Index-Umstellung Anleger haben bald mehr Technologie-Titel im Depot – ungewollt

Nie zuvor hat die Deutsche Börse mehr Auf- und Absteiger in ihren Dax-Indizes bekanntgegeben. Das hat ungewollte Folgen für ETF-Investoren.
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„Für Anleger haben die Veränderungen in Dax und MDax weitreichende Folgen“

FrankfurtNun ist es besiegelt: Der Zahlungsabwickler Wirecard wird schon bald die Commerzbank im wichtigsten deutschen Aktienindex Dax ersetzen. Das hat die Deutsche Börse am Mittwochabend bekanntgegeben. Damit nicht genug: Neben dem Zahlungsdienstleister steigen wegen einer Reform des Handelsplatzbetreibers am 24. September auch nahezu alle anderen TecDax-Mitglieder in bedeutendere Marktbarometer der Dax-Familie auf.

Sie werden künftig parallel auch im MDax oder im SDax gelistet sein. Um das zu ermöglichen, steigt die Zahl der Werte im Index der mittelgroßen Titel von 50 auf 60 und im Kleinwerte-Index von 50 auf 70. Das kann Experten zufolge besonders für viele Fondsanleger weitreichende Auswirkungen haben.

„Bei manchen Anlegern wird der Anteil an Tech-Firmen deutlich steigen“, geben die Fachleute der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zu bedenken. Die bereits im Mai beschlossene Reform dürfte nach Einschätzung der DSW den Charakter von MDax und SDax nachhaltig verändern. Die Einbeziehung von Tech-Firmen könne etwa zu einer höheren Schwankungsbreite der Indizes aus der zweiten und dritten Börsenliga und damit auch der entsprechenden Indexfonds (ETFs) führen.

Die wichtigsten Indexänderungen im Detail: 14 der 30 Unternehmen aus dem TecDax sind künftig auch im MDax gelistet. Weil dieser aber nur um zehn Mitgliederplätze erweitert wird, steigen im Gegenzug vier der bisherigen MDax-Werte in den SDax ab: Der Autozulieferer Leoni, der Elektronikeinzelhändler Ceconomy, der Gabelstaplerbauer Jungheinrich und das Werbe- und Medienunternehmen Ströer.

Zudem erfüllt mit der Büro- und Gewerbeimmobilienfirma Alstria Office ein bisher im SDax geführtes Unternehmen die Kriterien für den Aufstieg in den MDax. Daher muss mit dem Versicherer Talanx ein fünftes Unternehmen in den SDax absteigen. Zusätzlich neu aufgenommen werden in den Kleinwerte-Index 15 der bisher nur im TecDax enthaltenen Firmen.

Nicht nur die Volatilität im MDax und SDax dürfte spürbar zunehmen. Vorübergehend ist auch bei den von den Indexänderungen betroffenen einzelnen Aktien mit stärkeren Schwankungen zu rechnen.

Denn viele Großinvestoren orientieren sich eng an der Zusammensetzung der Börsenmesslatten – in erster Linie die boomenden Indexfonds (ETFs). Deren Portfolios bilden strikt Börsenbarometer nach, statt ausgeklügelte eigene Investmentstrategien zu verfolgen. Wer also in die Indizes aufgenommen wird, wird auch von diesen Fonds gekauft. Und wer rausfliegt, wird verkauft.

Welche Folgen die Portfolioanpassungen rund um Indexänderungen haben, konnten Anleger Anfang Juni bei den jüngsten herkömmlichen Prüfungen der Deutschen Börse beobachten: Der Börsenbetreiber hatte damals unter anderem bekanntgegeben, dass die Börsen-Neulinge Siemens Healthineers und DWS durch eine Indexaufnahme geadelt werden – die Siemens-Medizintechniksparte als TecDax-Mitglied und die Vermögensverwaltung der Deutschen Bank als Bestandteil im SDax. Beide Aktien verteuerten sich anschließend binnen einer Handelswoche um mehr als drei Prozent - und damit sechsmal stärker als der Gesamtmarkt.

Druck auf die Commerzbank wird immer größer

Im Gegenzug dürfte etwa der Dax-Rausschmiss der Commerzbank den Verkaufsdruck auf die ohnehin arg gebeutelten Titel weiter erhöhen. Schließlich folgen derzeit alleine 17 ETFs mit einem Anlagevolumen von insgesamt 17,8 Milliarden Euro dem hiesigen Bluechip-Barometer. Und laut LBBW-Analyst Uwe Streich verkaufen ETFs in so einem Fall typischerweise 24-48 Stunden vor der Index-Umstellung ihre Papiere.

