Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Nachhaltiges Investment EU will Finanzbranche grüner machen – Kritiker fürchten Bevormundung

Die Europäische Union will die Finanzbranche in den Kampf für eine ökologischere Wirtschaft einspannen. Doch Kritiker warnen vor den Risiken – auch für Anleger.
Kommentieren
Ringen um Nachhaltigkeit. Quelle: AP
Blick auf die Frankfurter Skyline

Ringen um Nachhaltigkeit.

(Foto: AP)

Frankfurt Die Finanzwelt soll grüner werden. Dieses hehre Ziel hat sich die Europäische Kommission auf die Fahnen geschrieben, und damit das gelingt, müssen Banken, Vermögensverwalter, Pensionsfonds und Versicherer ihren Beitrag leisten. Im Zentrum des Projekts steht ein im vergangenen März vorgelegter Aktionsplan mit zehn Punkten, dessen Ziele teilweise bereits in Gesetzesvorschläge gegossen sind.

Konkret geht es dabei um vier der zehn Punkte: Wie soll man grüne Anlagen definieren? Wie können diese Produkte in die Anlageberatung eingebunden werden? Welche Pflichten sollen Investoren und Vermögensverwalter übernehmen, und wie sollen die Regeln für nachhaltige Börsenindizes aussehen?

Das gesamte Projekt ist Teil des komplexen Plans der Europäischen Kommission zur Einhaltung der Klimavorgaben von Paris und weiterer Ziele für eine umfassende nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaft. In der Finanzbranche sind diese Ziele unter dem englischen Kürzel ESG bekannt, das für ökologische und soziale Verantwortung so wie für gute Unternehmensführung steht. Bis Ende 2019 sollen die Punkte aus dem Aktionsplan umgesetzt sein.

Die EU-Kommission hat außerdem die Aufsichtsbehörden für Versicherungen und das Wertpapiergeschäft angeregt, entsprechende Änderungen ihrer Vorgaben für die beiden Branchen zu diskutieren. Schon ab diesem Jahr müssen beispielsweise Pensionsfonds über den Umgang mit Nachhaltigkeit bei ihren Anlagen berichten.

Die grundsätzliche Idee der EU findet breite Zustimmung in der Branche. „Der Vorstoß ist im Kern richtig“, sagt etwa Julia Backmann vom Fondsverband BVI. Kritik an dem Projekt gibt es allerdings trotzdem, denn der Teufel steckt im Detail. Banker und Vermögensverwalter fürchten, dass aus den neuen Regeln ein bürokratisches Monster entsteht, das am Ende den Anlegern Schaden zufügen könnte.

Magnus Billing, Chef des schwedischen Pensionsfonds Alecta, warnt etwa: „Wir müssen vorsichtig sein. Es gibt die Gefahr der Überregulierung.“ Der prominente Vermögensverwalter Bert Flossbach sieht bereits einen Nachhaltigkeitstsunami auf die Finanzbranche zurollen.

Wesselin Kruschev von der Bankenberatung Capco wird noch deutlicher: „Manche Banker sagen: Das ist Unsinn, und keiner braucht das. Aber das wagen die Kritiker nur hinter vorgehaltener Hand, denn öffentlich will natürlich keiner als Buhmann dastehen.“
Eine der zentralen Herausforderungen des Projekts ist die Frage, wie sich Unternehmen in nachhaltige und nicht nachhaltige sortieren lassen.

Im Juli 2018 setzte die EU-Kommission eine Expertengruppe ein, die dafür Ideen erarbeitete. Bis Sommer 2019 soll ein erster Zwischenbericht vorliegen. „Allerdings ist es oft schwer zu sagen, was ‚grün‘ wirklich bedeutet“, meint BVI-Expertin Backmann. Auch Angela McClellan, Geschäftsführerin des Forums Nachhaltige Geldanlagen, spricht von einem „extrem schwierigen, sehr komplexen Problem“.

Capco-Mann Kruschev nennt einige Beispiele. Auch einen Panzer könne man nachhaltig produzieren, dennoch komme am Ende eben ein Panzer heraus. Rüstungshersteller werden in nachhaltig strukturierten Depots meist von vornherein aussortiert.

Aber es geht nicht nur um Waffen und andere offensichtlich schädliche Produkte: „Kann ein Nahrungsmittelhersteller als nachhaltig eingestuft werden, wenn er gentechnisch veränderte Produkte einsetzt?“, fragt Kruschev. Auch den Herstellern von Elektroautos könne man den Nachhaltigkeitsstatus streitig machen, denn die beim Fahren vermiedenen Emissionen würden letztlich nur in andere Bereiche verlagert.

Für BVI-Fachfrau Backmann ist es sogar denkbar, dass einseitige Nachhaltigkeitsbewertungen mit den eigentlichen Anlagezielen kollidieren können. „Nur weil eine Aktivität auf den ersten Blick 'grün' ist, ist das Unternehmen deswegen nicht automatisch risikofrei“, sagt sie.

Fondsmanager Flossbach nennt die deutsche Solarbranche als warnendes Beispiel. Solaraktien seien vor zehn Jahren für viele Anleger eine große Hoffnung gewesen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wären jedoch die meisten Firmen pleitegegangen.

Angst vor Bevormundung

Vermögensverwalter haben unterschiedliche Lösungsansätze für das Problem entwickelt, wie sich nachhaltige von nicht nachhaltigen Investments unterscheiden lassen. Manche sortieren als kritisch betrachtete Branchen einfach aus, etwa Glücksspiel, Tabak, Waffen, fossile Energie.

Andere lassen nur einen bestimmten Prozentsatz der jeweils schlechtesten Unternehmen aus jeder Branche außen vor. Häufig werden beide Ansätze kombiniert. Laut EU-Aktionsplan soll Nachhaltigkeit auch in die Finanzberatung eingebunden werden. „Natürlich müssen dann alle Produkte entsprechend gekennzeichnet sein“, meint Capco-Mann Kruschev. Der EU-Aktionsplan sieht zunächst vor, Standards für sogenannte „Green Bonds“, nachhaltige Anleihen also, zu etablieren.

Längerfristig sollen dann auch Ökolabels für andere Finanzprodukte geschaffen werden. Fondsmanager Flossbach sieht hier Gefahren, weil „gute Nachhaltigkeitsratings eine schlechte Bonität kaschieren“ könnten. Schon die bisher existierenden Bewertungen seien intransparent und von niemandem nachvollziehbar.

Flossbach warnt: „Wenn wirtschaftlich nicht nachhaltige, aber ESG-konforme Anlagen in Bonds oder Ökozertifikate verpackt und in großem Stil unters Volk gebracht werden, könnte es zu einer ESG-Krise kommen; politisch gewollt, von Ratingagenturen abgesegnet, geschickt verpackt und clever verkauft.“

Auch den Fondsverband BVI beschleicht ein ungutes Gefühl. „Es gibt die Sorge, dass am Ende Anlegern und Vermögensverwaltern vorgeschrieben wird, in was sie investieren dürfen und in was nicht“, warnt Expertin Backmann und fordert: „Jeder Anleger muss letztlich frei entscheiden können, was er mit seinem Geld macht.“

Finance Briefing
Startseite

Mehr zu: Nachhaltiges Investment - EU will Finanzbranche grüner machen – Kritiker fürchten Bevormundung

0 Kommentare zu "Nachhaltiges Investment: EU will Finanzbranche grüner machen – Kritiker fürchten Bevormundung"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote