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Blick auf Londons Finanzviertel Canary Wharf

Kommt ein sanfter oder ein harter Brexit? Wird er gar verschoben? Solche Unsicherheiten sind Gift für die Kapitalmärkte.

(Foto: dpa)

Ingo Mainert über die Folgen des Brexits Allianz-Anlagestratege warnt vor einer Phase radikaler Unsicherheit an den Märkten

Der Chefanlagestratege von Allianz Global Investor sieht im Brexit eine Gefahr für die Märkte. Im Interview spricht er über die Risiken und attraktive Aktienkurse in Rezessionszeiten.
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FrankfurtKurz vor dem Interview telefoniert Ingo Mainert noch mit seinem Sohn, der im Schneechaos in den Alpen stecken geblieben ist. Doch größere Sorgen bereitet dem Chefanlagestrategen von Allianz Global Investors (AGI) das politische Chaos in Europa, vor allem in Großbritannien. Der Chief Investment Officer von AGI Multi Asset Europe fürchtet dort vor allem einen möglichen Linksruck durch die Labour-Partei.

Herr Mainert, was gestern niemand glauben wollte, könnte bald Realität werden. Der Austritt der Briten aus der Europäischen Union, der Brexit, bringt möglicherweise die Labour-Partei mit ihrem Chef Jeremy Corbyn an die Macht. Die Verstaatlichung von Industrien rückt näher, die Finanzmärkte geraten unter Stress. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario?
Schon seit zwölf Monaten herrscht Angst vor dem Brexit durch das ewige Hin und Her. Die Wahrscheinlichkeit für einen Linksruck mit der Labour-Partei und Corbyn an der Spitze hat deutlich zugenommen. Kommt es so, dann wird das britische Pfund leiden, und die Kapitalmärkte werden daran auch zu kauen haben.

Wird das Modell Corbyn danach zu einer Blaupause für andere europäische Länder?
Das kann ich aktuell nicht erkennen. Europa rückt eher nach rechts. Daran wird sich voraussichtlich erst einmal nichts ändern.

Wirklich?
Corbyn kommt aus der sozialistisch-marxistisch geprägten Ecke. Nach den Erfahrungen in Südamerika lässt sich sagen, dass diese Modelle nicht gut laufen. Aktuell scheint Rechtspopulismus das größere Problem zu sein.

Also alles halb so wild in Großbritannien?
Im Gegenteil. Lange wurde der Brexit nur als Risiko wahrgenommen. Jetzt ist es noch schlimmer: Wir befinden uns in einer Phase radikaler Unsicherheit. Während hinter Risiken eine Wahrscheinlichkeit steht, weiß bei radikaler Unsicherheit niemand, was kommt. Es gibt nicht nur verschiedene Szenarien, sondern es kommen neue, unerwartete hinzu. Das mögen Kapitalmärkte nicht und sind hochnervös. Möglich sind ein sanfter Brexit auf Basis des Vertrags, den die britische Regierung um Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, ein harter Brexit ohne Vereinbarungen oder gar Neuwahlen. Selbst die Verschiebung des Austrittstermins scheint möglich, der bisher für Ende März terminiert ist.

Brexit: Allianz-Anlagestratege warnt vor radikalen Unsicherheiten Quelle: Bert Bostelmann für Handelsblatt
Ingo Mainert

Bei Allianz Global Investors befürchtet einen politischen Linksrutsch in Großbritannien.

(Foto: Bert Bostelmann für Handelsblatt)

Welchen Einfluss haben Populisten auf Märkte?
Untersuchungen zeigen, dass Populisten zunächst gut für die Märkte sein können. Aktien legen oftmals zu, im Schnitt innerhalb von fünf Jahren sogar bis zu knapp 50 Prozent, Währungen bleiben stabil und Anleiherenditen sinken. Gleichzeitig steigt das Wachstum infolge höherer Staatsausgaben und Investitionen, allerdings auf Kosten einer hohen Verschuldung. US-Präsident Donald Trump lässt mit seinem aggressiven Keynesianismus grüßen.

Was heißt das konkret?
Mit seinen Trumponomics hat der US-Präsident die Konjunktur auf Trab gebracht und vor allem die Unternehmen und Reichen bei den Steuern entlastet. Doch dieser Anschub wird Mitte des Jahres auslaufen. Von der Legende eines Münchhausens, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, sind wir weit entfernt. Im Gegenteil, die höhere Verschuldung wird langfristig zum Problem.

Rutschen die USA in eine Rezession?
Die Gefahr einer Rezession hat zwar zugenommen, bleibt aber im laufenden Jahr überschaubar. Wir rechnen in den USA mit einem Wachstum von zwei Prozent und in Europa von 1,25 bis 1,5 Prozent. 2020 wird schwieriger. Ein weiteres Ausgabenprogramm zur Ankurbelung der US-Wirtschaft erscheint unrealistisch.

