Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Nifty-Fifty-Papiere Warum vermeintlich sichere Aktien riskant sein können

Unternehmen bekannter Markennamen gelingt es oftmals, stabile Erträge und verlässliche Dividenden zu liefern. Warum Anleger trotzdem vorsichtig sein sollten.
Kommentieren
Aktienunternehmen bekannter Markennamen sind oftmals stattlich bewertet. Quelle: dpa
Logo des Sportartikelherstellers Puma

Aktienunternehmen bekannter Markennamen sind oftmals stattlich bewertet.

(Foto: dpa)

DüsseldorfAdidas, Beiersdorf, Linde und Puma haben etwas gemeinsam. Genauso wie McDonald’s, Nike, Colgate Palmolive oder Starbucks. Die Namen sind aufgrund ihrer Marken bekannt. Den Unternehmen gelingt es, Umsätze, Gewinne und Dividenden zu halten und zu steigern. Davon profitieren die Aktienkurse.

Anleger können zufrieden sein – doch sorglos sollten sie bei diesen vermeintlichen „Marathonläufern“ nicht sein. Denn auffällig ist, dass diese Aktien und noch etliche mehr überaus stattlich bewertet und damit teuer sind. Konkret: Wer diese Aktien heute kauft, bewertet die Unternehmen – heruntergerechnet auf jeden Anteilschein – mit mehr als dem 25-fachen Jahresnettogewinn.

So kostet die Aktie des Sportartikelherstellers Adidas den 26-fachen Gewinn: bezogen auf die Erwartungen der internationalen Analysten, die zu einer Gesamt-Durchschnittsprognose zusammenlaufen. Bei Linde liegt der Faktor beim 29-fachen, bei Nike sogar beim 32-fachen Gewinn.

Solche hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) von mehr als 25 sind eigentlich am ehesten in der Hightech-Branche anzutreffen. Hier schaffen es die Unternehmen oftmals, mit ihrem rasanten Gewinnwachstum die hohen Bewertungen rasch wieder abzubauen – und damit zu rechtfertigen.

So wie Amazon: Lange Zeit notierte die Aktie des Online-Handelsriesen mit einem KGV von weit über 100 an der Börse. Die Aktie galt als teuer. Trotzdem stieg und stieg der Kurs weiter. Weil Amazon es gelang, die Gewinne noch sehr viel stärker als den Kurs zu steigern, baute sich die hohe Bewertung sukzessive ab – trotz steigender Kurse.

Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich der Wert versiebenfacht. Trotzdem kostet Amazon aktuell „nur“ den 75-fachen Jahresnettogewinn; vor vier Jahren lag das KGV bei über 500. Anleger haben zumindest bislang nichts falsch gemacht, wenn sie die Amazon-Aktie hielten.

Doch von solchen rasanten Gewinnsprüngen sind andere weit entfernt. So wie Beiersdorf mit seinen Markenprodukten Eucerin, Hansaplast und Labello. Das Nachsteuerergebnis, an dem sich die Bewertung orientiert, legte 2018 um acht Prozent zu, im Jahr davor sank es um fünf Prozent, das Jahr davor stieg es um sieben Prozent.

Grafik

Ein KGV von 32 erscheint auch aus Sicht vieler Analysten nicht gerechtfertigt, solange der Gewinn nicht deutlich stärker steigt. Das amerikanische Wertpapierhaus Bernstein erwartet, dass sich die Aktie künftig nur unterdurchschnittlich entwickeln wird. Zwar seien die Ertragsaussichten durchaus in Ordnung, meint Andrew Wood in seiner gerade veröffentlichten Studie. Doch er warnt Anleger vor der hohen Bewertung der Aktie.

Anleger kaufen Aktien wie Beiersdorf dennoch, weil sie sich etwas anderes erhoffen: Standfestigkeit in künftigen Krisen und verlässliche Dividenden. Der Kapitalerhalt geht über alles. Da reicht es schon, dass Beiersdorf seine Ausschüttung seit gut einem Jahrzehnt stabil bei 70 Cent je Aktie hält. Eine geringe Ausschüttungsquote, gemessen am Gewinn, lässt viel Spielraum, die Dividende selbst in schwierigen Zeiten stabil zu halten.

Weil sich das hohe Sicherheitsbedürfnis mit den spekulativen Aktienmärkten nur schwer vereinbaren lässt, suchen vorsichtige Aktionäre in erster Linie große, etablierte und bereits fest im Markt verankerte Unternehmen mit berechenbaren und stetig steigenden Cashflows.

Wenig Schulden, stabile Ausschüttungen

Gefragt sind gute Firmenbilanzen und wenig Schulden – Beiersdorf zählt traditionell zu den sehr gering verschuldeten Konzernen. Die stabile Ausschüttung gilt vielen Anlegern als der neue Zins, seitdem es für Anlagen auf dem Sparbuch keine und für solide Staatsanleihen so gut wie keine Zinsen mehr gibt.

Doch der Run auf solche vermeintlich sicheren Aktien birgt Risiken. „Die Börsen insgesamt und der deutsche Aktienmarkt spiegeln schon jetzt sehr viele positive Erwartungen wider“, warnt Deutsche-Bank-Chefanlagestratege Ulrich Stephan.

Das gilt nicht nur für den deutschen Markt, sondern praktisch für alle Börsenplätze. Prägnantes Beispiel sind europäische Lebensmittel- und Getränkehersteller, wozu etwa die hoch bewerteten Aktien von Nestlé, Unilever, Anheuser-Busch, Danone und Heineken zählen.

Gemeinsam ist der Branche ein stetiges, aber eher langsames Ertragswachstum von wenigen Prozent pro Jahr. Allein in den ersten fünfeinhalb Monaten dieses Jahres fuhren die Aktien dieser Branche ein durchschnittliches Kursplus von knapp 20 Prozent ein.

