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Online-Kredite So will China die private Verschuldung seiner Bürger in den Griff kriegen

In der Volksrepublik steigt die Zahl der Bürger, die auf privaten Kreditplattformen hohe Schulden angehäuft haben. Die Regierung will nun dagegen vorgehen.
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China will den unregulierten Markt für Onlinekredite bändigen Quelle: AP
Chinesinnen vor einer Shopping Mall in Peking

Immer mehr Chinesen sind überschuldet.

(Foto: AP)

Peking Im Spätherbst 2018 erregte der Selbstmord einer jungen Familie in der südchinesischen Provinz Hunan die Aufmerksamkeit der Medien in der Volksrepublik. Die 31-jährige Dai Guihua hatte ihre zwei kleinen Kinder mit einem Kabel an sich gebunden und sich dann mit ihnen in einem 1,50 Meter tiefen Weiher ertränkt. Ein Monat zuvor war ihr Ehemann He Zhi bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Auf der Suche nach den Beweggründen kam eine traurige Geschichte ans Licht: Dai und He steckten bis über beide Ohren in Schulden. Der Ehemann hatte innerhalb von zwei Jahren auf 58 verschiedenen Kreditplattformen insgesamt 132 Kredite aufgenommen. Sie, die seit der Geburt der Kinder als Hausfrau daheimblieb, kam auf 25 Darlehen von 14 Apps.

Der Fall ist ein Beispiel für die Exzesse am chinesischen Markt für Onlinekredite. Bei sogenannten Peer-to-Peer-Geschäften (P2P) bringen Internetplattformen Kreditgeber und Kreditnehmer zusammen, ohne dass eine Bank dazwischengeschaltet werden muss. Lange Zeit boomten solche Firmen in China und galten gleichzeitig als der riskanteste und am wenigsten regulierte Teil des chinesischen Schattenbankensystems.

130 Milliarden Dollar in einem Monat

Auf über 170 Milliarden Dollar ist die Branche gewachsen. Dennoch gelten P2P-Plattformen nicht als Risiko für die Stabilität des Finanzsystems, schließlich ist der Sektor klein im Vergleich zum offiziellen Bankensystem. Im Februar 2019 haben chinesische Banken in einem einzigen Monat 130 Milliarden Dollar an Krediten vergeben. Dennoch ist die Zentralregierung in Peking fest entschlossen, den Wildwuchs im P2P-Sektor zu beschneiden.

Hintergrund für die groß angelegte Aufräumaktion ist vor allem die Angst vor sozialer Instabilität. Denn bislang sind rund 50 Millionen Nutzer auf den diversen Plattformen registriert, und hinter vielen Fällen verbergen sich tragische Einzelschicksale wie die von Dai und He. Für die Kleininvestoren der Plattformen, die das Kapital für die Kreditvergabe bereitstellen, bedeutet das Durchgreifen der Regierung allerdings, dass ihre Ersparnisse in Gefahr geraten. Auf dem Spiel stehen Milliarden von Dollar.

Als P2P-Plattformen vor fast zehn Jahren aufkamen, galten sie der chinesischen Regierung als ein innovativer Ansatz, um die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten zu verbessern. Vor allem Kleinunternehmen sind oft auf alternative Finanzierungsquellen angewiesen, weil Chinas Geschäftsbanken hauptsächlich Darlehen für Staats- und Großunternehmen vergeben.

Deshalb ließ die Regierung in Peking den Marktkräften erst einmal freien Lauf. Gab es 2010 erst zehn P2P-Plattformen, waren es vor drei Jahren bereits rund 3500. Ihre Werbung ist überall zu sehen: im Fernsehen, auf Postern, online, per SMS. Das erste Warnsignal, dass der Boom mit einem lauten Knall zu Ende gehen würde, war die Pleite der Plattform Ezubao.

Fast eine Million Kunden verloren umgerechnet 7,7 Milliarden Dollar. Kurz darauf leitete Peking die ersten Maßnahmen ein, um den gesamten P2P-Markt zu bändigen. Doch erst 2018 griffen die Behörden wirklich durch. Zwar mussten die Anbieter schon seit 2016 einen langwierigen Genehmigungsprozess durchlaufen, aber lokale Regierungen zeigten sich oft nachsichtig – auch weil sie sich damit brüsten wollten, dass sich in ihrem Herrschaftsbereich innovative Fintech-Firmen ansiedeln.

Mit dieser Nachsicht ist es nun endgültig vorbei. Inzwischen zieht die Zentralregierung auch auf lokaler Ebene die Zügel an. Anfang Januar ließ die P2P-Plattform Xinhehui aus der Technologiemetropole Hongzhou ihre Investoren wissen, dass sie 126 Millionen Dollar an Außenständen vorerst nicht zurückzahlen kann. Kurz zuvor hatte bereits der Konkurrent Yidai eingeräumt, dass die Investoren 581 Millionen Dollar erst in drei bis fünf Jahren zurückbekommen würden.

Allein Xinhehui hatte rund 17.000 Einzelinvestoren; bei Yidai sollen es sogar 32.000 gewesen sein. Peking hat die örtlichen Regierungen angewiesen, Hochrisikofirmen auch als solche zu klassifizieren. Nur wer sich an die Regularien gehalten hat, soll seine Lizenz behalten dürfen.

Der Überlebenskampf wird blutig, glaubt Analyst Tang Shenbo von Nomura Securities. Er sieht den P2P-Markt vor einem massiven Konsolidierungsprozess. Die Maßnahmen zeigen Wirkung: Laut Zahlen des Datendienstes Yingcan fiel vergangenes Jahr die Zahl der Anbieter um die Hälfte auf knapp über 1000.

