Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Mortimer Buckley

Er will mit Billigprodukten den Markt aufrollen.

(Foto: Vanguard)

Interview mit Mortimer Buckley „Gebühren gehen Richtung null “ – Vanguard-CEO spricht über das Wettrennen der Vermögensverwalter

Der zweitgrößte Vermögensverwalter startet sein Deutschland-Geschäft. Im Interview spricht Vanguard-Chef Buckley auch über die Kritik an den boomenden Indexfonds.
Kommentieren

An Selbstbewusstsein fehlt es Mortimer Buckley nicht. Der hoch aufgeschossene Chef des US-Vermögensverwalters Vanguard tritt betont lässig auf. „Tim“, wie er genannt wird, ist zum Deutschlandstart seines Hauses nach Frankfurt gekommen. Der 49-jährige Havard-Absolvent will hier ein weiteres Kapitel der Erfolgsstory seines Hauses schreiben und Privatanleger gewinnen.

Seit einigen Jahren sammelt Vanguard weltweit das meiste Neugeld von Anlegern ein – mit Indexfonds. Auch im ersten Halbjahr 2018 war Vanguard wieder der Spitzenreiter. Deshalb ist Buckley völlig entspannt – auch gegenüber dem bisher übermächtigen Wettbewerber aus seiner Heimat, dem weltgrößten Anbieter Blackrock.

Herr Buckley, wie lange dauert es noch, bis Sie Ihren ärgsten Konkurrenten Blackrock überrunden?
Klar, wir sind unter Beobachtung. Die Branche schaut auf diese Firma, die in zehn Jahren 1,5 Billionen Dollar Anlegergeld eingesammelt hat. Wir konzentrieren uns derweil darauf, besser zu werden. 

Wenn Vanguard und Blackrock weiter mit der gleichen Rate wachsen wie in den vergangenen Jahren, werden Sie in zwei Jahren die Nummer eins der Vermögensverwalter sein
Wir hatten nie den Anspruch, an irgendeiner Stelle in der Rangliste zu stehen. Wenn man damit anfängt, kann das unbeabsichtigte Wirkungen haben. Entscheidungen sind dann plötzlich diesem Ziel untergeordnet. Aber wir sind ja keine börsennotierte Gesellschaft, müssen uns nicht mit Quartalszahlen rechtfertigen. Für uns zählt nur der Kunde. Das heißt: Wie schaffen wir es, dass Anleger höhere Renditen als bei Wettbewerbern bekommen, ihre Kosten geringer sind.

Warum hat sich Ihr Wachstum so rasant beschleunigt?
Weil das aktive Fondsmanagement gescheitert ist. Dieses Geschäft ist hart umkämpft, doch die Anbieter haben nicht wirklich ihre Gebühren gesenkt. Aber Anleger denken heute: Wenn nur jeder fünfte oder zehnte aktive Manager langfristig mehr Ertrag liefert als ein Börsenindex, dann nehme ich besser ein Indexprodukt, also einen Indexfonds oder ihre börsengehandelte Variante, den „Exchange Traded Fund“ oder kurz ETF. Vanguard war der erste Anbieter in den USA auf diesem Gebiet für Privatanleger und ist der Markenname.

Was hat noch geholfen?
Später gaben uns Anlageberater Auftrieb: also jene, die für ihre Beratung direkt bezahlt werden und nicht von Provisionen leben, die in Produktgebühren versteckt sind. Sie raten ihren Kunden zu Produkten mit geringen Gebühren.

Die Erfolgsstory ETF hat auch ihre Kritiker. Wie stehen Sie zur Ablehnung Ihres legendären Firmengründers John Bogle, der von den Produkten nichts hält, weil sie zum kurzfristigen Handeln verführten und damit dem Fonds als langfristiger Anlageidee widersprächen?
Unserem Gründer ging es immer um niedrige Kosten für Anleger. Solche Vorwürfe gab es auch gegen jedwede Art des Handels mit Aktien. Anleger können sowohl Aktien wie auch Fonds oder ETF falsch einsetzen. Nicht das Produkt ist das Problem, sondern der Umgang damit. Es braucht Aufklärung für Anleger und auch für Berater.

