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Kryptobranche Börse Stuttgart steigt als erster Börsenbetreiber in den Bitcoin-Handel ein

Revolution auf Schwäbisch: Mit dem „Projekt Bison“ will die Börse Stuttgart den Kryptomarkt umkrempeln. Das ist eine riskante Wette auf die Zukunft.
Update: 01.02.2019 - 14:49 Uhr Kommentieren
Die Regionalbörse will ein wichtiger Handelsplatz bleiben. Quelle: imago stock&people
Zentrale der Börse Stuttgart

Die Regionalbörse will ein wichtiger Handelsplatz bleiben.

(Foto: imago stock&people)

Frankfurt„Wir können alles, außer Hochdeutsch“, war lange der Werbespruch Baden-Württembergs. Jetzt hat das Ländle der Schrauber und Tüftler eine neue Premiere vorzuweisen: Der weltweit erste Handelsplatz für Bitcoin und Co., der von einem regulierten Börsenbetreiber organisiert wird, startet am Donnerstag in Stuttgart. Bison heißt die neue Plattform. Sie soll Bitcoin-Einsteiger ebenso wie Krypto-Enthusiasten begeistern und der schwäbischen Börse binnen Jahresfrist Hunderttausende neue Kunden bescheren.

Für die Stuttgarter ist die neue Plattform eine Wette auf die Zukunft. Der Chef der Regionalbörse will sich nicht damit abfinden, dass sein Haus den Weg der Mitbewerber in Hamburg, München oder Düsseldorf geht, die im Vergleich zur Deutschen Börse in Frankfurt nur noch ein Schatten ihrer selbst sind. Aber auch für die Kryptowelt ist der Schritt ein Meilenstein.

Gelingt es den Stuttgartern, einen regulierten, vertrauenswürdigen Handelsplatz aufzubauen, der von den Kryptoskandalen der Vergangenheit verschont bleibt, dann könnten die virtuellen Währungen endlich im Anlagemainstream ankommen. Der Umkehrschluss gilt freilich auch: Erleiden die Stuttgarter Schiffbruch, wären die Folgen für die deutsche Branche nicht auszudenken.

Von derlei Pessimismus will Alexander Höptner nichts wissen. Seit zwei Jahren ist er bei der Stuttgarter Börse, seit einem Jahr auf dem Chefposten. Höptner gilt als digitaler Vordenker. Bei der Deutschen Börse war er für die IT zuständig. Nach seinem Ausscheiden baute er mit zwei Start-ups einen Marktplatz für virtuelle Güter auf. Kryptowährungen wie Bitcoin und Co. sieht er als neuen Teil der Stuttgarter DNA.

„Wir sind die deutsche Privatanlegerbörse, das grenzt uns von den Wettbewerbern ab“, sagt Höptner. „In der Vergangenheit haben wir zu sehr überlegt, welche Produkte die Finanzindustrie will. Jetzt muss es um die Frage gehen: Was will der Kunde? Wir haben die einmalige Chance, uns an die Spitze der nächsten technologischen Umwälzung zu setzen: der Tokenisierung.“

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„Tokenisierung“ meint die Umwandlung realer Assets, etwa Geld oder Wertpapiere, in eine virtuelle Form. Pionier dieser Idee war die vor zehn Jahren aufgelegte Kryptowährung Bitcoin. Und mit ihr startet denn auch der Handel bei Bison. Außerdem im Angebot: die Konkurrenzwährungen Ethereum, Litecoin und Ripple.

Der Handel findet in einer Smartphone-App statt, deren Probierversion das Handelsblatt neben 400 anderen Testern vorab unter die Lupe nehmen konnte. Den Kontostand zeigt Bison grafisch an, hinzu kommt ein sogenanntes „Cryptoradar“, das Kurstrends aus Social-Media-Posts herauslesen soll, sowie eine Transaktionsübersicht, die etwa für die Steuererklärung interessant ist.

