Interview mit Jim O'Neill „Deutschland kann die Weltwirtschaft stabilisieren“

Goldman-Sachs-Starökonom Jim O'Neill sieht in Europa Anzeichen für Hoffnung. Im Interview erklärt er Deutschlands Rolle in der Krise und warum der Fiskalpakt der Euro-Staaten eine noch aktivere Rolle der EZB erfordert.
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Jim O'Neill: „Vielleicht kann Deutschland der stabilisierende Faktor sein.“ Quelle:

Jim O'Neill: „Vielleicht kann Deutschland der stabilisierende Faktor sein.“

Jim O'Neill ist Chef der Fondsgesellschaft Goldman Sachs Asset Management. Einen Namen hat er sich als Chefvolkswirt von Goldman Sachs gemacht, als er frühzeitig die wachsende Bedeutung großer Schwellenländer hervorhob. Im Jahr 2001 verwendete er in einer Studie erstmals das Akronym "Bric" für Brasilien, Russland, Indien und China. Seine Grundthese ist, dass diese Staaten mit großer Bevölkerung die besten Aussichten für überproportionales Wachstum haben. Das Handelsblatt sprach mit ihm über die europäische Schuldenkrise und über die künftige Rolle Europas in der Welt.

Herr O’Neill, Europas Politiker ringen um eine Lösung der Schuldenkrise. Wie groß ist die Chance, dass sie diese bald finden?

Die aktuelle Krise ist in vielerlei Hinsicht die außergewöhnlichste Krise, die ich in 31 Jahren in der Finanzwelt erlebt habe. Das Ganze ist ein hochkomplexes Thema, da es so viele Verbindung zwischen Wirtschaft und Politik gibt. Wohin es geht, ist sehr schwer zu sagen. Ich denke aber, wir bewegen und vorsichtig in Richtung eines besseren Ergebnisses, als es viele Leute für möglich halten.

Die meisten Experten sehen Europa vor einer tiefen Rezession.

Wir gehen in unseren Prognosen auch von einer Rezession aus. Aber vielleicht sehen wir das alles zu negativ. Die interessanteste Entwicklung in diesem Jahr sind für mich bisher die Konjunkturdaten aus Deutschland. Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Europa bereits in einer tiefen Rezession steckt und Deutschland ebenfalls in einen Abschwung hineinläuft. Die jüngsten Daten sprechen eine ganz andere Sprache und das ist sehr positiv, immerhin steht Deutschland für ein Drittel der Wirtschaftskraft der Euro-Zone. Was ich sagen will: Die Angst, dass Europa die Welt in den Abgrund zieht, erscheint mir im Moment unbegründet. Womöglich ist die Situation eher vergleichbar mit der Asien-Krise 1997.

Inwiefern?

Damals haben sich die Leute gesorgt, dass die Probleme in Thailand, Indonesien und Südkorea die anderen asiatischen Staaten und die Welt als Ganzes herunterziehen würden. Doch es kam anders. China ist gut durch die Krise gekommen und das hat die Weltwirtschaft stabilisiert. Vielleicht kann diesmal Deutschland der stabilisierende Faktor sein.

Eine entscheidende Rolle spielt Deutschland auf jeden Fall in der Euro-Krise. Wie bewerten Sie das Auftreten von Frau Merkel im Kreis der Euro-Staaten?

Frau Merkel ist sehr vorsichtig. Ich habe eigentlich immer gesagt, sie ist viel zu vorsichtig. Wenn ich jetzt zurückblicke, war das aber sehr richtig. Wenn man aus der Distanz guckt, bekommt Deutschland jetzt womöglich das, was es immer wollte: eine engere Fiskal- und politische Union.

Gibt es denn eine Alternative zu einer Fiskalunion?

