Insolventer Containerriese Hilflos vor der Milliardenpleite – Wie die Behörden bei P&R wegsahen

Auf eine Anfrage zum Zusammenbruch des Containerriesen P&R gibt das Finanzministerium nur dürftige Antworten. Die Aufseher hätten ihre Pflicht erfüllt. Das sehen Volksvertreter anders.
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„Die Prospekte der P&R Transport- Container GmbH, die von der Bafin gebilligt wurden, halten die gesetzlichen Vorgaben ein“, heißt es von der Regierung. Quelle: dpa
Container im Hamburger Hafen

„Die Prospekte der P&R Transport- Container GmbH, die von der Bafin gebilligt wurden, halten die gesetzlichen Vorgaben ein“, heißt es von der Regierung.

(Foto: dpa)

Düsseldorf, BerlinSechs Wochen lang musste der Bundestagsabgeordnete auf eine Antwort des Finanzministeriums warten. So lange wie selten zuvor. Zum größten Anlegerskandal in der Geschichte der Bundesrepublik, der Pleite des Containerriesen P&R, wollte der Grünen-Volksvertreter Gerhard Schick Genaueres erfahren.

In seiner 49 Fragen zählenden Anfrage zu Container- und Schiffsfinanzierungen drehten sich zehn Fragen allein um den Komplex: Was hätte die Bundesregierung im Vorfeld des P&R-Zusammenbruchs sehen können und wissen müssen? Und hatte die Wertpapieraufsicht Bafin hier ihre Hausaufgaben gemacht?

Endlich, am vergangenen Dienstag, hatte der auf Kapitalmärkte und Verbraucherfragen spezialisierte Schick dann die Antworten in der Hand. Doch die Auskünfte findet er durchweg enttäuschend: „Da wird versucht, die Hände in Unschuld zu waschen.“

Die P&R-Gruppe hatte 40 Jahre lang Container als Direktinvestments an Privatanleger verkauft, die Container von den Investoren zurückgeleast und regelmäßig feste Mieten dafür gezahlt. Nach der Finanz- und Schifffahrtskrise kippte das System.

Widersprüche im Prospekt sind der Bafin entgangen

Im März 2018 musste P&R Insolvenz anmelden. Eine Million von 1,65 Millionen Containern fehlten. P&R hatte vermutlich Investorengeld von Neukunden an Altkunden weitergereicht. Für 54.000 Anleger stehen 3,5 Milliarden Euro im Feuer. Seitdem Prospektpflicht für solche Container besteht, hat die Bafin alle Prospekte des Anbieters durchgewinkt.

Das Antwort-Schreiben der Staatssekretärin Christine Lambrecht (SPD) liest sich wie eine Generalabsolution für die eigene Behörde. Dass die Bafin im Vorfeld der Katastrophe nichts moniert und nichts gesehen hat, sei den gesetzlichen Vorgaben geschuldet, heißt es sinngemäß darin. Die Behörde dürfe weder die Prospekte noch das Geschäftsmodell von P&R inhaltlich prüfen.

Die Wertpapieraufsicht – in diesem Fall nicht zuständig. Die Argumentation ist nicht neu: Auf wirtschaftliche Tragfähigkeit prüft die Bafin Prospekte nicht, lediglich auf Vollständigkeit, Verständlichkeit und Kohärenz. Es dürfen also auch keine Widersprüche im Prospekt stehen. „Die Prospekte der P&R-Transport-Container GmbH, die von der Bafin gebilligt wurden, halten die gesetzlichen Vorgaben ein“, schreibt Lambrecht.

Wirklich? Widersprüche tun sich sehr wohl in den Prospekten auf. Seit 2016 besteht für Direktinvestments Prospektpflicht. Gleich in drei der jüngsten Verkaufsprospekte, in Nummer 5003, 5004 und 5005 steht vorne, dass mit dem eingezahlten Geld der Anleger innerhalb von 90 Tagen die Container der Anleger gekauft werden.

Was der Prüfbehörde entgangen ist, hat ein einzelner Finanzanalyst in Rosenheim, Stefan Loipfinger, durch genaues Lesen und mithilfe von ein paar Excel-Tabellen entdeckt. In einer Zwischenbilanz ist am Ende der Prospekte vermerkt, dass dreistellige Millionensummen nicht für den Kauf von Containern über die Schweizer P&R Equipment verwendet wurden, sondern bei einer anderen deutschen Vertriebsgesellschaft gelandet sind, die kein Neugeschäft mehr betrieb.

Auf bis zu 322 Millionen Euro summierten sich die Beträge, die in die deutschen Schwester-Vertriebsgesellschaften flossen. Die Bafin winkte die Angaben durch. Ein verstecktes Liquiditätsrisiko erkannte sie nicht.

„Die Bafin spielt Blinde Kuh“

Erst nachdem schon drei Vertriebsgesellschaften insolvent gegangen waren, veröffentlichte die Bafin eine Ad-hoc-Mitteilung, dass für die Anleger der zuletzt mit Prospekt verkauften Container ein Forderungsausfall drohe, weil die Anbietergesellschaft dieser Container Forderungen gegenüber den insolventen Schwestervertriebsgesellschaften habe.

Die pflichtgemäße Veröffentlichung dieser Warnung scheint bislang das Einzige zu sein, was die Bafin im P&R-Desaster unternommen hat.

Gerhard Schick empört sich: „Die Risiken waren nicht klar und kompakt dargestellt. Doch die Bafin hat nur zugesehen, dabei hat sie für solche Fälle schon Eingriffsrechte, wenn nicht gar Pflichten.“ Aus Angst vor möglichen Regressansprüchen habe die Bafin lieber Tausende von Menschen in einen Anlageskandal rauschen lassen. Auch die Linkspartei kritisierte ein „massives Aufsichtsversagen.“ Der Abgeordnete Fabio de Masi sagt, die Bafin spiele Blinde Kuh, während das Finanzministerium zuschaue.

Auch den auf Kapitalmarktanlagen spezialisierten Wolfgang Schirp aus Berlin überzeugt die Antwort des Finanzministeriums nicht. „Meiner Meinung nach hat die Bafin voll und ganz versagt, und auch die Bundesregierung verschließt die Augen vor den Problemen zu schwacher Kontrolle“. Er will die Ansprüche seiner Mandanten gegen die Bafin gerichtlich klären lassen.

Kein gutes Licht wirft es auf das Ministerium, dass es sich in seinen Antworten sogar verrechnet hat. Das Investitionsvolumen bei der neuesten Vertriebsgesellschaft P&R Transport-Container habe 443 Millionen Euro betragen, hat das Ministerium errechnet. Weder dem Handelsblatt noch dem Experten Loipfinger ist es gelungen, die Kalkulation nachzuvollziehen. Das Ministerium liegt, scheint es, um 57 Millionen Euro zu hoch.

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