Um noch einmal Bogle zu bemühen: Ihm zufolge können die börsengehandelten Indexfonds in Zeiten von Marktstress anfällig sein…
ETF für breite Märkte haben sich in allen Börsenphasen als widerstandsfähig erwiesen. Sie sind in den Finanzkrisenjahren 2008 und 2009 getestet worden. Aber auch in den Stressphasen haben sie den Indexwert widergespiegelt, an Kapital und Umsatz zugelegt. Natürlich gibt es esoterischere Produkte und solche für kleine Märkte mit geringer Liquidität, um die man sich vielleicht sorgt. Die würden wir ganz sicher nicht anbieten.

Vor zwei Jahren im August sackte der Dow zum Start eines Handelstages um über 1.000 Punkte ab, ein Fünftel der ETFs musste vom Handel ausgesetzt werden.
Es ging dabei nicht um die Struktur von ETF, sondern um die des Marktes. Das Problem wurde mit besseren Regeln gelöst, etwa zur Beschränkung kurzfristiger Kursausschläge.

Zu Jahresbeginn mussten einige ETF auf den US-Volatilitätsindex liquidiert werden…
Es sind viele neue ETF auf den Markt gekommen. Solche esoterischen Produkte wie auch Nischenprodukte gehören nicht in langfristige Depots.

Auch Aufsichtsbehörden haben ETF häufiger auf mögliche Schwachstellen untersucht. Derzeit arbeitet die internationale Wertpapieraufsicht, Iosco, daran. Was erwarten Sie?
Mit wachsendem ETF-Kapital ist es verständlich, dass die Regulatoren den Bereich weiter genau beobachten. Aber die Produkte bringen dem Anleger viele Vorteile: Risikostreuung, Transparenz, geringe Kosten. Obwohl sie manchmal als besondere Instrumente dargestellt werden, sind sie mit traditionellen Investmentfonds vergleichbar. Deshalb sollten auch weiter die allgemeinen Regeln für sie gelten, in Europa etwa die EU-Investmentrichtlinie.

Der US-Milliardär und Großinvestor Carl Icahn behauptete, ETF auf Hochzinsanleihen könnten große Liquiditätsprobleme erzeugen. Blackrock bezeichnete er sogar als sehr gefährliche Gesellschaft. Gibt es Grund zur Sorge?
Die Anleihe-ETF verbessern die Liquidität an Bondmärkten. Sie werden an der Börse gehandelt und können so Käufer und Verkäufer bei transparenter Preisfindung schnell verbinden. Bei stark schwankenden Märkten nimmt der Handel in den Anleihe-ETF zu.

Dagegen können einzelne Bondtransaktionen außerhalb der Börse bei Stress am Markt schwierig werden. Vorsicht ist aber geboten bei riskanteren Anlagen wie Bonds sehr geringer Bonität oder Schwellenländeranleihen. Bei Marktstress können die ETF-Preise tiefer fallen, als es dem inneren Wert entspricht.

Wegen des ETF-Booms ist die Frage: Wie viel passives Management vertragen die Finanzmärkte?
Bisher machen Indexfonds weltweit nur 15 Prozent des verwalteten Vermögens aus, in den USA sind es 35 Prozent. Wir sind noch weit von einem Anteil entfernt, der den Markt gefährden würde. Am gesamten Aktienhandel machen passive Fonds nur fünf Prozent aus. Das ist die Messlatte für Markteffizienz. Ich sehe keine Probleme.

Der globale ETF-Markt ist fünf Billionen Euro groß. Wie stark kann er noch wachsen?
Schwer zu sagen, er wird sich sicher noch verdoppeln. Auf jeden Fall sind wir weit vom Limit entfernt.

Die US-Börsenaufsicht plant, die Genehmigungen für ETF zu erleichtern. Was bedeutet das für den US-Markt?
Es wird einen lebendigen und gesunden ETF-Markt stützen.

Bisher war Vanguard sehr auf den US-Heimatmarkt konzentriert…
Das ist unser Ursprung, hier verwalten wir 4,8 Billionen US-Dollar. Rund 400 Milliarden Dollar kommen von außerhalb.

Wieso sind Sie so schwach außerhalb der USA?
Wirklich schwach sind wir nicht. Vor rund einem Jahrzehnt haben wir unser europäisches Geschäft gestartet. Was wir hier feststellen: Die vielen Millionen europäische Anleger zahlen zu viel Gebühren. Ihnen können wir helfen.

Gebührendruck gibt es schon lange. Wie billig können Fonds werden?
In den USA haben wir schon für deutlichen Gebührendruck bei Indexfonds gesorgt. Bei den aktiven Produkten kommt das noch. In den USA kosten Fonds generell im Durchschnitt Gebühren von 0,63 Prozent des Anlagekapitals pro Jahr. Vanguard nimmt weltweit ein Sechstel davon, 0,11 Prozent im Jahr. In Europa nehmen wir im Schnitt 0,14 Prozent.

Wie weit werden die Gebühren sinken?
Unsere Gebühren werden Richtung null gehen — ohne die Null ganz zu erreichen.

Das kann kaum funktionieren, wenn Sie als Gesellschaft überleben wollen…
Das ist eine Frage der Größe. Unser größter Fonds „Vanguard Total Stock Market Index Fund“ für US-Aktien ist 800 Milliarden Dollar schwer. Da können die Gebühren natürlich viel geringer sein. Der Aufwand für den Fondsmanager steigt ja kaum mit wachsendem Volumen.

Was bedeutet das für Vanguard?
Wir verwalten heute ziemlich genau zehnmal so viel Geld wie zur Jahrtausendwende. Wir machen das mit kaum einem Drittel mehr Mitarbeiter, nämlich 17.000 Beschäftigten. So kann man effizient arbeiten und Gebühren senken. Damals lag unser Gebührenschnitt etwa bei 0,25 Prozent, heute ist es knapp die Hälfte. Wenn wir weiter wachsen und Technologie nutzen, um Kosten zu sparen, können unsere Gebühren weitersinken.

In Europa ist der Vertrieb ein großes Thema. Die EU-Richtlinie Mifid II fordert bei der Beratung mehr Anlegerschutz und mehr Transparenz, auch mehr Kostentransparenz…
Da haben wir große Kompetenz aus unserem Heimatmarkt. In Großbritannien verändern solche höheren Anforderungen das Geschäft bereits. Das übrige Europa wird folgen.

Sie kommen spät nach Europa, auch spät in den europäischen ETF-Markt, insbesondere den deutschen. Warum?
Es geht uns nicht um Timing, mehr um die Umstände: Jetzt sind die regulatorischen Voraussetzungen gut. Mifid II stärkt echte Anlegerberatung und fordert mehr Transparenz bei den Produkten. Das gibt der „Beratung gegen Gebühr“, zu Deutsch „Honorarberatung“ Auftrieb.

Dabei hat der Berater ein Interesse, preiswerte Produkte wie Indexfonds einzusetzen. Im Nachteil ist jetzt der klassische Verkauf, bei dem Berater oft in den Produktkosten versteckte Vertriebsprovisionen kassieren und sich daran orientieren, weniger an dem, was Anlegern nutzt.

An die 50 Anbieter sind auf dem europäischen ETF-Markt schon aktiv. Vanguard liegt nur auf Platz fünf. Marktführer ist hier ebenfalls Blackrock. Wie wollen Sie da vorankommen?
Ja, der Markt ist fragmentiert. Aber die Anleger wollen unsere Produkte. Und wir sind entschlossen – auch zu Gebührensenkungen. Bisher werden ETF vor allem von institutionellen Investoren eingesetzt. Bei Privaten ist das noch gar nicht richtig angekommen, speziell in Deutschland zahlen Anleger viel zu viel Gebühren.

Deshalb steckt der Markt in Europa in den Kinderschuhen. Die Privaten werden für den nächsten Schub im Markt sorgen. Auf diese Kunden und ihre Berater konzentrieren wir uns.

Wie erreichen Sie Privatanleger jetzt?
Über Banken, Berater, Online-Plattformen oder Dachfonds, die in unsere Produkte investieren.

In den USA bieten sie die traditionellen Indexfonds an und die neueren, an der Börse gehandelten. Und in Europa?
Da konzentrieren wir uns auf ETF.

Stark wachsen in Europa Produkte auf Indizes, die nach anderen Kriterien als Börsenwert zusammengesetzt sind...
Es ist eine Evolution des aktiven Managements. Es bringt etwas mehr Aufwand mit sich, wenn man Aktien etwa nach Preismomentum, also starker Aufwärtsbewegung, oder Werthaltigkeit aussucht und die Depots regelmäßig anpasst. Deshalb kosten unsere Produkte auch 0,22 Prozent jährlich. Konkurrenten verlangen da schnell 0,5 Prozent.

Also sind die Wettbewerber auch hier zu teuer…
Ja, auch hier läuft nur ein Computerprogramm, das alle Entscheidungen trifft. Das sollte billig sein für Anleger.

Aktive Fondsmanager können ihre Anteile verkaufen, wenn ihnen die Politik einer Firma nicht passt. Da muss Vanguard passen...
Ja, wir sind zwar wegen der Indexfonds dauerhafte Eigner. Seit einigen Jahren geben wir aber klare Signale an die Unternehmensführungen, was beispielsweise die Zusammensetzung des Topmanagements, dessen Bezahlung, die Strategie oder Offenlegung von Risiken angeht. Darum kümmern sich 30 Mitarbeiter, die jedes Jahr an die 1.000 Firmen besuchen. Wir machen das hinter verschlossenen Türen. So ein Team bauen wir jetzt auch für Europa auf.

Können Sie als langfristiger Aktionär wirklich Druck machen?
Es gibt durchaus heikle Gespräche. Da brauche ich nur an die Waffenhersteller oder Ölkonzerne zu denken. Ein Ölkonzern etwa verweigerte den Dialog mit seinen Aktionären, wollte auch nicht sagen, wie er seine Reserven bewertet. Das ist wichtig, weil der Trend weg geht vom Verbrennen fossiler Energieträger. Denen haben wir klargemacht: Wenn ihr das Gespräch verweigert, werden wir auf der Hauptversammlung nicht so abstimmen, wie ihr euch das vorstellt.

Mit dem stark gewachsenen Vermögen steigt der Einfluss großer Indexanbieter auf Firmen.
Damit wächst unsere treuhänderische Verantwortung. In den USA sind wir der größte Anteilseigner bei fast jeder Firma mit rund sieben Prozent. In anderen Ländern erreichen wir zwei bis drei Prozent. Blackrock ist außerhalb der USA noch bedeutender.

Werden Vanguard und Blackrock nicht irgendwann zu mächtig in den Konzernen?
Wir nehmen die Frage guter Unternehmensführung sehr ernst. Aber wir mischen uns nicht in das Tagesgeschäft ein. Indexfonds sind ja die ultimativen Langfristanleger. Unser Votum und unsere Stimme sind einer der wichtigsten Hebel zum Schutz der Kundengelder und des Vermögenszuwachses.

Herr Buckley, vielen Dank für das Interview.

Finance Briefing
Startseite

Mehr zu: Interview mit Mortimer Buckley - „Gebühren gehen Richtung null “ – Vanguard-CEO spricht über das Wettrennen der Vermögensverwalter

0 Kommentare zu "Interview mit Mortimer Buckley: „Gebühren gehen Richtung null “ – Vanguard-CEO spricht über das Wettrennen der Vermögensverwalter"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote