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Kryptowährung Bitcoin-Neustart: Was bleibt von der einstigen Protestwährung?

Der Bitcoin steigt über 6000 Dollar. Das liegt auch an der Regulierung. Sie hat die Kryptowährung zur (fast) normalen Finanzanlage gemacht.
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Bitcoin – erfolgreicher Kryptowährung-Neustart weckt Interessen Quelle: Bloomberg/Getty Images
Bitcoin

Auf dem Höhepunkt seines Hypes kostete ein Bitcoin 20.000 Dollar – etwa ein Jahr später war der Preis auf 3200 Dollar gefallen.

(Foto: Bloomberg/Getty Images)

Frankfurt Es war eine denkwürdige Runde, die sich am Mittwochabend in der Frankfurter Goethe-Universität versammelt hatte. „Kryptowährungen auf den Punkt – Einsatz, Chancen und Risiken“ lautete das Motto. Mit dabei: Professoren, Kryptounternehmer, Blockchain-Enthusiasten und, natürlich, die Bundesbank. Teilnehmer hatten einen nüchternen Fachaustausch erwartet, doch dann wurde es ungewohnt hitzig.

Finanzprofessor Volker Brühl kritisierte den Mangel an Selbstkritik in der Kryptowelt: „Die Branche stellt Bitcoin und Co als normales Finanzprodukt da, dabei handelt es um eine höchst spekulative Anlage, die für Privatanleger nicht geeignet ist.“

Die Antwort eines Krypto-Unternehmers kam prompt: „Kryptoanlagen können über 1000 Prozent Rendite bringen. Und die Chancen der Technik sind fast grenzenlos.“

Die Episode zeigt: Beim Thema Bitcoin liegen die Meinungen auch zehn Jahre nach dem Start der ersten Kryptowährung weit auseinander. Unglaubliche 20.000 Dollar kostete ein Bitcoin auf dem Höhepunkt des Hypes Ende 2017, viele Investoren der ersten Stunde wurden sagenhaft reich. Dann ging es fast nur noch abwärts bis auf 3200 Dollar Ende 2018.

Viele Kritiker sagten dem Bitcoin den Tod voraus, tatsächlich folgte eine lange Schwächephase, der „Kryptowinter“. Doch nun stehen die Zeichen auf Frühling: Der Bitcoin notierte am Donnerstag laut Daten von Coinmarketcap erstmals wieder über 6000 Dollar. Tendenz steigend.

Wie kam es zu diesem Comeback: Akzeptiert Amazon plötzlich Bitcoin, wie zuletzt immer wieder gemunkelt? Nein – Experten sehen drei Faktoren am Werk: Die Regulierung hat die Ex-Hackerwährung gezähmt. Die Hardcore-Fans halten ihr trotzdem die Treue. Und die Wall Street hat den Bitcoin als lukrative Anlage entdeckt. Aus der anarchischen Protestwährung könnte ein normales Asset des globalen Finanzsystems werden.

Faktor 1 – Erfolgreiche Regulierung

Klar ist: Von der virtuellen Anarchie der Bitcoin-Anfangszeit ist nicht mehr viel übrig. In praktisch allen Staaten haben Kryptobörsen und Anbieter virtueller Portemonnaies harte Auflagen zu erfüllen. Eine anonyme Nutzung von Bitcoin und Co. ist mit diesen Dienstleistern nicht mehr möglich.

Zugleich steigt das Vertrauen in die einst als Hackerwährung geschmähte Münze. Erst diese Woche hat einer der weltgrößten Vermögensverwalter, Fidelity, angekündigt, für seine Kunden Bitcoins zu handeln.

Noch ist die globale Regulierung nicht am Ende. Das mächtige internationale Finanzgremium, die „Financial Action Task Force“ (FATF), will ab Juni einheitliche Lizensierungs- und Registrierungsverfahren für Kryptodienstleister. Der FATF gehören die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer an, ihre Regeln werden mithilfe des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der US-Regierung durchgesetzt.

Ab Kryptobeträgen von 1000 Dollar müssen Firmen künftig die Kundenidentität prüfen und Transaktionen nachverfolgen. Dienstleister müssen auf Verlangen Guthaben einfrieren und Transaktionen stoppen.

Die kalifornische Börse Coinbase hat das Whistleblower-Portal Wikileaks bereits auf eine Sperrliste gesetzt, nachdem dieses Bitcoin-Spenden eingeworben hatte, was der US-Regierung gegen den Strich ging. Die Utopie einer Finanzwelt ohne Einfluss von Banken und Bonzen, Regierungen und Regulierern, sie wird ad acta gelegt. Dennoch halten die Hardcore-Fans dem Bitcoin die Treue. Warum?

Faktor 2 – Glühende Anhänger

Die Kryptowelt ist als eingeschworene Gemeinschaft gestartet. Im Kern ist sie das bis heute geblieben. Fans vernetzen sich auf Diskussionsboards und Chatgruppen, zu ihren Erkennungszeichen gehört „My Key, my Bitcoin“. Heißt: Den Zugangsschlüssel zum eigenen Konto geben Enthusiasten keinem Dienstleister, sondern verwahren ihn ausgedruckt im Tresor oder verschlüsselt auf der Festplatte.

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Die Gefahr, bei Verlust das Coin-Vermögen zu verlieren, wird hingenommen. Egal, wie stark die Regulierung zuschlägt: Verschwinden wird der Bitcoin nicht. Er ist und bleibt die Lieblingswährung all derer, die Staaten und Banken nicht trauen. Vor gut zehn Jahren, nach der Finanzkrise, hatte der unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto bekannte Bitcoin-Pionier die Idee eines unabhängigen Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittels.

Jede Münze besteht aus einem computergenerierten Code, der Algorithmus entscheidet über die Ausgabe neuer Münzen. Zwar gab es schnell Nachahmer, aber der Bitcoin blieb die Nummer eins. Seine Schwächen nehmen die Fans in Kauf, solange der heilige Gral gewahrt bleibt: die Abwesenheit einer zentralen Instanz.

Raphael Auer von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) forscht seit Jahren zum Bitcoin. Er glaubt, dass diese Dezentralität auch eine der wichtigsten Gründe ist, warum sich die Cyberwährung nie zu einer Alternative zu Dollar und Euro entwickelt hat. Die klassische Bankenwelt ist hierarchisch: Eine zentrale Kontoführung stellt sicher, dass ein Geldguthaben nur einmal ausgegeben wird.

Beim Bitcoin hingegen werden die Konten dezentral geführt – und das macht das System angreifbar. Hacker können sich per sogenannter Mehrheitsattacke das System Untertan machen. Auer argumentiert nun: Wenn es eine Instanz gäbe, die die Autorität hätte, bei einer Hackerattacke ordnend einzuschreiten, dann würde der Anreiz zu solchen Attacken verschwinden.

In der Vergangenheit hat das bereits funktioniert, obwohl es gegen die Regeln der Kryptowährung war. Mehrfach haben große Mining-Betreiber gehackte Blockchain-Ketten fallen gelassen und mit einer früheren Version weitergearbeitet.

Bei der Kryptowährung Ethereum wurde so ein Millionendiebstahl ungeschehen gemacht. Würde man das von der Ausnahme zur Regel werden lassen, hätte das schwerwiegende Folgen: Das System würde zentraler, nicht dezentraler.

Die Bitcoin-Community begegnet dem Zentralisierungsvorschlag aus dem Lager der BIZ mit Misstrauen. Christoph Bergmann, einer der führenden deutschen Kryptoexperten, verweist auf die Interessenlage der BIZ als Spitzeninstitut des etablierten Finanzsystems, mit dem die Kryptowährungen in Konkurrenz treten. Er kritisiert unter anderem, dass Auer Möglichkeiten außer Acht lässt, wie Miner bei Bedarf die Zahlungsbereitschaft der Bitcoin-Nutzer für die Verifizierung erhöhen und so das bestehende dezentrale System stärken könnten.

Außerdem übertreibe er die Gefahr von Mehrheitsattacken, denn: „An große Börsen trauen sich die Hacker schon jetzt nicht heran, aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung“, sagt der Betreiber des „Bitcoin-Blog“. Klar ist damit: Ohne den Einfluss des Staates, ohne die Regulierung ist das Bitcoin-System heute nicht mehr denkbar.

Faktor 3 – Umarmung der Wall Street

Die klassischen Banken und Zahlungsdienstleister sind nicht besonders unglücklich über die Probleme von Bitcoin und Co. Für sie war der Hype 2017/18 ein Weckruf, der zeigte, dass auch ihre Branche von der Digitalisierung nicht verschont bleibt.

Waren die etablierten Spieler zunächst wie paralysiert von der Gefahr, eines Tages durch Blockchain-Lösungen ersetzt zu werden, haben sie den Bitcoin und andere Blockchain-Anwendungen inzwischen als Werkzeug begriffen, das das etablierte Finanzsystem gewinnbringend ergänzen könnte.

So hat der Wall-Street-Riese JP Morgan vor Kurzem einen eigenen „JPM-Coin“ angekündigt. Und die Liste der Spieler, die in junge Kryptofirmen investieren, liest sich wie das Who’s who der Wall Street. Darunter ist der vom ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney gegründete Finanz‧investor Bain Capital sowie Andreessen Horowitz, eine Wagniskapitalfirma, die viel Geld mit Investments in Skype, Facebook und Twitter verdiente.

Auch mit dabei: die Digital Currency Group (CDG), an der etablierte Finanzgrößen wie Western Union, Prudential und Mastercard beteiligt sind. Im Hintergrund wirkt der Harvard-Ökonom und ehemalige US-Finanzminister Larry Summers als Berater mit. Mehr Establishment geht kaum.

Sind Bitcoin und Co. als libertäre Idee, als Weltgeld von unten, also schon gescheitert? Nicht ganz. Auch die Community geht heute stärker als früher die Probleme der Kryprowährungen an. Beispielsweise wird erwogen, das Verifizierungssystem zu wechseln, um den horrenden Stromverbrauch in den Griff zu bekommen.

Schon heute verbraucht das dezentrale Bitcoin-System so viel Strom wie ein mittelgroßes Industrieland – in Zeiten von „Fridays for Future“ ein unhaltbarer Zustand. Geht es nach dem Reformflügel des Netzwerks, würden sich nicht mehr diejenigen verifizieren dürfen, die Rechenarbeit verrichtet haben (Proof-of-Work), sondern die, die viele Krypto-Währungseinheiten halten und als Sicherheit zur Verfügung stellen (Proof-of-Stake).

Eine weitere Technik, die das System beschleunigen soll, heißt Lightning. Dabei werden Kleinzahlungen zwischen Netzwerkteilnehmern abseits der Blockchain abgewickelt, in größeren Abständen miteinander verrechnet und schließlich als Saldo in die Datenbank geschrieben.

Klar ist: Das verstärkt die Zentralisierungstendenzen innerhalb der Kryptowelt. In der Proof-of-Stake-Zukunft wird die Macht von Kryptomilliardären gegenüber Kleinanlegern zunehmen. Und im Lightning-Netzwerk kontrolliert bereits heute ein einziger Knoten ganze 362 von 544 eingesetzten Bitcoins. Damit wird die Struktur der des traditionellen Finanzsystems immer ähnlicher.

„Auch im digitalen Zeitalter dürfte Geld ein soziales Konstrukt bleiben und nicht ein rein technologisches“, resümiert Raphael Auer von der BIZ. Die Chancen der Technik mögen auf den ersten Blick grenzenlos erscheinen. Aber die grenzenlose Anarchie war wohl auf Dauer dann doch nur schwer zu ertragen.

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