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Kohlekraftwerk Mehrum (Symbolbild)

Ein Frankfurter Start-Up hat ein Modell Open-Source zur Verfügung gestellt, mit dem Kunden einfacher berechnen können, wie klimaschädlich ihr Portfolio ist.

(Foto: dpa)

Klimafreundliches Investieren Wo grün drauf steht, ist nicht immer grün drin

Klimafreundliche Anlageprodukte verwenden sehr unterschiedliche Kriterien bei der Auswahl ihrer Investments. Ein Frankfurter Start-Up will das transparenter machen.
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DüsseldorfSie heißen „Euro Stoxx Low Carbon“, „MSCI Low Carbon Leaders“ oder auch „New Power Fund“ – klimafreundliche Investments erfreuen sich großem Interesse. Knapp jeder zweite Sparer hält sie laut einer Umfrage von Union Investment für attraktiv, zwölf Prozent mehr als noch vor ein paar Jahren.

Doch nur weil auf einem Fonds „Low Carbon“ – also auf deutsch „wenig Kohlenstoff“ – steht, heißt dies nicht, dass er ausschließlich in klimafreundliche Unternehmen investiert. Denn hierfür gibt es keinerlei einheitliche Standards. Und deswegen entscheiden die jeweiligen Fondsmanager oder Aufsetzer der Indizes bislang selbst, wie wenig Kohlenstoff „Low Carbon“ ist.

Der Ansatz des „Euro Stoxx Low Carbon“ ist beispielsweise, aus jeder Branche die klimafreundlichsten Unternehmen in den Index aufzunehmen. Der Vorteil: Er kann breit in alle Branchen investieren, somit das Risiko für die Anleger minimieren und dennoch Klimaaspekte berücksichtigen. Gleichzeitig werden so aber auch Unternehmen aus sehr klimaschädlichen Branchen aufgenommen. Es sind etwa der Energieriese E.On und der Flugzeugbauer Airbus Teil des „Euro Stoxx Low Carbon“. Der „MSCI Low Carbon Leaders“ verfolgt einen ähnlichen Ansatz.

Wer sein Geld hingegen so anlegen will, dass es nur für ausdrücklich klimafreundliche Zwecke eingesetzt wird, hat es nicht einfach. Es gibt zwar einige Rankings und zahlreiche Bekundungen von Unternehmen. Jedoch müssen einer Bewertung hinsichtlich der Klimafreundlichkeit immer zahlreiche Annahmen zu Grunde gelegt werden.

Wer berechnet, wie stark sich das Verhalten eines Unternehmens auf das Klima auswirkt, muss auch berücksichtigen: Wie stark wird die Weltwirtschaft wachsen oder schrumpfen? Wie wird sich das betrachtete Unternehmen in der Zukunft verhalten, wie seine Konkurrenz und wie andere Branchen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von technischen Innovationen, die Emissionen enorm eindämmen könnten? Und wie wird sich die Weltbevölkerung in Zukunft entwickeln? Dies sind nur einige der nötigen Parameter – denn das Weltklima hängt über sehr viele Umwege mit dem Verhalten eines einzelnen Unternehmens zusammen.

Frankfurter Start-Up will Bewertung von Klimaschädlichkeit transparenter machen

Wenn an den genannten Annahmen in die eine oder andere Richtung gedreht wird, kann dies an der Klimaschädlichkeit eines Unternehmens recht viel ändern. Und bisher sind die meisten Rankings, die Unternehmen nach ihrer Nachhaltigkeit ordnen, sehr intransparent bezüglich ihrer Berechnungsmethodik. Ein Beispiel für die Intransparenz ist etwa der „Globalance Footprint“, der sich nicht nur auf Klimafreundlichkeit beschränkt, sondern sich sogar an einem Rating von Nachhaltigkeit im Allgemeinen versucht.

Magnus Billing, der Chef des Pensionsfonds Alecta, forderte im April im Handelsblatt-Interview transparentere Firmendaten und bessere Standards bei der Nachhaltigkeitsbewertung. Als Leiter der schwedischen Alecta, mit 80 Milliarden Euro an verwaltetem Kapital der fünftgrößte Pensionsfonds in Europa, kennt er das Problem aus der Praxis.

Das Start-Up Right Based on Science will hier nun für mehr Klarheit sorgen. Es hat ein Modell erstellt, mit dem Akteure ihre eigenen Klimaauswirkungen berechnen können. Das Modell kann mit unterschiedlichen Annahmen gefüttert werden und liefert als Ergebnis einen einzelnen Wert, die X-Degree Compatibility (XDC). Diese XDC besagt, wie stark sich die Erde erwärmen würde wenn die getroffenen Annahmen eintreten und alle Unternehmen so wirtschaften würden wie das betrachtete.

Es gibt ein Modell mit Standard-Annahmen, das „XDC 2016“. Dort werden etwa 3,2 Prozent Wachstum der globalen Bruttowertschöpfung bis 2050, ein gleichbleibendes Verhältnis zwischen Bruttowertschöpfung und Emissionen angenommen. Das sind Werte, die der Internationale Währungsfonds und die Internationale Energieagentur aktuell für realistisch halten. Legt man diese Standardannahmen zu Grunde, kann man die Klimaschädlichkeit von zum Beispiel den Dax30-Unternehmen berechnen. Demnach würde sich die Erde, wenn alle Unternehmen einen so hohen CO2-Ausstoß hätten wie die Deutsche Telekom, bis 2050 um 1,6 Grad erwärmen.

Bisher war auch das XDC-Modell nicht frei zugänglich. Doch dies haben die Gründer von Right Based on Science vergangenen Donnerstag geändert. Sie haben den Quellcode des Modells als Open Source freigeschaltet. Damit können Wissenschaftler nun auf den auf der Programmiersprache Python basierenden Code kostenlos zugreifen und das Modell mit beliebigen Annahmen füttern, die sie interessieren. Nach der Projektlaufzeit von 1,5 Jahren wird das XDC Modell allen Akteuren Open Source bereitgestellt.
„Mit Right Open wird methodische Transparenz über unser XDC Modell geschaffen“, fasst der Gründer des Start-Ups, Sebastian Müller, das Vorhaben zusammen.

Die Hauptmotivation seines Teams sei, Handlungsoptionen für den Übergang in eine Welt mit unter zwei Grad Erwärmung aufzuzeigen. „Welche machbaren und erstrebenswerten Alternativen gibt es zum rückwärtsgewandten business as usual?“, fragt Müller. Um das herauszufinden, müssten noch viele Datenanforderungen ermittelt, Daten errechnet, Informationen generiert und unter unterschiedlichen Szenarien bewertet werden.

„Nur so können ganzheitlich sinnvolle Entscheidungen abgeleitet werden“, sagt Müller. Vor einer Frage dieser Art steht er mit einem Start-Up gerade selbst. Es soll ein möglichst klimafreundlicher Firmenwagen angeschafft werden. Erst dachte das Team an ein Elektrofahrzeug. Erste Berechnungen mit dem eigenen Modell legen aber nahe, dass es aktuell noch klimafreundlicher sein könnte, ein Fahrzeug mit herkömmlichen Antrieb zu erwerben. „Nach ersten – noch nicht zu Ende geführten Berechnungen – stehen zum Beispiel Daimler und BMW in der Logik des XDC Modells wesentlich besser da, als vermeintliche Elektropioniere“, sagt Müller. „Das könnte zu dem Ergebnis führen, dass es sinnvoller ist, ein – wenn auch „konventionelles“ – Fahrzeug dieser Anbieter zu erwerben, da global gesehen so mit der Einzelentscheidung mehr bewirkt wird.“

Müller und sein Team haben mit ihrer Methodik auch den auf Klimafreundlichkeit ausgelegten „Euro Stoxx Low Carbon“ berechnet. Interessant daran: Unter den Annahmen der „Standard XDC“ wird nicht einmal von dem Euro Stoxx Low Carbon das 2-Grad Ziel aus dem Pariser Klimaschutzabkommen erreicht. Die Erde würde sich, wenn alle Unternehmen so wirtschaften wie der Durchschnitt dieses Indizes, bis 2050 um ganze 3,85 Grad erwärmen. Der Durchschnitt des deutschen Leitindexes Dax liegt bei 4,94 Grad.

