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InterviewInvestor Dibelius: „Shutdown der Wirtschaft macht mir mehr Angst als das Virus“

Der Finanzmanager und Mediziner warnt vor dem Ende aller Freiheit und vor staatlicher Panikmache. Die Weltwirtschaft werde durch falsche Rettungsstrategien ausverkauft.Thomas Tuma 23.03.2020 - 11:27 Uhr

Dibelius ist immer für die etwas andere, bisweilen scharfe Meinung gut.

Foto: dpa

Er hat schon drei Karrieren hinter sich: als Arzt, Unternehmensberater bei McKinsey und als Investmentbanker bei Goldman Sachs. Und er ist immer für die etwas andere, bisweilen scharfe Meinung gut, nicht erst, seit er als Investor aktiv ist.

Beim britischen Private-Equity-Haus CVC steuert Alexander Dibelius als Partner das Deutschlandgeschäft und fädelte unter anderem die Übernahmen der Parfümerie-Kette Douglas und der Uhrenmarke Breitling ein.

Und nicht nur die leiden schwer in Coronazeiten, die Dibelius zunehmend kritisch sieht: „Der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens macht mir mehr Angst als diese Virusinfektion“, warnt er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Das Credo des 60-Jährigen: „Besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“

Dibelius stellt sich selbst und der Republik harte Fragen: „Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert?“ Er hält nichts von der „derzeitigen, teilweise irrationalen Panik und den Hauruck-Strategien“ der Politik.

Was ihn besonders überrascht: „Diskurse, die uns eigentlich stark machen, finden im Angesicht von Corona gar nicht mehr statt.“ Die neue Staatsdominanz sieht der Ex-Investmentbanker kritisch: „Wer nur mit genug Führungsanspruch auftritt und seine Ideen lang genug als alternativlos postuliert, könnte das Land künftig in Geiselhaft nehmen und jedes Ziel durchboxen, das gerade opportun scheint.“

Für ihn „ist der akute Absturz der Weltwirtschaft mit all seinen Folgewirkungen der weit größere und gefährlichere Stresstest als Sars-CoV-2“. Da drohe „die größte globale Rezession seit hundert Jahren“. Die mittlerweile inflationär angekündigten Rettungspakete von Regierungen und Notenbanken hält er dagegen für „kurzfristig sicher gut gemeint und hilfreich, aber irgendwann ist der Bail-out der Gesamtwirtschaft nicht mehr machbar“. Dibelius’ Fazit: „Wer soll das denn auf Dauer bezahlen, wenn alle zu Hause sitzen müssen? Das wäre dann die endgültige Implosion.“

Die Covid-19-Pandemie, das zeigt Dibelius, stellt die Gesellschaften global vor extreme Herausforderungen – ökonomische, soziale, aber auch ethische. Eines der schwierigsten Probleme: Zwischen dem Schutz der Gesundheit jedes Einzelnen und dem Schutz der Gesellschaft vor schwersten Rezessionen gibt es einen Interessenkonflikt. Beide Ziele lassen sich nicht gleichzeitig erreichen. Bislang haben sich die Regierungen weltweit eindeutig für den Schutz von Leib und Leben all ihrer Bürger entschieden.

Die Handelsblatt-Redaktion ist sich bewusst, dass die von Alexander Dibelius begonnene Diskussion angesichts von nunmehr bald 15.000 Coronatoten schmerzhaft und kontrovers ist. Wir sind aber der Meinung, dass auch diese Debatte in verantwortungsvoller Weise geführt werden sollte – mit Ihrer Unterstützung. Schreiben Sie uns, was Sie von seinen Thesen halten: debatte@handelsblatt.com

Lesen Sie hier das ganze Interview:

Herr Dibelius, wie erleben Sie die Coronakrise?
Aus meiner persönlichen Sicht kann ich da mehrere Ebenen unterscheiden. Ebene eins ist die medizinische, und da muss man sagen: Eigentlich ist es auch nur eine Grippewelle und insofern für die Menschheit nicht so fatal wie die Pest im Mittelalter oder ähnliche Seuchen.