Dieses Jahr geht Yingcan davon aus, dass nur noch 300 P2P-Plattformen übrig bleiben werden. Nach Schätzungen des Brokers Citic Securities werden derzeit nur rund 100 bis 200 Plattformen den Anforderungen der Behörden gerecht; gerade einmal 50 seien nachhaltig. Bereits in den ersten zwei Monaten dieses Jahres schlossen 29 P2P-Plattformen ihre Website oder beendeten sogar das gesamte Geschäft.

Laxe Aufsicht, fehlende Regulierung

Die Probleme mit den P2P-Plattformen zeigen ein grundlegendes Defizit beim Umgang mit neuen Technologien in der Volksrepublik: laxe Aufsicht und fehlende Regulierung. Viele Anbieter verlangen von den Kreditnehmern keine Sicherheiten, sondern nur die Personalausweisnummer, eine Telefonnummer oder – in einigen Fällen – auch lediglich den Nutzernamen für den Internetdienst WeChat.

Den Kreditgebern versprechen die Plattformen Renditen von über zehn Prozent. Die Firmen selbst mussten keine Kapitalpolster nachweisen. Erst seit 2018 brauchen die Plattformen eine depotführende Bank. Zudem fehlt in China bislang eine Organisation wie die Schufa, die die Bonität von Kreditnehmern prüft.

Seit einigen Jahren versucht die chinesische Regierung daher, diese Lücke durch das sogenannte Sozialkreditsystem zu schließen. Dabei handelt es sich um diverse Projekte zur Bewertung der finanziellen und gesellschaftlichen Bonität von Bürgern und Behörden. Während gerade westliche Medien das Sozialkreditsystem als ersten Schritt zu einem dystopischen Überwachungsstaat kritisieren, werden die Maßnahmen zur Kreditwürdigkeitsprüfung in China überwiegend begrüßt.

Zu den jüngsten Maßnahmen gehört auch die Gründung einer Einrichtung namens Baihang, die unter anderem für den Austausch von Bonitätsdaten zwischen den diversen Fintech-Unternehmen sorgen soll. Der tragische P2P-Kunde He Zhi wurde zwar insgesamt 33 Mal von Kreditplattformen abgewiesen. Das hinderte ihn aber nicht daran, Schulden aufzuhäufen.

Denn wenn er bei einem Anbieter durchfiel, konnte er sich bei einem anderen anmelden, der nichts oder nur wenig von seiner Vorgeschichte wusste. Meistens handelte es sich bei den Krediten um kleine Summen von 150 bis 300 Euro. Viele private P2P-Nutzer sind 20- bis 39-jährige Bürger, die sich trotz eines kleinen Einkommens von 300 bis 1200 Dollar im Monat Luxusprodukte leisten wollen oder die erste Investitionen für ihre Zukunft tätigen möchten.

So war es auch bei He und Dai. Im September 2016 schrieb die Ehefrau auf ihrem öffentlichen WeChat-Profil: „2013 lernte ich meinen Ehemann kennen. 2014 kam unser Prinz zur Welt. 2015 kam unsere Prinzessin dazu. 2016 haben wir uns zum ersten Mal ein Auto gekauft.“ Die Hälfte der 9000 Euro, die He und Dai für ihren Wagen bezahlen mussten, stammten schon damals aus Onlinekrediten.

Doch auch wenn die Summen gering sind, haben es Zinsen und Zinseszinsen häufig in sich: Sie liegen oft bei 20 bis 30 Prozent, wenn eine Rate nicht rechtzeitig zurückgezahlt wird. Im Falle der jungen Familie kam die fatale Wende wohl im Juni 2017, als die Tochter an Epilepsie erkrankte. Aus den Krankenunterlagen geht hervor, dass die Eltern seitdem mindestens 15.000 Dollar für ihre Behandlung ausgegeben hatten.

Ein Vermögen. Denn He, der sich als Fahrer beim Mitfahrdienst Didi verdingte, brachte als Alleinverdiener jeden Monat ungefähr 500 Euro nach Hause. Im vergangenen Sommer versammelten sich Tausende Kleinanleger aus ganz China im Pekinger Finanzdistrikt, um die P2P-Plattformen zur Rechenschaft zu ziehen. Um größere Demonstrationen zu verhindern, hielten Polizisten die angereisten Geschädigten bereits an den Bahnhöfen auf und verhafteten sie in ihren Herbergen.

Schon im Juni hatte der Ex-Chef der chinesischen Banken- und Versicherungsaufsicht, Guo Shuqing, vor den P2P-Plattformen gewarnt. Wer Renditen von acht Prozent und mehr verspreche, sei höchstwahrscheinlich „sehr gefährlich“. Wer Gewinne von mehr als zehn Prozent zugesagt bekommen habe, so Guo, solle sich darauf einstellen, all sein Erspartes zu verlieren.

Die Demonstranten im Sommer wollten nicht nur die Unternehmen stürmen, sondern verlangten auch vom Staat, dass er ihnen hilft und das verlorene Geld zurückzahlt. Bisher hat sich Peking aber geweigert. Zu einer gesunden Kreditwirtschaft gehöre es schließlich auch, Eigenverantwortung zu übernehmen.

He Zhi wollte dieser Verantwortung offenbar entfliehen. Nach dem Selbstmord seiner Frau stellte sich heraus, dass er seinen Unfalltod nur vorgetäuscht hatte, um Geld von seiner Lebensversicherung zu erschwindeln und den Kreditgebern zu entkommen. Am Ende täuschte er damit aber nicht nur die Unternehmen, sondern tragischerweise auch seine eigene Familie – mit furchtbaren Konsequenzen.

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