Aus der Gewichtung der Commerzbank-Aktie im Dax von derzeit 0,85 Prozent geht hervor, dass knapp 17 Millionen zusätzliche Anteilsscheine alleine aus den Portfolios der ETFs den Markt am 21. und 22. September fluten werden. Schon am Donnerstag verloren die Papiere des Dax-Gründungsmitglieds in der Spitze etwa zwei Prozent.

Der Abstieg der Commerzbank wird jedoch zum Teil dadurch ausgeglichen, dass sie im MDax weitergeführt wird. „Aus heutiger Sicht müssten rund 7,4 Millionen Commerzbank-Aktien aus unserem Dax-ETF verkauft und für den MDax-ETF etwa 2,5 Millionen Aktien gekauft werden“, erklärt Serkan Batir, Leitender Fondsmanager für Aktien-ETFs bei Blackrock. Das geschehe immer am Tag der offiziellen Umsetzung.

LBBW-Analyst Streich hat berechnet, dass europäische Aktien, die seit dem Jahr 2000 einen bedeutenden Benchmark-Index verlassen mussten, zwischen Bekanntgabe und Umsetzung der Entscheidung im Mittel rund drei Prozent ihres Wertes eingebüßt haben. Und zwar zusätzlich zu dem Kursverlust von durchschnittlich 5,6 Prozent, den sie bereits im Monat vor dem Prüftermin erlitten hatten.

Denn Anleger wie Hedgefonds und Investmentbanken haben sich laut Fondsmanager Batir bereits entsprechend positioniert. Schließlich können Investoren – anders als die Indexfonds – einen drohenden Indexabstieg in ihren Depots bereits vorwegnehmen und frühzeitig ihre Bestände verringern. „Die Marktteilnehmer konnten sich schon seit einem halben Jahr darauf vorbereiten, dass die Deutsche Bank aus dem Aktienindex Euro Stoxx und die Commerzbank voraussichtlich aus dem Dax absteigen werden“, sagt Batir.

Vermögensverwalter haben sich vorbereitet

Mit der Umsetzung der Index-Umstellungen dürfte es dann eine zweite Welle an Bestandskorrekturen geben. Um die kaum zu vermeidenden Auswirkungen einer Index-Umstellung auf die Kurse der betroffenen Aktien zu begrenzen, arbeiten die großen Fondsanbieter wie Blackrock eng mit Brokern und Investmentbanken zusammen.

Sie dienen den ETF-Anbietern als sogenannte „Market Maker“, die für sie den Job erledigen, die voraussichtlich benötigte Anzahl von Aktien der Auf- und Absteiger bereitzuhalten. 

Ohnehin sind laut Blackrock-Mann Batir bei Fusionen und Übernahmen sowie Kapitalmaßnahmen die Marktschwankungen in der Regel größer als bei einem Indexabstieg. Das gelte insbesondere bei liquiden Aktien wie die der Deutschen Bank oder der Commerzbank.

Zum Verhängnis geworden ist der zweitgrößten deutschen Privatbank die stark geschrumpfte Marktkapitalisierung ihrer frei handelbaren Anteilsscheine, die allein seit Ende Januar um mehr als ein Drittel auf 7,8 Milliarden Euro eingebrochen ist. Erst dadurch ist die Commerzbank in der aktuellen „Rangliste“ der Deutschen Börse als kleinstes Dax-Mitglied auf einen Abstiegsrang gerutscht.

Wie erwartet nimmt Wirecard den Platz ein. Das 1999 gegründete Finanztechnologieunternehmen versteht sich heute als „eines der weltweit führenden Unternehmen für elektronische Zahlungstransaktionen“. Nach einem starken zweiten Quartal 2018 schraubte Wirecard zuletzt erneut seine Ziele nach oben.

Was Anleger ab Ende September außerdem beachten müssen: Wegen der Indexreform der Deutschen Börse können Dax-Firmen, die auch im Technologiebereich wirtschaften, künftig zugleich TecDax-Mitglied sein. Daher werden die Deutsche Telekom, Infineon und SAP zusätzlich in den Technologieindex aufgenommen.

Ausscheiden müssen dafür die bisher kleinsten Mitglieder SLM Solutions, Medigene und SMS Solar, die in den SDax rutschen. „Selbst wenn die Gewichtung pro Gesellschaft begrenzt wird, dürfte klar sein, welche Kursbewegungen dort in Zukunft entscheidend sein werden“, so DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler.

Allein der Softwarekonzern SAP ist mit einem Börsenwert von 122 Milliarden Euro rund ein Zehntel größer als alle 30 bisherigen TecDax-Unternehmen zusammen. Sicher ist: Das wird den Technologieindex künftig maßgeblich beeinflussen.

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