Das Coronavirus hat weltweit mittlerweile schon über 14.000 Menschenleben gefordert …
… ist aber damit – soweit man die echten Zahlen hat – nicht tödlicher als bisherige Grippeviren. Es ist allerdings neu und offenbar hochinfektiös, das heißt, die Ausbreitung läuft erheblich schneller. Doch auch das könnte man aus rein medizinischer Sicht alles in den Griff bekommen. Als Mediziner schockt mich dieses Virus erst mal nicht, was aber zu Ebene zwei führt: der Frage, wie wir als Gesellschaft mit den sich daraus ergebenden Fragen umgehen …

… zum Beispiel die, mit welchen Strategien wir die Krankheit eindämmen wollen?
Genau. China, wo alles angefangen hat, versuchte es ziemlich radikal: Ausgangssperren, totale Isolation, prophylaktische Zwangstests und Kontrollen. Jeder muss dort zweimal täglich seine Temperatur messen und melden. Wer das nicht tut, wird sanktioniert, und wer erhöhte Temperatur hat, wird isoliert. So wurde alles unternommen, die Infektionsketten schnell zu brechen und das Virus quasi auszulöschen, weil es sich dann nicht ausbreiten kann. Dabei verschwindet das Virus aber trotzdem nie ganz. Es wird wieder irgendwo auftauchen, und weil die Bevölkerung in der Zwischenzeit keine breite Immunität aufbauen konnte, muss man den gleichen drakonischen Maßnahmenkatalog irgendwann wieder neu starten. Als Modell in unserer westlichen Gesellschaft eigentlich auch nicht umsetzbar.

In Deutschland und weiten Teilen Europas wird eine andere Strategie verfolgt: Man will die Ausbreitung verlangsamen. Klingt plausibel, oder?
Und es entspricht unserer Art zu leben vielleicht auch eher, jemanden erst zu testen, wenn er in einem Risikogebiet war oder erste Krankheitssymptome zeigt. Die Zahl der Neuansteckungen soll auf diese Weise zumindest reduziert werden, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Die Niederlande und Großbritannien haben es allerdings zunächst anders versucht: Während man extreme Risikogruppen wie Senioren und Vorerkrankte isolieren wollte, sollte das Gros der wenig anfälligen Bevölkerung weiter seinen Alltag leben. Die Folge wäre eine Art bald eintretender Herdenimmunität, die so ab 50 Prozent „Durchseuchung“ auftritt und ihrerseits dann die besonders Gefährdeten auch wieder schützt. Eigentlich eine relativ vernünftige Strategie.

Der Corona-Spuk wäre nach wenigen Monaten vorbei, so die Hoffnung. Beide Länder haben das Experiment aber mittlerweile aufgegeben.
Boris Johnson beugte sich da wohl dem Druck der öffentlichen beziehungsweise veröffentlichten Meinung. Es ist ja auch nicht ohne Risiko, was die Zahlen der Opfer angeht, weil es keine Vergleiche gibt. Das deutsche Modell der Verzögerungsstrategie wirft aber noch eine andere, utilitaristische Frage auf: Ist es richtig, dass zehn Prozent der – wirklich bedrohten – Bevölkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umständen dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres allgemeinen Wohlstands massiv und nachhaltig erodiert? Das Ganze dann wiederum mit dem ebenfalls nicht kleinen Risiko, dass die angestrebte gesundheitliche Zielsetzung noch nicht einmal erreicht wird? Als Gesellschaft hatten wir leider keine Chance zu einem Diskurs, geschweige denn die Möglichkeit, zu einem Konsens zu kommen als adäquate Reaktion auf diese Herausforderung.