Grafik

Der Klimawandel ist in den letzten Monaten immer stärker in die öffentliche Debatte gerückt. Und so haben sich auch viele Unternehmen entschieden, sich öffentlichkeitswirksam ambitionierte CO2-Einspar-Ziele zu setzen. Daimler-Tochter Mercedes kündigte etwa an, bis 2039 völlig klimaneutral arbeiten zu wollen. Aktuell ist der Mutterkonzern davon noch weit weg. Daimler weist eine Standard XDC von 2,74 Grad auf.

Klimawandel ist in allen Branchen ein Thema

Auch Volkswagen-Chef Diess schwor seine Aktionäre kürzlich auf einen grünen Kurs ein. Würde der Wolfsburger Konzern weiterhin wirtschaften wie bisher (und alle Unternehmen so wirtschaften wie Volkswagen), wäre die Erde bis 2050 fast fünf Grad wärmer (Standard XDC von 4,74 Grad).

Der Versicherungskonzern Munich Re, zweitbester im Globalance-Nachhaltigkeits-Ranking, schneidet hier sogar noch schlechter ab. Die Standard XDC liegt bei 6,13 Grad. Munich-Re-Chef Joachim Wenning erklärte erst kürzlich im Handelsblatt-Interview, warum er einen schnellen Kohleausstieg für falsch hält.

Der Klimawandel treibt auch viele Investoren um. Das ist ein weiterer Grund für Firmenchefs, sich damit auseinanderzusetzen. So wollen Aktionäre des Versandhändlers Amazon über den Vorschlag eines Teilhabers abstimmen, das Unternehmen zu verpflichten, Rechenschaft darüber abzulegen, wie es den Einsatz fossiler Energieträger verringert.

In Kalifornien verlangen Investoren vom Textildiscounter Ross Stores, sich einen geringeren Ausstoß von Treibhausgasen zum Ziel zu setzen. Und in Kentucky soll Yum Brands künftig jedes Jahr erläutern, was es als Mutterunternehmen von Kentucky Fried Chicken, Pizza Hut und Taco Bell gegen Waldrodungen seiner Lieferanten unternimmt.

„Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen haben wir noch 12 Jahre, um die Weichen mit Blick auf die Begrenzung der globale Erderwärmung auf handhabbare Ausmaße zu stellen“, sagt Right Based on Science-Gründer Müller. „Wir müssen daher schnell, präzise und kollaborativ arbeiten.“

In der Umfrage von Union Investment, in der so viele Sparer ihr Interesse an klimafreundlichen Investments bekundeten, sagten die meisten Interessierten, dass sie dennoch nicht in solche Anlagen investiert seien. Begründet wurde dies unter anderem mit der enormen Unübersichtlichkeit. Gut jeder zweite Befragte würde demnach nachhaltig investieren, wenn er als Kleinanleger wüsste, wie. Vielleicht könnte hieran durch das der Wissenschaft zur Verfügung gestellte Modell langfristig ein wenig mehr Klarheit herrschen.

Eine für Privatanleger einfach verständliche Orientierungshilfe bietet aktuell (zumindest bezüglich Fonds) die Website Climetrics-Rating. Sie gibt eine Übersicht über die Klimafreundlichkeit von Fonds, die Verbraucher anhand vom Grad der Klimaschädlichkeit sortieren können.

Mehr: Warum die die grüne Bundesanleihe reine Symbolpolitik, lesen Sie hier.

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