Investment Live „Bleiben Sie der Aktie treu“

Die weltpolitische Lage könnte zwar stärkere Schwankungen an den Aktienmärkten auslösen. Experten warnen jedoch vor überhasteten Verkäufen.
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„Ein Zusammenrücken Europas ist alternativlos“

BerlinDie geopolitische Lage ist für Anleger unübersichtlich geworden. Der Handelskonflikt zwischen den USA und den großen Industrie- und Schwellenländern weitet sich aus, der unklare Kurs der neuen italienischen Regierung beim Euro treibt Beobachter Sorgenfalten auf die Stirn.

Dennoch würden Anleger bei finanziellen Engagements derzeit mehrheitlich auf die Aktie setzen. Das ergab eine Umfrage unter den rund 400 Gästen von „Investment Live“, der Anleger-Initiative von Deutscher Bank und Handelsblatt, in Berlin. Wenn sie jetzt 50.000 Euro zur Verfügung hätten, würden zwei Drittel erneut in Aktien investieren, 28 Prozent in Immobilien und knapp fünf Prozent in Gold.

Gleichwohl war zu spüren, dass die weltpolitische Lage auch die Anleger in Berlin zunehmend verunsichert. Auf dem G7-Gipfel der größten Industrienationen düpierte US-Präsident Donald Trump erst kürzlich seine engsten Bündnispartner, als er das Abschlusskommuniqué kurz nach seiner Abreise widerrief.

„Die Freunde sind als Verlierer gegangen“, brachte Börsen-Profi Markus Koch die Lage auf den Punkt. „Auf Donald Trump kann man sich nicht mehr verlassen, er hat das Vertrauen nachhaltig erschüttert“, diagnostizierte Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe. Die Folgen seien noch nicht absehbar. „Wenn man sich auf den Freihandel nicht mehr verständigen kann, dann ist dieses Format wertlos“, so Afhüppe.

„Politik bringt Volatilität in die Aktienmärkte“

Aus Sicht von Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, tragen die Europäer auch ein gewisses Maß an Mitverantwortung für diese Entwicklung. „Ich finde es schade, dass die Teilnehmer nicht auf Trumps Vorschlag eingegangen sind, eine Freihandelszone der G7-Staaten zu schaffen.“ Die Europäer sollten bitte nicht so tun, als ob sie stets die großen Freihandelsfreunde wären.

Aus dem Handelsstreit drohe jetzt ein Handelskrieg zu werden, befürchtet Gerald Flanz, Mitglied Regionalleitung Vertrieb bei der DWS, der Fondstochter der Deutschen Bank. „Aktuell ist keine Rezession in Sicht, aber die Politik bringt deutlich mehr Volatilität in die Aktienmärkte“, so Flanz. So verdichten sich die Anzeichen, dass die EU auf die Anfang des Monats von den USA verhängten Zölle auf Aluminium und Stahl reagiert – mit Zöllen auf Waren wie Jeans, Erdnussbutter oder Motorräder.

Und wie wird Trump darauf reagieren? „Mir wird angst und bange bei der Vorstellung, dass mit der Automobilwirtschaft die wichtigste Industrie Deutschlands demnächst mit 25 Prozent Strafzöllen belegt werden könnte“, gestand Afhüppe. „Auge um Auge, Zahn um Zahn – soll das das neue Grundmuster im Welthandel werden?“, fragte Afhüppe rhetorisch.

Die Experten rechnen mit deutlichen Einbußen bei den Autowerten, sollten die Zölle kommen. Allerdings würden Zölle von 25 Prozent nicht komplett durchschlagen, glaubt Stephan. Vielen US-Käufern könnte es möglicherweise egal sein, die Automobilhersteller könnten bis zu einem gewissen Grad Margeneinbußen hinnehmen oder die Produktion werde teilweise in die USA umgeleitet.

„Der Dollar bleibt stark“

Unabhängig vom konkreten Fall hält Stephan die ganze Zolldiskussion für aberwitzig. „Wir haben heute keine Konkurrenz zwischen Ländern. Das ist das Denken aus der Vergangenheit. Wir haben eine Konkurrenz von Wertschöpfungsketten“, so Stephan. Das verdeutlichte er an einem Beispiel. Die deutsche Importquote an den Exporten, also Güter, die zuerst importiert, dann eingebaut oder veredelt und später exportiert werden, sei in den vergangenen Jahren von 20 auf fast 50 Prozent gestiegen.

Die implizite Botschaft: Die Welt ist nicht so einfach, wie Trump sie darstellt.

Doch nicht nur die möglichen Handelskonflikte machen Anleger nervös. Auch die Entwicklung in Italien wird als bedrohlich empfunden. „Linke und rechte Populisten führen jetzt das Land und planen Ausgabenprogramme, obwohl Italien bereits unter einer hohen Staatsverschuldung leidet“, beschrieb Afhüppe die Lage.

Den wirklichen Knackpunkt erwartet Stephan im Herbst, wenn die neue Regierung ihr Budget vorstellen muss. „Wenn die Verschuldung weiter steigen sollte, wird das eine zähe Veranstaltung“, befürchtet Stephan. Eine Rettungsaktion à la Griechenland konnte sich keiner auf dem Podium vorstellen. „Dafür ist Italien zu groß. Und ein Austritt Italiens aus der Euro-Zone wird nicht funktionieren, dann können wir die Währungsunion beerdigen“, glaubt Stephan.

Deutsche Investoren setzen zu häufig auf Standardaktien

Angesichts der Dominanz der politischen Themen musste man die Besucher von „Investment Live“ daran erinnern, dass der ökonomische Konjunkturzyklus nach wie vor stark ist. Der Internationale Währungsfonds erwartet ein Wachstum von jeweils 3,9 Prozent für 2018 und 2019.

„Ich gehe davon aus, dass wir aller Voraussicht nach noch ein bis zwei gute Jahre vor uns haben“, so Stephan. Die Unternehmensgewinne würden nach wie vor sprudeln. Auf dem jetzigen Niveau findet Stephan Automobilwerte und ihre Zulieferer interessant. Vorsichtiger wäre er bei Einzelhandels- und Pharma-Werten.

Flanz machte darauf aufmerksam, dass deutsche Investoren häufig zu stark auf deutsche Standardaktien setzten. Um Technologie-Chancen zu nutzen, sollten Portfolios auch Werte aus den Schwellenländern und den USA berücksichtigen. Mittlere und kleine Werte in Deutschland seien zwar schon gut gelaufen. Doch Übernahmefantasien könnten die Kurse weiter treiben.

„Bleiben Sie der Aktie treu, investieren Sie diversifiziert, beobachten Sie die Zins- und Gewinnentwicklung – dann werden Sie noch Spaß am Aktienportfolio haben“, gab Stephan den Anlegern mit auf den Weg.

Für diejenigen, die angesichts der unsicheren politischen Lage dennoch darüber nachdenken, ihre Aktienengagements kräftig zurückzufahren, hatte Börsenexperte Markus Koch noch folgende Statistik parat: „Wer an der Wall Street seit 1970 nur 25 der besten Handelstage verpasst hat, hat die Hälfte der gesamten Performance eingebüßt.“ Mit anderen Worten: Tagesberichterstattung ignorieren, langfristige Perspektive beibehalten.

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