Hält unsere humanistisch geprägte Gesellschaft solche Fragen womöglich nicht aus?
Weil diese Fragen uns in einen großen Konflikt stürzen, klar. Als Individuum und unter ethisch-moralischen Gesichtspunkten würde ich immer sagen: Wir dürfen unsere Alten und Schwachen nicht gefährden und schon gleich gar nicht sterben lassen! Als Systemtheoretiker müsste man anders argumentieren, womit wir zur dritten Ebene kommen, die ich in dieser Krise sehe: Da findet gerade ein wahnsinniges soziales und gesellschaftspolitisches Experiment statt: Jahrhundertelang haben wir auf allen Ebenen für unsere individuelle Freiheit gekämpft, für Gesetze und Menschenrechte. Und auf einmal wird vieles davon einfach so quasi über Nacht weggewischt. Wie und wann sollen wir diese einzelnen Güter gegeneinander abwägen: gesundheitlich optimaler Schutz einer Subgruppe, allgemeines Wohlstandsversprechen und individuelle Freiheitsrechte?

Da spricht der Marktliberale.
Da spricht einer, der zumindest dem Individuum gerne das Recht einräumen möchte, für sich zu reklamieren: „Lasst uns die Gefährdeten schützen, aber ich infiziere mich halt, denn besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“ Der nahezu diskussionslose und mit dem zusätzlichen moralischen Zeigefinger implementierte kollektive Shutdown der Wirtschaft und des Sozialwesens macht mir jedenfalls mehr Angst als diese Virusinfektion. Was bedeutet das für zukünftige Entwicklungen, und wie weit wollen wir die Errungenschaften der Aufklärung zur Disposition stellen?

Fürchten Sie, dass wir uns an den Ausnahmezustand gewöhnen?
Wer nur mit genug Führungsanspruch auftritt und seine Ideen lang genug als alternativlos postuliert, könnte das Land dann jedenfalls künftig in Geiselhaft nehmen und jedes Ziel durchboxen, das gerade opportun scheint.

Sie fürchten sich sicher eher vor einem grünen Kanzler, für den auch der Klimawandel zur Krankheit werden könnte, die es zu bekämpfen gilt …
… und der dann womöglich mit Notstandsgesetzen oder Ermächtigungen operiert, wie wir sie gerade erleben – egal ob grün, deutsch-alternativ oder DDR-sozialistisch. Im konkreten Fall Klimawandel könnte das dann Fahrverbote bedeuten, einen Stopp der Autoproduktion, Firmenschließungen, radikalen Kohleausstieg mit öko-faschistischem „How dare you“-Einschlag, den wir ja teilweise schon erleben. Die ganze Gesellschaft und mit ihr das Individuum steht daneben und gibt einfach den Löffel ab. Diskurse, die uns eigentlich stark machen, finden im Angesicht von Corona dann gar nicht mehr statt. Einer der wenigen, die da noch gegenhalten, ist Frank Ulrich Montgomery …

… der Weltärztepräsident.
Er hat klar formuliert, dass er die jetzt zu beobachtenden Lockdowns nicht für sinnvoll hält, denn wer solche Maßnahmen startet, muss auch wissen, wann und wie er sie wieder aufhebt. Und vergessen Sie nicht, welche brutalen Folgen die bisherigen Maßnahmen bereits für die Weltwirtschaft haben.

Wegbrechende Börsen, Billionen-Verluste, Kurzarbeit, drohende Insolvenzen ….
Das Versprechen der Politiker, dass wir das Ganze ohne erheblichen Wohlstandsverlust bewältigen könnten, ist leider unseriös. In einer nachhaltigen und tief greifenden Rezession, die eine zwangsläufige Folge eines längerfristig verordneten Angebots- und Nachfrageschocks ist, wird sich bald herausstellen, dass das versprochene Geld nicht ausreicht beziehungsweise nicht ausreichen kann.

Die Politik in Berlin, Brüssel oder Washington verspricht ebenso gigantische Rettungspakete wie die Notenbanken.
Und? Kurzfristig sicher gut gemeint und hilfreich, aber irgendwann ist der Bail-out der Gesamtwirtschaft nicht mehr machbar. Denn wer soll das denn auf Dauer bezahlen, wenn alle zu Hause sitzen müssen. Das wäre dann die endgültige Implosion.