„In Erwartung eines anhaltend niedrigen Wachstums des Bruttoinlandsprodukts in Europa flüchten sich Investoren offenbar bereits in Aktien von Unternehmen mit konjunkturunabhängigen Geschäftsmodellen“, glaubt Chefanlagestratege Stephan.

Dass die Kurse sehr viel schneller als die Firmengewinne steigen, bleibt nicht ohne Folgen. Die Aktien in der Branche werden inzwischen mit einem KGV von gut 20 bewertet. So teuer ist keine andere Branche im europäischen Stoxx 600 bewertet.

Nicht nur Nahrungsmittel- und Genussaktien erfreuen sich eines ungeahnten Zuspruchs der Anleger. Betroffen sind auch eher weniger bekannte Aktien wie Givaudan – der weltgrößte Aromahersteller aus der Schweiz – oder SGS: Noch kurz vor dem Jahreswechsel gab es einen SGS-Anteilschein für gut 1 900 Euro, inzwischen sind es mehr als 2 300 Euro – ein rascher Anstieg von 20 Prozent.

SGS prüft, verifiziert, testet und zertifiziert und ist mit seinen 96.000 Mitarbeitern in über 100 Ländern und 2 000 Niederlassungen ein klassischer Dienstleister. Dabei geht es um den Nachweis von Mengen, Gewicht und vor allem der Qualität vieler gehandelter Waren, etwa in der Automobilbranche, Logistik, Kosmetik oder im Haushalt.

Das Schweizer Unternehmen profitiert von immer neuen Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen, die aufwendigere Qualitätskontrollen nach sich ziehen. Ein verlässliches Geschäft. Doch rechtfertigt das solche Kurssprünge? Im abgelaufenen Geschäftsjahr steigerte SGS seinen Gewinn um 3,5 Prozent auf umgerechnet 567 Millionen Euro.

Tatsache ist: Die Aktie ist nicht nur optisch teuer. Anleger bezahlen das Unternehmen mit dem 26-fachen Jahresnettogewinn. Zum Vergleich: Im Dax kostet eine Aktie im Schnitt den 13-fachen Gewinn – also nur rund die Hälfte.

Solange Anleger an ihren hoch bewerteten Aktien wie SGS festhalten und sich womöglich sogar neue Käufer finden, die ebenfalls auf Defensive und verlässliches Wachstum setzen, erscheint die Absturzgefahr gebannt. Doch sicher ist: Je weiter die Kurse und damit die Bewertungen weiter steigen, weil die Gewinne der Unternehmen mit den Kursen nicht Schritt halten, desto anfälliger werden diese vermeintlich defensiven Aktien für Rückschläge.

Denn langfristig sind Unternehmensgewinne und deren Steigerungsraten die wichtigste Triebfeder für das Auf und Ab der Börse. Getreu der Erkenntnis des amerikanischen Dichters Mark Twain, wonach sich Geschichte nicht wiederholt, aber reimt, liefert die Börsenhistorie ein erkenntnisreiches Beispiel.

Hohes Sicherheitsbedürfnis

In den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts überwog schon einmal das Sicherheitsbedürfnis und die Suche nach dividendenstarken Aktien. Anders als heute waren die Ursache nicht extrem niedrige Zinsen und damit mangelnde Anlagealternativen, sondern ein schwaches Weltwirtschaftswachstum und galoppierende Inflationsraten von mehr als fünf Prozent.

Anleger fürchteten, genauso wie heute, um ihren Kapitalerhalt. Als vermeintlich sichere Alternative gerieten rund 50 konstant wachsende Unternehmen in den Fokus. Konzerne wie Coca-Cola, Eastman Kodak, General Electric und 3M schienen alle positiven Eigenschaften eines stetigen Ertrags- und Dividendenwachstums zu vereinen. Die Finanzmärkte nannten sie die Nifty Fifty – die schicken Fünfzig

Das Problem: Sehr viele Anleger setzten auf diese vermeintlich perfekten Aktien – und trieben die Kurse in die Höhe. Unternehmen wie Johnson & Johnson, McDonald’s und Walt Disney kosteten 1972 mehr als das 50-Fache ihres Jahresnettogewinns. Sie waren damit ähnlich hoch bewertet wie viele Technologiekonzerne auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende.

Die Blase der „schicken 50“ platzte, und die vermeintlich sicheren Aktien verloren mehr als die Hälfte an Wert, Coca-Cola brach bis Ende 1974 um 70 Prozent, IBM um 60 Prozent ein. Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis die Nifty Fifty ihren alten Wert wieder erreicht hatten.

Von derartigen Übertreibungen sind Beiersdorf, Nike und Co. noch entfernt. Doch damals wie heute gilt: Wer mit vermeintlich sicheren Aktien einen Kollaps wie in den 70ern vermeiden möchte, sollte neben den steigenden Gewinnen und Dividenden das Kaufinteresse der anderen Anleger im Auge behalten. Denn je teurer eine Aktie wird, weil die Kurse schneller als die Firmengewinne steigen, desto größer ist die Absturzgefahr. Das gilt auch, wenn die Unternehmenserträge gut kalkulierbar sind und das Investment deshalb als sicher erscheint. Absolut sicher ist an der Börse leider keine Aktie.

Mehr: Amazon ist derzeit das wertvollste Börsenunternehmen. Wird der Konzern das hohe Potenzial halten können?

Startseite

Mehr zu: Nifty-Fifty-Papiere - Warum vermeintlich sichere Aktien riskant sein können

0 Kommentare zu "Nifty-Fifty-Papiere : Warum vermeintlich sichere Aktien riskant sein können"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote