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MS Deutschland Traumnoten bis zum Untergang – Ratingagentur Scope entschädigt Kleinanleger für zu gute Bewertung

Die Ratingagentur hatte Anleihen der „MS Deutschland“ zu gut bewertet. Nun zahlt sie eine Entschädigung und verhindert so eine Gerichtsentscheidung.
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Die Anleihen bargen laut Scope nur „geringes Risiko“. Quelle: © Sandbergh /Picsreport / ROBA
MS Deutschland als ZDF-„Traumschiff“ (2012 mit Sascha Hehn)

Die Anleihen bargen laut Scope nur „geringes Risiko“.

(Foto: © Sandbergh /Picsreport / ROBA )

Düsseldorf/Frankfurt/BerlinDie Entscheidung fiel schon, bevor die Verhandlung überhaupt begonnen hatte. Auf einem Gang des Berliner Landgerichts umringten am Dienstagmorgen Anwälte und Vertreter der Ratingagentur Scope eine zierliche Frau im braunen Cordjackett. Die Kleinanlegerin Kerstin K. und ihr Ehemann haben Scope auf Schadensersatz verklagt, weil sie sich durch ein Rating getäuscht fühlen.

Kurz vor Beginn des dritten Verhandlungstags machte Scope vor dem Saal 2705 der Klägerin ein verlockendes Angebot: Das Unternehmen wird die geforderte Summe, Anwalts- und Prozesskosten erstatten. „Dazu konnten wir nicht mehr Nein sagen“, erklärte der Vertreter von Kerstin K., der Anwalt Wolfgang Schirp, kurz darauf dem Richter.

Kerstin K. war am Dienstag eigentlich als Zeugin nach Berlin gekommen. Sie sollte schildern, welche Bedeutung das Scope-Rating für die Anlageentscheidung des Ehepaars hatte. Es war 2012 mit 20.000 Euro in die Anleihe des Kreuzfahrtschiffs „MS Deutschland“ eingestiegen, des „Traumschiffs“ aus der gleichnamigen ZDF-Fernsehserie. Die Ratingagentur hatte den Bond mit „A“ eingestuft – der sechstbesten von 20 möglichen Bewertungen.

„Die Emission weist somit unter Rating- und Risikogesichtspunkten eine gute Qualität aus mit geringem Risiko“, urteilte Scope damals. Zwei Jahre später sah die Sache anders aus: Das Unternehmen der MS Deutschland war insolvent, das Geld von Kerstin K. und ihrem Mann war mit dem „Traumschiff“ davongeschwommen.

Offenbar war es Scope wichtig, es nicht zu einem Urteil kommen zu lassen. „Wir haben genügend andere Themen, das kleine Verfahren würden wir gern beenden“, erklärte Anwältin Armineh Gharibian von der Kanzlei Mayer Brown. Sie vertritt die Interessen von Scope. So war schon nach 20 Minuten alles vorbei.

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Richter Kai-Uwe Höning nahm die Einigung zu Protokoll. „Auch ein überraschendes Ende ist ein Ende, dabei hätte ich einige unangenehme Fragen für beide Seiten gehabt“, sagte Höning. Scope wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Verfahren äußern.

Milliardengrab Mittelstandsanleihen

Was auf den ersten Blick nach dem glimpflichen Ende einer eher harmlosen Kleinanleger-Klage aussieht, hat für Scope und andere Ratingagenturen enorme Bedeutung. Im Kern geht es um die Frage, ob die Bonitätswächter im Nachhinein für ihre Urteile haftbar gemacht werden können.

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen und Wertpapieren und geben Investoren damit wichtige Hinweise für die Einschätzung von Risiken. Ihnen kommt damit eine wichtige Rolle bei Anlageentscheidungen zu – liegen sie daneben, wird es problematisch.

Auch die großen Ratinghäuser S&P, Moody’s und Fitch haben in der Finanzkrise viel Kritik einstecken müssen: Sie hatten komplexe, verbriefte Wertpapiere mit Topnoten bewertet, die später wertlos wurden. Investorenklagen legten sie ebenfalls durch Vergleiche bei.

Mittelstandsanleihen, zu denen auch der Bond der MS Deutschland gehört, haben sich für viele Anleger zu einem Milliardengrab entwickelt. Mit 178 Anleihen haben mittelständische Unternehmen seit 2010 mehr als 7,4 Milliarden Euro zu einem großen Teil bei Privatanlegern eingesammelt.

Ein Volumen von 2,7 Milliarden Euro ist inzwischen „leistungsgestört“, wie die Unternehmensberatung Capmarcon ermittel hat. Das heißt, Zinsen und Tilgung werden nicht mehr wie vereinbart bezahlt, oder die Emittenten sind – so wie MS Deutschland – in die Insolvenz gegangen.

Fast alle Minibonds beziehungsweise ihre Emittenten hatten zum Zeitpunkt der Emission weit bessere Noten, als die Anleihen es verdient gehabt hätten. Ausgestellt wurden diese neben Scope vor allem von Creditreform. Einzig Euler Hermes Rating beurteilte vorsichtiger. Nach Angaben des Unternehmens ist bisher keine einzige von ihm mit „Investmentgrade“, also kaum ausfallgefährdet, bewerteten Bonds ausgefallen. Vereinzelt wurden auch die großen US-Agenturen von den Mittelständlern beauftragt, die dann vernichtende Noten vergaben. Capmarcon zufolge hatte von den heute 61 leistungsgestörten Anleihen nur ein Viertel ein niedriges Rating, das vor entsprechenden Risiken warnte.

„So ein Schiff wie die MS Deutschland mit Investmentgrade zu bewerten, halte ich für völlig grotesk“, sagt Capmarcon-Geschäftsführer Hans-Werner Grunow. Firmen mit weniger als eine Milliarde Umsatz würde eine große Ratingagentur nie so gut bewerten. Sie seien zu anfällig für Markteinbrüche. Die MS Deutschland erzielte 2013 gerade mal 45 Millionen Euro Umsatz.

Grunow nennt die Notengeber bewusst nicht „Ratingagenturen“ sondern „Bewertungsdienstleister“. Zwischen 25.000 und 60.000 Euro verdienten sie mit den häufig viel zu positiven Ratingberichten, bestätigen Brancheninsider. Die US-Konkurrenz nimmt zwar für ein Rating das Doppelte oder Dreifache. Dennoch war es für die kleinen Agenturen ein einträgliches Geschäft und Geld, das sie womöglich dringend nötig hatten.

Die Scope-Group besteht in ihrer jetzigen Form seit 2006, erst 2016 kaufte sie der MLP-Tochter Feri deren defizitäres Analyse- und Ratinggeschäft ab. Größter Investor ist BMW-Miteigentümer Stefan Quandt über seine Beteiligungsholding Aqton. Unternehmenszahlen veröffentlicht die Gruppe nicht. Laut Bundesanzeiger war die Ratingeinheit Scope Rating GmbH im Geschäftsjahr 2016 bei einer Bilanzsumme von 17 Millionen Euro überschuldet und wies ein negatives Eigenkapital aus.

Scope hat den Ehrgeiz, in Europa zu einem führenden Ratingunternehmen zu werden, die europäische Antwort auf die großen US-Agenturen S&P und Moodys. Die Bonitätswächter haben mittlerweile einen Apparat mit 200 Mitarbeitern und neben den Büros in Berlin und Frankfurt auch Dependancen in London, Madrid, Mailand, Oslo und Paris aufgebaut. Eine Niederlage vor Gericht wäre auf dem Weg eine herbe Imagebremse.

Ex-Scope-Vorstand wollte aussagen

Doch der Fall ist offenbar noch nicht ausgestanden. Die Anwälte der Kanzlei Schirp & Partner haben bereits eine zweite Klage wegen der MS Deutschland für einen institutionellen Investor eingereicht, der drei bis vier Millionen Euro Schadensersatz fordert. Das Verfahren soll im April beginnen. Die Schirp-Anwälte dürften die jetzige Einigung mit gemischten Gefühlen aufnehmen.

Einerseits haben sie in diesem Fall für den Mandanten das Maximum herausgeholt. Andererseits hätte ein positives Urteil Rückenwind für das zweite Verfahren geben können. Nun muss dort von vorn begonnen werden. So kommentierte Wolfgang Schirp trocken im Gerichtsflur: „Sie ziehen jetzt die Notbremse, dabei haben wir so lange gekämpft und hätten gern ein Urteil gesehen.“

Einer kam am Dienstag vergeblich ins Gericht. Als zweiter Zeuge war Thomas Morgenstern geladen. Er arbeitete als Chief Operating Officer bei Scope in der Zeit, als die MS Deutschland bewertet wurde. 2014 verließ er die Firma. Die Fragen des Richters blieben ihm wegen der Einigung erspart.

Auch mit dem Handelsblatt wollte er nicht reden. Aber womöglich gibt es ein Wiedersehen vor Gericht im April.

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