Was passiert dann?
Stellen Sie sich bitte mal vor, dass in ein paar Monaten ein neuer Erreger auftaucht. Oder dass in China der Erreger außerhalb von Wuhan wieder auftaucht, vielleicht etwas mutiert. Und wir machen die Welt und ihre Wirtschaft wieder dicht? Spätestens dann werden wir die größte globale Rezession seit hundert Jahren erleben. Aber diese Konsequenzen und was die für unsere Gesellschaften bedeuten und zu welchen Umverteilungskämpfen es dann auf nationaler, aber auch auf globaler Ebene kommen würde, das wird gar nicht thematisiert.

So pessimistisch kennen wir Sie gar nicht.
Am Ende des Tages ist der akute Absturz der Weltwirtschaft mit all seinen Folgewirkungen der weit größere und gefährlichere Stresstest als Sars-CoV-2.

Klingt, als seien wir da Ihrer Ansicht nach als Menschheit in so einer Art Zivilisationsfalle.
So könnte man das sehen, ja. Allerdings kann man auch ein anderes Szenario malen: den kurzfristigen, limitierten Shutdown zur Rettung der Risikogruppen. Und bald danach überschießende Märkte bei einem schneller als erwartet entwickelten wirksamen Impfschutz. Mit den tiefer liegenden Fragen müssen wir uns als Gesellschaft so oder so auseinandersetzen.

In der Politik flößt Ihnen niemand Vertrauen ein?
Alle – von Jens Spahn über Markus Söder bis zum österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz – wägen eben ab, wie sie sich am besten als gute Leader und Katastrophenhelfer inszenieren können. Das sichert Wählerstimmen. Da gehen alle den Weg des geringsten Widerstands. Im Coronafall heißt das auch: den Weg des Ausnahmezustands. Die so entstehende, sich weiter erhöhende Unsicherheit aber wird den Konsum und die Investitionsbereitschaft weiter nach unten drücken. Die Folge ist eine weiter einbrechende Wirtschaft. Eine teuflische Spirale, die am Ende auch die Bevölkerung in Ausnahmezustände versetzen wird. Es traut sich aber niemand, das wirklich zu sagen oder zumindest diese Abwägungen konkret zu thematisieren.

Und die Bevölkerung spielt da mit?
Bei uns streitet man sich bislang wenigstens nur übers Klopapier. In den USA haben nach wenigen Tagen Hamsterkäufe in den Waffenshops begonnen. Das heißt doch, dass die Leute schon mit Diebstählen, Plünderungen und Schusswaffengebrauch auf offener Straße rechnen. Schlimmer kann’s eigentlich kaum noch werden.

Wie viel Geld haben Sie selbst und Ihr Private-Equity-Haus CVC schon verloren?
Das ändert sich ja täglich. Wir sind im deutschen Portfolio aktuell an sieben Firmen beteiligt, und da müssen wir zunächst mal ganz konventionell und unabhängig von den obigen Erwägungen agieren: Einrichtung eines effektiven Krisenmanagements, gesundheitliche Sorge für die Angestellten, Sicherstellung ausreichender Liquidität und Hoffnung auf ein baldiges Ende des Shutdowns. Schön ist das für niemanden.

Wagen Sie eine Prognose für 2020?
Schwierig. Trotz aller Besorgnis bleibe ich Optimist, weil ich immer noch an die Vernunft des Individuums glaube. Irgendwann wird ein abwägender Umgang mit den Konsequenzen des Shutdowns die derzeitige, teilweise irrationale Panik und die Hauruck-Strategien ersetzen und sich der Glaube an eine nachhaltig positive und sichere wirtschaftliche Zukunft durchsetzen. Ich hoffe nur, dass das nicht zu lange dauert, der Wendepunkt nicht zu tief und die bisherigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Errungenschaften nicht zu nachhaltig zerstört sind.

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Herr Dibelius, vielen Dank für das Interview.

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