Ich denke nicht. Der Fiskalpakt ist der nächste große Schritt für die Euro-Staaten. Allerdings ist nun die EZB gefordert. Wenn die Staaten zum Sparen verpflichtet werden, um irgendwelche neuen Zielvorgaben zu erfüllen, drückt das auf das Wachstum. Hier sollte die EZB gegensteuern. Sie muss mindestens so großzügig sein wie im Moment, womöglich die Finanzierungsbedingungen sogar noch weiter erleichtern. Geht sie diesen Weg, werden die Märkte mit spürbarer Erleichterung reagieren.

Ist die Erholung, die wir im Moment sehen, schon ein Vorgeschmack darauf?

Der Dreijahres-Tender, mit dem die EZB den Banken langfristig Liquidität zur Verfügung stellt, war ein wichtiger Meilenstein. Er ist der Hauptgrund dafür, dass sich die Märkte weltweit beruhigt haben. Dieses indirekte „Quantitative Easing“ war ein kluger Zug der EZB.

„Die Bedeutung Griechenlands wird überschätzt“
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13 Kommentare zu "Interview mit Jim O'Neill: „Deutschland kann die Weltwirtschaft stabilisieren“"

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  • Naja, ich bin zwiegespalten. Auf der Ebene, auf der er argumentiert, ist er sicher brilliant. Nur, was hat das mit unserem Leben zu tun? Wo kommt der Mensch in seinen Analysen vor? O´Neill ist der typische Vertreter einer "Wachstum-über-alles" - Konzernwirtschaft. Für ihn zählen die Profite, nicht eine Wirtschaftsordnung, in der alle ihren gerechten Anteil erhalten.
    Ich halte solche Menschen in bestimmter Weise für absolut wahnsinnig. Ich meine das gar nicht mal böse, aber der Mann scheint so dermaßen über dem Leben normaler Menschen zu schweben, dass es mich graust!

  • „Europa wird die Welt nicht in den Abgrund ziehen“ - das stimmt, denn Die nach ihren eigenen "Kriterien" schon lange "unrentable" "Marktwirtschaft" alias "Kapitalismus" zieht die Welt mit in den Abgrund: „Der täglich wachsenden Raschheit, womit auf allen großindustriellen Gebieten heute die Produktion gesteigert werden kann, steht gegenüber die stets zunehmende Langsamkeit der Ausdehnung des Markts für diese vermehrten Produkte. Was jene in Monaten herstellt, kann jener kaum in Jahren absorbieren. ... Die Folgen sind allgemeine chronische Überproduktion, gedrückte Preise, fallende und sogar ganz wegfallende Profite; kurz, die altgerühmte Freiheit der Konkurrenz (alias “Marktwirtschaft“) ist am Ende ihres Lateins und muß ihren offenbaren skandalösen Bankrott selbst ansagen.“(Was sie jedoch nicht tun wird, sondern, wie schon gesagt, den ganzen Zombieladen lieber mit in den Abgrund reisst.)

    Mit aufrichtiger Schadenfreude und
    Endzeitgigatodgruß

    weltenbrand

  • Europa wird die Welt nicht in den Abgrund stuerzen, das stimmt. Aber das wegen der PIIGS labile Europa wird von anderen mitgerissen. Nur der kleinste Wellenschlag reicht um das Kartenhaus Europa einstuerzen zu lassen. D.h. die Usa und China. Und da DE jetzt fuer PIIGS haftet und immer weiter ausgesaugt wird, faellt DER europaeische Sicherheitsanker weg.
    Was unsere Politiker machen ist.veranteortungslos. Angefangen vom verletzen der.Nobailout-Regel, die DIEBrandmsuer gegen Ansteckung war!!! Jeztzthaben es die PIIGS geschafft und das noch halbwegs gesunde Deutschland angesteckt. Ein Virologe wuerde nur noch den Kopf schuetteln.
    Die Erpressbarkeit ist zur Seuche geworden. Goldman + Sachs und die USA reiben sich doch schon die Haende.
    Wie naiv muss die Politik noch werden?

  • @Zutexter

    Blödsinn, der Trend zum Gigantismus fördert nur faschistoide Strukturen und fördert die Monopole. Sowohl Demokatie als auch die Kreativität der Wirtschaft werden eingeschränkt. Gigantismus ist das Gegenteil von Marktwirtschaft.

    Hätten wir nicht diesen Euro-Schwachsinn geschaffen, dann wären Spannungen innerhalb der Teilsysteme bereits entlastet worden als die Blasen noch klein waren. (Anders ausgedrückt, Griechenland hätte beispielsweise abwerten können, die Abwertung einer Währung kann ein anders geartetes Verfahren zur Besteuerung sein, da der jeweilige Staat entlastet wird, weil die nordeuropäischen Besteuerungsmechanismen in den Südländern anscheinen nicht funktionieren)

    Stattdessen hat man die Probleme immer in die Zukunft und in immer grössere Einheiten verschoben statt eine Entspanung der Blasen zuzulassen, - und jetzt ist die Superblase (EUdSSR, Ami-Land und Japan) am platzen.

    Der Weg zum Gigantismus wird nur von denen gewünscht, welche die Marktwirtschaft zum Vorteil ihrer Monopole zurückdrängen wollen. Die die den Gigantismus wollen sind die Feinde der Marktwirtschaft, der Freiheit und der Demokratie !

  • Dieser Artikel gehört denen auf die Nase gedrückt, die sich gegen ein Zusammenwachsen Europas sperren. Kein Land in Europa hätte allein auf sich gestellt eine Chance im internationalen Vergleich. Aber 500 Mio. Europäer mit dem wissenschaftlich-technischem Know-how, der Industrie, das ist eine ganz andere Macht. Ein guter Artikel, der erklärt, daß die Politik jetzt Rahmenbedingungen für das stärkere Verschmelzen bei Verzicht auf nationale Eitelkeiten, in Angriff nehmen muß. Dabei muss man nicht auf die nationalen Eigenheiten verzichten, dies ist möglich und nötig.

  • Kurzumfrage: Die EU auf dem Weg in die Depression?

    Über den Link gelangen Sie zur Umfrage:

    http://graph.me/p164018922/q

  • Ups, ein Goldman-Sachs Starökonom!!!

    War der nicht auch bei der Sub-Prime-Krise mit dabei und der Griechenberatung, und, und.

    Komisch, aber immer, wenn eine Sch... am kochen ist, ist Goldman-Sachs dabei, siehe auch Draghi, Monti, usw.

  • Fiskalunion vorrangig durch EU-weite MwSt-Harmonisierung
    -------------------------

    Ausgabendisziplin innerhalb der Euro-Zone ist sicherlich notwendig. Doch Merkozy & Co. sollten auch die Einnahmenseite nicht verleugnen. Die Euro-Zone, und zuallererst die PIIGS-Staaten müssen die Mehrwertsteuer schnellstmöglich auf den derzeitigen EU-Höchstsatz von 25% erhöhen, dann Frankreich und zu guter letzt auch Deutschland.

    Die EZB muss flankierend sogar negative Leitzzinsen realisieren und für den Zeitraum bis 2020 ein Inflationsziel von 4% vorgeben.

    Darüber hinaus hat die EZB nun die Chance den EURO zu VOLLGELD weiter zu entwickeln.

    http://www.n-tv.de/politik/dossier/Das-Ende-der-monetaeren-Fata-Morgana-article917399.html

    Dr. Ludwig Paul Häußner, Karlsruhe

  • Ist das Interview auch irgendwo auf englisch zu finden? Wäre sehr hilfreich, vielen Dank.

  • Nie!
    Die Goldmänner sitzen fest im Sattel. Der Chef der "Kommiossion zur Regulierung der Finanzmärkte" ist Ottmar Issing, International Advisor von Goldman Sachs - 2008 eingesetzt von Frau Merkel. Der Italienische Staatschef ist Berater von Goldman Sachs. Der EZB-Chef war bis 2005 zweiter Europachef von Goldman Sachs. ...

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