„Wir wollen den Handel mit Kryptowährungen so einfach und kommod wie möglich machen“, sagt Ulli Spankowski, Chef des Bison-Entwicklers Sowa Labs, den die Börse Stuttgart 2017 für einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag gekauft hat. Die Macher haben große Pläne mit Bison: Binnen drei Monaten soll eine fünfstellige Zahl an Nutzern erreicht werden, binnen Jahresfrist eine sechsstellige Zahl.

Der eigentliche Handel findet im Ausland statt

Das Konstrukt hinter Bison ist komplex. Als Partner fungieren die britisch-slowenische Kryptoplattform Bitstamp sowie in Kürze der US-Anbieter Kraken. Der eigentliche Handel mit Bitcoin und Co. findet also im Ausland statt, von dort bezieht Bison seine Kurse. Handelspartner der Kunden ist die Stuttgarter-Börse-Tochter Euwax, die als Eigenhändler auftritt. Sie garantiert den in der App angezeigten Preis für zehn Sekunden, geht also ins Risiko. Auf Wunsch werden die Münzen von der neugegründeten Tochter Blocknox verwahrt oder ausbezahlt.

Doch warum sollten die Kunden zu Bison wechseln, wenn sie auch direkt bei der Konkurrenz handeln und so doppelte Gebühren sparen können? „Wir kennen andere Plattformen“, sagt Spankowski. „Das Nutzererlebnis dort ist häufig nicht optimal. Nur bei uns müssen die Kunden ihr Geld nicht ins Ausland überweisen, sondern direkt auf ein deutsches Girokonto. Nur wir kümmern uns um die sichere Verwahrung für die Kunden, die keine eigene Wallet benötigen“, also eine Kryptogeldbörse. „Und bei uns bewegen sich die Kunden im regulatorischen und rechtlichen Rahmen Deutschlands.“

Vertrauen: Das ist im Jahr 2019 das größte Pfund, mit dem die Stuttgarter wuchern können – und ihre potenzielle Achillesferse. Der Kryptomarkt steckt in seiner größten Vertrauenskrise. Zahlreiche Skandale suchten ihn 2018 heim, darunter waren Hackerangriffe auf Marktplätze, Streit unter den Entwicklern und Anlegerbetrug bei neu ausgegebenen Münzen.

Viele Investoren haben aufgegeben, der Kurs der wichtigsten Währung Bitcoin dümpelt seit Monaten bei gut 3.000 Dollar. Ausgerechnet jetzt ein neues Business zu starten halten Beobachter für mutig.

„Mit der Börse Stuttgart nimmt sich ein regulierter Akteur des Markts an“, sagt Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Center der Frankfurt School of Finance and Management. „Die Börse verfügt über die nötigen Lizenzen. Und mit ihrem Apparat kann sie zum Beispiel Geldwäsche-Verdachtsfällen frühzeitig nachgehen.“ Das Ziel einer sechsstelligen Nutzerzahl binnen Jahresfrist sei jedoch ambitioniert, schließlich gebe es geschätzt nur rund 800.000 Kryptoinvestoren in Deutschland. „Die Bison-App dürfte vor allem Einsteiger ansprechen.“

Sandner sieht zahlreiche Risiken beim Plan der Stuttgarter. „Der Kryptomarkt ist hochspekulativ, ein Totalverlust ist möglich. Die Bison-App müsste deutliche Warnhinweise enthalten, um Einsteiger nicht zum Zocken zu verleiten.“ Das größte Risiko gehe jedoch von der Verwahrung der Coins aus. „Aktien, die an der Börse gehandelt werden, liegen beim Verwahrer Clearstream im Tresor. Bei virtuellen Anlagen ist das nicht der Fall. Die Börse Stuttgart muss eine eigene Verwahrstelle einbinden. Sollte es dort zu einem großen Diebstahl kommen, hätte das gravierende Auswirkungen für die Reputation des Börsenbetreibers und der ganzen Branche“, warnt Sandner.

Keine Einlagensicherungen oder Garantien für Kryptoeinlagen

Die Börse teilt mit: „Für die Kryptoeinlagen bei Bison gibt es keine Einlagensicherungen oder Garantien. Im Falle eines Hacks wäre die Frage nach einer Entschädigung im Einzelfall zu prüfen.“ Lediglich für die Euro-Guthaben der Kunden gelte die gesetzliche Einlagensicherung, sie werden vom Partner Solarisbank verwaltet.

Die Konkurrenz blickt aufmerksam auf die Schritte ins Krypto-Neuland. Der große Mitbewerber, die Deutsche Börse, ist zurückhaltend. „Wir haben bislang bewusst die Finger vom Handel mit Kryptowährungen gelassen, weil ein Großteil dieser Geschäfte komplett im unregulierten Bereich stattfindet“, sagte Vorstandschef Theodor Weimer Ende 2018 im Handelsblatt-Interview.

Deutschlands größter Börsenbetreiber prüft zwar seit Längerem, ob er Futures etwa auf den Bitcoin auflegen soll, mit denen Anleger auf steigende oder fallende Kurse wetten könnten. Mit einer zeitnahen Einführung in Frankfurt ist jedoch nicht zu rechnen.

Der Krypto-Handelsplatz soll einfach funktionieren und arbeitet mit ausländischen Plattformen zusammen. Quelle: Sowa Labs GmbH
Bison-App

Der Krypto-Handelsplatz soll einfach funktionieren und arbeitet mit ausländischen Plattformen zusammen.

(Foto: Sowa Labs GmbH)

In Herford führt Oliver Flaskämper die Bitcoin Group, den ersten und bisher einzigen deutschen Kryptomarktplatz. Auf Bitcoin.de handeln Käufer und Verkäufer nach dem Ebay-Prinzip direkt miteinander. Bisher treten die Herforder nur als Vermittler auf, 2019 soll der Eigenhandel starten. Flaskämper mahnt: „Das Wichtigste ist das Thema Sicherheit. Darauf wird die Börse Stuttgart sicherlich ein großes Augenmerk gelegt haben, da sich niemand Skandale leisten kann.“

Dennoch wirke die Konkurrenz belebend. „Der Einstieg eines Spielers wie der Stuttgarter Börse erhöht die Bereitschaft von Banken und Versicherern, mit der Kryptobranche zusammenzuarbeiten.“ Angst, dass Bison Kunden wegnimmt, habe er nicht, sagt Flaskämper. „Kryptotrader sind sehr preissensitiv. Wenn neben der Börse Stuttgart auch die US-Plattformen mitverdienen, werden sie sich einen Einstieg gut überlegen.“ Allerdings ist Bison nicht das einzige Projekt, das die Stuttgarter in der Pipeline haben.

Im Sommer 2019 soll ein eigener Marktplatz starten, auf dem Krypto-Assets unabhängig von den ausländischen Partnern gehandelt werden sollen. Er soll sich an professionelle Trader richten. In einem dritten Schritt sollen dort auch noch Tokens gehandelt werden, die bei virtuellen Börsengängen (ICOs) ausgegeben werden. Hierfür müsse aber auch die Politik aktiv werden. „Bisher ist der Handel von Wertpapieren in Deutschland immer noch daran geknüpft, dass irgendwo eine Papierurkunde liegt. Das sollte sich im Hinblick auf digitale Assets ändern“, fordert Höptner.

Übernehmen sich die Stuttgarter mit ihren ganzen Projekten? Erst 2014 hatte die Börse das gescheiterte Mittelstandsanleihesegment Bond M eingestellt. Börsenchef Höptner beruhigt: „Wir haben Lehren aus der Vergangenheit gezogen.“ Dennoch sei der Einstieg in die Kryptowelt „ein Spagat zwischen unserem Qualitätsanspruch und den vorhandenen Marktmechanismen. Ich kann nicht ‚first mover‘ sein, ohne ein Risiko einzugehen“, so sein Fazit. Die Bison-Kunden sehen das hoffentlich ähnlich.

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