Welche Rolle spielt die US-Notenbank (Fed) dabei?
Rein rhetorisch hat sich Fed-Chef Jerome Powell deutlich vom Einfluss der Politik distanziert und will sich durch die Twitter-Attacken von Präsident Trump nicht beeinflussen lassen. Aber die Notenbank schaut heutzutage auf die Kurve der Termingelder. Die dortige allmählich inverse Struktur, bei der kurzfristige Zinssätze höher liegen als längerfristige, zeigt, dass der Markt mit einem Auslaufen der Zinserhöhungen rechnet.

Was bedeutet das für die Fed?
Die Fed fährt in ihrer Geldpolitik jetzt nicht mehr auf Autopilot. Sie nimmt den Kapitalmarkt ernst, wie jüngste Äußerungen von Mitgliedern der Fed zeigen. Trotzdem bleibt es aus heutiger Sicht bei ein bis zwei Zinserhöhungen. Getrieben wird die Fed vom ausgezeichnet laufenden Arbeitsmarkt und den starken Lohnerhöhungen, die in eine schleichende Kerninflation münden.

Also doch Unabhängigkeit von den Märkten?
Nein. Es zeigt sich immer mehr, dass sich die Notenbanken weltweit nicht von den Kapitalmärkten lösen können und wollen. Nach bislang neun Zinserhöhungen ist bei Marktturbulenzen aber mittlerweile wieder Spielraum für geldpolitische Lockerungen in den USA vorhanden.

Das Ausrichten nach dem Kapitalmarkt hat sicherlich seinen Preis.
Wir werden unter sonst gleichen Bedingungen stärkere Kursschwankungen an den Märkten sehen.

In den USA hat es die Fed leicht zu reagieren, doch was soll die Europäische Zentralbank machen?
Bei einer nachhaltigen Wachstumsschwäche wird in Europa sicher über deutlich negative Leitzinsen diskutiert. Die vorstellbare untere Grenze liegt wohl bei etwa minus zwei Prozent. Auch über geldpolitische Möglichkeiten wie Helikoptergeld wird dann wahrscheinlich geredet. Doch bei der Verteilung von Geldgeschenken an alle Bürger werden schnell die fiskalpolitischen Grenzen der Notenbanken zur Politik verwischt, die Zentralbanken gefährden massiv ihre Unabhängigkeit.

Einen ersten Schritt zur Normalisierung hat die EZB doch gerade mit dem Stopp des zusätzlichen Ankaufs von Wertpapieren gemacht ...
... was in den Auswirkungen überschätzt wird, da auslaufende Wertpapiere der EZB durch Käufe ersetzt werden. Es geht um geschätzte 210 Milliarden Euro im laufenden Jahr. Das wäre auf Quartalsbasis in etwa so viel, wie zuletzt von der EZB netto gekauft wurde.

Das kann alles ganz anders aussehen, wenn sich Italien gezwungen sieht, seine Finanzbranche zu verstaatlichen, wie das beim Bankhaus Carige möglicherweise passiert.
Die Entwicklung der Bankaktien weltweit zeigt, dass das Umfeld insgesamt ungemütlicher geworden ist. Wir befinden uns gerade in Europa in schwierigen Zeiten mit Minizinsen, die für Banken per se schlecht sind. Das drückt sich auch in den Kursen der europäischen Bankaktien aus, die im Schnitt seit der großen Finanzkrise 2008 um knapp zwölf Prozent schwächer ausfallen im Vergleich zu den US-Konkurrenten.

Bankaktien sind ein spezielles Thema, aber wie steht es um Aktien insgesamt?
Aktien werden sich in Europa dieses Jahr seitwärts entwickeln mit starken Schwankungen. Wir sehen den Deutschen Aktienindex beispielsweise in der Spanne von 8500 bis 13.000 Punkten. Was heute schwierig aussieht, kann in drei bis fünf Jahren vom Niveau her attraktiv gewesen sein. Das gilt insbesondere dann, wenn der Dax unter 10.000 Zähler fällt.

Aktien sollen tatsächlich während einer Rezession attraktiv sein?
Wir haben uns das genauer angeschaut. Es hat sich gezeigt: Rezessions-Kalenderjahre sind in der Nachkriegsgeschichte immer gute Aktienjahre gewesen. Angesichts eines günstigen Kursniveaus bieten sich in einem solchen Szenario Kaufgelegenheiten.

Aber momentan …
… befinden wir uns in einer schwierigen Phase. Ein guter Ausgang beim Brexit kann die Märkte kurzfristig stabilisieren und Risiken herausnehmen. Und wenn ein Handelskrieg zwischen den USA und China vermieden wird, dann hilft das auch. Gleichwohl bleibt es beim Kampf der Weltmächte um den ersten Platz als Hegemonialmacht. Die derzeit zu beobachtende Rücknahme der Globalisierung und der verstärkte Protektionismus werden damit nicht aus der Welt geschafft. Populismus werden wir auch im nächsten Jahr weiter erleben. Für die Märkte sind damit weiter starke Kursschwankungen vorgezeichnet.

Herr Mainert, vielen Dank für das Interview.

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