masche war immer die gleiche: Peter Armin, technischer Angestellter und kurz vor der Rente, stieß über ein soziales Netzwerk auf die Firma „Prestige FM“. Diese versprach hohe Renditen durch den Handel mit binären Optionen. „Ich habe meine Kontaktdaten hinterlassen und hatte direkt einen Anruf von einem Berater“, erinnert sich Armin.

Per Kreditkarte buchte er die Mindestanlage von 250 Euro ab. „Dann sagte er, komm, lass uns handeln.“ Armin hat alles in Gold investiert – und über Nacht den Einsatz verdoppelt. „Schade, dass du nur so wenig investiert hast“, sagte der Berater am nächsten Morgen. „Wenn du mehr einzahlst, schütten wir einen Bonus aus.“

Wirtschaftsprüferin Elfriede Sixt aus Wien kennt die Masche. Mit ihrer „European Funds Recovery Initiative“ (EFRI) setzt sie sich mit Anwälten aus verschiedenen Ländern für die Opfer von Cyberbetrug ein. „Die Täter gehen sehr professionell vor. Sie erschleichen sich das Vertrauen der Opfer und schlagen dann zu.“

Die Geschädigten kämen aus allen Schichten, unter ihnen seien Alleinerziehende, Rentner, Akademiker. Ein erfahrener Unternehmer verlor 200.000 Euro. „Niemand ist davor gefeit, auf die Masche hereinzufallen“, sagt Sixt. „Viele Menschen verlieren ihre ganzen Ersparnisse.“

Wie professionell die Täter vorgehen, zeigen Chatprotokolle und Gesprächsmitschnitte, die dem Handelsblatt vorliegen. Bei Peter Armin aus Berlin ging zunächst alles gut: Der Berater am Telefon gab genaue Anweisungen, auf welche Aktien Armin als Nächstes wetten sollte, darunter auf Citigroup, Netflix, Coca-Cola und andere Weltkonzerne. In den ersten Wochen investierte er Zehntausende Euro, verdoppelte seinen Einsatz. „Du kannst den Champagner aufmachen“, schrieb der Berater.

Als das Depot bis auf 435.000 Euro angestiegen war, endete die Glückssträhne. Der Großteil war binnen Sekunden weg. „Ich war verzweifelt, wollte raus“, erzählt er. Doch die Firma reagiert sofort. Sie feuerte angeblich seinen Händler, wies Armin den „Chefanalysten“ zu. „Da war ich schon geschmeichelt, dass er ausgerechnet mit mir handelt. Er sagte, er sei früher an der Wall Street gewesen, war sehr freundlich, fragte immer, wie es mir geht.“

Armin lieh sich Geld, bei seiner Freundin, bei der Bank, belastete seine Kreditkarten. „Es hieß immer, sie brauchen mehr Geld, um die Verluste wettzumachen.“ Insgesamt investierte er über 100.000 Euro. An einem Morgen im November war plötzlich alles rot, alles Geld weg. „Ich war völlig verzweifelt“, sagt Armin. Prompt bekam er eine neue Ansprechpartnerin – und die forderte frisches Geld. Als er nicht mehr zahlen wollte, beschimpfte sie ihn.

Software mit Verlustgarantie

So komplex das System auf den ersten Blick wirkt – die Hintermänner haben nichts dem Zufall überlassen, glaubt Andrea Flagge, Leiterin des Büros für Finanzermittlungen des österreichischen Bundeskriminalamts (BKA). „Wir haben es hier mit organisierter Kriminalität zu tun. Die Software der Plattformen ist so programmiert, dass Kunden nach anfänglichen Gewinnen nur verlieren können.“

Auszahlungen seien nicht vorgesehen, vielmehr werde das Geld schon kurz nach der Einzahlung innerhalb eines Geldwäsche-Netzwerks weiterüberwiesen. Bei Durchsuchungen wurden detaillierte Anweisungen für die Callcenter-Mitarbeiter sichergestellt und „Kundenberater“ vernommen, die Provisionen verdienten. „Wir haben es hier mit einer arbeitsteilig organisierten kriminellen Organisation zu tun“, sagt Flagge.

So gebe es Bereiche für die Anwerbung im Internet und die Callcenter, andere für die Einrichtung von Offshore-Konten, wieder andere fürs Programmieren.

Im Wiener BKA leiten sechs Beamte die Ermittlungen unter dem Schlagwort „Cybertrading fraud“. Unterstützt werden sie vor Ort, von deutschen, tschechischen und bulgarischen Kollegen. Die internationale Zusammenarbeit zeigt nun erste Erfolge: „Wir konnten in Bulgarien eine sechsstellige Summe an Geldern sicherstellen“, sagt Flagge. Und das sei erst der Anfang. „Aber alle Hintermänner zu ermitteln ist eine wahre Sisyphosarbeit.“

In Deutschland leiten die Staatsanwaltschaften Saarbrücken und Koblenz die Ermittlungen. Diese würden „dadurch erschwert, dass die Gelder der Anleger über Bankkonten geleitet werden, die in verschiedenen Staaten eingerichtet werden. Dies erfordert, Rechtshilfeersuchen in diese Staaten zu richten, deren Bearbeitung stets gewisse Zeit andauert“, sagt die Koblenzer Oberstaatsanwältin Martina Müller-Ehlen. Anklage wurde noch nicht erhoben. Der deutsche Hauptbeschuldigte soll aber bald nach Deutschland ausgeliefert werden.

Wirtschaftsprüferin Sixt glaubt nicht, dass alle Geschädigten ihr Geld zurückerhalten. Wer bereits Opfer geworden ist, dem empfiehlt sie, alle Zahlungen sofort zu stoppen. Außerdem sollte die Forderung nach einer Rückzahlung dokumentiert und damit Anzeige erstattet werden.

Im Zweifel ist selbst dann nicht Schluss, wie der Fall von Peter Armin zeigt. Der Berliner erhält täglich Anrufe aus Großbritannien, von der „Meldestelle für Betrug und Cyberkriminalität“. Man habe 51.000 Dollar sichergestellt und könne sie direkt auszahlen.

Einzige Bedingung: eine Bearbeitungsgebühr von 5.000 Euro. Armin hatte bereits eine Anzahlung von 250 Euro geleistet, als sein Anwalt einschritt. Auf die Frage, warum er erneut auf die Betrüger reinfiel, erklärt er zerknirscht: „Ich musste es machen. Ich muss doch mein Geld wiederbekommen. Da wirkte das wie eine kleine Chance.“

Mehr: Die Finanzaufsicht verstärkt den Kampf gegen Anbieter unseriöser Geldanlagen. Lesen Sie hier, wie die Digitalisierung dubiose Geschäfte erleichtert.

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3 Kommentare zu "Geldwäsche-Netzwerk: Cybermafia erbeutet auf Trading-Seiten mehr als 100 Millionen Euro"

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  • Mit dem Zuzug von Flüchtlingen hat dieser Betrug wahrscheinlich nichts zu tun.
    Viel eher das unsichere Internet und die Gier, die vielen Menschen innewohnt.

  • Seit mindestens 2015 geht das so.... haben die Ermittlungsbehörden geschlafen?
    Unsere Ermittlungsbehörden sind voll ausgelastet, so dass man ihnen keinen Vorwurf machen kann.
    Wenn man Millionen Menschen ungeprüft ins Land lässt, wobei darunter einige tausend Kriminelle sind, muss man sich nicht wundern, wenn die Ermittlungsbehörden auch andere wichtige Themen nicht bearbeiten können.

  • Armin absoluter Trading King, sein gesamtes Vermögen in binäre Optionen zu stecken, kriminelle Bande oder nicht, immer ein super Plan. Vom Leben gestraft...